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So hat denn Luther einerseits die durch Aufnahme von Neuerungen in der römischen Kirche .zerrissene Continuität im Christentum' durch Rückkehr zu der alten Lehre wieder angeknüpft und hat andererseits hinsichtlich eines Hauptpunktes der christlichen Lehre, welcher noch nicht durch ein kirchliches Glaubensbekenntnis formuliert war, die in der Heiligen Schrift enthaltenen Wahrheiten zu einem festen Lehrganzen zusammengefügt. Aber auch hiermit wollte er nicht einen Riß in die Kirche bringen. Evers behauptet nicht unrichtig: .Lostrennung von der Kirche wollte Luther ganz gewiß damals nicht. Jm Gegenteil, er wollte seine Jdeen zur Herrschaft in derselben bringen'.") Noch genauer geredet war sein Absehen eigentlich garnicht auf die große Masse der in der katholischen Kirche Befindlichen gerichtet, sondern im wesentlichen hatte er nur eine bestimmte Klasse unter ihnen im Auge, Den durch ihre Sünde „geängsteten Geistern und zerschlagenen Herzen" konnte die bisherige Kirchenlehre nicht klare Weisung geben; diesen wollte er den Weg zum Frieden für ihre Seele zeigen. „Daß ich hier gewinne und sieghaft obliege wider den Papst,... das achte ich nicht groß", sagt er. „Das ftielmehr^ ist mein Fleiß, daß ich die Gewissen gern rüsten und stärken wollte wider Satanas in der Stunde, wenn es Sterbens gilt, und daß ich dieselben lehrte bestehn, wenn sie sollen bestehn vor dem Richterstuhl Christi, des Menschensohnes".«)

Darum aber wußte er sich auch Eins mit denen, welche vor ihm denselben Weg zum Heil, den er predigte, gefunden hatten und gegangen waren. Nur wenn man das, was der Papst mit seinen Anhängern ohne und gegen die Heilige Schrift lehrte, ins Auge faßte, war das Band von der Apostel Tagen bis zu seiner Zeit zerrissen. Neben den Jrrtümern aber war in der Kirche des Mittelalters noch Wahrheit genug übrig geblieben, so daß es nicht unmöglich gewesen war, den seligmachenden Glauben auch in ihr zu erlangen. Denn wahrer Glaube kann neben viel Jrrtümern vorhanden sein. Die absolute Konsequenz des Glaubens, die allen Jrrtum ausschließt, findet sich wohl niemals. Daher behauptet Luther immer wieder das Doppelte, einerseits in Bezug auf die Kirche des Mittelalters im Ganzen, daß sie die Hauptartikel des Glaubens in den christlichen Bekenntnissen und die Mittel des Heils, die Heilige Schrift, die Taufe, das Abendmahl festgehalten, wenngleich ihre wahre Bedeutung mannigfach verdunkelt habe; andererseits in Bezug auf die Einzelnen, daß es zu allen Zeiten wahrhaft Gläubige gegeben habe. „Gott hat mit Macht und Wunder erhalten, daß dennoch unter dem Papsttum geblieben sind die heilige Taufe, auf der Kanzel der Text des heiligen Evangeliums. . . Wo nun solche Stücke noch geblieben sind, da ist gewißlich die Kirche und etliche Heilige blieben. Darum ist hier gewißlich Christus bei den Seinen gewesen mit seinem heiligen Geist und hat in ihnen den heiligen Glauben erhalten." °«)

Natürlich sind solche Urteile Luthers seinen Feinden unbegreiflich. Nach ihrer Anschauung ist ja die Seligkeit des Einzelnen abhängig von seiner Zugehörigkeit zu der äußerlichen Kirchengemeinschaft. Wie sollten sie es fassen können, daß Luther Solche, welche äußerlich der von ihm „Satanskirche" genannten Anstalt angehörten, doch für heilig und selig gehalten hat! So wundern wir uns garnicht, wenn sie solche anerkennenden Worte Luthers für.Widersprüche' gegen seine sonstigen Anschauungen erklären;^) oder wenn sie dieselben als einen .Beweis dafür ansehen, daß er sich trotz aller Bemühungen im Gewissen nicht von der heimlichen Ueberzeugung losmachen konnte: Die Kirche, die du schmähst und zerbrechen willst, ist dennoch die alte wahre Kirche des Evangeliums';^) oder wenn man dieselben daraus erklärt, daß er .solche Worte in lichteren Augenblicken oder, wie er selber nicht selten sich ausdrückte, im nüchternen Zustande nicht zurückgehalten' habe.b') Aber all diese Erklärungsversuche einer bedauernswerten Ratlosigkeit scheitern an der einen Thatsache, daß bei Luther unmittelbar vor und nach derartigen Aussprüchen über das Gute in der mittelalterlichen Kirche die allerschärfsten Verdammungsurteile über dieselbe Kirche sich finden. So hat er vor der eben angeführten Stelle davon geredet, daß „etliche Sündflut von allerlei Menschenlehre, das ist Lügen, Jrrtum, Abgötterei und Greul eingerissen" gewesen sei; und nach derselben redet er wieder davon, wie an „solcher heiligen Stätte ^in der Kirchs der Greul des Teufels stehe, über alle Maßen genau darin gemengt, daß ohne den heiligen Geist nicht möglich ist, sie von der heiligen Stätte zu unterscheiden".") Bisweilen faßt er sogar Beides in einen einzigen Satz zusammen: „Demnach '.verwerfe und verdamme ich auch als eitel Teufelsrotten und Jrrtum alle Orden, Regeln, Klöster, Stifte und was von Menschen über und außer der Schrift ist erfunden und eingesetzt, mit Gelübden und Pflichten verfaßt; obgleich viel großer Heiligen darin gelebt und als die Auserwählten Gottes zu dieser Zeit dadurch verführt und doch endlich durch den Glauben an Jesum Christum erlöst und entronnen sind".") Nicht also verteilen sich bei ihm Lob und Tadel über die mittelalterliche Kirche auf die lichteren und die dunkleren, die nüchternen und die trunkenen Augenblicke' seines Lebens — denn Nüchternheit nach einem Rausche tritt nicht so momentan ein —; sondern mit einem Blicke hat er beständig Beides erfaßt, wenn er auch öfter Ursache hatte, auf das Schlechte hinzuweisen, das in die Kirche eingedrungen war, als auf das Gute, das in ihr erhalten war. Und wenn man die Ausflucht, er habe nur, .in nüchternem Zustande' günstiger über die Mrche geurteilt, damit begründen will, daß man sagt: .Denn solche Zugeständnisse waren den Jnteressen seiner Neuerung gänzlich zuwider', so beweist man damit nur, daß man von den .Jnteressen' Luthers und von seinen .Neuerungen' nicht das Geringste begriffen hat. Denn eben in dem Jnteresse Luthers lag es, an dem in der Kirche gebliebenen Guten nachzuweisen, daß er keine Neuerungen vornehmen, sondern nur dem mehr oder weniger unterdrückten und nach klarer Aussprache seufzenden Guten zum Siege verhelfen wollte; darzulegen, daß dasselbe Herzblut des Glaubens zu allen Zeiten in allen wahren Christen pulsiert habe. Wie aber sollen wir nur fassen, daß Janssen angesichts aller angedeuteten klaren Aussprüche Luthers zu schreiben vermag, dieser habe .die Vorstellung ausgebildet, daß vor der Eröffnung des neuen Evangeliums gleichsam ein diabolisches Millennium in der Kirche geherrscht, der Satan habe das Amt übernommen, welches nach den evangelischen Verheißungen dem heiligen Geist hätte zufallen sollen'?")

Wir haben die Antworten unserer Gegner auf die Frage, wozu sich Luther für berufen hielt, als irrig erkannt. Sie haben die von ihm nicht beabsichtigten Folgen seines Auftretens, daß er eine weltumfassende Mission gehabt hat, daß die Kirche gespalten wurde, daß seine Lehre als eine Neuerung bezeichnet und verworfen ist, als das Ziel, dem er zustrebte, das zu erreichen er sich für berufen hielt, angesehen.

Jn Wahrheit aber hielt er nichts anderes für seinen Beruf, als die Heilige Schrift zu erklären und die in ihr enthaltene Wahrheit gegen Widerspruch zu verteidigen. Mochten die Folgen sein, welche da wollten; er fuhr in dieser seiner Thätigkeit als in dem von Gott ihm auferlegten Berufe fort. War nun diese seine Ueberzeugung berechtigt? Wir fragen nach der Legitimation zu seinem Beruf.

Wie hat Luther die Berechtigung zu seinem
Verufe nachgewiesen?

Jn ein wahres Labyrinth aber scheinen wir mit dieser Frage hineinzugeraten, wenn wir den Antworten der römischen Schriftsteller Glauben schenken dürfen. Mit auffallender Uebereinstimmung behaupten sie, Luther habe seine Angabe über die eigene Mission in vierundzwanzig Jahren nicht weniger als vierzehnmal geändert'.") Man bedenke, was dieser Vorwurf sagen will! Sowenig konnte er einen sichern Grund für sein Wirken finden, daß er unaufhörlich nach neuen Rechtfertigungsgründen suchen mußte. Meinte er eben sein.Gewissen' beruhigt zu haben, so mußte er zu seinem Schrecken einsehen, daß er auf Sand gebaut hatte. Und doch war er verstockt genug, auch dann noch nicht von der Sündhaftigkeit seines Vorgehens sich überzeugen zu lassen. Vielmehr griff er nach einem neuen Strohhalm von Beweis für seine Legitimation, bis er in Bälde erkannte, daß auch dieser ihn nicht vor dem Abgrunde der Verzweiflung retten könne.

Döllinger ist es, welcher jene Entdeckung gemacht und zum Schutze Roms der Welt kundgethan hat. Sehen wir denn bei ihm zu, wie er dieses erschütternde .vierzehnmal geändert' herausrechnet!

Zu unserer großen Beruhigung finden wir, daß Döllinger nicht vierzehn verschiedene Meinungen Luthers über den fraglichen Punkt gefunden hat, wie wir nach obiger Angabe erwartet hatten, sondern im Ganzen nur deren zwei. Da er aber bei Luther vierzehn verschiedene Stellen gefunden hat, in. denen bald die eine, bald die andere dieser beiden Meinungen' geäußert ist, so nennt er das vierzehnmalige Meinungsänderung. Und sehen wir uns diese beiden Reihen von Aeußerungen näher an, so sind es keineswegs zwei verschiedene Meinungen. Hätte Döllinger nur ein wenig genauer zusehen wollen, so hätte er sagen müssen, Luther habe oftmals in ein und derselben Schrift, bisweilen sogar in ein und demselben Satze .seine Meinung geändert'. Daraus hätte er doch schon sehen können, daß in Luthers Augen diese beiden Reihen von Aussagen sich keineswegs wiedersvrechen, daß derselbe vielmehr an den, welcher Gottes Wort öffentlich verkündigen will, zwei Forderungen stellt, welche beide erfüllt sein müssen. Bald faßt er dieselben in eins zusammen, wie in den oben angeführten Worten zur Erklärung der Stelle Johannis7, 16.b») Bald betont er nur einen dieser Punkte. Denn zwei Klassen von Gegnern standen ihm gegenüber Die einen waren die papistischen Geistlichen. „Sie sitzen im Amte gleich wie ich", sagt er; „so ist es dennoch nicht genug daran, sie sollen auch Gottes Wort dazu für sich gewiß haben." Gegen sie also kehrt er jene zweite Forderung: Nur wer dessen gewiß ist, daß er die Wahrheit habe, darf davon zeugen. Die anderen waren die sektirerischen Prediger, „die von dem heiligen Geist viel rühmen". Aber das allein ist auch nicht genügend. Gegen diese kehrt er die erste Forderung: Nur wer ordnungsmäßig dazu berufen ist, darf öffentlich predigen. Jene vierzehnmalige Aenderung existirt also nur in der römischen Lutherlegende, nicht aber in Wirklichkeit.

Freilich scheint es, als habe er seiner festen Regel zwei Ausnahmen hinzugefügt. Er sagt nämlich einmal:^) „Wenn ein Christ ist an einem Ort, da keine Christen sind, da bedarf er keines anderen Berufs, denn daß er ein Christ ist, inwendig von Gott berufen und gesalbt; da ist er schuldig, den irrenden Heiden oder Unchristen zu predigen und zu lehren das Evangelium aus Pflicht brüderlicher Liebe, ob ihn schon kein Mensch dazu beruft." Und sagt sodann: „Ja, ein Christ hat soviel Macht, daß er auch mitten unter den Christen, unberufen durch

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