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Damit war aber Schubert's Thätigkeit in dieser ZeitPeriode nicht erschöpft; auch die Kirchen- und Claviermusik sollte ihren Theil abbekommen. Er schrieb nämlich die deutsche Messe auf einen von Professor Iohann Filipp Neumann (Dichter der Oper „Sakuntal a") verfaßten Tert für gemischten Chor mit Orgel oder Instrumentalbegleitung') und als Anfang das „Gebet des Herrn", ebenfalls für gemischten Chor mit Instrumentalbegleitung—einfache melodiöse und kirchlich gehaltene Gesänge — ferner im Gebiet der Claviermusik die von den Verlegern unter dem Namen Imprcmiptus (III—VIII op. 142) herausgegebenen Clavierstücke, und ein Paar kleine Gelegenheitscompositionen *).

Noch liegen aus diesem Iahre zwei an Schubert gerichtete, auf musikalische Angelegenheiten sich beziehende Briefe vor, welche hier ihre Stelle sinden. Der erste derselben, datirt vom 15. Jänner und rein geschäftlicher Art, rührt

') Es sind dabei Oboe, Clarinctt, Horn, Pofaune und Orgel oder Contrabaß verwendet. Die Messe besteht aus dem Jntroitus, Gloria, Credo, Ofsertorium, Sanctus, Nach der Wandlung, ^rms Dei und dem Schlußgesang. Die Begleitung des „Gebet des Herrn" ist dieselbe wie jene der Messe. Eine Copie dieses Kirchenwerkes besitzt Frhr. Jofef v, Spaun. Diese Messe schrieb Schubert für die Hörer des Polytechnikums in Wien; derzeit wird sie auch von Mannerstimmen mit Orgelbegleitung vorgetragen. Ferdinand Schubert setzte sie als dreistimmige Kirchenlieder zum Gebrauch der Normalschüler,

°) Ein älegretto, dem abreisenden Herrn Ferd. Walch er „zur Erinnerung" mit dem Datum 26. April, dessen Original Hofrath Walcher in Wien besitzt, und den vierhändigen Marsch mit Trio (in «Our) für den siebenjährigen Sohn Faust der Frau Marie Pachler (im October geschrieben).

von dem Musikverleger H. A. Probst in Leipzig her, welchem Schubert einige Manuseripte zum Verlag übersendet hatte; der zweite, mit dem Datum 7. November, von Hosrath Friedrich Rochlitz, einem aufrichtigen Bewunderer Schubert's, welchen er für die Composition eines seiner Gedichte zu gewinnen suchte.

Das ablehnende Schreiben Probst's lautet'):

„Erst spät erhielt ich Ihre Manuseripte durch Artaria H, Oornp. So gerne ich auch das Vergnügen hätte, Ihren Namen in meinen Katalog einzuverleiben, so muß ich doch für jetzt darauf verzichten, da ich durch Herausgabe von Kalkbrenners oeuvres oomplet8 mit Arbeit überhäuft bin. Auch gestehe ich. daß mir das Honorar von 80 fl. C. M. für jedes Manuscript etwas hoch angesetzt schien. Ich halte die Werke zu Ihrer Verfügung und empfehle mich Ihnen mit vorzüglicher Hochachtung."

In einer, wie bemerkt, ganz verschiedenen, obwohl ebenfalls musikalischen Angelegenheit wendete sich Rochlitz mit folgenden Zeilen an den Wiener Barden:

„Euer Wohlgeboren

kennen die Hochachtung und Zuneigung, die ich gegen Sie und Ihre Compositionen hege; Herr Haslinger hat Ihnen

') Dasselbe ist adressirt an Herrn Franz Schubert, Tonkünstler und Comvositeur.

2) Jm Jahre 1828 verlegte Probst das Ls-Trio (op. 100) — wie es scheint, das einzige Schubert'sche Werk, das bei dessen Lebzeiten im Ausland verlegt worden ist. — Jm Jahre IS40/4I erschien die (! Sinfonie bei Breitkopf und Härtel.

auch meinen Dank für Ihre Musik zu jenen meinen drei Liedern ') sowie meinen Wunsch, daß Sie ein größeres Gedicht durch Ihre Kunst verschönern möchten, mitgetheilt, so wie Ihre Geneigtheit dazu. Erlauben Sie daher, daß ich sogleich auf diesen Gegenstand komme. Das Gedicht, welches ich im Sinne habe, ist: „Der erste Ton""). Sie finden es im fünften Bande meiner gesammelten Schriften, welche Haslinger besitzt. Ich will hieher setzen, wie ich mir die Musik dazu denke; nur glauben Sie ja nicht, daß ich damit eine Art Vorschrift (zu welcher ich kein Recht habe) geben wolle; nehmen Sie vielmehr, was ich sage, bloß als einen Vorschlag zu eigener Erwägung und folgen Sie dann, was sich Ihnen nach solcher Erwägung ergibt — wozu Sie sich begeistert fühlen, mag es mit meinem Vorschlage ganz oder zum Theil oder gar nicht übereinstimmen. Ouverture: Ein einziger kurzer gerissener Accord t?. und nun ein möglichst lang ausgehaltener von O für Clarinette oder Horn mit Fermate. Ietzt leise beginnend und sich dunkel verwickelnd, mehr harmonisch als melodisch — eine Art Chaos, das nur allmälig sich entfaltet und lichter wird. Ob hiermit die Ouverture schließe oder ein ^llegro folge, will ich nicht bestimmen; wird das zweite erwählt, so sei dies ^llegro nur ernst, aber sehr kräftig und brillant, bekomme jedoch einen absterbenden Schluß aus dem ersten Satze. Ietzt Declamation ohne Musik

') „Alinde", „An die Laute", „Zur guten Nacht" (in op. 81 enthalten).

2) Das Gedicht — „Eine Fantasie" betitelt — enthält 66 Berse und ist in der allg. musik, Leipziger Zeitung, 8, Jahrg. Nr, I am 2. Oct. 1805 abgedruckt.

bis: „Wirken gegeben". Hier fällt das Orchester leise in ausgehaltenen Accorden ein, zu diesen wird mit nur ganz kurzen Zwischenspielen bei den Haupteinschnitten der Rede gesprochen bis: „Erdenreich". Hier ein längeres, düsteres Zwischenspiel. Ein kürzeres, sanfteres nach: „Gott"; der folgende Satz bis: „selbst gefällt" ohne alle Musik; der: „Nun schweigen" bis „soll ich sein" — Accorde mit ganz kurzen Zwischenspielen bei den Haupteinschnitten: jetzt aber ein ausgeführteres, sanft heiteres Zwischenspiel, nach welchem mit den Worten: „Nun schließt" zc. sich in der Musik alles mehr zu regen und allmälich zu steigern beginnt. Dies nimmt zu im freien Instrumentalspiel nach den Worten: „Wiederhall sie nach" — und bildet fo die ausgeführte Vorbereitung und Einleitung zu dem großen, möglichst prachtvollen und glänzenden Chor: „Drum Preis Dir" — der so lange und so effectvoll ausgeführt wird, als es dem Componisten gefällt; doch bekommen die ganz letzten Zeilen, mithin der Schluß des Ganzen eine sanftere, mildere Musik ohne Veränderung des Tempo oder der Tonart. In dieser Weise von einem so geist- und empsindungsvollen Meister, wie Sie, componirt und von einem fo würdigen Declamator, wie Ihr Anschütz, gesprochen, verspreche ich mir eine große Wirkung und eben eine solche, wie sie ein jeder Kenner oder Nichtkenner ehrt und liebt. Doch — ich wiederhole es: Alles dies ist nur mein Vorschlag, und Ihnen kommt die Wahl und Entscheidung zu.— Uebrigens freut es mich, Ihnen auch hiemit etwas näher zu kommen und mein Andenken bei Ihnen aufzufrischen. Kommt das Werk zu Stande und erhalte ich es, so werde ich für eine möglichst vollendete Aufführung in unserm Con

cert Sorge tragen '). Mit ausgezeichneter Hochachtung und Ergebenheit

Rochlitz."

') Wie aus einem Brief von Rochlitz an den Musikalienhändler Tobias Haslinger (Se ä»to I0. Sept. 1S22) hervorgeht, wurde damals Beethoven ausgesorscht, ob er nicht geneigt wäre, das Gedicht „Der erste Ton" in Musik zu setzen. „Uebrigens wünschte ich sehr", schreibt Rochlitz seinem Freunde, „daß sich der herrliche Beethoven auch einmal durch eines meiner musikalischen Gedichte („Auswahl" S. Band) zu einer Composttion begeistert fühlte und zwar vielleicht durch das eben für ihn, wenn ich nicht irre, am meisten passende: „Der erste Ton." Jch wünschte es nicht aus Eitelkeit oder sonst in Rücksicht aus mich — als worüber ich längst hinweg bin, sondern weil er da Raum und Stöfs sür seine reiche Fantasie und große Kunst der Ausmalung fände, Raum und Stoff in Ueberfluß." — Beethoven ging aber auf diese Jdee nicht ein. Denn am 2S. Dec. 1822 schrieb Rochlitz darüber an Haslinger: „Beethoven hat, wie ich wirklich erst auf seine Erinnerung bemerke, nicht Unrecht, wenn er sagt, die musikalische Bearbeitung des „ersten Tons" möchte an Haydn's „Schöpfung" erinnern. Zwar ließe sich diesem ausweichen, wenn man eine ganz andere Behandlung erwählte, nämlich, daß man das Gedicht als Declamationsstück mit Zwischenmusik der Jnstrumente (melodramatisch) behandelte: aber so ist es schon früher einmal, obgleich nicht gut, in Musik gesetzt worden*), und da wird es unser Künstler nicht nochmals so machen wollen, obgleich jene Composition sast gar nicht bekannt worden ist, und auf der ganzen Erde Niemand weniger als Er diese Colliston zu scheuen hätte. Sollte er dennoch in diese Jdee eingehen wollen, so dürfte der äußere Zuschnitt am vortheilhaftesten also zu machen sein: — Folgt nun ebensalls eine Skizzirung der musikalisch.declamatorischen Behandlung. — „Da es nur drei Jnstrumental-Zwischensätze gibt — fährt Rochlitz weiter fort — könnten diese schon ziemlich ausgeführte Stücke werden, und alles Malen des Einzelnen, mithin die entfernteste Erinnerung an die „Schöpfung" würde vermieden."

») Bon E.M.». Weber im Jahre ls08, und wurde die Musik (lsl0—I8lZ) in Prag, Mannheim, Leipzig, München und Franlfuri a. M. sehr beisallig aufgenommen.

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