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durch eine Reihe von Iahren in stetem methodischem Fortschreiten ihre Geisteskraft harmonisch entwickelt haben; Schubert's wunderbar rasche Entfaltung erinnert vielmehr an das Voranstürmen ihm verwandterer Geister, wie Beethoven und Schumann; — anderseits widerlegt aber die verbürgte Thatsache, daß Schubert damals schon, und nach seinem eigenen Zeugniß auch später in der Instrumentalmusik dem Studium anerkannter Meisterwerke mit allem Eifer obgelegen habe, den vielverbreiteten Glauben, daß er im Grund nie etwas Rechtes gelernt habe und nur als ein höchst genialer Naturalist anzusehen sei. Im Lied trat allerdings in frühester Zeit schon eine so vollendete Meisterschaft und Originalität zu Tage, daß Schubers künstlerische Erscheinung nach dieser Seite hin geradezu ohne Gleichen ist.

II.

(1814.)

Schuberts Aufenthalt im Convict währte vom October 1803 bis zu Ende desselben Monats 1813, mithin volle fünf Iahre. In dem Stimmorgan des nun bald siebenzehnjährigen Iünglings war nämlich um diese Zeit jene Wandelung eingetreten, welche man mit „Mutiren" der.Stimme zu bezeichnen pflegt, und er konnte demnach als Sängerknabe nicht mehr verwendet werden. Franz hätte zwar feine Studien daselbst noch über die erste Humanitätsclasse hinaus fortsetzen können, denn der Kaiser, welcher von dem Verhalten der Convictszöglinge fortan auf das genaueste unterrichtet war, gestattete sein ferneres Verbleiben darin!); er hatte aber keine Lust noch weiter zu studiren, zumal er sich einer Wieder

Dies geschah mit Entschließung vom 24. Oct. 1813 unter der Bedingung, daß er die 2. Fortgangsclasse während der Ferialzeit ver, bessere, daher die Prüfung wiederhole. Jn diesem Falle sollte ihm ein sozenannter Merveldt'scher Stiftplatz verliehen werden. (Nach einer Mittbeilung des Herrn Ferd. Luib.) — Die Behauptung eines nahen Freundes Schubert's, daß dieser aus dem Convict entwichen sei, wird von anderen Zeitgenossen, namentlich auch von A. Stadler als irrig bezeichnet.

v. «reißle, Franz Schubert. 3

holnngsprüfung hätte unterziehen müssen, und verließ die Anstalt, um zunächst in das väterliche Haus zurückzukehren').

Nach einer Angabe Ferdinand Schubert's*) war die Aufforderung zum Militärdienst, nach einer anderen Version aber das Bestreben des Vaters, ihn vom Componiren abzuhalten und einer anderen Beschäftigung zuzuführen, die Ursache, daß Franz sich längere Zeit hindurch dem Lehrfach widmen mußte. Während des Schuljahres 1813—1814 studirte er zu diesem Ende bei St. Anna Pädagogik und übernahm sodann in des Vaters Schule das Amt eines Gehülfen in der Vorbereitungsclasse (ABC-Schule), das er nun durch drei Iahre zwar mit innerlichem Widerstreben, aber trotzdem mit Pflichttreue und einem Eifer versah, der sich mitunter, wenn er es mit einem störrigen Kinde zu thun hatte, zu Ungeduld und Iähzorn steigerte °).

Um so erstaunlicher erscheint seine Productivität, namentlich im Iahr 1815. Schon im Beginn des Pädagogenthums fand er Gelegenheit, sich durch eine Kirchencomposition hervorzuthun, die seinen Namen in weiteren Kreisen bekannt machte und ihm die Anerkennung feiner musikalischen Freunde, insbesondere seines Lehrers Salieri, in hohem Grad eintrug. Es war dies die Messe in welche er zur Feier des hundertjährigen Iubiläums der Lichtenthaler Pfarrkirche schrieb, und deren Aufführung (am ersten Sonntag nach dem There

') Der Tag seines Austrittes liegt zwischen dem 26. October und dem 6. November 1813.

') Jn den Aufsätzen: „Aus Franz Sch's Leben".

') Seine Schwester Therese theilte mir mit, daß Franz in der Schule strenge und jähzornig gewesen sei, und die Kinder oft in handgreiflicher Weise bestraft habe.

sentag) er unter Mitwirkung Joses Mayseder's an der ersten Violine in Person dirigirte. Die Sopranpartie sang Therese Grob^), eine Lieblingssängerin des Componisten und

') Therese Grob war die Tochter des (um jene Zeit 1814 schon verstorbenen) Heinrich Grob und seiner Frau Therese, welch letztere im Lichtenthal ein Seidensabriksgeschäst besaß. Schubert kam in dieses Haus nach seinem Austritt aus dem Convict, ohne Zweisel anzeigen durch die schone Stimme des Mädchens Therese (damals beilänsig 15 Jahre alt) und das musikalische Talent ihres Bruders Heinrich, der Violvncell und besonders gut Clavier spielte. Für Therese, deren glockenreine Stimme bis in das hohe D reichte, schrieb Schubert ein ^sutuio ei-go und ein Sslve regma. Heinrich G. dirigirte zu Schubert's Zeiten (und auch später noch) mitunter die Kirchenmusik aus dem Lichtentbaler Chor, während Schubert sich gewöhnlich unten in der Kirche aushielt, um die Musik besser zu hören. Selbstverständlich wurde in diesem Familienkreis viel musicirt, und namentlich auch Schubert's Messen sür die Aufführungen im Lichreuthal, in Grinzing, Heiligenstadt u. s. w. unter des Componisten Leitung einstudirt. Schubert, der daselbst wie ein Kind des Hause« ausgenommen war, brachte seine Lieder mit (das erste, welches Therese zn Gesicht bekam, war jenes: „Süße beilige Natur") und schrieb unter anderem auch sür seinen Freund HeinrichG. (im Oct. 1816) ein „^äsgio et Longo eoneertsot pour le ?isnoforte svee seoomrisgneineQt äe Violine, Viola et Oello ^im Besitz des Herrn Spina). Sein Verkehr mit dem Grob'schen Haus dauerte bis beilänsig zum Jahr 1820, um welche Zeit Therese sich verheiratbete und der Tondichter in andere Kreise hineingezogen wurde. Um das Jahr 1837 übersiedelte Heinrich Grob mit seinem Geschäft in die innere Stadt, wo es seit seinem im Jahr 1855 ersolgten Tod von seiner Witwe (einer gebornen Müllner, Holzhändlerstochter) und den zwei Söhnen derzeit noch betrieben wird. Therese, welcher ich diese Mittheilungen verdanke, seit mehr als zwanzig Jahren Witwe des Bäckermeisters Bergmann, lebt noch, als eine srische und heitere Frau, in Wien. — Die Familie Grob soll noch unbekannte Compositionen Schubert's besitzen, deren Einsicht ich aber nicht erlangen konnte.

einer Familie angehörend, zu welcher Schubert damals und bis gegen das Iahr 1820 hin in freundschaftlichen Beziehungen stand. Salieri, hoch erfreut über die Arbeit seines Zöglings, umarmte diesen am Schluß der Aufführung, indem er ihm zurief: „Franz, du bist mein Schüler, der mir noch viele Ehre machen wird"

Die Messe ^) wurde bald darauf in der Augustinerkirche unter Umständen wiederholt, welche die Aufführung zu einem Familienfest gestalteten. Franz stand am Dirigentenpult, fein Bruder Ferdinand spielte die Orgel, den Sopranpart trug wieder Therese Grob vor und in die übrigen Stimmen hatten sich Freunde und Bekannte getheilt. Als regens oKori fungirte Michael Holzer. Der Vater beschenkte feinen Sohn Franz nach diesem Fest mit einem fünfoctavigen Clavier °).

Auch ein Salve regina*) für Tenor, ein Lied: „Wer ist wohl groß" mit Chor und Orchesterbegleitung, fünf Menuette und sechs Deutsche, für Streichquartett und

') Einer Mittheilung des Herrn Doppler entnommen, welcher bei der Aufführung mitwirkte,

2) Wie auf dem, in Händen des Dr. Schneider in Wien befindlichen Autograf zu lesen ist, schrieb Sch. diese Messe in der Zeit vom 17. Mai bis 22. Juli 1814. Das «?rio entstand am 17. und 18. Mai, das (Zlor!» am 21. und 22., das (Zr»tis's vom 26.-28., das «Znoni»m am 28. Mai, das OieSo vom 30. Mai bis 22. Juni, das S»nctus und Leneöiews am 2. und 3., das ^Fmi8 Dei am 7. und das Ooo» noKis vom 15.—22. Juli. Die ?-Messe ist nicht im Stich erschienen.

°) So erzählt Ferdinand Sch. in: „Aus Franz Sch's. Leben". — Therese Grob erinnert sich nicht dieser zweiten Aufführung.

Das Autograf besitzt Dr. Schneider. Die Begleitung des S»lve regio» bilden Violine, Viola, Oboe, Fagott, Horn und Contrabaß.

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