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daß er Napoleon ein eventuelles Zufammenwirken der Vertragsmächte vorschlug, um „Dänemark in seinem Widerstande gegen eine Zerstückelung, wenn nötig, eine materielle Unterstützung zu gewähren", und denselben einlud, zur Erleichterung Dänemarks eine kriegerische Demonstration am Rhein zu machen. Kaiser Napoleon lehnte in einer Depesche vom 28. Januar diesen Vorschlag ab, da er selbst anerkannte, daß die Umstände eine Änderung des Londoner Vertrags nötig machen könnten und er selbst geneigt war, große Rücksicht auf die Gefühle und Bestrebungen der Nationalitäten zu nehmen. „Man kann unmöglich verkennen, daß die nationalen Gefühle und Bestrebungen Deutschlands auf eine engere Vereinigung mit den Deutschen Schleswig-Holsteins gerichtet sind. Dem Kaiser würde jedes Mittel widerstreben, wodurch er die Verpflichtung übernehmen würde, mit den Waffen die Wünsche Deutschlands zu bekämpfen. Es wäre verhältnismäßig leicht für England, einen solchen Krieg zu führen, der sich auf Operationen zur See beschränken würde, auf Blockade und Wegnahme von Schiffen. Schleswig und England liegen fern voneinander. Aber der Boden Deutschlands und Frankreichs berühren sich, und ein Krieg zwischen Deutschland und Frankreich wäre der unheilvollste und gewagteste, den das Kaiserreich unternehmen könnte. Für den Augenblick will der Kaiser seiner Regierung die volle Freiheit des Handelns bewahren." Diese Antwort des Kaisers war teilweise dadurch bedingt, daß seine Frage, ob Preußen etwa der östreichischen Re gierung für ihre Teilnahme an der Besetzung Schleswigs den Besitz ihrer außerdeutschen Provinzen gewährleistet habe, in Berlin bestimmt verneint wurde. Auf den weiteren Vorschlag Englands, der dänischen Regierung solle eine Frist von sechs Wochen gegönnt werden, damit sie die Novemberversassung in versassungsmäßiger Weise aufzuheben suche, erwiderte Bismarck am 30. Januar: „Dadurch, daß Dänemark zwöls Jahre lang seine Verbindlichkeiten unersüllt gelassen und sie zuletzt durch die Versassung vom 18. November endgültig und förmlich gebrochen hat, haben wir das Recht erlangt, uns vom Londoner Vertrag loszufagen. Nachdem die dänische Regierung sich aus eigenem Antrieb eine Stellung bereitet hat, die auch von den nichtdeutschen Großmächten als selbstverschuldet betrachtet wird, kann man es, denken wir, als gerecht ansehen, daß Dänemark, wenn es die selbstgeschaffenen Schwierigkeiten nicht hinwegräumen kann, uns gestatte, die vertragswidrigen Folgen seiner Handlungsweise durch unsere Besetzung Schleswigs zu beseitigen. Sollte Dänemark dieser Besetzung mit Waffengewalt entgegentreten, so werden militärische Operationen stattfinden müssen, deren Folgen auf die weitere Entwickelung der deutsch-dänischen Beziehungen einen um so bedenklicheren Einfluß üben dürsten, als die zwischen den beiden Ländern bestehenden Verträge dann aufhören würden, in Kraft zu sein. Erst von jenem Augenblicke an würde die Jntegrität der dänischen Monarchie eine Frage werden, die eine Lösung heischt." Daß diese endgültige Lösung nicht ohne Mitwirkung der übrigen Unterzeichner des Londoner Vertrags ersolgen werde, wurde auf den Wunsch Ostreichs in einer an England gerichteten Note, die auch in Paris, Petersburg und Stockholm mitgeteilt wurde, ausdrücklich versichert.

England hatte in diesem diplomatischen Feldzug, in welchen« alle seine Vorschläge mit Hinweis auf den Wortlaut der Verträge zurückgewiesen wurden, eine schmähliche Niederlage erlitten. Es war nicht die letzte. Von den übrigen außerdeutschen Mächten war zunächst keine Einmischung zu erwarten. Frankreich wahrte sich, wie wir gesehen haben, freie Hand und scheute vor einem Krieg mit Deutschland zurück; Rußland gedachte der großen Dienste, welche ihm Preußen und namentlich Bismarck im Krimkrieg und im polnischen Aufstand erwiesen hatte; in Schweden konnte sich niemand für den Gedanken erwärmen, Gut und Blut für fremde Jnteressen herzugeben. So stand Dänemark allein. Wollte es auf dem Boden des Vertragsbruchs verharren, so mußte es auch die Konsequenzen desselben auf sich nehmen und den Einmarsch des preußisch - östreichischen Heeres in Schleswig sich gefallen lassen. Der Ausgang des hieraus sich entspinnenden Kampfes war wohl kaum einem Zweisel unterworsen. Ohne Alliierte war Dänemark verloren. Sein Unglück wollte es, daß es die Hoffnung auf militärische Unterstützung durch die außerdeutschen Mächte nicht aufgab. Die Gesandten Preußens und Ostreichs wurden von Kopenhagen abberufen und verließen die Stadt am 31. Januar. Am nämlichen Tage trafen in der Stadt Schleswig, dem Hauptquartier des dänischen Oberbefehlshabers, des Generals de Meza, Major v. Stiehle und Hauptmann v. Gottberg ein und überreichten ihm ein Schreiben des Feldmarschalls v. Wrangel, welches die Aufforderung enthielt, sich darüber zu erklären, ob er Befehl habe, das Herzogtum Schleswig zu räumen und die dänischen Truppen aus dessen Grenzen zurückzuziehen; im verneinenden Fall würden die Feindseligkeiten sosort eröffnet. Der dänische General antwortete in seinem Schreiben vom 31. Januar, daß er von feiner Regierung eine der Zumutung des Feldmarschalls ganz entgegengesetzte Jnstruktion erhalten habe und bereit stehe, jeder Gewaltthat mit den Waffen zu begegnen. Sobald die Offiziere nachmittags dieses Schreiben dem Feldmarschall in Rendsburg übergeben hatten, sandte dieser seinen Truppen das lakonische Telegramm: „Jn Gottes Namen drauf!" Am 1. Februar ersolgte der Übergang über die Eider.

Wenige Wochen vorher (12. Dezember 1863) war der oben erwähnte Sechsunddreißiger-Ausschuß der Abgeordnetenversammlung in Frankfurt zufammengetreten und hatte „im Namen der Nation" eine Ansprache an das deutsche Volk beschlossen. Dieselbe lautete für Preußen und Ostreich, die eben im Begriff waren, den dänischen Vertragsbruch in glänzender Weise zu rächen, geradezu vernichtend. „Zwei Mächte, die den Anspruch verwirkt haben, die Großmächte Deutschlands zu heißen, haben sich in den Dienst der verwerslichsten Politik gestellt, indem sie auf dem rechtlosen Boden des Protokolls verharren und Partei für die Feinde der Herzog

Müiier. Einigungskriege, 3

tümer und Deutschlands ergreisen; mit Scham und Erbitterung sieht das deutsche Volk ihre Truppen vordringen." Den Schluß dieser Ansprache bildete die Aufforderung an das deutsche Volk zu rastloser Agitation: „Macht die Politik, das Geschäft eurer Mußestunden, zur täglichen Berufsarbeit, verbreitet die Bewegung über Stadt und Land, über alle Klassen der Gesellschaft, erneuert rastlos eure Forderung, bestürmt die saumseligen Fürsten, erdrückt mit euren Anklagen die pflichtvergessenen Minister!" Diese vom Unverstand und von der Leidenschaft diktierte Ansprache sollte die Antwort sein darauf, daß die beiden deutschen Großmächte nicht sosort den Augustenburger als Herzog von Schleswig-HolsteinLauenburg anerkannt, nicht sosort diese Herzogtümer besetzt und dem Augustenburger übergeben, nicht sosort das Londoner Protokoll de n übrigen Unterzeichnern vor die Füße geworsen, vielmehr dasselbe zum Ausgangspunkt ihrer diplomatisch-militärischen Operationen gemacht hatten. Aber die beiden Mächte errangen durch ihr Versahren mehr Gewinn an nationaler Ehre und Macht, als die Frankfurter Abgeordnetenversammlung und ihr Ausschuß samt dem preußischen Abgeordnetenhaus sich träumen ließen.

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2.

Der deutsch-dänische Hrieg.

(1864.)

^) Von der Lider bis Flensburg.

er dänische Feldzugsplan beruhte auf einem Entwurse, der nach jahrelangen Vorarbeiten und Verhandlungen von einer aus Land- und Seeosfizieren zufammengesetzten Kommission abgefaßt und am 15. Januar 1858 dem Reichsrat vorgelegt wurde. Nach demselben bestand die militärische Hauptaufgabe Dänemarks darin, „ein Verteidigungssnstem herzustellen, welches stark genug ist, um einem Übersall die Spitze bieten und das vermittelnde oder beschützende Auftreten befreundeter Mächte abwarten zu können. Da Armee und Flotte im Verhältnis zu denen der benachbarten Land- und Seemächte nur schwach sind, so muß sich die Verteidigung notwendigerweise auf Befestigungen stützen, welche die Hauptstadt, einzelne andere Punkte der Jnseln und die Halbinsel sichern". Die für die Verteidigung der Halbinsel versügbare Armee wurde auf 50 000 bis 60 000 Mann geschätzt, von einer Offensive ganz abgesehen und nur das defensive Auftreten gegen einen auf die Südgrenze der Monarchie ersolgenden Angriff berücksichtigt. Daß die Elbelinie nicht zu halten sei, wurde vorweg angenommen und der Rückzug

durch Holstein „nach leichter Verteidigung der Grenze" empfohlen.

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