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Des Kaisers Beichtvater hatte sie überzeugt, Luthers Sache werde noch gut ablaufen, wenn sie nur ihn zu einigen Konzessionen bewegen könnten. Luther aber antwortete: „Hat des Kaisers Beichtvater mir etwas zu sagen, so mag er es wohl zu Worms thun" und zog weiter. Staunen ergriff seine Freunde, als er wirklich in die Stadt einzog, Staunen über „solchen christlichen hohen Mut." Janssen freilich weiß zu erzählen, ^^) seine Freunde hätten ihn Hur Standhaftigkeit ermahnen' müssen. Einer dieser Freunde aber berichtet umgekehrt, sein Mut habe sie aufgerichtet: „Es hat manch christlich Herz getröstet und ermannt, daß der christliche Doktor Martinus so tröstlich erschienen ist, unangesehen, daß ein Mandat in kaiserlicher Majestät Namen wider ihn ausgegangen ist, das ihn, als die Feinde vermuteten, zurücktreiben sollte. Aber der gute Pater ist kommen und hat sich so christlich erzeigt, daß man vermerkt, daß er auf Erden nichts gefürchtet, sondern eher hundert Hälse, Leib und Leben daran gewagt und gesetzt, ehe er einen Buchstaben ohne Unterweisung aus dem göttlichen Worte widerrufen hätte."^')

Am andern Nachmittage sollte er vor dem Reichstage erscheinen. Sowenig wußte er von Angst und sorgenvoller Unentschiedenheit, daß er an dem Tage noch Zeit und Ruhe genug fand, einen kranken Edelmann aufzusuchen, seine Beichte zu hören und ihm das Abendmahl zu reichen. Am Nachmittage mußte er mehrere Stunden über die festgesetzte Zeit warten, ehe er in den Sitzungssaal geführt wurde. Wie abspannend wirkt es, vor einer folgenschweren Entscheidung wider Erwarten, lange, unthätig, warten zu müssen! Was mußte Luther fühlen, als er endlich der erhabenen Versammlung gegenüberstand, als er die Blicke der Mächtigen dieser Erde auf sich gerichtet sah, als er sich sagen mußte, daß es von einem Worte abhangen könne, ob er diese gesamte Macht für oder gegen sich haben werde!

Es wird eine Wahrheit darin liegen, wenn unsere Gegner bei diesem Verhöre nicht jene Zuversicht an Luther finden können, welche sie sonst wohl an ihm zu beobachten meinen. Haben sie doch alle seine von Mut zeugenden Worte als .trotzige Verwegenheit' oder .Großprahlerei' aufgefaßt. Und freilich, derartiges zeigte Luther in jener Stunde nicht. Er war ohne Zweifel befangen, verlegen. Er sprach nicht in jenem lauten, trotzig kühnen Ton, welchen man ihm zugetraut hatte, ihm, diesem verwegenen Mönche, welcher .das Haupt der Christenheit' bis aufs äußerste zu reizen sich nicht gescheut, welcher trotz jenes drohenden Mandates vor den Kaiser hinzutreten gewagt hatte. Nicht alle im Saal konnten seine Worte genau verstehen. Enttäuscht waren nicht wenige in der hohen Versammlung. Man hatte einen Helden erwartet, welcher vermöge eines bewundernswerten natürlichen Mutes, der Macht, welche ihm entgegenstand, trotzig spottete. Man sah einen einfachen Menschen, welcher von Natur offenbar eher schüchtern und — wie er selbst so oft geäußert — in den Winkel zu kriechen geneigt war, welcher, in niederem Stande geboren und zu mönchischer Unterwürfigkeit erzogen, nichts von jener Sicherheit des Auftretens zeigte, die auf andere imponierend zu wirken vermag. Man sah einen Menschen, welcher sowenig von der Tollkühnheit jener Helden besitzt, die blind auf ihr Ziel zusteuern, daß er vielmehr den gewaltigen Ernst jener Stunde bis auf das tiefste fühlte. .Der wird mich nicht zum Ketzer machen', sagte der Kaiser verachtungsvoll. Mancher wollte nicht glauben, daß ein so .zaghafter' Mensch jene kühnen und gewaltigen Bücher geschrieben habe, welche unter seinem Namen ausgegangen waren. Von den Wurzeln der Kraft Luthers hatten sie eben keine Ahnung. Sie vermuteten dieselben in angeborenen Eigenschaften. Sie lagen aber einzig in seinem Glauben. Tiese seine Verlegenheit und Schüchternheit sind der sicherste Beweis, daß eine höhere „Kraft in ihm mächtig" war. Wir finden sein Bild niemals schöner als in jener Stunde zu Worms. Das, um deswillen er verachtet wurde von denen, auf welche nur natürliche Größe Eindruck zu machen im stande ist, das ist nur die Folie, auf der seine wahre Größe um so heller sich abhebt. Denn wie handelte er trotz seiner natürlichen Verlegenheit?

Kein Wunder, daß unsere Gegner, welche ihn zum Feigling machen wollen, nur daran sich halten, mit welcher Stimme er geantwortet hat, daß sie aber nicht zur Geltung kommen lassen, was er geantwortet. Zwei Fragen wurden ihm vorgelegt. Die erste war, ob er sich zu den unter seinem Namen ausgegangenen Büchern bekennen, die zweite, ob er ihren Inhalt widerrufen wolle. Jene erste Frage lautet doch sehr auffallend. Denn mit solcher Offenheit hatte Luther stets gehandelt und seine Schriften mit seinem Namen ausgehen lassen, daß man doch wußte, was er geschrieben. So hatte denn auch der Kaiser in jenem Mandat die Auslieferung der Schriften Luthers geboten, ohne auch nur an die Möglichkeit zu denken, daß man darüber ungewiß sein könne, welches seine Schriften seien. So kann jene eigentümliche Fragestellung nicht ohne Tendenz geschehen sein. Wir meinen, dieselbe auf den Beichtvater des Kaisers zurückführen zu sollen. Denn dieser hatte dem Kurfürsten von Sachsen einen doppelten Vorschlag gemacht; entweder solle Luther die und die bestimmten Sätze aus seinen Schriften widerrufen, oder, falls er sich dazu nicht verstehen könne, so solle er mit einer kleinen Unwahrheit sich vor der ihm drohenden Gefahr bewahren. Es handle sich nämlich vor allem um das böse Buch Luthers „von dem babylonischen Gefängnis". Er brauche also nur zu diesem Buche .sich nicht zu bekennen, welches er leicht und mit gutem Fug und Ehren thun könne. Denn er soll es gänzlich dafür halten, daß niemand ist, der seine früheren Schriften gelesen, der dafür hielte, daß er das ungeschickte Buch gemacht habe. Was wäre denn daran gelegen, ob er nun dazu sich nicht bekennte'.'") So hatte der .sittenstrenge Frauciskaner', wie Janssen des Kaisers Beichtvater nennt, geraten. Eine bequeme Thür hatte man Luther eröffnet, indem man mit der Frage begann, ob er sich zu den unter seinem Namen ausgegangenen Büchern bekenne. Welch eine lockende Aussicht bot sich ihm, wenn er diesen Ausweg benutzte! Auch unter denen, welche nicht zu den Anhängern Luthers gezählt werden konnten, waren sehr viele ergrimmt über das Treiben des römischen Hofes und seiner treuen Diener. Mit Jubel hatten sie vieles von dem gelesen, was Luther geschrieben. Mit Freuden hätten sie ihn als Bundesgenossen gegen die heillosen Zustände in der Kirche benutzt. .Ganz Deutschland', so berichtete (natürlich ein wenig übertreibend) der päpstliche Legat Aleander nach Rom, sei .aufgebracht gegen Rom, alle Welt rufe nach einem auf deutschem Boden abzuhaltenden Concil'.'") Wieweit des Kaisers Beichtvater zu dieser Partei zu rechnen ist, mag unentschieden bleiben. Jedenfalls aber hat er ganz in ihrem Sinne seine Ratschläge für das von Luther einzuschlagende Verhalten gegeben. Höchlich — so sagte er — über die Maßen erfreut sei er anfangs über Luthers Schriften gewesen'. Als seine Thesen wider den Ablaß ausgegangen, sei er zu preisen gewesen; es habe .nicht viele Gelehrte gegeben, die ihm darin nicht Beifall gezollt hätten'. .Er habe dafür gehalten, daß Luthers Gemüt und Vornehmen auf das heilsame Ziel gerichtet sei, eine allgemeine Reformation der Kirche, die freilich mit vielen Mißbräuchen eine Zeit lang bemakelt gewesen, zu Wege zu bringen'. .Selbst der Kaiser begehre hoch, daß solch ein Mann mit der christlichen Kirche versöhnt werden möchte'. .Eben jenem edlen Bestreben habe er entgegen gehandelt und ein Hindernis vorgewälzt, dadurch daß er das Buch von der Gefangenschaft der Kirche habe ausgehen lassen. Er hätte ansehen sollen, daß die Zeit und die Leute Mr solche Gedankens unschicklich wären'. .Darum solle er nur zu dieser Schrift nicht sich bekennen'.''«) — Faßte also Luther die Folgen der in jener Stunde zu Worms zu treffenden Entscheidung ins Auge, so schien er nur zwischen den beiden Möglichkeiten die Wahl zu haben: Entweder verleugnete er die Autorschaft jenes Buches und zog damit gleichsam die Gedanken wieder zurück, welche zu fassen die Welt noch nicht reif war; dann war zu erwarten, daß so gut wie alle Deutschen unter der Führung des Kaisers selbst ihm anhangen würden, daß eine gründliche Reformation der deutschen Kirche herbeigeführt und ihm selbst die erste Rolle bei diesem schönen Werke zufallen würde. Ja, bei dem allgemeinen Mißtrauen und der zornig erregten Stimmung gegen den römischen Stuhl, war auch die Erwartung wohl begründet, daß dann die deutsche Kirche eine von Rom unabhängige Stellung gewinnen und dadurch der Boden bereitet würde, auf dem Luther und seine Schüler in späterer Zeit den Samen weiterer Pläne mit Erfolg ausstreuen konnten. Wie sehr irrt Janssen, wenn er meint, mit solcher Nachgiebigkeit in einigen Punkten würde Luther die Partei der Adligen, .unter deren Einfluß er gestanden' haben soll, erzürnt haben! Er hätte dadurch gerade das erreicht, was sie erstrebten: Die „Freiheit"

von dem äußerlichen „römischen Joch, die neuen Zustände, die Zerstörung der päpstlichen Zwingherrschaft", welche ein Hutten so leidenschaftlich verlangte. Dies waren ja die Forderungen, welche dieser Ritter in seinen nach Worms gesandten «Drohbriefen' aufstellte.'") Darum hatte ja Sickingen, als des Kaisers Beichtvater Glapion ihm nachwies, Luther habe auch gegen den bisherigen Glauben geschrieben, entrüstet ausgerufen, .wo Luther zu übel am Glauben geredet, da wolle er der erste sein, das Feuer auszutreten'.''«) Darum hatten ja die beiden Ritter den Luther zu einer Besprechung mit Glapion auf die Ebernburg eingeladen. So konnte Luther alle gewinnen und alles gewinnen, wenn er nur ein wenig nachgab. .Jn der That', schrieb der Venezianer Marino Sanuto, .wenn Luther hier mäßiger und vorsichtiger gehandelt hätte. . . so würde er ganz Deutschland an sich gefesselt haben'."») Wollte er aber nichts widerrufen, keine seiner Schriften verleugnen, so konnte seiner nur die Verwerfung durch den Reichstag warten, so stand ihm der Tod, seiner Sache der Untergang bevor.

Wer sich diese Situation vorstellt, wird die von Luther gegebene Antwort zu würdigen wissen. Ohne auch nur einen Augenblick sich zu besinnen, bekannte er sich zu allen seinen Schriften. Für ihn war der Rat des .sittenstrengen Franziskanermönches', des Gewissensberaters des Kaisers, doch nichts. Wo ist nun wahre Größe, rücksichtsloser Mut, Gebundenheit an die Wahrheit?

Daß Luther so geantwortet, kann Janssen nicht leugnen. Aber die Ruhe und Festigkeit, mit der Luther diese Erklärung abgab, wird durch seinen Bericht kunstvoll ausgemerzt: .Bei seinem ersten Verhöre war Luther keineswegs in einer zuversichtlichen Stimmung. Auf die ihm gestellte Frage: ob er sich zu seinen Büchern bekenne, gab er bejahende Antwort; auf die andere Frage aber: ob er diese Bücher widerrufen wolle, bat er sich Bedenkzeit aus'.'««) Und wie haben diesen römischen Historiker seine Abschreiber verstanden? Der eine'") schreibt: .Die erste Frage bejahte er kleinlaut', ein anderer'^) gar: .Beklommen antwortete er: ja'. Wer sieht da nicht einen schuldbewußten Delinquenten, wie er zitternd vor der wohlverdienten Strafe auf

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