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die Schuldfrage kaum das Wörtlein „ja" hervorbringen kann? Wer sollte es nach dieser römischen Darstellung auch nur für möglich halten, daß Luther eine kleine Rede gehalten hat, in welcher er hinsichtlich der ersten jener beiden Fragen erklärte, daß er nicht allein die Bücher, deren Titel eben vorgelesen seien, für die seinigen erkenne, sondern sogar noch andere mehr, und das er keines derselben jemals ableugnen wolle. Zur Beantwortung der zweiten Frage aber, ob er seine Bücher widerrufen wolle, bat er sich Zeit zur Ueberlegung aus.

Hierin sehen seine Feinde .sein Schwanken'. Aber schon das eine sollte sie vor solcher Mißdeutung bewahren, daß Luther noch in derselben Stunde, in welcher er aus der Reichsversammlung zurückkehrte, an Joh. Cusvianus geschrieben hat; „Jch habe geantwortet, die Bücher seien die meinigen; was ich jedoch über den Widerruf denke, würde ich morgen sagen, da mir keine Zeit gegeben sei, das zu überlegen. Aber mit Christi Gnade werde ich nicht ein Titelchen widerrufen".'^) So kann nicht Schwanken ihn zur Bitte um eine „Bedenkzeit" bestimmt haben. Wer freilich die Darstellung dieser Vorgänge bei Janssen liest, kann garnicht anders als diese- Bitte Luthers falsch verstehen. Denn die Gründe, welcher dieser für seine Bitte angegeben hat, verschweigt Janssen gänzlich. Und von dem, was Luther an dem folgenden Tage in der Reichsversammlung vorgetragen hat, weiß Janssen nichts weiter als: ,Er versagte mit tapferer unerschrockener Stimme und Rede jeden Widerruf. Gewiß, wenn Luther nicht mehr sagen wollte, — dieses hätte er auch am ersten Tage sagen können, so unvorbereitet auch ihn die Frage damals traf. Wenn er nicht mehr gesagt hätte, so wäre die Bitte um Bedenkzeit ein Zeichen davon, daß er sich noch erst habe „bedenken" wollen, ob er widerrufen solle oder nicht; während er nur sich „bedenken" will, wie er seine Verweigerung des Widerrufs auszudrücken habe, um nicht mißverstanden zu werden. Fragen wir aber Janssen, was denn aus dem am ersten Tage furchtsamen und schwankenden Luther den am zweiten Tage unerschrockenen und standhaften Mann gemacht habe, so flicht er einfach ein paar Sätze aus einem Briefe Huttens an Luther ein, in welchen der Ritter den Reformator.zur Standhaftigkeit' ermahnt haben soll, dazu einen Satz aus dem Briefe Huttens an Justus Jonas, in welchem die Wendung „Tumult zu stande bringen" vorkommt. Janssens Schluß lautet dann: .Bei seinem zweiten Verhöre bewies Luther die von seinen Freunden gewünschte Standhaftigkeit'. Janssens Darstellung von.Luther auf dem Reichstage zu Worms' ist eine Karrikatur, wie sie nur ein Meister liefern kann, welcher das schönste Angesicht durch Fortwischen weniger Striche in eine abschreckende, Verachtung einfloßende Fratze umzuschaffen vermag.

Damit hat Luther am ersten Tage seine Bitte um Bedenkzeit begründet, daß er, wenn er auf eine so allgemein gehaltene Frage, ob er alle seine Bücher widerrufen wolle, aus dem Stegreif antworten müsse, in Gefahr stehe, dem Urteil des Herrn zu verfallen: „Wer sich mein schämt auf Erden, des werde ich mich schämen vor meinem himmlischen Vater und vor seinen Engeln".^) Das allein also war seine Sorge, er könne gegen seinen Willen demjenigen, was er als das Wort Christi erkannt hatte, etwas vergeben. Sein Gewissen, welches keine Linie weit von der Wahrheit abweichen wollte, hat ihm jene Bitte eingegeben. Was er damit gemeint, zeigt die Erklärung, die er am zweiten Tage abgab. Er war sich bewußt, daß nicht alles, was er geschrieben, tadellos sei. Er bekennt daher, er sei in seinen Streitschriften heftiger gewesen, als „dem christlichen Gemeinwesen und Stande geziemt". Er erklärt sodann, er wisse, daß er dem Jrrtum ausgesetzt sei. So konnte er denn nicht ohne nähere Erklärung alle seine Bücher aufrechterhalten. Und doch auch wagte er nicht, dieses ohne genauere Bestinimungen auszusprechen. Denn es hätte so verstanden werden können, als wolle er doch etwas von seiner Lehre widerrufen. Darum mußte er um Bedenkzeit bitten, um nicht zuviel und nicht zuwenig zu sagen; um am zweiten Tage die Erklärung abzugeben, er könne die Form seiner Schriften nicht verteidigen, auch die Möglichkeit liege vor, daß an dem Jnhalt etwas irrig sei, widerrufen aber könne er auch davon nichts, solange er es für Wahrheit halte, solange ihm nicht ein Jrrtum nachzuweisen sei.

Das war doch klar genug geredet. Aber wunderbar! Man machte noch einen Versuch, ihn zum Nachgeben zu bewegen.

Nalther Luther« Beruf. zy

Man stellte die Forderung so niedrig als nur möglich. Man verlangte von ihm, er solle nur diejenigen der von ihm aufgestellten Behauptungen, welche schon in früheren Zeiten durch allgemeine Concilien verurteilt seien, widerrufen. Man sicherte ihm zu, man werde dann schon einen Weg finden, um seine übrigen Bücher zu erhalten. Man möchte staunen, daß ein Aleander solch einen Vorschlag zuließ. Doch er scheint den Luther besser gekannt zu haben als etwa ein Janssen. Er war wohl überzeugt, Luther werde doch unbeweglich stehen und nichts widerrufen. Er hat sich nicht geirrt. „Jch bin überwunden durch die Schrift", sprach Luther, „mein Gewissen ist gefangen im Worte Gottes. Jch mag und will nichts widerrufen, weil wider das Gewissen zu handeln beschwerlich, unheilsam und gefährlich ist".

Noch einmal versuchte man, ihn umzustimmen. Die Drohung sollte es ausrichten, .würde er keinen Widerruf thun, so würden Kaiserliche Majestät samt den Fürsten und Standen des Reichs beschließen, wes sie sich gegen einen solchen Ketzer halten sollten'.'^) Mer das wußte er längst. Er „beharrte wie ein harter Fels", sagt ein alter Bericht. „So helfe mir Gott, einen Widerruf kann ich nicht thun", antwortete er; „hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir! Amen".

Man fühlt, was in diesen Worten sich ausspricht. Sie allein schon werfen das gesamte römische Gemälde von dem .unschlüssigen', auf Menschen sich stützenden Luther über den Haufen. Darum muß jenes Wort Luthers aus der Welt geschafft werden. So erzählt man uns, es sei .von stem Protestanten^ Burkhardt in den Studien und Kritiken Jahrg. 1869 S. 517—531 der Nachweis geführt, daß Luther in Worms den vielberufenen Ausspruch: „Hie steh ich, ich kann nicht anders, Gott helff mir, Amen" nicht gethan habe'.'«") Dabei widerfährt einigen dieser römischen Lutherforscher ein interessantes Versehen. Evers hatte nämlich geschrieben: .Daß diese Worte eine spätere Zuthat sind, ist nachgewiesen in einem Aufsatz in der protestantischen Zeitschrift „Studien und Kritiken" von Burkhard 1869 III'. Diese etwas unklare Angabe hatte nun .Gottlieb' so verstanden, als würde jene Zeitschrift von Burkhardt herausgegeben, während doch dieser nur den fraglichen Artikel geliefert hat. Gottlieb hatte daher geschrieben: .Jeder Gebildete weiß heute, daß jenes Wort eine Fabel ist. Daß diese Worte eine Erfindung späterer Zeit sind, ist nachgewiesen in einem Aufsatz der protestantischen Zeitschrift: „Studien und Kritiken von Burkhard 1869 III"'. Diesen Unsinn schrieb dann Herrmann geduldig ab. Wir verzeihen den Römischen solch ein Versehen, wenn wir auch nicht begreifen, wie man bei solcher Unwissenheit mit der souveränen Phrase .jeder Gebildete weiß heute' operieren mag. Die Art aber, wie Gottlieb sich spater gerechtfertigt hat, als wir Protestanten ihm das thatsächliche Verhältnis von Burkhardt zu jener Zeitschrift kund gethan ^hatten, ist derartig!, daß wir nur ihm dringend raten können, auch in Zukunft nicht anders als unter falschem Namen zu schreiben. Jn Wirklichkeit hat er — wie man sieht — wörtlich von Evers abgeschrieben, weshalb wir auch den Schreibfehler Burkhard (anstatt Burkhardt) bei ihm wiederfinden. Anstatt aber dies einzugestehen, behauptet er: .Von verschiedener Seite ist mir der Frevel vorgerückt worden, daß in meinem Briefe „Studien und Kritiken von Burkhardt" zu lesen war, wo das „von Burkhardt" in die vorhergehende Zeile zu dem Wort „Aufsatz" hätte geschoben werden sollen. Entweder ist mir bei der teilweisen Abschrift meines Briefes in der Eile das schreckliche Unglück passiert, oder, was wahrscheinlicher ist, ich habe den „Burkhardt" nachträglich eingefügt, und da ist er anstatt hinauf, hinunter gerutscht. Nun beachten Sie, daß dergleichen Nachlässigkeiten auch ihr Gutes haben. Dadurch, daß man gegnerischerseits immer wieder auf derartige Lappalien zurückgreift, bekennt man, daß man. .. gegen den wesentlichen Jnhalt der gemachten Darlegungen absolut Nichts vorzubringen hat'.'«') Es mag die Mitteilung von Jnteresse sein, daß der Mann, dessen Aussage so wenig dem Thatbestande entspricht, und der sich doch .Gottlieb' nennen mag, der Jesuit Tilmann Pesch ist.

Doch auch Janssen scheint die Quelle, die er so genau angiebt, nicht sich angesehen zu haben. So hoffen wir wenigstens. Denn er behauptet, jener ganze Ausspruch Luthers sei dort als ,nicht gethan' nachgewiesen. Aber keinem Protestanten, auch Burkhardt nicht, ist jemals eingefallen, die Authentie der letzten Worte: „Gott helfe mir. Amen" auch nur in Frage zu ziehen. Allzu zuverlässig sind dieselben beglaubigt. Nur um die vorhergehenden Worte hat es sich gehandelt. Und wollte Janssen die von ihm citierte Quelle zur Hand nehmen, so würde er finden, daß nach jenem Artikel Burkhardts andere berühmte Lutherforscher jene Worte als thatsächlich gesprochen verteidigen.'»«) Auch wir haben unsere Gründe, warum wir glauben, daß Luther im wesentlichen so geredet hat. Aber wären die Worte auch unecht, so ist doch das, was sie meinen, nichts anderes als was er eben vorher ausführlicher ausgesprochen hatte. „Jch kann nicht anders, hier stehe ich" heißt ja nichts anderes als „Jch bin überwunden durch die Schrift, ich mag nichts widerrufen, macht mit mir, was ihr wollt! Gott allein kann mir helfen."

Luthers Kurfürst war tief ergriffen von solcher Festigkeit und von solchem Mute: „Wohl hat der Pater Doctor Martinus geredet vor dem Herrn Kaiser und allen Fürsten und Ständen des Reichs. Er ist mir viel zu kühn".'»») Hutten schrieb an Pirkheimer: „Luther wird offenbar von göttlichem Jmpulse getrieben; alle menschlichen Ratschläge schließt er aus und verläßt sich ganz auf Gott. Den Tod aber verachtet er wie keiner sonst".'»«) Wer fühlte nicht aus diesen Worten die Bewunderung dessen heraus, welcher bei einem anderen sieht, was er sich wünscht, aber nicht hat! Der Ritter, welcher nicht den Mut finden kann, sich in Worms sehen zu lassen, sondern nur von der sicheren Ebernburg herab Drohbriefe an die in Worms versammelten Herren zu senden wagt, blickt mit Bewunderung zu dem wehrlosen Mönche auf, welcher mitten unter seinen grimmigen Feinden so eisern fest steht.

Die vielen Versuche, die man noch in Worms machte, den Reformator zum Nachgeben zu bewegen, sind nur ein Beweis davon, daß man ihn nicht verstand. Die Gewißheit, die ihn erfüllte, war und ist den Römischen eine unbekannte Größe. Daß der Geist Gottes in dem Herzen des Menschen eine Ueberzeugung wirken kann, die durch nichts zu erschüttern ist, war und ist ihnen verborgen. Diese Gewißheit Luthers über den Jnhalt des von ihm Verkündigten werden wir in einem folgenden

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