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Von Schubert trennte ihn in den folgenden Iahren „der Strom der Verhältnisse und der Gesellschaft, Krankheit und geänderte Anschauung des Lebens. Doch was einmal war, ließ sich sein Recht nicht nehmen." Nach Schubert's Tod betrat er an dem Tag, an welchem für diesen das Requiem abgehalten wurde, wieder jenes Haus, in welchem er in früheren Iahren den Freund so ost aufgesucht hatte. Zu dichterischer Production regte es ihn seit dem Hingang des liederreichen Sängers immer weniger an. Dazu kam noch die Aufopferung an das reale Leben, die ihn der Muse für lange Zeit entfremdete. Bei Goethe's Tod erklangen die verstummten Saiten noch einmal wieder.

Im Iahr 1835 unternahm er einen Ausflug nach Salzburg, Gastein und in das Fuscher-Bad, und kehrte aus diesem so gestärkt zurück, daß er den Plan zu einem epischen Gedicht l) entwarf. Das Leben schien ihm noch einmal wiederkehren zu wollen. Es war aber nur das letzte Aufflackern der sterbenden Flamme. Der alte Dämon des unglücklichen Mannes, die Hypochondrie, nahm wieder Besitz von dem Dasein, das ihm verfallen war, und führte am 5. Februar 1836 zu jener Katastrose, welche den Faden seines Lebens gewaltsam entzweiriß

') „Der Vogelsteller", in der neuen Ausgabe der Gedichte enthalten.

2) Einmal kam er frühen Morgens
Jns Bureau, begann zu schreiben
Stand dann wieder auf — die Unruh
Ließ ihn nicht im Zimmer bleiben.
Durch die düstern Gänge schritt er
Starr und langsam, wie in Träumen
Der Collegei! Gruß nicht achtend

Zur Vervollständigung von Mayrhosens Charakteristik möge noch Folgendes dienen. Sogenannte Lilteraten vermied er aufs ängstlichste. Der unbefangene, gesunde, kräftige Naturmensch war ihm der liebste. Die Spaße eines derartigen witzigen Menschen, der einer lustigen Abendgesellschaft angehörte, trug er des Morgens darauf in sein Tagebuch ein, wo sie unter Joung's „Nachtgedanken" und Herme's „Trismegistos" ihren Platz fanden. Seine Haushaltung war höchst einfach, an Mäßigkeit und Entsagung glich er einem Stoiker. Einige

Stieg er nach den obern Räumen,

Sieht, und stiert durchs offne Fenster.

Draußen wehen Frühlingslüfte,

Doch den Mann, der finster brütet,

Haucht es an, wie Grabesdüftc.

An dem offnen Fenster kreiselt

Sonnenstaub im Morgenschein,

Und der Mann lag auf der Straße

Mit zerschmettertem Gebein. (Rustieoeampius,)

Nach einer Mittheilung von M's. damaligem Amtsvorstand (dem derzeit Pens. Herrn Regierungsrath Hölzl), hatte sich M, schon früher einmal in einem Anfall von Schwermuth in die Donau gestürzt, war aber herausgezogen und dem Leben wiedergegeben worden. Den Freunden, die ihm Vorwürfe machten, antwortete er apathisch: er hätte nicht gedacht, daß das Donauwasser so wenig kalt sei. — Unmittelbar vor der letzten Katastrofe kam er frühzeitig in das Amt, trat sodann zu einem Beamten, den er um eine Prise Tabak ersuchte, und begab sich in das obere Stockwerk des Amtsgebäudes (am Laurenzerbergl), von wo er sich herabstürzte. Er brach das Genick, lebte aber noch 40 Stunden. Uebrizens hat ihn damals nicht Lebensüberdruß, sondern die fortwährende Angst vor der Cholera zu dem verzweifelten Schritt getrieben. So »enigstens behaupten Herr H ö l z l und der Kunsthändler Herr M. Beermann in Wien,

Bücher, eine Guitarre und die Pfeife bildeten seinen Hausschmuck, ein kurzer Schlaf nach Tisch und ein Spaziergang seine Genüsse. Einfach bis zur Vernachlässigung war sein Anzug. Seine Beschäftigungen kehrten Tag für Tag in derselben Ordnung und mit derselben Pünktlichkeit wieder. Seine äußere Repräsentation hatte etwas Starres, wie dies Einsamen ost eigen ist. Unbeugsamer Ernst wurde von grellem Lachen unterbrochen. Sein Gang war fest, seine Handschrift stellte in jedem Buchstaben einen Lanzenschaft vor. Sein Körperbau war gedrungen, mittelgroß, seine Gesichtsformen wenig bedeutend, eher gemein; nur der Mund verzog sich gerne zu einem bedeutenden sarkastischen Lächeln; das Auge blitzte scharf und weitaus mit Adlerblick. Stotz hegte er nur in feinem Innern, andere Menschen überschätzte er. Beifall war ihm gleichgültig, und wer ihm über seine Gedichte Schönheiten sagte, beleidigte ihn.

Nach diesem, von einer gütigen Freundeshand') entworfenen Bild war Mayrhoser eine ernste, tüchtige, durch und durch sittliche Natur, welche aber von einer nicht geringen Dosis von Pedantismus und Schwerfälligkeit eingeschränkt und niedergehalten wurde. Ein Vergleich mit dem Naturell Schubert's, welches im Verlauf dieser Darstellung geschildert werden wird, läßt auf den ersten Blick die Eigenschaften erkennen, welche sie gemeinschaftlich hatten, sowie auch die gegenseitigen Kanten, die sich bei ihrer Berührung reiben und abstoßen mußten. Wie sehr sich Schubert von den poetischen Gebilden Mayrhosens angezogen fühlte, bezeugen die vielen

') Feuchtersleben, Vorrede zur neuen Ausgabe von Mavrhofer's Gedichten.

und größtentheils bedeutenden Lieder, die er auf dessen Gedichte componirt hat. Darüber, daß sich beide werthschätzten, kann kein Zweifel sein; ebenso verbürgt ist es aber auch, daß Franz nicht gerne längere Zeit hindurch mit Mayrhoser allein zu fein liebte, weil dieser, mit heiteren Neckereien beginnend, im weiteren Verlauf zu Reibungen Anlaß gab, welche Schubert belästigten.

Mayrhoser hat seinen Gefühlen für den zu früh ihm Entrissenen in mehreren Gedichten Ausdruck gegeben'); diesem aber war es beschieden, so manches poetische Gebilde des Freundes in Tönen zu verklären, und das vergänglichere Wort des Dichters in festem Bund mit seinem unvergänglichen Lied der fernen Nachwelt zu überliefern.

') „Geheimniß", „Nachgefllhl an Franz Sch." (19. Nov. 1828) und „An Franz", von welchen das erste und die zweite Strofe des zuletzt genannten, dieses unter dem Titel: „Heliopolis", von Sch. componirt, im Stich erschienen ist.

III.

(181b.)

Wir treten in das Iahr 1815, Schubert's achtzehntes Lebensjahr. Dasselbe erscheint, was die Zahl der in diesem Zeitraum entstandenen Compositionen anbelangt, als das reichste. Ueber hundert Lieder, ein halbes Dutzend Opern und Sing, spiele, Sinfonien, Kirchen-, Kammer- und Claviermusik drängen sich da zusammen, und es ist geradezu unbegreiflich, woher der in der Schule und bei Salier! Vielbeschäftigte die sisische Zeit genommen hat, eine solche Masse von Notenzeichen auf das Papier hinzuzaubern.

Unbekümmert um Form, inneren Gehalt, Länge oder Kürze der Gedichte griff er für seine Lieder und Gesänge bald nach umfangreichen Balladen von Goethe, Schiller, Hölty, Bertrand, Körner, bald nach kurzen Strosenlicdern der damals beliebten Dichter Schulze, Koscgarten, Mathisson, Klopstock, Fellinger, Stollberg u. s. f., oder nach den Gesängen Ossian's, nie verlegen um das musikalische Gewand, in welches er dieselben kleiden wollte. Einige von den in diese Zeit fallenden Liedern reihen sich schon dem Besten an, was Schubert auf diesem Gebiet geschaffen; dagegen finden sich unter der großen Masse auch solche, die einen verhält

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