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er sich in stets gleichmäßigem Rhythmus bewegte. Auch sein Gemüthszustand glich einer spiegelglatten Fläche und war durch äußerliche Dinge nur schwer zu irritiren; er befand sich im schönsten Einklange mit dem Grundwesen seiner CharakterEigenschaften. Man darf gestehen, daß seine Tage dahinflössen, wie es dem arm Gebornen und arm Gebliebenen in bürgerlicher Sfäre geziemt. Bis ins zehnte ^) Iahr im väterlichen Hause, von da bis ins siebenzehnte Sängerknabe im kaiserlichen Eonvict und auf den Schulbänken des Gymnasiums fitzend, alsdann drei Iahre Schulgehilfe bei seinem Vater im Lichtental, letztlich Clavierspieler — und zwar ein musterhafter — und Componist nach alleinigem Gefallen, dabei frei und unabhängig, weil sein Verleger schon 15 Gulden für ein Heft Lieder, 15 Gulden für ein Klavierwerk honorirt hat. Für den Abgang sogenannter nobler Passionen und Bedürfnisse — nach Art anderer Musiker — hatte die Dürftigkeit frühzeitig gesorgt. Familiensorgen und Kümmernisse aller Art, in nicht gesicherten ehelichen Verhältnissen ihre Quelle sindend, lähmten dem Genius die Schwingen nicht; denn er stand allein in seinem Zauberkreise, von Familien-Prosa nicht angefochten. Das Lehramt in Musik hatte er in den letzten 8 Iahren gleichfalls aufgegeben 2), somit auch die Quelle großen Mühsals und großen Undanks verstopft. Reisen hat er nicht gemacht, man müßte denn einige kleine Ausflüge nach Oberösterreich als solche ansehen.

') Soll heißen: ins zwölfte.

') Schubert hatte schon vor 1820 jedes Lehramt aufgegeben, ausgenommen jenes bei Esterhazv.

„Ein Grund der Verborgenheit, in welcher Schubert's Talent während feines Lebens im allgemeinen verblieb, lag in einem gewissen Starrsinn, einer obstinaten Unbeugsamkeit, die ihn, unbeschadet seines ausgesprochenen Unabhängigkeitssinnes, für gute und praktische Rathschläge von Seite wohlmeinender Freunde geradezu taub machten.

„Diesem Charakterwesen von Eigen- und Starrsinn, ras auch ost genug in Fällen des gesellschaftlichen Verkehrs sich äußerte, ist aber keineswegs ein Uebermaß künstlerischen Selbstgefühls oder gar Uberschätzung zu unterstellen. Schubert's bei cillen Gelegenheiten bewiesene Pietät für die Classiker, sein rastloses Streben, liefern Beweise genug gegen solche Unterstellung. Eifersüchtiges Interesse, Ruhmsucht, die nicht wenig Künstler zur Thätigkeit anspornen, waren für Schubert unbekannte Begriffe; feine so viel nur möglich behauptete Verborgenheit, sein Wandel überhaupt, zeugen für die Reinheit seiner Gesinnung zur Genüge. Er war allerdings empsindlich gegen jeden noch so vorsichtig überzuckerten Tadel, dagegen aber ging er in der Gleichgültigkeit gegen Lobesäußerungen doch noch weiter; nicht eine Miene verzog er, wenn ihm über dies oder jenes seiner Werke Beifall ausgedrückt wurde, er blieb vollkommen gleichgiltig gegenüber jeglichem Lobe"

'> Wird auf das rechte Maß zurückzuführen sein. — Schind ler's Angaben über Schubert sind immer mit einiger Vorsicht hinzunehmen, da „der Vertraute" Beethoven's sich mitunter in Uebenrei bungen gefallt und zn Schubert in keinem nahen Verhältnisse gcstan den hat.

Ihm waren Falschheit und Neid durchaus fremd — so , charakterisirt ihn I. Mayrhoser ') — in seinem Wesen mischten sich , Zartheit und Derbheit, Genußliebe mit Treuherzigkeit, Geselligkeit mit Melancholie. Bescheiden, offen, kindlich, besaß er Gönner und Freunde, die seinen Schicksalen und Productionen herzlichen Antheil widmeten und auf jenen allgemeinen hinwiesen, welcher dem länger Lebenden gewiß geworden wäre, und dem in der Blüthe Hingeschiedenen noch gewisser nachgetragen werden wird.

Ueberblickt man die erstaunliche Menge auch nur der, der Oeffentlichkeit übergebenen Werke Schuberts, so trägt man die Ueberzeugung davon, daß der Schöpfer derselben, den der Tod in seinem 32. Lebensjahre überraschte, mit eben so großer Leichtigkeit als rastloser Thätigkeit geschaffen haben müsse, zumal in seinen Compositionen mit den Notenzeichen nicht gekargt wird.

In der That war Schubert ungemein fruchtbar und fleißig und man kann von ihm wohl sagen, daß er daS ihm anvertraute Pfund treu und redlich verwerthet hat.

In der Regel begann Franz sein Tagewerk in den Morgenstunden, auf dem Bett sitzend und schreibend *), und führte es ununterbrochen bis zur Essenszeit fort; da ging denn sein ganzes Wesen in Musik auf; ost fühlte er sich von seinen Schöpfungen selbst ergriffen und Augenzeugen versichern, daß

') „Erinnerungen an F. Schube«"

2) Spann erzählt, daß Schubert zuweilen bei ihm übernachtet, wo er dann auch während des Schlafes die Brillen auf der Nase behalten habe; des Morgens fei er, oft noch in tiefer Negligd, an's Clavier gegangen, um zu fantasieren.

sie da an seinem leuchtenden Auge und der veränderten Sprache entnehmen konnten, wie mächtig es in seinem Inneren arbeite. Allerdings kann Schubert nur in dem Sinne thätig genannt werden, daß er, rastlos aus sich herausschaffend, die Fülle seiner Gedanken auf dem Papier festzuhalten suchte. Zu dem, was man im gewöhnlichen Leben Arbeit nennt, und namentlich zu aller mechanischen Arbeit, hatte er keine Lust, und dieß, in Verbindung mit seiner nicht allzu geregelten Lebensweise, die ihn verhinderte, mit der gewünschten Pünktlichkeil bei Probestunden zu erscheinen, war wohl auch der Grund, daß er gewisse, die Verfügung über seine Zeit beschränkende Anerbietungen consequent ablehnte.

Der übrige Theil des Tages wurde dann eben so regelmäßig dem geselligen Vergnügen, in schöner Iahreszeit Ausflügen auf das Land, in Begleitung von Freunden und Bekannten geweiht. Da geschah es mitunter, daß, wenn er sich mit diesen wohl zusammenfühlte und ihm die Trennung von der schönen Natur und dem Rebensafte schwer siel, eine für den Abend angenommene Einladung ohne weiteres Bedenken in den Wind geschlagen wurde, was dann zu Verdrießlichkeiten führte, die ihm übrigens nicht lange zu schaffen gaben. Gewiß aber bedurfte es auch nach abgeschlossener Arbeit nur der kleinsten Anregung, um seinen nie ruhenden Geist wach zu rufen, wie dieß mit dem „Ständchen" der Fall gewesen.

„Wenn," sagt Robert Schumann, „Fruchtbarkeit ein Hauptmerkmal des Genies ist, so ist Schubert eines der größten. Er hätte nach und nach wohl die ganze deutsche Literatur in Musik gesetzt, und wenn Telemann') verlangt, ein ordentlicher Componist müsse den Thorzettel componiren können, so hätte er an Schubert seinen Mann gefunden. Wo er hinfühlte, quoll Musik hervor; Aeschylus, Klopstock, so spröde zur Composition, gaben nach unter seinen Händen, wie er den leichten Weisen W. Müllers u. A. ihre tiefsten Saiten abgewonnen."

Wer ihm einen Vorwurf zu musikalischer Bearbeitung übergab, durfte überzeugt sein, daß, wenn ihm dieser zusagte, die Composition auch in kürzester Frist fertig sein würde. So wurde das bekannte Lied „Der Wanderer" in unglaublich kurzer Zeit componirt; dasselbe war der Fall mit dem „Zwerg" und „Erlkönig", welch' letzteren er, nachdem er die Ballade zu wiederholten Malen durchgelesen, gleich darauf so eilig in Musik fetzte, als es eben möglich war, die Notenzeichen hinzuwühlen.

Ganz besonders aber zeugt die folgende Thatsache ebenso sehr für die blitzartige Schnelligkeit seiner Auffassung, als auch für die Gefälligkeit, woMit er den Wünschen Anderer nachzukommen suchte.

Fräulein Anna Fröhlich, Gesangslehrerin am Conservatorium, auf deren Anregung Schubert einige schöne Frauenchöre componirt hatte, beabsichtigte, ihrer Schülerin Louise Gosmar (später verehelichte von Sonnleithner), welche im Iahr 1827 mit ihren Eltern die Sommerzeit iir^lnterdöbling (bei Wien) zubrachte, zu deren Geburtstag August) ein Ständchen im Garten des Landhauses darzubringen.

') Telemann (Georg Filipp), geb. 16Sl in Magdeburg, gest.1767, einer der productivsten Componisten der Welt.

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