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Sicher ist es nicht unsere Sache, zu entscheiden, ob aus meinem Leben oder aus meinem Tode dem Evangelium und dem Gemeinwohl mehr oder weniger Gefahr erwachsen wird. . . Alles magst Du mir zutrauen, nur nicht Flucht und Widerruf. Fliehen will ich nicht, widerrufen noch viel weniger. Darin möge mich starken der Herr Jesus. Denn keines von beiden könnte ich thun ohne Gefahr für die Frömmigkeit und die Seligkeit vieler."'»«) Diese Antwort entschied über seine Zukunft. Nicht das leiseste Schwanken, nicht eine Spur von Furcht kennt er. Und doch, eine Sorge bedrückt ihn. Mögen die Päpstlichen sich mit seinem Blute beflecken; wenn nur der junge Kaiser, zu dem sein echt deutsches Gemüt noch mit Verehrung emporblickt, rein bleibt! „Unsere Sorge hat nun die einzige Pflicht, den Herrn zu bitten, daß nicht Karls Kaisertum durch mein oder eines anderen Blut eingeweiht werde. Jch möchte, wie ich Dir öfter gesagt habe, allein durch der Römischen Hände umkommen, damit nur nicht der Kaiser mit den Seinen in diese Sache verwickelt würde. Du weißt ja, was für Unheil den Kaiser Sigismund nach der Ermordung des Hus verfolgt hat", — er zählt das Einzelne auf und schließt: „Wenn aber dennoch so geschehen muß, daß ich nicht nur den Priestern sondern auch den Heiden sder Obrigkeit^ übergeben werde, so geschehe des Herrn Wille. Amen."

Noch ehe die kaiserliche Vorladung in Luthers Hände gelangte, wurden ihm von dem Sekretär seines Kurfürsten die Sätze zugestellt, welche er nach der Meinung Glapions, jdes kaiserlichen Beichtvaters, zu widerrufen haben werde. Janssen läßt ihn darauf antworten, er „wolle gern einen Widerruf thun."'") Er findet diese Worte in einem Briefe Luthers und behauptet, derselbe sei.am 19. März geschrieben'. Woher weiß er das? Der Brief trägt kein Datum. Nun mag Janssen gern zunächst sich denken, derselbe sei etwa am 19. März geschrieben. Aber er benutzt dieses blos erdachte Datum zu einer furchtbaren Anklage gegen Luther. Einzig mit diesem Datum beweift er, daß Luther einer schändlichen Doppelzüngigkeit sich schuldig gemacht habe. Er schreibt: .Eine ganz andere Sprache führte er dagegen fünf Tage später, am 24. März, in einem Briefe an einen Freund: „Jn Worms arbeitet man dahin, daß ich viele Artikel widerrufen soll. Mein Widerruf wird so lauten: Den Papst habe ich früher Statthalter Christi genannt; nun widerrufe ich und sage: Der Papst ist der Feind Christi und der Apostel des Teufels." Also, am 19. schreibt er an den Kurfürsten, er werde widerrufen, fünf Tage später höhnt er prahlerisch vor einem Freunde über die bloße Jdee eines Widerrufs. Was wir aus diesem widerspruchsvollen Verfahren Luthers entnehmen sollen, das sagt Janssen nicht. Sollen wir die Worte an den Kurfürsten für Luthers wahre Meinung nehmen, so sind die anderen Worte ,an einen Freund' eine widerliche, bewußt unwahre Renommisterei. Sollen die Worte an den Freund seine wirklichen Absichten verraten, so sind die an den Kurfürsten ein absichtlicher Betrug. Jedenfalls muß man Ekel vor Luther empfinden. — Wie aber kann Janssen die Kühnheit gewinnen, einen Brief, dessen Datum niemandem bekannt ist, für .am 19. März geschrieben' auszugeben? Er citiert dazu .Bei de Wette 1, 575'. Was aber lesen wir hier? Als de Wette die Briefe Luthers in chronologischer Reihenfolge herausgab, wußte er nicht, wohin dieses undatierte Schreiben gehören möge. Er mußte es aber doch irgendwo mitteilen, so setzte er es mit der Ueberschrift: „Wahrscheinlich vom 19. März" in das Jahr 1521. Also auf die bloße Wahrscheinlichkeitsvermutung eines einzigen Mannes hin erbaut Janssen eine so grauenvolle Anklage gegen Luther. Er läßt zu dem Zweck das „wahrscheinlich" des de Wette fort, macht also aus der bloßen Mutmaßung eine gewisse Thatsache. Denn freilich, auf dem Grunde eines unsicheren „wahrscheinlich" läßt sich nichts konstruieren. Wie würde es sich auch ausgenommen haben, wenn er die Wahrheit geschrieben, wenn er also gesagt hätte: ,Jn einem Briefe, der kein Datum trägt, von dem man also nicht einmal das Jahr der Entstehung kennt, sagt Luther —! Wenn wir nun uns denken, er habe den Brief am 19. März 1521 geschrieben, so hat er fünf Tage später schon das Gegenteil behauptet'! — Versehen sind möglich. Aber wenn ein römischer Schriftsteller niemals zu Gunsten, oft aber zum Schaden Luthers sich versieht —? Uebrigens hat schon der nächste Gelehrte, welcher nach de Wette jenen undatierten Brief untersuchte, auf's schlagendste nachgewiesen, daß derselbe weder .am 19. März' noch im Jahre 1521 geschrieben sein kann, daß er vielmehr über zwei Jahre älter sein muß, indem er sich auf die mit Miltiz gepflogenen Verhandlungen bezieht.^) So gehört der Brief gar nicht hierher, wir müssen eine andere Antwort Luthers auf die von ihm zu widerrufenden Punkte suchen. Zum Glück ist sie uns erhalten, und zwar in einem thatsächlich mit dem Datum, dem 19. März 1521, versehenen Briefe Luthers. Dieser, welcher in der de Wette'schen Sammlung neben dem von Janssen fälschlich verwendeten Schreiben steht, wird von diesem Geschichtsforscher nicht erwähnt. Wie lautet Luthers wirkliche Antwort?

Tief verletzt ist der Reformator, daß Spalatin ihm solche Vorschläge auch nur hat zusenden mögen. Er beginnt: „Die Artikel, welche ich widerrufen soll und die Vorschriften für mein weiteres Verhalten habe ich empfangen. Zweifle nicht daran, daß ich nichts widerrufen werde. Denn ich sehe, daß sie Hei ihrem Kampf gegen meine Lehre^ auf kein anderes Argument sich stützen als darauf, daß ich gegen den Gebrauch und die Gewohnheiten ihrer sogenannten Kirche geschrieben habe. Jch werde also dem Kaiser Karl antworten, wenn er mich nur zum Widerruf berufen wolle, so würde ich nicht kommen; denn das würde ebensoviel sein, als wenn ich schon dorthin gegangen und hierher zurückgekehrt wäre. Jch könnte ja auch hier widerrufen, wenn es sich nur um einen Widerruf handelte. Will aber dann der Kaiser mich rufen, um mich zu tödten, so werde ich mich erbieten zu kommen. Denn ich werde mit Christi Hülfe nicht fliehen oder das Wort im Kampfe im Stich lassen. Völlig gewiß aber ist mir, daß jene Blutmenschen nicht ruhen werden, bis sie mich getödtet haben. Nur das eine wünsche ich, daß allein die Papisten mein Blut auf ihr Gewissen laden werden." Dies die für den Kurfürsten bestimmte Antwort,"") mit welcher denn freilich die fünf Tage später an einen Freund gerichteten Worte auf's genaueste harmonieren.'«<)

Ein paar Tage später erhielt Luther die Citation des Kaisers. Sie forderte doch nicht Widerruf. Er sollte .über die Lehre und die Bücher, die von ihm ausgegangen, Auskunft' geben. Wer würde sich wundern können, wenn ihn die Frage, ob er nun wirklich nach Worms gehen solle, noch einmal in Aufregung und Schwanken versetzt hätte? Aber wo ein Luther einmal erkannt hat, was Gott von ihm will, da ist das Fragen abgethan. Wer würde es nicht begreifen, wenn die Sorge um das, was dunkel vor ihm lag, ihn zu weiteren Arbeiten unfähig gemacht hätte? Er aber kann in jenen Tagen einen Brief über eine theologische Frage an den Herzog Johann Friedrich von Sachsen schreiben, in welchem er das, was seiner wartet, nur eben erwähnt, nm zu erklären, warum er ihm nur erst einige Bogen seines Magnificat zusendet: „Auf den Reichstag gefordert, muß ich alles liegen lassen. Hilft mir Gott wieder zu Haus, soll es Ew. Fürstl. Gnaden gar schnell haben.""") Er kann am folgenden Tage, wohl dem letzten vor der Abreise, eine Streitschrift vollenden, an deren Schluß er sagt: „Jetzt werden sie nur noch mit Schreien, Wüten, List und Gewalt gegen mich toben, als einen Ketzer, wie ihn alle Jahrhunderte noch nicht gesehen haben. Nicht mehr mit Schriften werden sie gegen mich kämpfen, sondern nur schreien, ich müsse von der Erde vertilgt werden. Jch aber weiß und bin gewiß, daß unser Herr Jesus Christus lebt und regiert. Und weil ich das weiß und glaube, werde ich auch viele tausend Päpste nicht fürchten. Denn größer ist der, welcher in uns ist, ats der, welcher in der Welt ist".'««)

Als er auf der Reise in Reinhardsbrunn übernachtete, warnte ihn der Vorsteher des Klosters, Johann Kestner, er kenne die Welschen und Spanier wohl, wie arglistige und falsche Leute sie wären; wenn sie ihn im geringsten Wörtlein fangen könnten, würden sie ihn sicher' verbrennen. Da konnte Luther scherzend antworten, womit sie ihn denn verbrennen würden? Mit Nesseln, das ginge noch an; aber mit Feuer, das wäre freilich zu heiß. Dann forderte er zum Gebet auf, daß die Sache der Wahrheit erhalten bleibe. „Betet", sagte er in seiner tiefen Weise, „ein Vaterunser für unsern Herrn Christum, daß ihm sein Vater wolle gnädig sein. Erhält er ihm seine Sache, so ist die meine auch gewonnen." Man findet diese Worte .abgeschmackt, ja unsinnig'.'«') Auch Janssen scheint so zu urteilen, sonst hätte er sie wohl nicht mitgeteilt.^) Ja, so wenig fassen die Römischen diese sinnige Wendung, daß z. B. Majunke von der durch Luther kurz vor seinem Tode gethanen Aeußerung, man möge für unsern Herrgott und sein Evangelium beten, schreiben mag: .Zuletzt brach er geradezu in die Blasphemie aus, man solle für Gott zum Teufel beten'.ns) Haben diese Theologen denn noch nie bedacht, daß wir in jedem Vaterunser „für Gott" etwas erbitten, daß sein Name geheiligt werde, sein Reich komme, sein Wille geschehe? Und da Christi Reich das Reich Gottes ist, so begehen wir im Vaterunser die Abgeschmacktheit', „den Vater zu bitten", daß er Christo so „gnädig sein" und sein Reich kommen lassen wolle. Das aber war Luthers Kraft, die Gewißheit, daß seine Sache Gottes Sache sei. Und nur an der Sache lag ihm, nicht an seiner Person.

Mochte er aber noch irgend welche Hoffnung gehegt haben, der Kaiser werde nicht — wie Aleander verlangte — ,der gehorsllme Exekutor des Papstes' sein, so mußte sie vollständig vernichtet werden, als er auf der Weiterreise jenes kaiserliche Mandat zu sehen bekam, welches die Auslieferung aller seiner Schriften gebot, weil der Papst sie verdammt habe. Es lag am Tage, was seiner in Worms wartete, falls er nicht widerrufen wollte. Der ihn begleitende kaiserliche Herold nahm an, Luther werde umkehren. Er fragte, ob er noch weiter zu ziehen gedenke. Und sowenig war Luther — wie unsere Gegner ihn schildern — ein Renommist, daß er frei erzählt, er sei erschrocken und habe gezittert, als er dieses Mandat gelesen. Denn freilich, verwegen, tollkühn war er nicht. Aber auch nicht feige. Er erwiderte dem Herold: „Jch will hinziehen, wenn gleich soviel Teufel darin wären als Ziegel auf den Dächern." Mag ein Evers seinen Lesern einzureden versuchen, Luther habe vielleicht nie so gesagt, weil er — erst später davon erzählt habe,"«) fo finden wir diesen Gegenbeweis doch etwas gar zu ungeheuerlich. Stimmen doch auch jene Worte so genau zu dem, was er auf der Reise von Frankfurt aus an Spalatin geschrieben hat: „Jch sehe, das Mandat Karls ist veröffentlicht, um mich fton der Weiterreise^ abzuschrecken. Aber Christus lebt, und ich werde Worms betreten allen Pforten der Hölle und Gewaltigen der Luft zum Trotz."'")

Noch einmal versuchte man, ihn zurückzuhalten. Jene beiden Ritter, .unter deren Einfluß Luther in Worms — nach Janssen — gestanden' haben soll, Hutten und Sickingen, baten ihn, noch „nicht nach Worms zu ziehen, er würde sonst verbrannt werden."

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