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durch absichtliches Aufsuchen von erheiternden Einflüssen zu bekämpfen. Unsere Gegner aber berichten nur von den Anfechtungen .bezüglich des begonnenen Werkes und der Wahrheit seiner Predigt', also nur von den beiden ersten der eben erwähnten Anfechtungen. Und doch fügen sie dann ihrem Bericht auch jenen Rat bei, den Luther nur im Bezug auf jene völlig andersartige Anfechtung gegeben hat. So entsteht dann die wahnwitzige Vorstellung, als hätte Luther z. B. seine Fragen nach .der Wahrheit seiner Predigt' durch Spiel und Scherze' niederzuschlagen gesucht. Auf solche Weise ist es freilich nicht schwer, den Reformator zu einem .Halbverrückten', zu einem.Besessenen' zu machen. .Unaufhörlich', schreibt Janssen,''^) eine eigentümliche Auffassung von Luthers Beschäftigung verratend, .unaufhörlich war er mit sich selbst und seinem Gewissen in jenem Kampfe begriffen, aus welchem er, seinem eigenen Geständnisse nach, durch reichliches Trinken, durch Spiel und Scherze ... zu entkommen suchte'. Fragt man aber nach den nötigen Citaten, so findet Janssen natürlich in all den vielen Stellen, mit denen er Luthers.Gewissensbisse' geschildert hat, nichts derartiges. Denn für diese Anfechtungen hat Luther durchaus andere Ratschlage erteilt. Janssen schreibt daher: .Vrgl. die Citate bei Döllinger 3, 257'. Hätte doch er selbst dieses Citat nicht bei Döllinger, sondern in der Quelle verglichen! Dann wäre ihm die Erkenntnis ermöglicht worden, daß er Luthern das schwerste Unrecht zufügte. Denn der fragliche Brief will jden Hieronymus Weller über die Schwermut trösten, die über sein Gemüt gekommen war. Ausdrücklich hebt Luther hervor, daß „bei dieser Art von Versuchung" besondere Mittel anzuwenden seien. Und mit den .Gewissensbissen' Luthers hat das hier einzig behandelte „seuus" von Anfechtung nichts zu schaffen. Sonnenklar lehrt das dieser Brief. Denn jene .Gewissensbisse' konnte Luther ja erst kennen, nachdem er mit seiner .neuen Lehre' .gegen die Kirche aufgetreten' war. Um aber den Weller über seine Anfechtung zu trösten, erzählt ihm Luther, daß er selbst einmal dasselbe erlebt habe. Wann aber war dies? „Als ich zuerst ins Kloster getreten war", also lange bevor jene .Gewissensbisse' ihm kommen konnten!

Daß ein Evers,''°) Gottlieb udgl. ebenso verfährt wie Janssen, bedarf wohl kaum einer Erwähnung. Anerkennend wollen wir hervorheben, daß Wohlgemuth doch wenigstens auch andere Ratschläge Luthers zur Bekämpfung der Anfechtungen andeutet, indem er schreibt"'): .Um sein Gewissen zu geschweigen,' nahm Luther nicht blos zum Glauben seine Zuflucht, sondern empfahl hierfür, als ein von ihm selbst erprobtes Mittel, reichlicher zu essen, zu trinken, zu spielen . . .'

Doch wir werden später auf diese Heilmittel zurückkommen. Denn im Gegensatz zu der von den Römischen angerichteten Verwirung müssen wir scharf zwischen den verschiedenen Arten von Anfechtungen Luthers scheiden. Zunächst also verweilen wir nur bei den .Zweifeln', welche ihn in Bezug auf seinen Beruf, seine öffentliche Wirksamkeit, .gefoltert' haben sollen.

Schlagen wir denn diese Aussprüche Luthers, in denen er selbst bekennen soll, daß er an der Berechtigung seines Auftretens irre geworden sei, in seinen eigenen Werken nach! Was ergiebt sich? Kaum sollte man es für möglich halten, doch es ist unleugbar: Die meisten dieser Worte hat Luther nur zu dem Zweck gesprochen oder geschrieben, um zu zeigen, daß er unerschütterlich von der Berechtigung seines Wirkens, von der durch Gott ihm auferlegten Berufsverpflichtung überzeugt sei. Die Kunst, mit welcher seine Feinde aus diesen seinen Worten das Gegenteil herauslesen machen, ist keine andere, als wenn man den Apostel Paulus das Selbstbekenntnis ablegen ließe, er sei an seinem Wirken verzweifelt, er sei in seiner .Gewissensangst verzagt', da er sich von Gott „verlassen" gewußt habe. Sagt er doch, daß er in seinem Amte „Trübsal" dulden müsse, daß ihm „bange" sei, daß er „unterdrückt" und „zu Boden geworfen" werde. Freilich fügt er dann hinzu: „Aber wir ängsten uns nicht, wir verzagen nicht, wir kommen nicht um". Doch diese Worte braucht man nur einfach fortzulassen, um einen an seinem Berufe verzweifelten Paulus konstruiert zu haben. Auch Luther schildert uns, wie schwer ihm manche Folgen seines Wirkens aufs Herz gefallen seien, um daraus, daß er sich auch dadurch nicht habe in seinem Wirken aufhalten lassen, die überzeugende Folgerung zu ziehen, daß er an der Berechtigung, ja an der Verpflichtung zu seinem Auftreten niemals gezweifelt habe. Teilt man nun allein den Anfang dieser Aussagen mit, so hat man den Luther fertig, welchem sein .Gewissen' die Sündhaftigkeit seines ganzen .Unternehmens' vorwarf.

Doch die einzelnen Stellen! Janssen beginnt'^): Schon während seines Aufenthalts auf der Wartburg begannen seine Beängstigungen, Zweifel und Gewissensbisse bezüglich des begonnenen Werkes'. Als Beweis citiert er die Vorrede zu der für die Oeffentlichkeit bestimmten Schrift „von Mißbrauch der Messe", oder wie er es nennt: .Er schrieb an die Augustiner zu Wittenberg', es war .ein vertraulicher Brief'. Und freilich ist dieses Buch auf der Wartburg geschrieben. Aber woher weiß Janssen, daß damals die von Luther geschilderten Bedenken begonnen haben? Woher weiß er auch nur, daß er dieselben noch zu jener Zeit gehegt habe? Jn jener Schrift steht kein Wort davon, vielmehr das Gegenteil. Man traut seinen Augen nicht, wenn man sieht, daß Janssen hinzufügen muß: .Gewissensbeängstigungen dieser Art aber, -meinte er, seien vorüber'. Nun, waren sie nach Luthers Meinung — und er ist der Einzige, durch den wir etwas davon wissen — vorüber, so ist es eine Umkehrung des Thatbestandes, wenn Janssen dieselben .schon während des Aufenthalts auf der Wartburg beginnen' laßt. Doch was soll hier diese falsche Zeitangabe? Ein Kampfgenosse Ianssens verrat den Grund: .Auf der Einsamkeit der Wartburg wurde in dem abgefallenen Mönch hin und wieder auch die Stimme des Gewissens rege, und mitunter fühlte er sich wegen seines eigenmächtigen Lebens und Treibens innerlich sehr geängstigt'.^») Wie in blinder Tollkühnheit soll Luther, ohne sein Gewissen zu fragen, .den Kampf gegen die Kirche' unternommen haben. Und so lange er noch mitten im Lärm des Streites stand, .gestützt auf die mächtige Bundesgenossenschaft, die er gewonnen', .die Humanisten und die revolutionäre Adelspartei', solange diese seinen .Hochmut' durch ihre widerlichen Lobeserhebungen beförderten und seine Furcht durch die immer neuen Zusicherungen ihres Schutzes zerstreuten, raste Luther in .seiner ungezügelten Leidenschaft' dahin, .getrieben, er wußte selbst nicht, von welchem Geiste'. Aber kaum brachte ihm die Stille und Einsamkeit der Wartburg Zeit zur Selbstbesinnung, da brachen auch schon die Anklagen seines so lange unterdrückten Gewissens hervor. Dies ist Janssens Gedankengang ^«) und das Gegenteil der Wahrheit. Denn anfangs war Luther nicht zum Kampf, sondern zum „Leben in seinem Winkel" geneigt gewesen und wurde noch von vielen Bedenken geplagt, nachdem er schon in den Kampf eingetreten war. Je mehr er aber in der Erkenntnis des göttlichen Wortes und des ihm auferlegten Berufs zunahm, desto mehr schwanden jene Bedenken bei ihm.

Aber freilich, wie sollte ein Janssen diesen wunderbaren .Brief' Luthers an die Wittenberger Augustinermönche verstehen können! Diese hatten Neuerungen in Luthers Sinne vorgenommen. Er erfuhr es auf der Wartburg. Er erkannte daraus, wie der von ihm ausgestreute Same erfreulich aufging, trotzdem er selbst gleichsam von dem Schauplatz abgetreten war. Wer sollte nicht erwarten, daß er darüber nichts als hohe Freude empfunden hätte? Wenn er ihnen darüber schrieb, konnte er etwas anderes wollen, als sie loben und zum Fortschreiten auf der betretenen Bahn anspornen? Aber wunderbar, dieser Luther hat eine beinahe entgegengesetzte Tendenz bei seinem Schreiben an sie. Jn ihm hat dieses an sich so erwünschte Vorgehen der Augustiner eine Sorge wachgerufen. Er fürchtet für ihr Gewissen. Denn ihr Gewissen ist ihm wichtiger als ein äußerliches Umsichgreifen des Kampfes gegen Rom. Wie sollte ein Janssen das fassen können.

Die „große Sorge" spricht er den Mönchen aus, sie könnten die Neuerungen auf sein bloßes Wort hin oder aus bloßer Opposition vorgenommen, sie könnten „solche großen merklichen Dinge nicht alle" mit „Beständigkeit und gutem Gewissen" angefangen haben, nicht in der gewissen persönlichen Ueberzeugung, daß es von Gott so und nicht anders gewollt sei. Nur der aber könne den Anfechtungen des Teufels, ob er auch recht gehandelt habe, wie in einer „gewissen, untrüglichen Festung", Widerstand leisten, welcher „mit dem heiligen, starken und wahrhaftigen Wort Gottes allenthalben wohl verwahrt und beschirmt", „der Sache gewiß" sei. Um ihnen dieses eindringlich klar zu machen, erzählt er ihnen: „O wie mit vieler großer Mühe und Arbeit, auch durch begründete heilige Schrift habe ich mein eigen Gewissen kaum können rechtfertigen, daß ich einer allein wider den Papst habe dürfen auftreten. . . . Wie oft hat mein Herz gezappelt, mich gestraft und mir fürgeworfen ihr einig startest Argument: Du bist allein klug? Sollten die andern alle irren und so eine lange Zeit geirrt haben? Wie, wenn du irrest, und so viel Leute in Jrrtum verführest?" ^)

Was also lehrt uns dieses .Selbstbekenntnis'? —Dasjenige, was man zu seiner Zeit ihm vorwarf, die Gründe, mit denen man sein Auftreten und Vorgehen als ein unberechtigtes zu erweisen suchte, hat Luther nicht trotzig, hochmütig, kaltblütig ignoriert; er hat dergleichen Vorhaltungen auch nicht damit von sich gewiesen, daß er sich einredete, es seien das nur Anfechtungen des Teufels. Vielmehr hat er dieselben sich tief zu Herzen gehen lasten und sich oft vorgehalten, obwohl sie von seinen Feinden kamen. Er hat sich nicht eher darüber beruhigt, als bis er darüber sich völlig klar geworden war. Denn so fährt er fort: „Bis so lang, daß mich Christus mit seinem einigen gewissen Wort befestigt und bestätigt hat, daß mein Herz nicht mehr zappelt, sondern sich wider diese Argumente der Papisten, als ein steinern Ufer wider die Wellen, auflehnet, und ihr Dräuen und Stürmen verlachet". Ja, nachdem er endlich zu der Klarheit hindurch gedrungen war, daß diese „Argumente" nur Anfechtungen des Teufels waren, hat er sie verachtet, weil er nun wußte, wie er sie anzusehen habe. Denn freilich besaß er ein viel zu zartes Gewissen, als daß jene Fragen nicht wiedergekehrt wären. Janssen begeht, da ein rechter Anhänger des Papsttumes diese Art von Anfechtungen nicht kennt, eine fatale Verwechselung. Er schreibt: .Gewissensbeängstigungen dieser Art, glaubte er, seien vorüber. . . Aber er täuschte sich. Fast unaufhörlich kehrten die Beängstigungen wieder'.'^) Aber wo sagt Luther, daß bei ihm derartige Fragen für immer vorüber seien? Sie sind ihm jedesmal wiedergekehrt, wenn er aus der Bibel zu erkennen glaubte, daß ein Punkt in der Lehre seiner Feinde, den er bisher noch für richtig gehalten hatte, eine Jrrlehre sei^ Aber nachdem er einmal eingesehen, daß das Wunderliche möglich sei, daß wirklich so Viele so lange geirrt hatten, „zappelte" sein Herz nicht mehr, sondern er konnte die alte Anfechtung in dieser

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