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Oder wenn Luther dem Erzbischof von Trier etwas als Beichtgeheimnis mitteilt, so fügt Janssen '2') zur Stütze seines Bildes hinzu: .Es war offenbar Luthers Hinweis auf die hinter ihm stehende revolutionäre Reichsritterschaft', obwohl doch auch Janssen ein Beichtgeheimnis nicht .offenbar' machen darf, auch es nicht offenbaren kann, da der Erzbischof den Vorstellungen des päpstlichen Legaten Aleander, jenes Beichtgeheimnis zu offenbaren, pflichtgetreu widerstanden hat.

Sollte aber dem Leser noch irgend ein Zweifel übrig bleiben, sollte er vielleicht fragen, warum denn Luther überhaupt sich nach Worms begeben habe, warum er nicht in Wittenberg geblieben sei, wo weder Römlinge ihm etwas anthun, noch Adlige ihn .erstechen' konnten, so weiß Janssen auch diesen Bedenken zu begegnen. Er berichtet nämlich,'2«) der Kaiser habe in dem an Luther gesandten Citationsschreiben einerseits ihm zugesichert, daß er keinerlei Gewalt oder Unbill zu fürchten habe, wenn er komme; andererseits aber hinzugefügt: .Wir rechnen darauf, daß du kommst; sonst ergeht gegen dich unser strenger Urteilsspruch'. Freilich findet sich von diesen letzten drohenden Worten nicht eine Silbe in dem Kaiserlichen Schreiben. Aber bei Janssen stehen sie.^») Und damit man ihre Bedeutung recht verstehe, fügt er hinzu, die Reichsstände hätten erklärt, .wenn er nicht kommen oder widerrufen wolle, so solle er für einen offenbaren Ketzer von männiglich gehalten und mit Mandaten gegen ihn procediert werden'. So hatte denn (nach Janssen) Luther das Schlimmste zu fürchten, wenn er dem Rufe nicht folgte, zunächst aber garnichts zu besorgen, wenn er kam. Es war also wieder Feigheit, daß er kam. Nun wird auch klar, warum er überhaupt kam: Er wollte widerrufen. Denn so fährt Janssen zu erzählen fort: .Jnzwischen gab sich der kaiserliche Beichtvater Glapion alle Mühe, um den Kurfürsten Friedrich von Sachsen dahin zu bestimmen, daß Luther auf seinen revolutionären Wegen aufhalte'. So wurden Artikel aufgesetzt, die Luther widerrufen sollte. Und dieser antwortete darauf seinem Kurfürsten: „Jch bin bereit, die römische Kirche in aller Demut zu ehren. Darum ich gern bereit bin, ein Widerruf zu thun, in welchen Stücken mein Jrrtum angezeigt wird."*) Wie sonnenklar sist's^ hiernach, daß bei Luther Feigheit die in allen Lagen Ausschlag gebende Kraft war! Die Feigheit vor dem Kaiser und den Römischen ließ ihn nach Worms kommen, um dort zu widerrufen. Die Feigheit vor dem Reichstage einerseits und der .adligen Revolutionspartei' andererseits machte ihn am ersten Tage seines Verhörs in Worms so schwanken, daß er sich Bedenkzeit ausbat, um erst sich klarer zu werden, ob er durch Standhaftigkeit den Reichstag oder durch Widerruf die Ritter sich zu Feinden machen solle. Als er aber dann die Machtlosigkeit des Kaisers erkannt hatte und sich sagen konnte, daß er .vom Adel erstochen' würde, wenn er nicht nach dessen Wünschen .trotzig' aufträte, zwang ihn dieselbe Feigheit, .jeden Widerruf zu versagen'.

Wir glaubten dieses Bild von „Luther in Worms" etwas ausführlicher reproducieren zu sollen, nicht allein, damit man sieht, was kunstvolle Auswahl und Gruppierung schöpferisch zu gestalten vermag, sondern auch, weil römische Schriftsteller uns in Beziehung auf diese Episode den Vorwurf machen: .Protestantische Lebensbeschreiber verbergen das natürlich'."«') Wirklich, Janssens Darstellung ist schon interessant genug, als daß seine Abschreiber es hätten für nötig halten sollen, noch pikante Ausschmükkungen hinzuzuthun. So lesen wir'"): Mehr als des Kaisers Geleitsbrief und die Freunde bei den Fürsten und bei dem Adel beruhigte ihn ^Luther^ der Schutz einer Leibgarde von 100 handfesten Rittern, von denen die meisten schon das Soldatenhandwerk mit dem Räuberhandwerk' fter Erzähler meint wohl: das Räuberhandwerk mit dem Soldatenhandwerk^ .verbunden hatten und vor keiner Gewaltthat zurückschreckten'. Zu einem halben Räuberhauptmann mit einer hundertköpfigen Leibgarde hat Janssen doch Luther nicht gemacht. — Oder man^2) weiß zu berichten: .Es war ihm nicht die starke Mannschaft unbekannt, welche bei Worms im Hinterhalte lag, um jeden Augenblick, wenn nötig, zu seinen Gunsten einzugreifen'. Oder: .Er war sich wohl bewußt' ffoll wohl heißen: Es war ihm wohl bewußt^ .daß Tausende von bewaffneten Freunden in und um Worms herum für seine

*) Daß Janssen hier aus einem zu ganz anderer Zeit geschriebenen Briefe Luthers citiert, werden wir unten zeigen.

Sicherheit wachten, während der Kaiser ohne alle bewaffnete Macht war'.'n) Dergleichen schreibt Janssen doch nicht, da er für seine Angaben wenigstens den Schein irgend eines Citats sucht. Ein solcher fehlt natürlich bei den eben erwähnten Hallucinationen.

Nun, wir begreifen das heiße Verlangen und den großen Eifer, Luthers Mut in das Gegenteil zu verkehren, sehr wohl. Es muß als Lüge erwiesen werden, was Luther auf seiner Reise nach Worms gesagt: „Erhält Gott unserm Herrn Jesu Christo seine Sache, so ist die meine auch gewonnen."'") Der Reformator darf nicht die mit Mut erfüllende Gewißheit, daß seine Sache des Herrn Sache sei, gehabt haben. Doch, was hilft hier alle Kunst? Zum Glück ist von Luther und dem Reichstage zu Worms der Nachwelt zuviel überliefert, als daß der Thatbestand auch nur unsicher festzustellen wäre.

Schon die ganze Schilderung Janssens von der.Lage der Dinge in Worms' ist eine Karrikatur. Wir sind ihm dankbar für die Zusammenstellung all dessen, was nach ihm beweisen soll, daß nicht Luther, daß vielmehr seine Gegner Ursach zur Furcht hatten. Denn jedenfalls beweist es, wie Viele gegen das Papsttum und für Luther waren. Wir sind ihm dankbar dafür. Denn damit wird die Beobachtung des päpstlichen Legaten Aleander als richtig erwiesen: .Wollte der Kaiser nicht der gehorsame Exekutor des Papstes sein, so wäre es um den Gehorsam des ganzen Deutschlands gegen den apostolischen Stuhl geschehen'.'^) Es ist ja von großer Wichtigkeit, immer wieder sich die Thatsache klar zu machen, daß nicht religiöse Motive, sondern die Anwendung von Gewalt verhindert hat, daß das gesamte Deutschland von Rom sich lossagte. Janssen aber konstruiert allein aus diesen Zeichen der Teilnahme für Luther und seine Sache .die Lage der Dinge in Worms'. Er schließt daraus, daß Luther durchaus nichts zu fürchten gehabt habe. Das ist nicht anders, als wenn jemand behaupten wollte, die ersten Christen hätten zu Jerusalem nichts zu fürchten gehabt, die Erzählungen von den Verfolgungen, die sie erlitten, beruhten unmöglich auf Thatsachen, weil ja berichtet wird: „Die Christen hatten Gnade bei allem Volk." Denn die Frage, auf die es hier ankommt, ist die, auf welcher Seite die Macht stand, bei den Hohenpriestern oder bei dem Volk, bei den Feinden oder bei den halben oder ganzen Anhängern Luthers, und ob die Mächtigen in Worms den Willen und die Möglichkeit hatten, Luther zu unterdrücken.

Und woher nimmt Janssen die einzelnen Angaben, um .die furchtbare Erregung' zu schildern, welche sich .der Gemüter' in Worms .bemächtigte'? Wie beweist er seine Behauptung, .daß man in Worms täglich in Angst war vor einem Ueberfall, vor einer Sprengung des Reichstages durch die Revolutionspartei, die man umsomehr zu fürchten hatte, weil der Kaiser ohne bewaffnete Umgebung war'? Er hat einen einzigen Gewährsmann, den päpstlichen Legaten Aleander. Die Frage, ob er diesem unbedingten Glauben schenken dürfe, kommt ihm nicht in den Sinn. Und doch lag sie so nahe, da die.Berichte' desselben durchaus nicht mit dem übereinstimmen, wie andere in Worms Anwesende die .Lage der Dinge' beschrieben haben. Wir zweifeln nicht daran, Janssen würde einem Evangelischen, welcher solche Grundsätze ausgesprochen hätte, wie Aleander gethan, nicht ein einziges Wort mehr glauben. Und wer die Berichte dieses päpstlichen Legaten vorurteilsfrei studiert, der wird die unumstößliche Gewißheit erlangen, daß er alles, was seine Verdienste um die Sache des päpstlichen Stuhls erhöhen und ihm reiche Anerkennung und Belohnung einbringen konnte, einseitig hervorgehoben und ungemein stark übertrieben hat. Daher behauptet er immer wieder, seines Lebens nicht sicher zu sein; daher schildert er die Lage so, als wenn eigentlich alles, Fürsten und Ritter und Vol^k, auf Luthers Seite stehe; als wäre es ein allein seiner rastlosen Thätigkeit zu verdankendes Wunder, daß endlich doch Luther verurteilt wurde. Einzig aus Aleanders Berichten die Situation in Worms zu konstruieren, ist unverzeihlich.

Aber Janssen geht noch weiter. Aus Aleanders Angaben wählt er wieder nur das aus, was seinen Satz: .Eines besonderen Mutes bedurfte Luther nicht', stützen kann, verschweigt aber, was dem widerspricht. Welch ein anderes Bild gewährt schon die eine Mitteilung des päpstlichen Legaten vom 29. März 1521: Die Lutheraner hatten sich schon vor der Frankfurter Messe wieder mehr als drei große Wagenladungen von Büchern, unter diesen auch einige neue, hierhergebracht, haben sie aber plötzlich in der äußersten Bestürzung wieder fortgeschafft. Sie glaubten nämlich, daß der Kaiser auf Seiten ihres Luther stehe. Jetzt aber lassen sie die Köpfe hängen'.

Andere Männer teilen uns noch mehr mit. So schildert Hermann von dem Busche in einem an Hutten gerichteten Briefe vom 5. Mai 1521 aus eigener Anschauung die Lage in Worms. Da hören wir: „Die Päpstlichen, die sich anfänglich vor Dir schrecklich fürchteten, scheuen sich nunmehr nicht, Deiner zu lachen und in Gesellschaften, auch unserer Leute, Deiner zu spotten. Es ist leicht, sagen sie, den zum Feind zu haben, der nur mit Worten, nicht aber mit Schlägen zu schaden sucht. . . Der Luther muß verdammt werden, sollte es auch ein Blutbad der Deutschen kosten, wenn sich jemand unterfangen sollte, uns sich zu widersetzen. So predigen sie öffentlich auf den Kanzeln." Weiter erzählt Busch, wie Gegner Luthers auf offener Straße Schriften des Reformators und Huttens zerrissen und in den Koth träten, wie „ein spanischer Reiter mit bloßem Degen einen der Unsern verfolgt" habe und die herumstehenden Deutschen nicht gewagt hätten, dem Angegriffenen beizustehen. „Man stehet täglich drei, vier Spanier auf ihren Maultieren über den Markt reiten und jedermann muß ihnen ausweichen, oder er wird niedergeritten. So werden wir auf dem ganzen Markt herumgejagt; und schweigen still und geben nach.""«) So ging es in Worms in den Tagen her, von welchen Janssen schreibt: .Jeden Augenblick befürchtete man den Ausbruch eines blutigen Aufruhres'.'") Kannte denn Janssen diesen Brief Buschens nicht? Gewiß, er citiert aus demselben,"«) nur freilich keines der von uns mitgeteilten Worte.

Soweit geht Janssen, indem er die Lage als allen Mut bei Luther überflüssig machend darstellen will, daß er nicht einmal jenes hochwichtige kaiserliche Mandat erwähnt, welches wie ein zerschmetternder Blitzstrahl alle etwaigen Hoffnungen der Freunde Luthers vernichten mußte, welches lehrt, daß jedenfalls der Kaiser, den Janssen als .waffenlos' bezeichnet, an nichts weniger als an .Furcht' gedacht hat. Wir meinen das Mandat vom W. März 1521,^'») welches Luther auf seiner Reise nach Worms zu sehen bekam. Dasselbe gebot, alle Bücher Luthers an die betreffenden

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