Abbildungen der Seite
PDF

MITTHEILUNGEN

AUS

JUSTUS PERTHES' GEOGRAPHISCHER ANSTALT

ÜBER

WICHTIGE NEUE ERFORSCHUNGEN'

AUF

DEM GESAMMTGEBIETE DER GEOGRAPHIE

VON

DR A. PETERMANN.

1857.

[graphic][merged small]

BERNHARDT PERTHES.

Bernhardt Perthes, geb. zu Gotha den 3. Juli 1821, war der älteste und nach dem Tode eines jüngeren Bruders auch bald wieder der einzige Sohn von Wilhelm Perthes, dem Sohne des ersten Begründers der dessen Namen tragenden Handlung „Justus Perthes" — von mütterlicher Seite ein Enkel von Friedrich Perthes und ein Grossenkel von Matthias Claudius. Er durfte wohl stolz auf solche Ahnen sein und er war ihrer nicht unwürdig. Ihm war aber nicht wie diesen Männern vergönnt, seine Entwickelung auszuleben, sich gleich ihnen nach innen und aussen harmonisch zu entfalten, aus dem Durcheinander seiner Strebungen und Erfahrungen wieder in sich einzukehren, die Rechnung abzuschliessen und, hienieden fertig, sich nach dem Hufe zur Ruhe zu sehnen. In der Blüthe seiner Jahre und seiner Kraft, ruitton aus dem vollsten Schaffen und Wirken ward er hinweggenommen.

Bernhardt Perthes hatte, nachdem er in seiner Kindheit mancherlei Leiden überwunden, einen festen, gesunden Körper, dem er jede Anstrengung zumuthen durfte und zumuthete. Zu Ende des Sommers von einem längeren Aufenthalte in den Bergen des Thüringer Waldes heinigekehrt, begann er von Neuem seine kaum unterbrochene rastlose Thätigkeit. Bald fühlte er sich zwar unwohl und musste auch das Bett hüten, aber ihn ahnte nichts von der schweren Krankheit, die sich entwickelte. Sein Sorgen und Fürchten, sein Hoffen und Beten galt vor Allem dem Befinden seines ältesten Kindes, das, von einem schleichenden Nervenfieber befallen, ihm zur Seite lag. Von da an nahm die eigene Krankheit eine ernste Wendung. Er selbst schien für pich bedenklich zu werden und machte wohl auf schlimme Symptome aufmerk-sam, — aber den Tod sah er nicht vor sich, sein Lebensmuth entschwand ihm nicht, bis die Krankheit ihren Schleier über seinen Geist warf, durch den das Bewusstsein nur seltene Male, wenn er die Hände betend faltete oder mit den Augen nach Frau und Mutter suchte, durchblicken konnte. Der Typhus hatte sich vollständig ausgebildet. Das Leben rang gewaltsam mit dem Tode, die ungebrochene Jugendkraft verzehrte sich nur durch langen, schwankenden Kampf und erlag erst, nachdem die Krankheit vielfache Phasen durchschritten hatte. Einige Stunden vor dem Tode trat Ruhe ein, aber das Bewusststin

blieb umhüllt; sanft ging er hinüber, am späten Abend des 27. Oktober 1857.

Bernhardt Perthes war keine nach innen gekehrte, reflectirende Natur. Seine Seele war auf rastloses Wirken und Schaffen nach aussen gerichtet. Alle seine Anlagen, seine ganze Entwickelung, unterstützten diese Richtung seines Geistes. Den regelrechten Gang der Schule hatte er, zuerst durch ein Halslciden, dann durch eine Augenkrankheit behindert, nicht durchgemacht. Hirn entgingen dadurch die eigentlichen Schulkenntnisse und die intellectuelle Schulung des Geistes, aber dafür war ihm, was durch diese bei uns Deutschen so leicht verhindert wird, die naturwüchsige Entwickelung des Charakters unbeengt, ungebrochen geblieben. Auch später hatte er nicht die drückenden Fesseln einer strengen Lehr- und Dienstzeit zu tragen lind namentlich während seiner Stellung in der Handlung seines nachherigen Schwiegervaters Mauke zu Hamburg und unter dessen Führung weniger eigentlich dienen als arbeiten, aber stetig und überaus angestrengt arbeiten gelernt. Nach Reisen im Auslande trat er — ein erst 23jähriger Mensch — als Mitverwalter in seines Vaters grosses Geschäft ein. Dieser lohnte die kindliceh Verehrung und Liebe, mit der ihm der Sohn entgegenkam, durch die Gewährung einer gleichheitlichen und möglichst freien Stellung an den jugendlichen Compagnon und war weit entfernt, diesem seine Anschauungen und Gesichtspunkte aufprägen zu wollen, sondern fand — ein gewiss seltener Fall — in der Bestrebung und Richtung des Sohnes die eigene verjüngt wieder. So war denn Bernhardt Perthes Zeit seines Lebens stets zum freien Handeln und Selbstbestimnien angeregt, nur auf seine eigene Verantwortlichkeit hingewiesen, seine Anschauung früh von dem Kleinlichen und Nebensächlichen abgelenkt, sein Blick stets auf das Grosse und Ganze gerichtet, schon der Jüngling — möchte man sagen — zum Herrschen erzogen.

Wer sieht nicht, dass diess ein gefährlicher Weg gewesen: Aber die äussere Sicherheit ist es auch nicht, das den Gang des bedeutenden Meeschen kennzeichnet. Wie diesem die Sicherheit gewährt, ist etwas Anderes, als ängstliche Umhegung des Weges. Und dieses Andere war Perthes' schönstes Erbtheil seiner Väter. Er war in einem Hause aufgewachsen, in welchem der Geist wahrer Liebe und frommen Glaubens wehte. So wenig sich der früh in die "Welt hinausgestellte, noch unreife Jüngling dessen bewusst war, dieser Geist hatte ihn begleitet, war in Berlin, wohin Perthes zuerst kam, durch einen treuen Freund neu belebt und gestärkt worden und hat ihn hier wie dann in Hamburg in dem ersten Aufbrausen jugendlicher Lust vor manchen Gefahren geschützt, aus manchen Yerirrungen zurückgeführt, in ihm die Liebe zu seinen Eltern, die ihn nimmermehr hätte sinken lassen, wach erhalten und in ihm nach dem ersten Rausche der Ungebundenheit sehr bald die Sehnsucht nach häuslichem Glücke erweckt, • das ihm nicht lange nachher im reichsten Masse beschert wurde und in welchem er von da an seine einzige Erholung und seine volle Geniige gefunden hat. Er hatte erfahren, was ein christliches Haus bedeutet, und mehr und mehr war er bemüht, auch dem von ihm begründeten eine Ordnung zu geben, die ihn täglich erinnerte an seinen Herrn und Meister, zu dem er sich da, wo es galt (auch noch in der letzten Krankheit), offen und freudig bekannte. So stählte er sich sein Gottvertrauen, das ihn nicht wanken liess, als später der Tod in' kurzer Zeit drei Kinder von seiner Seite riss; so bewahrte er sich den reichen Schatz von Treue und Liebe, die nah und fern in Rath und That jedem Bedürftigen mittheilte, ja verschwenderisch mittheilte; so Schärfte er sich sein Gefühl für die ungeheure Verantwortlichkeit, die ihm sein Besitz und seine Stellung auferlegte; so milderte er die Hitze und Heftigkeit, mit der er wohl ferner Stehende verletzen konnte. Dieser mehr und mehr in ihm Raum gewinnende Geist läuterte und verklärte, brach aber nicht seine frische, ursprüngliche Natürlichkeit, die sich in seiner nie getrübten Heiterkeit und Lebenslust und in seinem derben Humor und gesunden Mutterwitz immer wieder aussprach. Da war nichts Gemachtes und Gesuchtes, da war Alles volle und reine Wahrheit. Nichts hasste er so sehr, als Schwäche und Halbheit, als frömmelnden Wortschwall oder hohlen Geistcsdünkel. Er selbst war sich seiner Bedeutung wohl bewusst, aber er kannte die Schwächen seines Willens und Wissens und bewahrte sich stets eine echte und ungesuchte Bescheidenheit, ja Demuth. Der tiefste Zug seines ganzen Wesens war und blieb aber eine unerschöpfliche Liebe, die er über all' die Seinigen im reichsten Masse ausströmte, die ihn, den noch so jugendlichen Mann, bald zum Mittelpunkte eines grossen Familien- und Freundeskreises machte, und die der letzte Grund des Zaubers seiner Persönlichkeit war, die bald durch Zartheit und Kiicksichtnahme, bald durch Opferfähigkeit und Dienstwilligkeit, bald durch eingehendes Yerständniss und Theilnahme, bald durch selbstlose Strenge und Ernst alle Würdigen gewann, die sich ihm nahten.

Wohl waren alle diese Züge noch in der Entwickelung begriffen, wohl waren sie noch nicht überall zu einem völligen Einklang durchgebildet, wohl lief Perthes noch manche schwere Gefahren, aber der Weg, den er eingeschlagen, war gewiss ein guter Weg.

Eine solche Natur, eine solche Entwickelung war wohl dazu angelegt, auch in dem beschränkten Wirkungskreise des Privatmannes Grosses zu schaffen, und wiederum können wir sie am besten in diesem ihrem Schaffen und Walten beobachten.

Vor Perthes' Seele stand der Gedanke, in seinem Institut einen neuen Mittel- und Einigungspunkt für die gesammte Erdkunde in allen ihren Zweigen zu schaffen Diese hob sich gerade jetzt durch die ganze Richtung unserer Zeit, durch die immer fortschreitende Communication mit allen Theilen der Erde, durch das bewundernswürdige Aufblühen aller exaeten und erfahrungsmässigen Wissenschaften zu einer bis dahin kaum geahnten Höhe. Wie? wenn die in allen Theilen der Erde erfolgenden Forschungen eine Stelle fanden, nach der sie mittelbar oder unmittelbar zusammenfliessen konnten, hier zusammengefasst, verglichen, geeint wurden und von hier aus als ein Ganzes durch die Mittel der Schrift oder der Karte wieder zurückstrahlen und nicht bloss die Gebildeten stets mit den Fortschritten der geographischen und statistischen Wissenschaften bekannt erhalten, die Lernenden stets gleich auf den neuesten Stand derselben erheben, sondern auch und vor Allem ihrerseits in ihrem ganzen Umkreise zu neuen Forschungen und Entdeckungen berichtigend und belebend mitwirken konnten? Es war das ein Ziel fast zu kühn für einen Einzelnen, fast zu gross für ein Privatunternehmen. Aber vor der Grösse eines Planes schrak Perthes nicht zurück. Ob er ihn je durchgeführt, wer wollte es sagen? Vielleicht mochte er selbst sich die Hoffnung kaum gestehen. Aber keinenfalls schritt er zaghaft zu der bereits bei Lebzeiten seines Vaters vorbereiteten Ausführung, nachdem er durch den Tod desselben im Herbst 1853 alleiniger Besitzer des Geschäfts geworden war.

Mit seinem wunderbaren Blick für Dinge und Menschen gewann er für sein Unternehmen einen Mann, der zur allgemeinsten Verbreitung geographischer Kenntnisse das Quellen-Studium der gesammten geographischen Wissenschaft in Verbindung mit der Technik der Kartographie in allen ihren Branchen zu seiner Lebensaufgabe gemacht hatte. Nicht minder lag es Perthes am Herzen, auch eine Kraft näher an sich zu ziehen, deren Beruf es gewesen, die geographische Wissenschaft auf das pädagogische Feld überzutragen, und bald war es ihm gelungen in einem alten Freunde der Anstalt eine Persönlichkeit nach Gotha zu ziehen, deren bezügliche Leistungen bereits in weiterm Kreise gebührende Anerkennung gefunden hatte. Beide Männer gingen im Verein mit einem Dritten, der schon lange nicht bloss der Anstalt angehörig gewesen, sondern sehr bald in Wissenschaft und Technik durch sein Genie Perthes' rechte Hand geworden war, auf dessen Idee willig und freudig ein. Um diese Männer standen theils die ehrwürdigen Veteranen des früheren Geschäfts, theils die neu herbeigezogenen jüngeren Männer, ja es war auch für die Zukunft gesorgt, indem allen diesen Arbeitern Schüler beigegeben waren, die, frühzeitig zu gleichem Sinn und gleichem Streben herangebildet, mit dem Institut gleichsam verwachsen sollten. Ausserhalb dieses Kreises, aber dennoch in beständiger Wechselbeziehung zu demselben standen die Bedactoren der berühmten genealogischen, statistischen Almanache und Jahrbücher, fortwährend aus jenem Kreise Material, Belebung und Förderung ziehend und wiederum mittheilend.

Mit solchen Kräften umgeben, bald von allen Seiten, aus allen Welttheilen mit den Besultaten neuer Entdeckungen und Erforschungen überströmt, in beständigem Wcchselverkehr mit den Heroen der einschlägigen Wissenschaften, — in einer an sich schon so reichen und geistigen Atmosphäre noch durch täglich vorsprechende Beisende, Gelehrte, Künstler, Techniker angeregt, durch häufige Beisen in alle Centraipunkte deutscher Wissensehaft und Kunst erfrischt, ging Perthes an's Werk. Nur der kleinere Theil seiner Unternehmungen ist bereits an's Licht getreten, der grössere und nicht minder werthvollc noch in der Vorbereitung, wenn auch der Vollendung nahe. Um die mannigfache Thätigkeit und wissenschaftliche Bichtung, die in diesem geistig angeregten Kreise herrschte, zu kennzeichnen, genügt es indessen, wenn wir darauf hinweisen, wie nicht nur die berühmten Stieler'schen, Berghaus'schen, v. Spruner'schen, v. Sydow'schen Kartenwerke, im Einklang mit den reissenden Fortschritten der Wissenschaften gehalten, zu neuen, den verschiedenen Bedürfnissen, ja verschiedenen Sprachen und Völkern dienenden Gestaltungen verarbeitet wurden, sondern auch Werke wie die Jahrgänge von „Petermann's Geographischen Mittheilungen", der zeichnenden Methode speciell dienende „Atlanten von „v. Sydow", „Bach's geognostische Ubersichtskarte von Deutschland", „von Stülpnagel's Schulwandkarten", Barth's weltberühmtes Beisewerk u. s. w. in rascher Folge zu Tage traten.

Aber das war doch nur die eine Seite von Perthes' Thätigkeit. Es galt zugleich, die Mechanik der Darstellungsmittel zu heben und zu vervollkommnen. Mit gleichem Geschick und Eifer, ja mit einer gewissen Vorliebe widmete sich Perthes dieser Aufgabe. Wiewohl durch die rastlose Thätigkeit eines der treuesten Veteranen des Ge

schäfts hierin unterstützt, war es doch ganz eigentlich Perthes' Werk, dass die Galvanoplastik auf die dem Kartendruck dienenden Kupferplatten mit einem diesen Druck so wesentlich erleichternden Erfolg angewendet und zu einer solchen Vollkommenheit und Sicherheit gefördert wurde, dass man von allen Seiten nur ihm die Vervielfältigung kostbarer Kupferstiche anvertrauen wollte. Die Stiche fast aller berühmten Bilder sind durch seinen Apparat gegangen. Der Kupferdruek genügte indessen nicht mehr allein. Immer weiter wurde unter Perthes' beständiger Fürsorge und fast täglicher Beobachtung und Nachbesserung der lithographische Buntdruck vervollkommnet, auf immer mannigfaltigeres Colorit angewendet, immer accurater und Teinlicher ausgeführt. Sein Lieblingsgegenstand war aber die G'hemitypie, die von ihm zuerst für Kartenwerke in so ausgedehnter und betimmter Weise benutzt wurde, namentlich in den letzten Jahren seinen erfinderischen Geist stets beschäftigte, und von der er sich noch Grosses versprach. Es würde zu weit führen, wenn wir aufzählen wollten, wie er auch für die äussere Ausstattung und Eleganz und für die wohlfeilere Herstellung auf Alles sein Augenmerk richtete, und wie auch die Aussenseite der bei ihm erschienenen Sachen seinem Geschmacke und Schönheitssinn das Wesentlichste verdankt.

Aber auch für den commereiellen Zweig des Geschäfts war Perthes die Seele des Ganzen. Und hier galt es nach der Universalität und Eigentümlichkeit des Instituts nicht einen gewöhnlichen buchhändlerischen Vertrieb, sondern eine Ausbreitung fast in alle Länder Europa's, ja vielfach weit darüber hinaus. Nicht bloss ein Verkehr mit Buchhändlern reichte hin, auch ein Verkehr mit den obersten Behörden verschiedener Länder, mit Gesandtschaften und Consulaten, mit geographischen Gesellschaften und Akademien war unerlässlieh. So weit derselbe durch t'orrespondenz erfolgte, nahm Perthes wenigstens die Leitung in die Hand; den persönlichen Verkehr besorgte er allein und kam auf diese Art mit den höchsten Behörden vieler Länder selbst' in Berührung. Mit welchem Erfolg er sich auch dieser Seite seiner Stellung gewidmet, dafür giebt Zeugniss, dass seine Kartenwerke nicht bloss über Deutschland, sondern in den verschiedenen Sprachen über ganz Österreich, über England, Schweden, Eussland, Italien Verbreitung schon gefunden haben oder jetzt eben finden werden.

Das Alles war auf der soliden Grundlage, die Wilhelm Perthes gelegt, das Werk von vier Jahren. Nach dem Gesagten wird sich ermessen lassen, wie weit es BernI hardt Perthes' Werk war. So viel aber ist gewiss, dass j dasselbe, wie es schon bei Lebzeiten ihm mannigfache ! Zeichen ehrender Anerkennung von Begierungcn und wis

« ZurückWeiter »