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Papstes an seine beiden Legaten in Deutschland angewandt, welche in denselben Tagen ausgefertigt sind. Die Echtheit dieser drei Stücke aber läßt sich nicht mehr bezweifeln, seitdem Evers die Originale im Vatikanischen Archiv aufgefunden hat.'") Der ganze Ton der beiden Breven bezeugt die zornige Erregtheit des Papstes, seine .Entrüstung über die deutsche Treulosigkeit gegen den Glauben und die Güter der Christenheit', wie Evers es nennt. Das erste Breve schließt mit einem Gebet, in dem es heißt: Mufe entweder die gottlosen Gesinnungen dieser Menschen zur Gesundheit zurück, oder strecke gegen die Verstockten das gezückte Schwert deines Gerichtes aus.' Das zweite Breve geht ebenfalls in ein Gebet aus, dessen Schlußsatz beginnt: .Die aber, deren Gesinnungen von dem, was recht und wahr ist, sich abgewandt haben, wollest du, wenn sie heilbar sind, zur Einsicht des Lichts der Wahrheit zurückführen; wenn sie aber in ihrer Verderbtheit schon verstockt sind, wollest du sie von der Heerde und Gemeinschaft deiner Gläubigen sobald als möglich austreiben, damit sie nicht durch ihre Verführung den übrigen Verderben bringen.' Dieses Gebet des Papstes aber mußte, wenn es nicht eine Unwahrheit sein sollte, durch den Stellvertreter Gottes auf Erden, durch den Papst selbst, seine Erhörung finden. Daher jenes speciell an Kajetan gerichtete Breve.

So können wir uns auch nicht mehr über das Schreiben wundern, welches unter dem 25. August 1520 der oberste Leiter des Ordens, dem Luther angehörte, Gabriel Venetus, an den sächsischen Provinzial des Ordens, Gerhard Hecker, richtete.^) Hier wird auf ein päpstliches Breve hingewiesen, welches Luther als vollendeten Ketzer hinstelle, und befohlen, diesen bei Strafe des Verlustes aller Würden und Aemter zu ergreifen, einkerkern zu lassen und an Händen und Füßen gefesselt in Gewahrsam zu halten; endlich ihm die Vollmacht erteilt, wenn es zur Ausführung dieses Befehls nötig sei, Bann und Jnterdikt zu verhängen.

Alle diese Thatsachen werden von Janssen und Genossen nicht erwähnt. Dann ist's freilich bequem, über Luthers .Verfolgungsfurcht' zu spotten. Nur Evers redet davon. Trotzdem aber schreibt er: .Hätte Luther sich in Rom gestellt, so wäre Leo X. zweifelsohne froh gewesen, einen Grund zur Niederschlagung der Sache in Händen zu haben'. Gewiß, er würde dann nicht unterlassen haben, .die Sache', welche Luther für Gottes Sache hielt, die Sache, welche dann der Papst .in Händen hatte', ein für alle Mal .niederzuschlagen'. Eben dieses aber wollte Luther nicht. Und nur dann wäre er vielleicht noch .aus Rom zurückgekommen', wenn er Widerruf geleistet und damit selbst zur Vertilgung der von ihm verfochtenen Wahrheit beigetragen hätte. So scheint auch Evers zu denken. Er weiß, eines Luthers Leben war nicht in Rom gefährdet: .Bei der bekannten zärtlichen Fürsorge, welche Luther seinem Körperchen schenkte und bei seiner persönlichen Feigheit im Angesichte wirklicher Gefahr, ist gar nicht zu bezweifeln, daß er in Rom bald mürbe geworden und zu Kreuze gekrochen sein würde, ohne daß ihm Daumschrauben angelegt worden wären'. Nun also soll doch in Rom .wirkliche Gefahr' für Luther vorhanden gewesen sein? Wie lange wird Evers noch bei Janssen in die Schule gehen müssen, ehe er ein wenig von dessen Vorsicht gelernt hat! Er kann auch nicht ganz verheimlichen, warum die Feinde der Reformation so grimmig darüber sind, daß Luther nicht nach Rom gegangen, warum sie ihn als feig verspotten: .Hätte der Papst', sagt Evers, .Luther rechtzeitig in eine gedeihliche Klosterhaft gesteckt, so wäre all das große Unglück wohl verblieben'; .es gab nur ein Mittel, die Sache zu ersticken, das war, diesen aalartigen, unverbesserlichen, in allen Lügen und Winkelzügen und in jeder Art von Heuchelei bewanderten Demagogen für immer in ein Kloster einzusperren und zwar außerhalb Deutschlands'. Wäre Evers nicht früher Protestant gewesen, sondern in katholischen Anschauungen aufgewachsen, so würde er wohl anstatt der .gedeihlichen Klosterhaft' noch etwas anderes befürwortet haben. Er würde etwa mit einem anderen Katholiken der neuesten Zeit, dem auch von Janssen gern citierten Dr. Valentin Gröne, schreiben: .Wäre es denn nicht besser gewesen für den Staat als s8i«!^ für die Kirche Deutschlands, man hätte Luther außer Stand gesetzt zu schaden, oder man hätte ihn schlimmsten Falls selbst auf dem Scheiterhaufen wie Huß sterben lasten, als daß er ganze Völker und Nationen, Tausende der edelsten Menschen*) ins Verderben führte, sie um Ruhe und Seligkeit brachte? Wenn das schon Hochstraten einsah, wenn er nach den Gesetzen der Zeit, die den Tod eines hartnäckigen Ketzers forderte,**) Luther für den Scheiterhaufen reif erklärte; hat er denn etwas gethan, weßwegen er von uns einen Vorwurf verdiente? Wo möchte ein Protestant sein, der es mit der Wahrheit hält und die Lage jener Zeit und die Folgen des unglücklichen Kampfes, den Luther anhob, mit unparteiischem Auge übersieht und beurteilt,***) der jenem Ausspruch des Kölner Dominikaners nicht seinen sollen Beifall zuwendet? Besser ist, einer stirbt, als das ganze Volk geht zu Grunde'. Ebenso schrieb man zur Zeit der Reformation; .Christus sagt' — so meint der milde Dietenberger i. J. 1523 — .es wäre besser, daß der, durch welchen Aergernis kommt, im Meer mit einem großen Mühlstein ertränkt würde, ehe das Aergernis erwüchse. Wollte Gott, man hätte an dir ^Luther^ diesen Rat Christi vor drei Jahren vollbracht!'^') Und schon damals that man wie der Fuchs in der Fabel, welcher den Hasen wegen seiner Feigheit verspottete, weil derselbe nicht seinen Kopf in den Rachen des Fuchses stecken wollte. „Sie trotzen", schreibt Luther, „warum ich so zaghaft sei und nicht gen Rom komme. Gerade als hätte Christus mutwillig zu Hannas, Kaiphas, Pilatus, Herodes Haus gelaufen und sich heißen tödten. Jch meinte, es wäre genug, wenn ich still stände, nicht flöhe, und ihrer wartete, wo ich bin, bis sie mich wie Christum holten und führten, wo sie hin wollten. So soll ich ihnen nachlaufen und sie treiben, mich zu tödten. So klüglich geben sie alle Dinge vor".'") Nach dem, was wir über die Jntentionen des Papstes erfahren haben, macht es doch einen gar eigentümlichen Eindruck, wenn wir denselben in seiner gegen Luther erlassenen Bannbulle sich darüber beklagen hören, daß dieser nicht auf die Citation hin .ohne Furcht und Scheu, welche die vollkommene Liebe austreiben sollte', nach Rom gekommen sei.'<»)

*) Merkwürdig, daß die Anhänger der Reformation mit einem Mal die edelsten Menschen sind!

**) Wozu diese Entschuldigung Hoogstratens mit schlechten .Gesetzen', wenn er doch unsern .vollen Beifall' verdient?

*»*) Aber solche Protestanten giebt es leider nicht nach römischer Ansicht.

Ob Luther den Mut besaß, sein Leben für seinen Beruf aufs Spiel zu setzen, zeigte sich !bald. Der Kurfürst hatte bewirkt, daß Luther nicht nach Rom zu gehen brauchte. Er hatte aber auch noch soviel Vertrauen zu dem päpstlichen Legaten Kajetan, daß er darein willigte, Luther solle vor demselben in Augsburg erscheinen. Die Freunde Luthers aber wurden aufs Höchste bestürzt. Sie rieten ihm dringend davon ab, der Weisung zu folgen; er sei nicht dazu verpflichtet.^«) Er selbst hatte das klare Bewußtsein, in welche Gefahr er sich begeben würde."") Wohl sah er schon im Geiste den Scheiterhaufen vor sich; wohl machte er sich klar, was für eine Schande er seinen Eltern bereiten würde, wenn er als vermaledeiter Ketzer verbrannt würde.^2) Und die vorhin angedeutete Lage der Dinge zeigt, daß seine Befürchtungen wohl berechtigt waren. Aber dem klaren Willen seines Kurfürsten zu folgen, hielt er für seine Pflicht. Auf der Reise schrieb er: „Jch habe einige Leute in meiner Sache kleinmütig gefunden, sodaß sie auch anfingen mich zu versuchen, ich sollte nicht nach Augsburg gehen. Aber ich bestehe fest darauf. Es geschehe der Wille des Herrn. Auch in Augsburg, auch mitten unter seinen Feinden herrscht Jesus Christus. Es lebe Christus, es sterbe Martinus!"'«»)

Sehr schwüle Luft liegt über jenen Tagen zu Augsburg. Die Freunde in der Stadt, an die der Kurfürst seinen Luther empfohlen, wußten schon soviel von den ihm drohenden Gefahren, daß sie ihm nicht gestatten wollten, vor dem Legaten zu erscheinen, ehe er nicht von dem in der Nähe befindlichen Kaiser einen Geleitsbrief erhalten habe. Unterdeß aber erschien immer wieder ein Abgesandter des Legaten, der ihn zu bewegen suchte, auch ohne das sich in die Wohnung desselben zu begeben. Und nicht ohne Eindruck blieb auf Luthers Anschauung von seiner Lage diese düstere Stimmung. Aber nichts von Furcht beschlich ihn. „Sei ein Mann", schrieb er an Melanchthon, „und lehre die jungen Leute recht! Jch bin auf dem Wege, mich für sie und euch opfern zu lassen, wenn es Gott gefällt. Denn ich will lieber sterben als das, was ich richtig gelehrt habe, widerrufen"."«)

Eigentümlich aber kontrastiert mit diesen sichern Worten das Benehmen Luthers, als er dem Kardinal gegenübertrat. Offenbar wurde er von einer Art Schüchternheit befallen. Wenn er die herkömmlichen devoten Förmlichkeiten mit fast ängstlicher Sorgfalt erfüllte, indem er sich vor dem Kardinal auf das Angesicht warf und, als dieser ihm aufzustehen erlaubte, noch eine Weile in liegender Stellung verharrte, um erst einen zweiten gnädigen Wink abzuwarten: wenn er dann demütig um Verzeihung bat, falls er unbedachtsam gelehrt oder gehandelt habe; so wird klar, daß er nichts von jenem verwegenen, selbstbewußten, trotzig unbeugsamen Mute besaß, wie ihn Revolutionäre zur Schau tragen. Ja, man könnte diese Verlegenheit völlig mißdeuten, wenn nicht ein anderer Zug damit verbunden sich gezeigt hätte. Sobald es nämlich um die Sache sich handelte, die er vertrat, war er ein völlig anderer. Dann erschien er dem großen Manne, dem er gegenüberstand,. als unverschämt. Macht man sich klar, wer es war, mit dem er zu thun hatte; erinnert man sich etwa daran, daß dieser Kajetan vor ein paar Jahren durch die Macht seiner Persönlichkeit und die Gewalt seiner Rede ein ganzes widerspenstiges Concil dem Papste zu Füßen gelegt hatte, daß er die Kirchenfürsten, welche die Macht des Papstes hatten beschränken wollen, zur Unterwerfung unter den Satz gezwungen hatte: .Die Kirche ist die geborene Magd des Papstes'; so muß man staunen über die unbeugsame Festigkeit, mit der Luther diesem Manne gegenüber bei dem beharrte, was er für göttliche Wahrheit erkannt hatte, und über den hohen Mut, mit dem ihn die Ueberzeugung, Gottes Sache zu vertreten, erfüllte.

Die Römischen freilich benutzen gerade die .Augsburger Tragödie', um Luthers Feigheit im grellsten Lichte darzustellen. .Da ihm doch nicht recht geheuer war, brannte er bei Nacht und Nebel durch'.'") .Der Held läuft davon, um nicht vor die Wahl zwischen Widerruf und Opfer gestellt zu werden', so überschreibt Evers^) den Abschnitt, in welchem er von der .feigen Flucht' Luthers erzählt: .Welch günstige Gelegenheit hatte unser

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