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Wille und Gebot, was sollte mich dein Schrecken denn bewegen, daß ich solche Freude im Himmel und Lust meines Herrn sollte hindern und dir mit deinen Teufeln in der Hölle ein Gelächter und Gespött über mich anrichten und hofieren? Nicht also, du sollst's nicht enden. Hat Christus sein Blut für mich vergossen, warum sollte ich nicht auch um seinetwillen mich in eine kleine Gefahr geben und eine ohnmächtige Pestilenz nicht dürfen ansehen! Kannst du schrecken, so kann mein Christus stärken. Kannst du tödten, so kann mein Christus Leben geben. Hast du Gift im Maul, Christus hat noch viel mehr Arznei. . . Heb dich, Teufel, hinter mich! Hie ist Christus und ich sein Diener in diesem Werk. Der solls walten. Amen".

Wir hoffen, Evers kennt diese Grundsätze Luthers nicht. Denn er erlaubt sich,"?) einen Brief des Reformators, welcher über die Privatkommunion sich ausspricht, dahin zu deuten, als habe Luther aus Angst vor Krankenbetten und insonderheit vor der Pest eine Abschaffung der Krankenkommunion gewünscht. Anton Lauterbach fragte nämlich einmal schriftlich bei Luther an, wie er es mit der Krankenkommunion halten solle. Luther, welcher bekanntlich auch der nicht vollkommenen sondern abänderungsbedürftigen kirchlichen Ordnung folgte, falls diese nicht eine direkte Sünde gebot, antwortet ihm, er wisse doch, welches die zu Recht bestehende Ordnung sei, und habe sich vorläufig darnach zu richten, wenn er gleich dabei erklären möge, daß eine andere Bestimmung getroffen werden müsse. Denn zugleich verhehlt er nicht seine ernsten Bedenken gegen diese Jnstitution. Jm Mittelalter galt — infolge der falschen Anschauung über die Notwendigkeit der Beichte vor dem Priester — „ungebeichtet sterben" in der Regel als gleichbedeutend mit „unselig sterben", und das Kirchengesetz hatte bestimmt, daß keiner kirchlich beerdigt werden dürfe, welcher nicht im letzten Jahre gebeichtet und kommuniciert habe. Jnfolgedessen verlangten auch durchaus Gottlose auf dem Sterbebette mit den Sterbesakramenten versehen zu werden, ebenso, wenn ihrem Leben Gefahr zu drohen schien. Diesem Verlangen kommt die römische Kirche so bereitwillig entgegen, daß Sterbende absolviert werden müssen, wenn sie auch nur .in die Absolution einwilligen', ja Sterbende, welche .besinnungslos sind, wenigstens bedingungsweise absolviert werden müssen, wenn sie vor dem Verlust ihrer Sinne einen Priester rufen ließen, indem man dann annimmt, daß sie wirklich beichten wollten'.

Dem gegenüber meint Luther, das Richtige sei, wenn das Volk verlerne, auf den Abendmahlsempfang auf dem Sterbebette seine Zuversicht zu setzen, wenn „jeder drei- oder viermal im Jahre kommuniciere und dann, durch das Wort gestärkt, entschlafe". Denn gegen die Privatkommunion macht er ein Doppeltes geltend. Zuerst, es könne Zeiten geben, wo die Leute einzeln in ihren Häusern mit dem Sakrament zu versehen geradezu unmöglich sei. Er hebt Pestzeiten hervor, in denen ganze Massen zugleich dahingerafft werden. Er hätte etwa auch an die Bedienung der Soldaten vor einer Schlacht erinnern können. Wie soll es denn möglich sein, die Beichte von Tausenden, denen der Tod droht, zu hören? Evers freilich schreibt dazu: .In der katholischen Kirche ist das kein schier unmöglich Werk und Arbeit'. Aber er wird doch auch wissen, wie diese Kirche solches Merk' möglich gemacht hat. Jn solchen Fällen braucht eben nicht jeder einzelne zu beichten und absolviert zu werden, sondern es werden alle, wenn sie nur irgend .ein allgemeines Zeichen der Reue und Beichte gegeben haben, durch ein einmaliges Sprechen der Formel: Jch absolviere euch, absolviert'.^") So aber mochte Luther sich nicht helfen. Das machte ihm schon das andere Bedenken unmöglich, welches er gegen die Krankenkommunion ausspricht, das Gewissensbedenken.

Wie jeder treue evangelische Geistliche manch liebes Mal es Luther nachgefühlt hat, so empfand es dieser als eine oftmals kaum zu ertragende „Knechtschaft der Kirche", daß man den der Kirche völlig Entfremdeten, „die soviele Jahre das heilige Sakrament verachtet haben oder gar ihr Leben lang nicht einpfangen", das Allerheiligste reichen soll, sobald die Todesangst sie nach einem leichten Mittel, doch noch in den Himmel hineinzuschlüpfen, begehren läßt, oder auch nur die Furcht vor dem Schimpf der Versagung des kirchlichen Begräbnisses sie treibt. Jn gewöhnlichen Zeiten kann man vielleicht noch den Kranken vorher unterweisen und ihm klar machen, daß ohne aufrichtige Bekehrung das heilige Abendmahl zum Verderben empfangen wird. Aber „zur Zeit der Pestilenz", wo soviele plötzliche Erkrankungen vorkommen und der schnelle Eintritt des Todes alle seelsorgerliche Einwirkung unmöglich macht, ist dem treuen Seelsorger diese Gewissensnot, ob er das Abendmahl reichen dürfe, fast unerträglich. Das ist's, was Luther sagt. Ein Römischer kennt freilich diese Gewissensnot nicht, da nach römischer Lehre auch solche Galgenreue zum segensvollen Empfang des Abendmahls genügt und solche Unterwerfung unter das Beichtgebot der Kirche ewigen Segen bringt. Aber damit hat er nicht das Recht gewonnen, Luther's Absicht so entsetzlich zu entstellen, als hätte dieser sich vor der Pest gefürchtet. Evers weiß doch, wie derselbe Luther wenige Tage vorher gehandelt hat. Jm November 1539, wo er jenen Brief schrieb, war die Pest wieder nach Wittenberg gekommen. M selbst, zwar' schreibt Evers 2") der Sache nach richtig, .war nicht entwichen, er hatte sich im Gegenteil mutig genug gezeigt, um die vier Kinder eines an der Pest gestorbenen Mannes zu sich ins Haus zu nehmen, was um so mehr anzuerkennen ist, als sich deshalb ein gewaltiges Geschrei gegen ihn erhob'."«)

Janssens .Geschichte' weiß nichts von derartigen Beweisen des aus der Berufstreue Luthers entspringenden Mutes. — Aber noch in anderen Gefahren hat der Reformator geschwebt. Rom konnte ja nicht anders, es mutzte ihn unschädlich zu machen suchen, als er nicht zum nackten Gehorsam gegen das Papsttum zu bewegen war. Zu verschiedenen Zeiten und von verschiedenen Seiten erhielt Luther Warnungen, er möge auf seiner Hut sein, da man ihn durch Gift oder Dolch aus dem Wege räumen wolle. Unsere Gegner suchen uns natürlich einzureden: .Die Lächerlichkeit dieser angeblichen Befürchtungen liegt auf der Hand'."') Doch wir können die Frage, welchen Lohn derjenige vom Papste zu erwarten hatte, welcher diese .Bestie Luther' aus dem Wege räumte, bei Seite lassen. Es genügt die Thatsache, daß man zu jener Zeit in den verschiedensten Kreisen, daß Humanisten"«) und Ritter2") und Fürsten,-»«) daß Freunde2«') und Feinde^) Luthers nicht an der Möglichkeit solcher Pläne gezweifelt haben, ja von der Wirklichkeit derselben überzeugt gewesen sind. So ist durchaus nicht zu verwundern, daß Luther derartige Mitteilungen als möglicherweise richtig angesehen hat. Auch hat er die mögliche Gefahr nicht einfach ignoriert. Er erzählte oder schrieb seinen Freunden, was ihm berichtet war. Darnach dürften diejenigen wohl nicht ein völlig zutreffendes Bild von semem Charakter sich zeichnen, welche sich ihn als einen tollkühnen, blind in alle Gefahren sich hineinstürzenden Helden vorstellen. Wir bezweifeln auch, daß ein derartiger Mut die Bewunderung verdient, welche ihm nicht setten gezollt wird. Durch Andichtung einer blinden Verwegenheit kann das Lutherbild nur verlieren. Er besaß von Natur nichts von eiserner Ruhe, nichts von kalter Rücksichtslosigkeit, nichts von stoischer Gleichgiltigkeit. Wie jeder, dessen Gemüt für alle Eindrücke starke Empfänglichkeit, dessen Geist die Gabe scharfer Vorstellungskraft besitzt, war auch seiner Natur die Möglichkeit der Furcht nicht fremd. Gerade so, wie er die unerwünschten Folgen, welche sein Auftreten für andere hatte, nicht gleichgiltig ansah, sondern eher mit seiner Phantasie sich stark ausmalte, wie er dieselben tief empfand und diesen Schmerz erst durch die Gewißheit, daß er nach Gottes Willen nicht anders habe handeln können, überwinden mußte; geradeso konnte sein sanguinisches Temperament eine Gefahr, von der man ihm sagte, nicht ohne weiteres als nichtexistierend ansehen. Vielmehr liegt bei einem solchen Charakter sogar die Möglichkeit vor. daß er sozusagen die Gefährlichkeit einer Gefahr für größer ansieht, als sie in Wirklichkeit ist. Um so größer ist es, wenn solche Charaktere doch nicht Furcht fühlen. Es ist nicht zu bewundern, wenn der, welcher nichts von einer Gefahr weiß und der, welcher sie in tollkühner Blindheit verachtet, sich nicht vor ihr fürchtet. Von wirklichem Mut kann nur bei dem die Rede sein, welcher den Feind kommen sieht und seine Macht kennt. Gerade darum steht Luther so groß da, weil er .Verfolgung und Meuchelmord' für möglich oder wahrscheinlich hielt und doch, trotzdem er fühlte, was das bedeutete, keine Furcht, geschweige denn — wie Janssen-n) dichtet — .krankhafte Furcht' davor empfand.

Schon die Art, wie Luther von diesen Gefahren redet, beweist unverkennbar, daß er dieselben nicht gefürchtet hat. So hatten Halberstädter Freunde ihn gewarnt, es sei ein Mediciner ausgesandt, ihn zu tödten; selbst den Tag seiner beabsichtigten Ankunft in Wittenberg meinten sie zu wissen. Derselbe habe unter Beihilfe der magischen Kunst, sich, wenn er wolle, unsichtbar zu machen, schon einmal einen Menschen getödtet. Janssen behauptet, dadurch sei Luthers Furcht .bedeutend verstärkt'. Woher er das wohl weiß? Luther teilt jenes Gerücht seinem Freunde Spalatin mit.^") Aber wie? Sowenig ist er davon erregt, daß er nicht seinen Brief damit beginnt, nicht sich Ratschlage, was zu thun sei, oder Schutz vom Kurfürsten erbittet, nicht die geringste Aeußerung, was für einen Eindruck die Mitteilung auf ihn gemacht, hinzufügt. Nur am Schluß des Briefes, nachdem er über die beabsichtigte Anstellung eines Professors berichtet hat, erwähnt er auch jene Mitteilung, und zwar so trocken, daß wir vergebens aus der Fassung der Worte herauszufinden suchen, ob er dem Gerücht Glauben geschenkt hat oder nicht.

.Jnsbesondere', meint Janssen,^) durch Hutten wurde seine Furcht genährt'. Jn einem anderen Briefe nämlich schreibt Luther an Spalatin: „Hutten kann mich nicht genug warnen. So sehr fürchtet er für mich Gift".2«°) Aber diese wenigen Worte sind wieder das Einzige, was er über die ihm drohende Gefahr sagt. Und wozu schreibt er davon? Er fügt es nur an, um eine Bitte zu begründen. Er hatte geschrieben: „Sorge, daß nicht jedermann der Zutritt zu unserm Kurfürsten offen stehe, damit nur nicht jemand ihm mit Gift nachstelle. Denn nichts werden die Römischen unversucht lassen und Hutten kann mich nicht genug warnen. . ." Um sich selbst also hat er nicht einmal Sorge gehabt.

Daher hat er auch keineswegs immer da Gefahren für möglich gehalten, wo seine Freunde solche drohen zu sehn meinten. So war er einst während des Reichstages zu Worms von einem Bischof zu Gast geladen. Als er ein ihm gereichtes Glas an den Mund setzen wollte, fiel plötzlich aus demselben der Boden heraus, daß der Jnhalt verschüttet wurde. Einige seiner Freunde waren der Ueberzeugung, man habe ihn vergiften wollen, Gottes Schutz habe ihn wunderbar davor bewahrt. Er aber war vernünftig genug, zu erklären, das Glas sei einfach deshalb zersprungen, weil man es eben vorher so schnell in kaltes Wasser getaucht

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