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Held doch in Augsburg, wenn wir ihm glauben dürfen, seine heldenmütige Hingebung zu beweisen! Aber alles Ernstes, der Professor hatte keine Zeit dazu, sich opfern zu lassen'. .Unser Held verzichtet auf die Glorie des so heiß und so tapfer gesuchten Märtyrertodes, den er seiner Versicherung nach fast schon in der Hand hatte. Er, der so herrlich bezeugt, daß er als „Theologe des Kreuzes" die Strafen und den Tod liebend umfasse und suche und weiter nichts wolle, als auch andere zu dieser Liebe zur Strafe entzünden, er übt eine solch heroische Entsagung und Selbstverdemütigung, daß er vorzieht, nicht nur den Schein des Widerspruchs zwischen seinen Handlungen und Worten, sondern sogar den Schein feiger Flucht auf sich zu laden. . . Wir können uns in seine tragische Stimmung hineindenken, daß er nicht dazu gekommen, dies Opfer zu bringen, weil seine Freunde ihm rieten, davonzulaufen, damit er — nicht am Ende sich doch zum Widerrufe bestimmen ließe'.'") Um nuu diese Darstellung doch mit irgend einem Schein von Wahrscheinlichkeit zu umgeben, erzählt man uns noch: In der Nacht entfloh er so eilig aus Augsburg, daß er Schuhe und Strümpfe und Hosen zurückließ'.'«) Nun freilich, wer bei Antritt einer Reise solche Eile hat, daß er nicht einmal die allernotwendigsten Kleidungsstücke anlegt, wer eine Reise von Augsburg bis Wittenberg mit bloßen Füßen und Beinen ausführt, und das zu einer Zeit, wo es noch keine Eisenbahnen udgl. gab, und das in der zweiten Hälfte des Monats Oktober, der muß nicht allein eine ausnehmend starke Gesundheit besessen haben, sondern auch vor Angst den Kopf vollständig verloren haben; dessen Furcht grenzt an Wahnsinn. Aber woher hat man diese pikante Geschichte? Sie ist vollkommen richtig: nur ein Wort ist Dichtung, und dieses eine erdichtete Wort macht aus dem Selbstverständlichen etwas überaus Komisches, einen halbnackten Außreißer. Das eine Wort ist es: Er ließ zurück Hosen usw. Wie Luther selbst einmal erzählt,'") haben Freunde ihm zur Flucht aus Augsburg ein Pferd verschafft. Um nun zu schildern, wie beschwerlich für ihn zu jener Zeit, da er noch Mönch war, diese eilige Reise gewesen, erinnert er daran, daß er ja nicht getragen habe, was man zum Reiten gebrauchte, daß er keine Stiefel, keine Sporen und Schwert, keine langen Reiterhosen

gekannt, sondern eben in der zum Reiten sehr unpassenden Mönchstracht mit Kniehosen"«) auf dem Pferde gesessen habe. Er ließ also, soweit bekannt ist, nichts in Augsburg zurück, am wenigsten „Sporen und Schwert". Hätten die Römischen nur diese letzteren Worte Luthers bei ihrer Geschichte nicht vergessen, so würden sie wohl nicht so arg sich versehen haben. Strümpfe hat Luther natürlich angehabt. Daß auch diese ihm gefehlt, haben die Römischen sich erdacht.

Aber Luther ist doch aus der Stadt geflohen? Gewiß, nur nicht in solcher Weise, wie man uns eben geschildert hat. Jn aller Ruhe hat er im Dunkel der Nacht, damit er nicht zurückgehalten werde, sich entfernt. Gewiß war und ist das ärgerlich für die Römischen, daß sie ihn nun nicht aus dem Wege räumen konnten, so ärgerlich, daß sie ihren Lesern nun einreden, es habe .zur Vorsicht gar kein positiver Grund vorgelegen'."') Wir aber wissen es ihm Dank, daß er so gehandelt hat. Nachdem dem päpstlichen Legaten die Drohung entfallen war, er habe ein päpstliches Mandat, ihn einzukerkern und nach Rom zu schicken, in der Tasche, nachdem er Luther zugerufen: .Widerrufe oder komme mir nicht wieder unter die Augen', nachdem die Augsburger Freunde von ihm schleunige Abreise verlangten, sollte er sich still hinsetzen und warten, bis man ihn für immer mundtodt gemacht hätte? Jst es denn nicht klare Sünde, tollkühn den Märtyrertod zu suchen? War es nicht einfach die Pflicht Luthers, nachdem er gehorsam dem Legaten sich gestellt hatte, und die^Verhandlungen mit demselben zu Ende waren, sich selbst für seinen Beruf zu erhalten? Jst denn Paulus feige gewesen, weil er mehr als einmal dem Märtyrertode durch die Flucht sich entzogen hat? "5) Nein, daß Luther nach Augsburg ging, trotzdem er schwarze Wetterwolken drohen sah, beweist seine Bereitschaft, alles für seinen Beruf zu leiden; daß er aus Augsburg entwich, beweist, daß nicht tollkühner, sondern demütiger, durch Gottes Geist vor Ausschreitungen bewahrter Mut ihn erfüllte.

Vom Kaiser wurde Luther nach Worms citiert. Wir Protestanten sind gewohnt, auf den „Luther in Worms" mit Stolz zu blicken. Schon mancher hat nicht nur sich erquickt, sondern wirklich erbaut an dem Heldenmute des unerschütterlichen Bekenners von Worms; erbaut, weil er fühlte, daß solche Sicherheit nicht ein blos natürlichem Mut verleiht. Aber wie Ströme eisigen Wassers stürzen die Belehrungen der römischen Geschichtsforscher auf unsere Begeisterung. .Es ist geradezu abgeschmackt', versichert der ehemals lutherische Pastor Evers,''») Ms man uns in Schulen und Universitäten gelehrt hat, daß es eine Heldenthat Luthers gewesen sei, nach Worms zu gehen. Denn nicht der Kaiser und die Katholiken waren von ihm zu fürchten, sondern' — umgekehrt lagen die Dinge! Janssen schildert uns mit den lebhaftesten Farben .die Lage der Dinge, bei der man in Worms der Ankunft Luthers entgegensah''2«): Der päpstliche Legat Aleander war — seines Lebens nicht mehr sicher; Luther dagegen wurde vom Volk als ein neuer Moses, als der zweite Paulus gepriesen; auf öffentlichem Markte konnte ihn einer seiner Anhänger für größer als Augustin erklären; sie konnten eine Druckerei in Worms errichten, welche nur kirchenfeindliche Schriften vertrieb; Hutten schrieb von der nahen Ebernburg die gemeinsten Drohbriefe an die päpstlichen Legaten; in Worms war man täglich in Angst vor einem Ueberfall, vor einer Sprengung des Reichstages durch die Revolutionspartei; war doch der Kaiser waffenlos, Sickingen aber, Luthers Freund, der Schrecken Deutschlands, vor dem alle zitterten. Janssen schließt diesen Abschnitt mit jener Ruhe, welche am ernüchterndsten auf die Begeisterung zu wirken pflegt, mit den lakonischen Worten: .Eines besonderen Mutes, seine Reise anzutreten, bedurfte Luther nicht'. Wie fein hatte er dieses neue Bild vorbereitet! Wir wissen schon, daß nach Janssen alle Kühnheit, die Luther bisher gezeigt hatte, ihre Quelle einzig in den Versprechungen der .revolutionären Adelspartei' gehabt, daß nach Luthers eigenem Geständnis sein ganzes Vertrauen auf Sickingen und Genossen beruhte, daß erst diese ihn .von Furcht befreit' hatten. Es bedurfte also nur noch eines Pinselstriches, um Luthers Mut in Worms als Lächerlichkeit erscheinen zu lassen; man mußte nur noch die Päpstlichen in Worms als mut- und wehrlos hinstellen. Wie fein stimmt dann zu dem Bilde von dem zitternden Worms die dann bei Janssen folgende Erzählung von dem furchtbaren Aufruhr gegen die treuen römischen Geistlichen in Erfurt, welchen Luther durch eine einzige Predigt zu entstammen im stande war. Man sieht, Luther, Ficht Kaiser oder Papst, war der Herr der Situation, der zu fürchtende. Evers schreibt^'): Mir haben bei dem Erfurter Pöbelaufruhr uns nur zu dem Zweck aufgehalten, um daran ein Beispiel zu geben, daß es von dem heiligsten Priester des Evangeliums ^Luther^ gerade keine Kühnheit war, seinen Triumphzug nach Worms zu halten'.

Wie unsäglich widerwärtig klingen nach dem allen die darauf den Lesern mitgeteilten Aeußerungen Luthers, daß er „allen Pforten der Hölle und Fürsten der Luft Trotz bieten wolle!" .Spottwohlfeile Renommistereien', ruft Evers aus. Und bis zu welcher Höhe muß dann der Ekel vor diesem erbärmlichen Großprahler steigen, wenn uns Janssen alsbald nach Mitteilung solcher Renommistereien schildert: Aber bei seinem ersten Verhör vor dem Kaiser und der Reichsversammlung war Luther keineswegs in einer zuversichtlichen Stimmung'; Bedenkzeit bittet er sich aus, obwohl eine ungemein einfache Frage ihm vorgelegt ist; in seiner Angst kann er kaum sprechen; er redet so leise, .daß man ihn auch in der Nähe nicht wohl hören konnte, als ob er erschrocken oder entsetzt wäre'. Also trotzdem er absolut nichts zu fürchten hat, vielmehr dem Kaiser und dessen Anhängern vor ihm und seinem Anhang bange sein muß; nachdem er eben noch erklärt: „Wir sind Willens, Satan zu schrecken und zu verachten"; ist er nun so sinnlos furchtsam, — es ist .die vor dem Rauschen eines Blattes erschreckende Heldenherzigkeit'.'22) Um folgenden Tage freilich zeigte er sich anders. Aber weshalb? Janssen berichtet, Hutten habe ihn unterdeß .zur Standhaftigkeit ermahnt' mit der Zusicherung: „Jch werde selbst das Schrecklichste wagen". So .bewies' denn Luther keineswegs seinen Mut, wenn er nunmehr.unerschrocken jeden Widerruf versagte', sondern nur .die von seinen Freunden gewünschte Standhaftigkeit'. Ja, genau betrachtet war auch diese nichts als die Folge seiner — Feigheit. Denn, so läßt Janssen den Feind Luthers, Thomas Münzer, berichten, Luther wäre vom Adel erstochen worden, wenn er in Worms gewankt hätte. Freilich hat Janssen nicht den Mut, die Richtigkeit dieser lächerlichen Behauptung geradezu zu verteidigen. Er muß ja fürchten, bei protestantischen Lesern für immer allen Credit zu verlieren. Er sagt daher nur: .Unzweifelhaft ist, daß Luther in Worms unter dem Einfluß des revolutionären Adels stand. Thomas Münzer ging in einer Schrift gegen ihn sogar soweit, zu behaupten.. .' Aber wozu teilt er dann diese Behauptung mit? Jst ein Geschichtswerk, wie das seinige, dazu da, alle Verdächtigungen, die gegen Luther vorgebracht sind, der Mitwelt vorzutragen, auch wenn sie nur lächerlich sind? Warum sagt Janssen nicht, daß er diese Münzersche Albernheit für das halte, was sie ist? Oder hofft er, es würde selbst von solcher Lüge etwas an dem Reformator hangen bleiben? Jenes römische Buch z. B., das sich .Geschichtslügen' nennt, schreibt schon: .Thomas Münzer hatte sehr Recht, da er anno 1524 Luther den Vorwurf machte —'.'n)

Bewundernswert ist die Sorgfalt, mit der Janssen an diesem Bilde gemalt hat. Nichts wird unerwähnt gelassen, was nur irgendwie herangezogen werden kann, um diese Schilderung einleuchtend zu machen. Wenn da jemand in der Nacht einen Zettel am Rathause befestigt, worin es heißt, man werde den gerechten Luther nicht verlassen, sondern mit vierhundert verschworenen Edelleuten und achttausend Mann den Fürsten und Pfaffen großen Schaden bringen, so verwendet er dieses in vollem Ernst, während doch kein Mensch ahnt, wer oder wo diese Ritter oder ihre Truppen gewesen seien. Ja, er fügt hinzu, um die Leser erschaudern zu machen: .Der Zettel schloß mit dem gefürchteten Losungswort aufrührerischer Bauern: Bundschuh, Bundschuh, Bundschuh'.^) Er scheint nicht zu bemerken, daß schon diese Unterschrift unmöglich macht, die Geschichte ernst zu nehmen, da Edelleute sich doch nicht mit .Bundschuh' unterzeichneten. Auch läßt Janssen uns nicht erfahren, was man damals über den Ursprung dieses bösen Zettels gedacht hat. Hutten z. B, der noch am ehesten darum wissen konnte, hielt für das wllhrscheinlichste, daß der Zettel von Luthers Feinden angeschlagen sei, um die Gemüter der Fürsten gegen ihn einzunehmen.'^) Ebensowenig teilt Janssen uns mit, daß auch ein gegen Luther gerichteter Zettel angeschlagen worden ist.^«)

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