Abbildungen der Seite
PDF
EPUB

hält uns vor, dieser habe an Spalatin geschrieben: „Sylvester von Schaumburg und Franz von Sickingen haben mich von der Menschenfurcht befreit. . . Nun fürchte ich nichts mehr." So ist's ja klar, bisher war er von Menschenfurcht erfüllt. Seine spätere Furchtlosigkeit hat er nur durch die Ritter und ihr blutiges Schwert gewonnen. — Doch der fragliche Brief ist lateinisch geschrieben. Und wenn Janssen sogar verlangt, daß wir peeeatum bisweilen mit der römischen Dogmatil falsch, nämlich .Strafen für die Sünden', übersetzen sollen,2«") so können wir doch von ihm verlangen, daß er richtiges Latein nicht falsch übersetze. Bei Luther lesen wir: 8eourum m6 teoit ab nowiuum timors2««). Das heißt doch wohl nicht: Mr hat mich von der Menschenfurcht befreit'2«') sondern: Er hat gemacht, daß ich sin Zukunft^ vor Menschenfurcht sicher bin. So steht also nicht in diesen Worten, daß er bisher Furcht gehegt habe, sondern daß er nun weiß, er werde auch in der Zukunft von ihr verschont bleiben. Und ebensowenig heißt das in einem anderen Briefe vorkommende uidil tiinoiuu» ampliu8: ich fürchte, sondern wir fürchten nichts mehr. Damit meint er aber2«2) nicht sich, sondern er redet von einer ganzen Partei, von welcher er in dem Briefe das speciell von ihm geltende durch die erste Person Angularis unterscheidet. Welches aber war die Besorgnis dieser Partei? Welches die Besorgnis, die nun auch dem Reformator nicht mehr kommen konnte? Daß es den Feinden gelingen werde, wieder einmal das Zeugnis der Wahrheit zu unterdrücken, daß er Deutschland verlassen müsse, um seinem Kurfürsten nicht Unangelegenheiten zu bereiten. Das ist seine Freude, — sagt er, — daß „wenn sie mich aus Wittenberg vertreiben würden, sie nichts erreichen, nur die Sache noch übler machen würden, da nunmehr nicht in Böhmen, sondern auch mitten in Deutschland solche sind, welche den Vertriebenen schützen können und wollen."2^) Mer auch hierüber freut er sich nicht um seiner persönlichen Sicherheit willen, sondern weil er nun für die Sache weiter kämpfen kann. Darum schließt er den Brief mit dem Wunsche: „Der Herr wird seine Sache, sei es durch mich, sei es durch einen anderen, hinausführen; daran zweifle ich nicht". Ja, wenn man bei Janssen jenen Satz liest: .Sie haben mich von Menschenfurcht befreit', so muß man darunter verstehen, Luther freue sich, daß er vor Leiden um des Evangeliums willen sicher sei. Jn Wirklichkeit aber dient der Satz, von dem Janssen eine zugestutzte Hälfte mitteilt, zur Begründung der Ueberzeugung, daß er unmöglich ohne Leiden bleiben könne. So lautet es vollständig: „Sei eingedenk, daß wir für das Wort leiden müssen. Denn weil mich jetzt Sylvester Schaumburg und Franz Siöingen vor Menschenfurcht gesichert haben, so ^bleiben darum die Leiden doch nicht aus, so werden sie durch andere erregt werden; es^ nmß auch der bösen Geister Wut erfolgen".

Oft hat Luther in jenen Jahren geäußert, er fürchte. Daraus wollen seine Gegner seine Furchtsamkeit folgern. Aber das Gegenteil von diesem „fürchten" ist nicht „mutig sein", sondern „hoffen", wie Luther es auch wohl in einem Satze nebeneinanderstellt: „Meine Sache steht so, daß ich sowohl fürchte als auch hoffe".2") Nicht für sich also, nur für die von ihm verfochten« Sache hat er gefürchtet. Er hat nicht „sich gefürchtet."

Doch, damit klar werde, was für eine Stimmung Luthern erfüllte, als schon schwere Gefahren ihm drohten und noch keiner jener Ritter sich ihm zuneigte, führen wir noch ein paar seiner Worte aus jener Zeit an. Am 14. Januar 1520 schreibt er an seinen Freund Svalatin: „Jch habe mich ergeben und geopfert in dem Namen des Herrn. Sein Wille geschehe! Wer hat ihn gebeten, mich zum Doktor zu machen? Wenn er mich dazu gemacht hat, so geht es ihn an, oder so mag er mich vernichten, wenn's ihn gereut, mich dazu gemacht zu haben. So garnicht verzagt macht mich.diese Trübsal, daß sie vielmehr die Segel meines Herzens unglaublich anschwellen macht, sodaß ich jetzt an mir selbst verstehe, warum die Teufel in der Schrift mit Winden verglichen werden. Denn während sie den Wind ihrer Wut ausblasen, blasen sie den anderen, die es leiden, Kraft ein. Nur an dem Einen liegt mir, daß der Herr mir in dem, was zwischen mir und ihm zu verhandeln ist, gnädig sei, und darin wollest du, soviel du kannst, mir helfen. Jene Sache aber mit den Menschen wollen wir in treuem Gebet dem Herrn überlassen, und wollen ohne Sorge sein. Denn was können sie thun? Mich tödten? Können sie auch wieder auferwecken, um noch einmal zu tödten? Mir den Schimpf der Ketzerei anhängen? Aber Christus ist mit den Uebelthätern, Verführern, Gotteslästnern verdammt worden. Wenn ich sein Leiden anschaue, so tränkt es mich sehr, daß diese meine Anfechtung vielen und großen Leuten nicht allein als etwas, sondern auch als sehr groß erscheint, da sie doch in Wahrheit nichts ist. Wir sind nur ganz und gar entwöhnt von Leiden und Uebeln, d. h. von christlichem Leben. Also laß es nur geschehen: je mächtiger jene gegen mich angehen, desto sorgloser werden sie von mir verlacht. Mein Beschluß steht fest, ich will nichts fürchten, sondern alles verachten".^)

Solche .vertraulichen Mitteilungen Luthers an seine Freunde' kennt Janssen — wir meinen: Janssen's .Geschichte' nicht. Ebensowenig weiß er etwas von den Thatsachen zu berichten, welche beweisen, wie rücksichtslos gegen sich selbst, wie furchtlos Luther war, wenn es galt, eine Pflicht seines Berufs zu erfüllen. Z Vergebens suchen wir bei Janssen nach einer Mitteilung aus jenem Briefe, den Luther am 26. Oktober 1516 an seinen Freund Lange schrieb, als in Wittenberg die Pest ausgebrochen war. „Die Pest ist da und ist schon im Beginnen grimmig und schnell genug, besonders unter jungen Leuten. lDu rätst mir zu fliehen? Wohin sollte ich fliehen? Jch hoffe, die Welt wird nicht untergehn, wenn auch der Bruder Martinus dahin ist. Die Brüder >lm Kloster^ freilich werde ich, wenn die Pest weiter um sich greift, sin alle Welt aussenden. Jch aber bin hierher gesetzt. Der Gehorsam verbietet mir zu fliehen, bis der Gehorsam, der mir Hier zu sein^ befohlen hat, wiederum mir befiehlt fton hier fortzugehen^".2««) Nur ein einziger unserer römischen Gegner weiß um diesen Brief, da er in früherer Zeit, als er noch „evangelischlutherisch" war, Luther um dieses seines Mutes willen zu bewundern gelernt hat. Es ist Evers. Aber da dieser Brief nicht stimmt zu dem römischen .zitternden' Luther, so muß er das Gegenteil von dem zeigen, was er sagt. Und was sein muß, kann auch sein. Man möchte es in diesem so klaren Falle für unmöglich halten. Aber nein. Evers zeigt eben aus diesem Briefe, daß die evangelische Lehre dem Menschen allen sittlichen Mut raube. Denn derselbe Luther, welcher nach seinem Abfall von der .Kirche',

von so .komischer Angst für sein Körperchen' erfüllt war, zeigte vorher so herrlichen Mut, wie jener Brief dokumentiert. Evers schreibt: Als Luther noch katholischer Priester war, kam die Pest nach Wittenberg. Seine Freunde drangen

in ihn, sich davon zu machen. Er antwortet Das war

die Sprache des katholischen Priesters'.«') Jn der That, die Kunst der römischen Lutherbiographen ist groß. Doch zum Glück nicht zu groß, um nicht bei näherer Erwägung als das erkannt zu werden, was sie ist.

Am 26. Oktober 1516 also soll Luther noch ein echter, pflichtgetreuer, mutiger katholischer Priester gewesen sein. Aber was lesen wir bei demselben Evers an einer anderen Stelle? .Jm Jahre 1516 zeigen ,'stch schon die Anzeichen, daß Professor Luther innerlich mit seiner Priesterschaft bereits zerfallen war'.'^«) Oder Janssen sagt: .Schon mehrere Jahre vor Ausbruch des Ablaßstreites stand Luther mit seinen Anschauungen über Gnade, Rechtfertigung und Freiheit des menschlichen Willens außerhalb der Lehre der Kirche'; .die entscheidende Wendung in seiner Entwicklung scheint schon um 1513—1514 erfolgt zu sein'«»). So stand er am 26. Oktober 1516 gewiß schon .außerhalb der Lehre der Kirche', .die entscheidende Wendung' war schon längst eingetreten. Das Raisonnement des Evers ist hinfällig. Doch acceptieren wir einmal die Unterscheidung, welche Evers sich ersonnen hat. Denn Luther war ja im Jahre 1516 noch vielfach in katholischen Anschauungen befangen. Was ergiebt sich dann? .Als er noch katholischer Priester war', schrieb er schon obige herrlichen Worte; doch fügte er noch hinzu: „Nicht daß ich mich vor dem Tode nicht fürchtete. Denn ich bin nicht der Apostel Paulus, sondern nur sein Erklärer. Aber ich hoffe, der Herr wird mich von meiner Furcht befreien". Als also bei Luther die entscheidende Wendung schon eingetreten war, aber noch nicht sauerteigartig alles durchdrungen und neu gemacht hatte, fürchtete er sich noch vor dem Tode, ließ sich aber dadurch nicht abhalten, seiner Pflicht zu genügen, und hoffte, Gott werde ihn noch von der Furcht befreien. Wie aber stand es um ihn, als er nicht mehr .katholischer Priester' war? Da hatte ihn Gott von der Furcht befreit. Denn im Jahre 1527 brach wieder die Pest in Wittenberg aus. Luther hätte sich nicht zu schämen brauchen, wenn er der Gefahr aus dem Wege gegangen wäre. Denn die gesamte Universität verließ die Stadt und siedelte nach Jena über. Er aber blieb auf seinem Posten. Wäre auch nur der leiseste Funke von Furcht in ihm gewesen, wie leicht hätte er einen überzeugenden Vorwand für seinen Fortgang aus Wittenberg angeben können, da der Kurfürst ihn brieflich aufforderte, doch auch nach Jena zu gehen, weil man ihn nicht bei der Universität entbehren könne. Er aber blieb, um in der Bedrängnis dem Stadtpfarrer Bugenhagen zur Seite zu stehen.^«) „Jch bleibe", schrieb er an Spalatin, indem er von den einzelnen Todesfällen berichtete, die „um ihn her" vorgekommen seien. „Heute haben wir die Frau des Tilo Dene begraben, welche gestern fast in meinen Armen starb"; „ich bleibe, und es ist notwendig, weil die Furcht unter dem Volk so groß ist. So sind denn Bugenhagen und .ich allein hier mit den Caplänen. Christus aber ist bei uns, so daß wir nicht allein sind".2'') So handelte er selbst genau nach dem, was er zu jener Zeit in seiner Schrift „Ob man vor dem Sterben fliehen möge""-) anderen vorgeschrieben hat: „Wohl billig ist, daß man das Leben suche zu erhalten und den Tod fliehe, wo es sein kann ohne Nachteil des Nächsten". Aber „wo jemand Gottes Wort verleugnete oder widerriefe, auf daß er dem Tode entliefe: in solchem Fall hat jederman einen öffentlichen Befehl und Gebot von Christo, daß er nicht fliehen, sondern lieber sterben soll. Desgleichen die, so im geistlichen Amte sind, als Prediger und Seelsorger, sind auch schuldig, zu stehen und zu bleiben in Sterbens- und Todesnöten. Denn da steht ein öffentlicher Befehl Christi: Ein guter Hirte läßt sein Leben für die Schafe". Wer aber von Furcht angefochten werde, den lehrt er zu dem Teufel sagen: „Hebe dich, Teufel, mit dem Schrecken; und weil es dich verdrießt, so will ich dir zum Trotz nur desto eher hinzugehen zu meinem kranken Nächsten, um zu helfen, und will dich nicht ansehen. . . Wie willig und fröhlich wollte ichs thun, wenns nur einem Engel wohlgefiele, der mir zusähe und sich mein darüber freute! Nun es aber meinem Herrn Jesu Christo und dem ganzen himmlischen Heere wohlgefällt und ist Gottes, meines Vaters,

« ZurückWeiter »