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Luther erteilte Dispensation zu beklagen sein? Aber wozu fügt Janssen dann den Bericht von dem geschenkten Wein hinzu? Soll der Landgraf gesündigt haben, indem er Luther etwas schenkte? Oder soll es zu beklagen sein, daß dieser das Geschenk annahm, oder daß er — was Janssen hervorhebt — fich dafür bedankt hat? Mit andern Worten, diese ganze Mitteilung hat nur dann einen Sinn, wenn man daraus versteht, Luther habe in der Hoffnung auf Geschenke dem Landgrafen den gewünschten Dispens *) erteilt. Das freilich wäre sehr zu beklagen', das ist aber auch ein so wahnwißiger Gedanke, daß Janssen ihn nie offen aussprechen wird. Freilich hat Luther bisweilen Geschenke angenommen. Wer aber hätte das nicht gethan? Es genügt, darauf hinzuweisen, daß Luther auch bisweilen Geschenke abgelehnt hat; Janssen selbst berichtet von einem solchen Fall.116)

Es ist eigentümlich, wie wenig Anlage offenbar die katholischen Schriftsteller besißen, die besonderen Eigentümlichkeiten einer Persönlichkeit zu erfassen. Wenn ein Heiliger gezeichnet werden soll, so wird am liebsten ein ganzer Katalog von Tugenden aufgerechnet, so daß man schließlich nicht mehr einen wirklichen Menschen, sondern nur eine bunte Musterkarte von herrlichen Eigenschaften vor sich hat. Und wenn ein Feind der katholischen Kirche gemalt werden soll, so werden alle nur erdenklichen Schändlichkeiten ihm nachgesagt, sodaß man schließlich nur noch ein Konglomerat von Nichtswürdigkeiten vor sich hat, wie es in Wirklichlichkeit zu schaffen kein Teufel vermöchte. Denn um die Frage, ob auch alle diese Sünden in einer Person vereinigt sein können, nicht aber eine die andere ausschließt, hat man sich nicht gegrämt. So könnten wir es etwa begreifen, wenn man gegen Luther die Anklage erhöbe, er habe die irdischen Güter nicht als Gottes Gaben schäßen wollen, er sei unverantwortlich leichtsinnig mit Geld und Gut umgegangen, habe die heilige Pflicht versäumt, sich und seiner Familie die Subsistenzmittel zu verschaffen, habe, was er besessen, an Unwürdige verschleudert. Das würde doch bei Luther denkbar und daher der Widerlegung wert sein. Aber ein habgieriger Luther ist ein zu fühnes Gebilde der Phantasie.

*) Ueber diesen Dispens selbst wird ein späteres Heft näheres bringen. Von unzähligen Gegenbeweisen erwähnen wir nur einen. Wäre es auch nur im allergeringsten zu beanstanden gewesen, wenn er für seine schriftstellerische Thätigkeit von den Buchhändlern, welche dadurch reich wurden, ein sehr bedeutendes Honorar sich hätte zahlen lassen? Wie manches Fuder Weins wäre dafür zu haben gewesen! Er aber meinte, was er von dem Herrn umsonst empfangen habe, auch umsonst geben zu sollen. Niemals hat er etwas für diese Arbeiten genommen.

Doch auf etwas anderes müssen wir noch hinweisen. Denn die Römischen scheinen vergessen zu haben, auf welchem Wege Luther reiche irdische Vorteile hätte gewinnen können. Papst Leo X. hat an den sächsischen Kurfürsten geschrieben: Du selbst kannst bezeugen, ... wie wir diesen Menschen in seiner Raserei aufzuhalten gesucht haben, bald mit väterlichen Ermahnungen, bald mit Strafandrohungen und Schelten, zuweilen auch mit huldvollen Versprechungen'.117) Und dieser Kurfürst hat auf dem Reichstage zu Worms verschiedenen Fürsten mitgeteilt, der Papst habe Luther anbieten lassen, ihm einen erzbischöflichen Stuhl oder auch den Purpur (eines Kardinals) zu verleihen, wenn er von seinem Beginnen ablassen wolle; das wisse er ganz sicher. Der päpstliche Legat Aleander freilich bestreitet die Richtigkeit dieser Angabe, doch allein damit, daß er nichts davon wisse. Aber bekanntlich hat er öfter sich darüber zu beklagen gehabt, daß die römische Diplomatie ihm nicht alles anvertraute, was er wissen zu müssen meinte. Jedenfalls wäre es sehr auffallend, wenn dem Luther keine derartigen Versprechungen gemacht worden wären, da Aleander selbst erklärte, nur auf solche Weise der ruchlosen Hunde' von Protestanten Herr werden zu können, da er auch dem Kapito und Bußer durch solche Mittel den Mund schließen zu können vermeinte, da er den Grundsaß aufstellte, man müsse den Feindlichen und Verdächtigen Meere und Berge, rote Hüte und rote Mäppchen versprechen; mit Gründen des Glaubens, der Religion, des Seelenheils zu argumentieren, mit Segen oder Fluch zu operieren, nüße nichts, denn alle Welt lache darüber.' *)

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*) Lehrreich ist es, zu sehen, was in denselben Actenstücken, aus welchen wir - diese und die in unserm ersten Hefte S. 89 gegebene Notiz

Wir freuen uns, in der römischen Schrift Kirche und Protestantismus doch den – freilich sehr verkehrt ausgedrückten — Saß zu finden: Auch rechnen wir unter jene Tugenden, die Luther noch aus früherer Zeit geblieben waren, seine Uneigennüßigkeit, die ihn nach Geld und irdischer Habe nicht viel fragen und vertrauensvoll in den Tag hinein leben ließ'. 118)

Sollen wir Evers auch noch bei seiner neuen Verdächtigung folgen, Luther habe sein Werk unternommen, um ein schönes Mädchen' zu gewinnen? Sie ist doch wohl etwas zu sehr veraltet. Denn sündliche Lust kann Luther nicht gesucht haben, da dieser sich hinzugeben ihm als dem feindlich umlauerten Reformator ja viel schwerer möglich war, als dem treuen römischen Mönche. Auch nach dem Ehestande fann er nicht begehrt haben; denn sonst würde er mit dem Eintritt in denselben nicht noch 5 Jahre, nachdem er schon von dem Papste in den Bann gethan war, gewartet haben. Auch ein íchönes Mädchen kann nicht sein Begehr gewesen sein; denn es wird deren doch wohl etliche zu seiner Zeit gegeben haben, er aber erwählte sich zu seiner Ehefrau ein – auch nach seinem eigenen Geschmack – nicht schönes Mädchen. Wohl manches hat er an ihr gerühmt, von ihrer Schönheit aber nichts geäußert.

Andere Motive also als Gewißheit seines Berufs lassen sich nicht finden bei Luther. Und darum, weil ihn allein die von Gott auferlegte Verpflichtung leitete, konnte er jo selbständig und jo sicheren Schrittes vorgehen. Darum fonnte er alle äußeren Beeinflußungen von sich abwehren, mochten sie kommen, von welcher Seite sie wollten.

Es ist begreiflich, daß die, welche ihm die Ueberzeugung, er handle nach dem Willen Gottes, absprechen, auch nicht glauben können, daß er durch von außen kommende Beeinflussungen

über Aleander erhoben haben, römische Augen zu finden vermögen: Aleander erscheint in Lichte der Balan-Sammlung als eine wahre Riesengestalt. Gelehrsamkeit, Klugheit, Glaubenstreue und hoher Mut sind die Hauptzüge seiner Erscheinung'. So Dr. Bellesheim, Domvikar zu Kölln, in den historisch-politischen Blättern, Bd. 94, S. 795.

unberührt geblieben sei. Seine vermeintliche innere Haltlosiga keit muß dazu geführt haben, daß er in seinem Thun von anderen sich bestimmen ließ. Man sollte dies freilich bei einem Manne, wie sie uns Luther geschildert haben, einfach für unmöglich halten. Denn wie oft werfen sie ihm vor, er sei, für alle Vorstellungen unzugänglich, nur seinem starren Eigensinn gefolgt. Wie können sie dann ihn zugleich als ein schwankendes Rohr schildern, welches jedem Winde nachgab? Doch Luther war nun einmal ein Mon= strum. Sehen wir also näher zu. Wer sind die andern, unter deren Einfluß er gestanden haben soll?

In das Gebiet des Komischen treten wir ein, wenn man uns als die eine Macht, in deren Fesseln' der Reformator gelegen - seine Käthe' nennt. Und doch meint man dieses in vollstem Ernste. Sie hat den stolzen Reformator, der einst Papst und Kaiser getroßt, in die Fesseln einer unwürdigen Gynäkokratie geschlagen und beherrschte ihn dergestalt, daß er sie gewöhnlich „Herr Räthe“ zu nennen pflegte”. 119) Jungfrau Käthe hat das alte Einhorn dermaßen gefangen gehalten, daß er sie [sogar] „mein gnädiger Herr Käthe“ nennt. 120) Auch Janssen kann sich nicht versagen, Luther in diesem Lichte der Erbärmlichkeit und Lächerlichkeit erscheinen zu lassen. 121)

Und freilich müssen die Fesseln, in die feine Hausfrau' *) ihn geschlagen, schon sehr fest gewesen sein, da er selbst niemals, auch nicht hinter ihrem Rücken, auch nicht mit dem leisesten Wort, anzudeuten gewagt hat, daß er unter ihrer Herrschaft stehe, vielmehr nicht selten — offenbar in sklavischer Furcht vor ihr — sie gelobt und erklärt hat, er lebe recht glücklich mit ihr. Ist er doch sogar bis zu der Erklärung gegangen: „Ich habe meine Käthe lieb, ja ich habe sie lieber denn mich selber, das ist gewißlich wahr.“ 122) Auch unsre römischen Lästerer wissen dies: Luther giebt ihr das Zeugnis, daß sie es so fein verstehe . . . sich in seine Gemütsart zu schicken und seine Fehler und Gebrechen mit Sanftmut zu übertragen (sic!). „Sie ist mir Gott sei Dank mehr nüße, als ich zu hoffen gewagt hätte, sodaß ich meine Armut nicht mit den Schäßen des Arösus vertauscht hätte“, schreibt er 1526'.123) Wie kommen denn die Römischen auf jene Weiberherrschaft?' Sollten wirklich solche Anreden wie „mein Herr Räthe“ sie dazu verleitet haben? Dann müßten sie auf dem Gebiete des heiligen Ehestandes, vermutlich weil sie denselben nicht aus eigener Erfahrung kennen, sehr unwissend sein. Denn wohl geht aus jenen Anreden hervor, daß Luther's Ehefrau nicht einen weichen, fügsamen, sondern selbständigen, zum Herrschen geneigten Charakter besaß. Zu gleicher Zeit aber beweisen gerade sie unwidersprechlich, daß Luther nicht von ihr sich beherrschen ließ. Würde er freilich nur im Beisein Dritter in solcher Weise sich zu äußern gewagt haben, so wäre es möglich, daß er damit gleichsam für erlittene Knechtschaft sich hätte rächen wollen. Wer aber in mündlichem und schriftlichem Verkehr mit seiner Ehefrau fich solche Scherze erlaubt, der ist Herr über ihre Herrschaftsgelüste. So war denn Luther selbständiger als manche große Männer, welche in den Stürmen des öffentlichen Lebens den Strömungen zu gebieten vermochten, aber in dem kleinen Kreise des häuslichen Lebens sich unterwerfen mußten.

*) Wegen dieses Ausdruckes, welchen Janssen für Luther's Ehefrau verwendet, werden wir ihn in einem späteren Hefte interpellieren.

Wir zweifeln nicht daran, daß Luthers Ehefrau nicht ohne Einfluß auf ihn gewesen ist. Würde doch sonst dieser Ehestand nicht das gewesen sein, wozu Gott die Ehe bestimmt hat. Aber einen verwerflichen, seine Selbständigkeit beeinträchtigenden Einfluß hat Luther sich nicht von seiner Käthe gefallen lassen. Janssen freilich führt ein Beispiel von dem Gegenteil an. Seinem großen Geschichtswerk glaubt er die Erzählung einfügen zu sollen, Luther habe die bittersten Klagen darüber geführt, daß auch die dem Luthertum anhängenden Juristen die Ehen der Priester nicht als gültig, die Kinder nicht als ehelich und erbberechtigt hätten ansehen' wollen, 124) und fährt dann fort: Angefeuert durch seine Hausfrau Katharina von Bora, die begreiflich ihre Kinder als ehelich und erbfähig anerkannt wissen wollte, ging Luther in seinem Widerwillen gegen die Juristen so weit, daß er sie, mit Ausnahme des einzigen sächsischen Kanzlers Brück „allzumal für gottlos“ ausgab, und verlangte, „man sollte solchen stolzen Tropfen und Kabulen die Zungen aus dem Halse reißen“. Also der gewaltige Kampf Luthers gegen

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