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dann das sächsische Korps mittelst der Eisenbahn nach Wien abgehen, behielt also noch fünf Korps und eine Reiterdivision in Olmütz zurück.

Der Feldzugsplan Moltkes entsprach nicht den Erwartungen Benedeks. Jener hatte nicht im Sinne, die ganze preußische Armee an die Festung Olmütz zu fesseln, sondern machte dem König einen anderen, weit kühneren, mehr Ersolg versprechenden Vorschlag, der denn auch die Genehmigung desselben erhielt. Die Armee des Kronprinzen, welche auch ferner den linken Flügel zu bilden hatte, sollte gegen Olmütz marschieren und die Benedeksche Armee dort festhalten; die Armee des Prinzen Friedrich Karl und die Elbarmee sollten gegen Wien vorrücken, jene auf der mittleren Straße über Brünn, diese westlich davon über Jglau. Der Vormarsch der zwei letzteren Armeen war somit durch die Flügelaufstellung der kronprinzlichen Armee gedeckt. Am 5. Juli wurde von den drei Armeen der Vormarsch angetreten. Am 8. Juli wurde von der 1. Division des Reserve-Armeekorps, die von General Rosenberg v. Gruszinsku befehligt wurde, Prag besetzt; die Z. Division, deren Kommandeur General v. Bentheim war, kam am 18. Juli in Prag an, wo nun das ganze Reservekorps (mit Ausnahme eines einzigen Ulanenregiments) unter dem Oberbefehl des Generalleutnants v. d. Mülbe versammelt war. Die Stelle eines Generalgouverneurs von Sachsen, welche letzterer inne gehabt hatte, wurde dem General v. Schack übertragen. Der Waffenstillstand, um welchen General Gablenz im Auftrag Benedeks am 4. Juli im Hauptquartier zu Horitz bat, konnte nicht gewährt werden, da ein solcher nur im Jnteresse Ostreichs war und Preußens Siegeslauf hemmte. Der östreichische General erschien noch einmal im preußischen Hauptquartier. Am 8. Juli kam er nach Pardubitz, vom Minister Grafen Mensdorff mit „Jnstruktionen" versehen, wonach ein Waffenstillstand von 2 bis 3 Monaten für sämtliche Kriegführende abgeschlossen und für die Dauer desselben die Festungen Josephstadt und Königgrätz den Preußen übergeben werden sollten. Darauf gab Moltke im Auftrag des Königs am 8. Juli die schristliche Antwort, daß dieser gern geneigt sei, einen Waffenstillstand behufs solcher Verhandlungen zu bewilligen, welche zu einem dauerhaften Frieden führen könnten, auf solche Bedingungen aber, wie sie in den Jnstruktionen des Generals Gablenz enthalten seien, einzugehen, unter allen Umständen jetzt nicht in der Lage sei; überdies fordere Preußens Verhältnis zu Jtalien eine Verständigung mit dieser Macht, bevor definitive Entschließungen ge» faßt würden.

Zu dem kräftigsten Vorgehen sah sich das preußische Hauptquartier schon durch die Nachrichten, welche aus Italien einliefen, und durch die diplomatische Jntervention des Kaisers Napoleon III. veranlaßt. König Viktor Emanuel ging, nachdem er am 20. Juni Ostreich den Krieg erklärt hatte, am 22. mit zwei Korps über den Mincio, während er ein drittes bei Goito zurückließ und General Cialdini mit einem vierten Korps über den unteren Po gegen die Etsch vordringen und Garibaldi mit seinen Freischaren in Tirol einrücken sollte. Der König hatte selbst das Oberkommando übernommen und ernannte den General Lamarmora zum Generalstabschef; die ganze italienische Feldarmee bestand aus 218 000 Mann. Die Stärke des östreichischen Heeres betrug drei Armeekorps, zufammen 85 000 Mann. Zum Oberbefehlshaber war Erzherzog Albrecht ernannt, ein Sohn jenes Erzherzogs Karl, welcher durch seinen bei Aspern am 21. und 22. Mai 1809 über Napoleon I, errungenen Sieg eine große Berühmtheit erlangt hat; die Stelle eines Generalstabschefs war dem tüchtigen General John übertragen worden. Das östreichische Heer, welchem das Festungsviereck eine bedeutende Stütze verlieh, war in und bei Verona versammelt. Das italienische Heer ruckte mit wenig Vorsicht gegen die Ostreicher vor; sogar die Besetzung des nordwestlich von Cuftozza gelegenen Hügelsaumes wurde vergessen. Erzherzog Albrecht bemächtigte sich am 23. Juni dieser wichtigen Stellung, lieferte am 24. der italienischen Armee die Schlacht bei Custozza und errang einen vollständigen Sieg. Den ganzen Tag wurde in glühender Sonnenhitze gekämpft. Trotz aller Tapferkeit wurden die Jtaliener über den Mincio zurückgeworsen und setzten den Rückzug bis über den Oglio fort. Sie hatten einen Verluft von 8250 Mann, darunter 4350 Gefangene, während die Östreicher 7850 Mann, darunter 2000 Gefangene, verloren. Jnfolge dieser Niederlage der Hauptarmee konnte Cialdini seinen Auftrag nicht ausführen und zog sich gegen Bologna zurück. Doch folgte der Erzherzog dem besiegten Feinde nicht über den Mincio, da das östreichische Kabinett in dem oben erwähnten östreichisch-französischen Vertrage vom 9. Juni 1866 sich verpflichtet hatte, im Fall des Sieges den Mincio nicht zu überschreiten und die Lombardei nicht zu betreten. Da die italienische Armee zu einem zweiten Vorstoß Zeit brauchte, so herrschte in der Ebene des Po in den nächsten 14 Tagen thatsächlich Waffenruhe.

Napoleon und sein politisch-militärischer Generalstab waren „durch das unwahrscheinliche und unerwartete Ereignis des Sieges von Königgrätz von patriotischer Angst ersüllt". Dieser eine Schlag drohte sein ganzes politisches System über den Haufen zu wersen. Er wollte ja weder Preußens noch Ostreichs Übermacht 'in Deutschland, sondern die Fortdauer ihrer Rivalität im Deutschen Bund und ebendamit die der Ohnmacht Deutschlands. Darüber hatte er sich schon vor dem Ausbruch des Krieges, am 11. Juni, in einem an feinen Minister des Auswärtigen, Drouin de Lhuys, gerichteten Schreiben ausgesprochen: „Der entstandene Konflikt hat drei Ursachen: die schlecht abgegrenzte geographische Lage Preußens, den Wunsch Deutschlands nach einer seinen allgemeinen Bedürsnissen mehr entsprechenden politischen Gestaltung und die Notwendigkeit für Jtalien, seine nationale Unabhängigkeit zu sichern. Wir hätten, was uns betrifft, für die Nebenstaaten des Deutschen Bundes eine engere Vereinigung, eine mächtigere Organisation, eine bedeutsamere Rolle gewünscht, für Preußen mehr Abrundung und Kraft im Norden, für Ostreich die Aufrechthaltung seiner

Müiier, Ewigungskriege, 18

einflußreichen Stellung in Deutschland, Wir hätten ferner gewünscht, daß Ostreich gegen eine angemessene Entschädigung Venetim an Jtalien abtreten könnte; denn wenn Ostreich in Gemeinschaft mit Preußen, ohne sich um den Vertrag von 1852 zu kümmern, im Namen der deutschen Nationalität einen Krieg gegen Dänemark geführt hat, so schien es mir gerecht, daß es ebendasselbe Prinzip in Jtalien anerkannte, indem es die Unabhängigkeit der Halbinsel vervollständigte." Dieses Programm, welches dem des Königs Wilhelm und seines Ministerpräsidenten fast in jeder Zeile entgegentrat, war durch den Sieg von Königgrätz weit überholt. Von einer mächtigeren Stellung der deutschen Mittel- und Kleinstaaten, von der Errichtung einer deutschen Trias, welche das Jdeal des Herrn v. Benst und Genossen war und die Erneuerung des Rheinbundes vorbereiten sollte, konnte keine Rede mehr sein, ebensowenig von der Aufrechthaltung der östreichischen Oberleitung im Deutschen Bund und von der Entschädigung Ostreichs für die Abtretung Venetiens, auch nicht von der Abspeisung Preußens mit Annektierung einiger in seiner Machtsphäre gelegenen Länder, wie die Elbherzogtümer, Hannover oder Kurhessen. Die preußischen Staatsmänner wollten einen deutschen Bundesstaat, in welchem Preußen die Führung übernahm, schaffen und konnten sich unter keinen Umständen mit jenem französischen Phantasiegebilde begnügen, dem die Beibehaltung der bisherigen Bundeskalamität noch vorzuziehen gewesen wäre.

„Unsere Nordarmee existiert nicht mehr." So lauteten am 4. Juli die neuesten Nachrichten der Wiener Presse. Der Kaiser Franz Joseph fürchtete für Wien. Er wollte lieber dem französischen Einfluß sich dienstbar machen als Preußen Zugeständnisse in Deutschland gewähren. Um den Siegeszug des Königs Wilhelm aufzuhalten, suchte er den Kaiser Napoleon in den preußischöstreichischen Konflikt hineinzuziehen und zu seinem Bundesgenossen zu machen, der zunächst auf diplomatischem Wege, unter gewissen Umständen auch mit seiner Kriegsmacht dem niedergeworsenen Ostreich aufhelsen sollte. Jn Übereinstimmung mit den Bestimmungen des mit Napoleon abgeschlossenen Vertrags vom 9. Juni und mit den in dem oben erwähnten Schreiben vom N. Juni ausgesprochenen Anschauungen Napoleons richtete an letzteren Kaiser Franz Joseph ein Telegramm, worin er das in jenem Vertrag im geheimen bereits abgetretene Venetien nun öffentlich an Napoleon abtrat und dessen Vermittlung zur Herbeisührung des Friedens sich erbat. Napoleon beeilte sich, dieser Aufforderung zu entsprechen, und wandte sich sosort an die Könige von Preußen und von Italien, um einen Waffenstillstand zu ermöglichen. Der französische „Staatsanzeiger" teilte diese wichtige Thatsache am 5, Juli aller Welt mit; in Paris wurde geflaggt und illuminiert: die Übernahme dieser Vermittler- und Schiedsrichterrolle erschien den Parisern kaum geringer als der Sieg bei Solserino; aufs neue habe es sich gezeigt, daß Frankreich an der Spitze Europas stehe.

Jn der Nacht vom 4. auf den 5. Juli lief im preußischen Hauptquartier zu Horitz ein Telegramm Napoleons ein, worin er dem König den Entschluß des Kaisers von Ostreich mitteilte und hinzufügte, „das durch die so großen und raschen Ersolge der preußischen Waffen herbeigeführte Ergebnis nötige ihn, aus seiner Nolle vollständiger Enthaltung herauszutreten; er kenne aber zu gut die hochherzigen Gesinnungen des Königs, um nicht zu glauben, daß dieser, nachdem die Ehre der preußischen Armee so hoch gehoben sei, nun die Bemühungen, welche er selbst geneigt sei, zur Herstellung des Friedens aufzuwenden, mit Genugthuung anfnehmen und daß ein Waffenstillstand den Weg zu Friedensverhandlungen eröffnen werde."

Jn ähnlicher Weise telegraphierte Napoleon am 5. Juli an den König Viktor Emanuel: „Die italienische Armee hat Gelegenheit gehabt, ihren Wert zu zeigen. Ein größeres Blutvergießen wird also unnütz, und Jtalien kann ehrenhafterweise durch ein

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