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Das von den beiden preußischen Divisionen hart mitgenommene Frossardsche Korps nahm auf Befehl Bazaines eine Reservestellung auf dem linken Flügel ein. Eine Gardedivision rückte an Stelle desselben vor und suchte die Division Buddenbrock aus Vionville hinauszudrängen; dieselbe sah sich zugleich in ihrer linken Flanke von einer Umgehung bedroht, welche das Korps Canrobert und hinter diesem das Korps Leboeuf auszuführen sich anschickten. Einer solchen Übermacht konnte die Division, welche einen fünfstündigen Marsch gemacht hatte und seit fünf Stunden im Gefecht stand, nicht lange standhalten. Die Division und eben damit das ganze Korps waren verloren, wenn nicht der Anmarsch des Feindes irgendwie aufgehalten wurde. Man wußte zwar, daß das 10. Korps etwa in einer Stunde auf dem Schlachtfelde eiutreffen werde; aber bis diese Stunde abgelaufen war, gab es keine Division Buddenbrock mehr. Man brauchte sosortige Hilse, und diese konnte nur von der Reiterei geleistet werden.

Der kommandierende General v. Alvensleben befahl der Kavalleriebrigade des Generals Bredow, welche zur Kavalleriedivision Rheinbaben gehörte, zwischen dem Wald und der Straße gegen die durch Artillerie imd Jnfanterie fast bis zur Uneinnehmbarkeit gedeckte Stellung vorzugehen. Zu dieser Brigade gehörten ein Kürassier- und ein Ulanenregiment je mit drei Schwadronen, zufammen kaum 800 Mann. Jeder einzelne Mann wußte, daß dieser Ritt ein Todesritt war; er wußte aber auch, daß von seinem Opfertod die Entscheidung der Schlacht abhänge. Sie stürmten also gegen den rechten Flügel des Korps Canrobert vorwärts; ein furchtbares Granatfeuer aus acht Geschützen und Jnfanteriefeuer empfing sie; der Sturm richtete sich gegen die Batterieen; die Bedienungsmannschaft wurde niedergehauen, die ersten Jnfanterielinien durchbrochen, die Mannschaft der nächsten Mitrailleufenlinie gleichfalls zufammengehauen. Ein Angriff französischer Reiterei, welche plötzlich aus einem Wäldchen hervorbrach, auf beide Flanken der Bredowschen Reiter nötigte diese zum raschen Rückzug, welcher durch die Jnfanterielinien wieder hindurchging. Die Zahl der Opfer war groß: die Kürassiere verloren 7 Offiziere, 189 Mann und 209 Pferde, die Ulanen 9 Offiziere, 174 Mann und 200 Pferde. Aber der Zweck des Angriffs war erreicht: das Korps Canrobert war so erschüttert, daß es sich selbst kaum wieder sammeln, geschweige den linken preußischen Flügel umgehen konnte. Jnzwischen langte die ersehnte Verstärkung an.

Prinz Friedrich Karl erschien um 3' 2 Uhr von Pont-ä-Mousson aus auf dem Schlachtfeld und übernahm die Leitung der Schlacht. Um diese Zeit rückte auch das Korps der Hannoveraner an und stellte sich auf dem linken Flügel bei Tronville, die Gardedragonerbrigade unter Graf Brandenburg nebst einer reitenden Batterie bei Mars-la-Tour auf. Die Hannoveraner gingen um 4 Uhr zum Angriff vor. Aber die von dem langen Marsch ermüdeten Truppen wurden von den zwei französischen Korps Leboeuf und Ladmirault, welche zwischen 2 und 3 Uhr in die Gefechtslinie eingerückt waren, zurückgedrängt und mit einer Umzingelung bedroht. Da wurde wiederum zur Reiterei gegriffen. Der kommandierende General des 10. Korps, v. Voigts-Rhetz, befahl den Gardedragonern, sich auf die feindliche Jnfanterie und Artillerie, der Reiterbrigade Barby, sich auf die Reiterei zu wersen. Jene ritten mit lautem Hurra auf den Feind zu, erhielten aber ein so heftiges Feuer, daß sie den größten Teil ihrer Mannschaft verloren und nur wenige zum Handgemenge kamen. Die Reiterbrigade Barby, sechs Regimenter stark, wars sich auf einen Reiterhaufen von zehn französischen Regimentern; es entspann sich ein heftiges Handgemenge; aber trotz der Minderheit entschied deutsche Kraft und Willensstärke; die französischen Regimenter wurden in die Flucht geschlagen. Auf dieser Seite machte der entmutigte Feind keinen Angriff mehr.

Die Divisionen Stülvnagel und Buddenbrock hatten inzwischen ihre Stellungen bei Vionville und Flavigny gegen die Korps Canrobert und Bourbaki behauptet. Auf die Meldung, daß der Armee des Prinzen Friedrich Karl weitere Verstärkungen zugeführt würde»,

Müiier, Einigungskriege. 2?

versammelte Marschall Bazaine auf seinem äußersten linken Flügel, füdlich von Gravelotte, zwei Divisionen des Korps Frossard, Abteilungen der Garde, des Korps Canrobert und des Korps Failly und mehrere Batterieen und gab ihnen den Befehl, durch die füdlich gelegenen Gehölze vorzudringen und die Division Stülpnagel in der Flanke und im Rücken anzugreisen. Was auf dem linken Flügel der Zweiten Armee nicht gelungen war, sollte auf dem rechten erzwungen werden. Auch hier that Hilse not; sie traf noch rechtzeitig ein. Die Division Barnekow vom 8. Korps und drei Jnfanterieregimenter des 9. Korps waren von der Mosel herbeigeeilt, griffen die französischen Umgehungskolonnen an und drängten sie aus dem Walde und von den Höhen zurück. Die der Division Stülpnagel drohende Gefahr war abgewandt.

Jm Zentrum der deutschen Aufstellung ließ Prinz Friedrich Karl ein heftiges Artilleriefeuer gegen eine Division des Korps Canrobert, welche nordöstlich von Vionville aufgestellt war, eröffnen. Die Reiterbrigade Dievenbrock - Grüter und Teile der Divisionen Vuddenbrock und Kraatz gingen vor, stießen aber auf überlegene Streitkräfte und mußten sich zurückziehen. Marschall Bazaine, für sein Zentrum besorgt, verstärkte dasselbe durch eine Jnfanterie- und eine Kavalleriedivision und ließ 54 Kanonen dort auffahren, die jeden Angriff unmöglich machten. Gegen acht Uhr machte die Kavalleriedivision des Herzogs von Mecklenburg noch einen letzten Angriff in der Richtung von Flavignu gegen Rezonville. Französische Bataillone wurden in die Flucht gejagt, mehrere Karrees niedergeritten, das einzige Geschütz, das kurz vorher von den Franzosen erbeutet worden war, aus den feindlichen Reihen zurückgeholt. Die Dunkelheit — es war neun Uhr — machte hier dem Kampf ein Ende. Das Feuer auf dem äußersten rechten Flügel der deutschen Armee dauerte noch bis zehn Uhr.

Die Schlacht hatte zwöls Stunden gedauert. Auf Seite der Deutschen hatten in den letzten Stunden der Schlacht etwa 80000, auf der der Franzosen gegen 120000 Mann gekämpft. Die Verlufte waren auf beiden Seiten groß und ziemlich gleich: je etwa 16000 Mann. „Die Wage des Sieges," sagt das Generalstabswerk, „schwankte bis zum Abend. Denn so wenig es den Preußen gelungen war, die mehr als doppelt überlegene französische Heeresmacht aus ihren Hauptstellungen zu vertreiben, ebensowenig hatten diese es vermocht, den bis zur Mittagsstunde verlorenen Boden zurückzuerobern, sich die Marschlinie über Marsla-Tour wieder zu öffnen." Am folgenden Morgen zeigte es sich, daß die Deutschen das Schlachtfeld behauptet, die Franzosen ihre Stellungen geräumt hatten. Die zweite Aufgabe, welche der Moltkesche Schlachtenplan der Ersten und Zweiten Armee gestellt hatte, war glücklich gelöst: wie am 14. Auguft ein Teil der Rheinarm« auf dem rechten Moselufer festgehalten worden war, so wurde sie trotz ihrer numerischen Überlegenheit am 16. Auguft am Abmarsch nach Verdun gehindert und zum Stehen gezwungen. Es blieb noch die dritte Aufgabe zu lösen übrig: die Rheinarmee mußte hinter die Forts und in die Festung zurückgeworsen und für den weiteren Feldzug unschädlich gemacht werden. Dies war die Aufgabe der Schlacht bei Grave lotte am 18. August.

Die deutschen und die französischen Truppen biwakierten in der Nacht auf den 17. August in den Stellungen, welche sie am Ende der Schlacht innegehabt hatten. Marschall Bazaine wagte weder in der Nacht, noch am 17. Auguft den Versuch, durch die deutsche Armee durchzubrechen. Er fürchtete, gegen eine Übermacht von Truppen kämpfen zu müssen, und wollte gegen eine solche eine starke Verteidigungsstellung auswählen. Daher erließ er schon in der Nacht auf den 17. August den Rückzugsbefehl, worauf seine Truppen am Vormittag des 17. die neuen Stellungen einnahmen und der Weisung gemäß „fortisikatorisch" verstärkten. Das von den Franzosen besetzte Terrain war für die Verteidigung sehr geeignet. „Das linke Moselufer, weit höher als das rechte, erhebt sich zu den schroff ansteigenden Höhen von St. Quentin und Plavpeville, von welchen aus sich nordwestlich die Gehölze von Chatel und von Saulny gegen St. Privat la Montagne hinziehen. Nach Westen gegen Gravelotte und Marsla-Tour fallen diese Höhen allmählich ab; das Terrain ist hier sehr bewaldet und von mehreren tiefen Schluchten durchzogen. Von diesen verursachte die durch den Mance-Bach gebildete Schlucht in der Schlacht vom 18. Auguft viel Anstrengung. Von Verneville (nördlich von Gravelotte) ausgehend, zieht sich östlich vom Bois de Genivaux und von Gravelotte und gerade zwischen dem Bois des Ognons und dem Bois de Vaux das tiefe Thal dieses Baches bis gegen Ars-sur-Moselle hin. Ostlich von dieser Schlucht befand sich die 1V2 Meilen lange Verteidigungslinie, welche sich von Roncourt und St. Privat im Norden über Amanvillers und Rozerieulles bis nach St. Rufftne im Süden hinzog. An dieser Linie liegen mehrere Dörser und Gehöfte, welche der Verteidigung eine starke Stütze verliehen. Die Aufstellung der französischen Armee war folgende: auf dem rechten Flügel bei St. Privat stand das Korps Canrobert, hinter ihm die Kavalleriedivision Barrail, im Zentrum rechts bei Amanvillers das Korps Ladmirault, links bei den Gehöften Leipzig und Moscou das Korps Leboeuf, auf dem linken Flügel bei St. Hubert und Rozerieulles das Korps Frossard und hinter ihm die Kavalleriedivision Forton; rückwärts vom linken Flügel, bei Ban St. Martin, stand die Garde als Reserve, vor derselben eine Reserveartillerie von 120 Geschützen auf den Höhen von St. Quentin und Plappeville, welch letztere dem Marschall Bazaine während der Schlacht als Beobachtungspunkt dienten. Diese Stellung, welche Bazaine für „uneinnehmbar" erklärte, hatten die deutschen Truppen von Westen und Süden aus anzugreisen."

Jm deutschen Hauptquartier glaubte man, einen Angriff von seiten der Franzosen am 17. August erwarten zu müssen. Man war daher darauf bedacht, sämtliche Korps der Ersten und Zweiten Armee auf dem linken Moselufer sich aufftellen zu lassen, mit Ausnahme des 1., von General Manteuffel befehligten Korps, welches

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