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werther Sicherheit in dramatisch-musikalischen Arbeiten versuchte, wie denn bereits im Jahre 1813 von ihm die Composition der Zauberopcr von Kotzebue: „Des Teusels Lustschloß" in Angriss genommen und im Jahre 1814 vollendet wurde, im Jahre 1815 aber mehrere Opern und Singspiele entstanden, von welchen an geeigneter Stelle die Rede sein wird.

Unter jenen Männern, welche aus Schubert's musikalische Bildung von Einfluß waren (wenn überhaupt bei Schubert von einem andern als etwa Beethoven'schen Einfluß die Rede sein kann), muß der damalige k. k. Hoscapellmeister Anton Sali eri in erster Reihe genannt werden, da er es war, der das seltene Talent des Convictszöglings zuerst erkannte und ihm mehrere Jahre hindurch in der Composition Unterricht ertheilte. Ausmerksam gemacht durch das Lied: „Hagar's Klage" und einige Streichquartette, übergab er den jungen Componisten dem Musikdirector Rucziczka zur Unterweisung im Generalbaß. Als aber die Lectionen begannen, wiederholte sich das schon srüher vorgekommene Schauspiel: Der Lehrer erklärte nämlich, daß sein Schüler schon Alles wisse. „Der," sagte er, „hat's vom lieben Gott gelernt." Die Folge davon war, daß sich Salieri seiner noch wärmer annahm und bald daraus die weitere Ausbildung dieses ungewöhnlichen Talentes selbst zu leiten begann. Da Salieri in Schubert's Lehrjahren die hervorragendste Rolle spielt, so möge ein kurzer Lebensabriß desselben hier seine Stelle finden und sein Verhältniß zu Schubert näher beleuchtet werden.

Salieri (Antonio), im J. 1750 in der venetianischen Stadt und Festung Legnago geboren, war der Sohn eines wohlhabenden Kausmannes, der ihn srühzeitig die lateinischen Schulen besuchen und durch den ältesten Sohn Franz in der Musik unterrichten ließ'). Im sechzehnten Iahre traf ihn das traurige Schicksal, eine vater- und mutterlose Waise zu werden. Ein Freund feiner Familie, Giovanni Mocenigo, nahm ihn zu sich nach Venedig, wo er die begonnenen Studien mit neuem Eifer fortsetzte. So fand ihn der k. k. Hosund Kammercapellmeister Florian Gaßmann^), der nach Venedig gekommen war, um für die Fenice eine neue Oper zu cornponiren. Er nahm ihn gleichsam an Kindesstatt an und wurde für die ganze Dauer seines Lebens sein Freund und Wohlthäter. An Gaßmann's Seite fuhr Salieri am 15. Iuni 1766 in Wien's Mauern ein, die beinahe sechs Decennien später ihm die letzte Ruhestätte gewähren sollten.

Jgnaz Mofel: „Leben Salieris".

') Gaßmann (Florian Leopold), geb. 1729 zu Brüx in Böhmen, zeichnete sich als zwölfjähriger Knabe durch Gesang und Harsenspiel aus. Um dem Krämerstand zu entgehen, wozu ihn sein Vater bestimmt hatte, entfloh er in seinem dreizehnten Jahre aus dem väterlichen Hause, ging nach Carlsbad, wo er sich als Musikant in kurzer Zeit viel Geld verdiente, von da nach Venedig, um bei Pater Martini Musikunterricht zu nehmen. Nach zwei Jahren wurde er Organist in einem Nonnenklofter, und bald bemühten sich Kirchen und Theater um seine Compositionen. 1763 folgte er einem Rufe nach Wien als Balletcompomst. 1766 kehrte er mit Bewilligung des Kaisers, der ihn zum Hof- und Kammerorganisten ernannt hatte, nach Venedig zurück, um daselbst — und mich in Mailand — seine Opern aufzuführen. Von Venedig nahm er den jungen Salieri mit sich nach Wien, Jm Jahre 1771 wurde er (nach Reutn's Tod) Hofcapellmeister, und 1772 stiftete er in Wien die (noch bestehende) Witwencasse für inländische Tonkünstler. G. starb in Folge eines Sturzes vom Wagen 1772 in Jtalien, Von seinen Kirchencompositionen Pflegte auch Mozart mit Achtung zu sprechen.

Da ging cs nun an ein eifriges Lernen. Gaßmaim nahm mit ihm die contrapunctischen Studien nach Ioh. Ios. Fur's ^) „Araäus aä ?arvas8urQ" vor; ein anderer Lehrmeister unterrichtete ihn — allerdings mit kläglichem Erfolg — im Deutschen und Französischen; lateinische und italienische Poesie, Declamation, Rhythmik und Prosodie bildeten die übrigen Lerngegenstände. So ausgerüstet wurde er Kaiser Iosef II. vorgestellt, wirkte sosort in der kaiserlichen Kammermusik mit und beschäftigte sich alsbald mit der Composition von Gesangs- und Instrumentalstücken, so wie von Kirchenmusik jeder Gattung. Im I. Z770 componirte er seine erste Oper: „I>e Zonne letterate", die sich großen Beifalls erfreute. Dieser folgten in den nächsten sechs Iahren ein Dutzend anderer Opern und Operetten. Im I. 1778 ging er auf einige Zeit nach Italien, wo er für die Theater in Venedig, Mailand und Rom abermals fünf Opern von Stapel ließ. Im I. 1781 schrieb er im Auftrag des Kaisers die deutsche Oper: „Der Rauchfan gkehrer", welche glänzenden Erfolg hatte. Auf Gluck's Empfehlung componirte er nun auch für Paris mehrere Dramen, die er daselbst persönlich zur Aufführung brachte. Unter diesen gilt „Tarare," später als „Axur König von Ormus," für die italienische Bühne umgearbeitet und gar bald eine Zierde aller deutschen Theater, für sein Meisterstück. Es war dies eben jene Oper, welche auch Schubert's Beifall hatte.

') Fux, geb. 1660 in Ober- Steiermark, wurde 1715 HofcapellMeister. Er schrieb Kirchen-, Kammer- und dramatische Musik, und ist Berfafser des zr»Sus »S ?»ro»ssom. Er starb zu Wien 1741.

Nach dem Tode des Hoscapellmeisters Bono^) rückte Salieri auf dessen Posten vor, dem er nun bis an fein Lebensende mit größtem Eifer vorstand. Im I. 1789 disvcnsirte ihn Kaiser Leopold II. von der Operndirection, die sofort dem Capellmeister Weigl übertragen wurde. Mit erneuertem Eifer warf er sich wieder auf die Composition von Opern, Cantaten, Gesangstücken, Kirchenmusik, Sinfonien, Concertstücken u. f. w. Am 16. Iuni 1816 feierte er sein öOjähriges Dienstjubiläum, an welchem auch Franz Schubert Antheil nahm und wovon noch ausführlich die Rede fein wird.

Von nun an trat er nicht mehr als schaffender Meister öffentlich auf, da er wohl fühlte, wie weit der Zeitgeschmack von jenem abzuweichen begann, den er für den einzig richtigen gehalten hatte. In seiner Eigenschaft als Vicepräses des Institutes der Tonkünstler*) (dessen Präses im I. 1818 Graf Kuefstein, später Graf Moriz Dietrichstein war), dann als Oberleiter der Singschule, womit von der Gesellschaft der Musikfreunde der Grund zur Errichtung des vaterländischen Conservatoriums gelegt wurde, hatte er noch immer ein reiches Feld der Thätigkeit vor sich, und es war ihm in der That eine Art Befriedigung, mehrere Male in der Woche in den Vormittagsstunden jungen Talenten beiderlei Geschlechtes unentgeltlichen Unterricht im Gesang, Generalbaß und in der Composition zu erlheilen.

') Bono, Hofcapellmeister, geboren 1710 zu Wien, gestorben daselbst 17S8.

2) Seeretär des Jnstitutes war im Jahre 1824 der Vice - Hofcapellmeister Eybler, der nach Salieri's Pensionirung Hofcapellmeister wurde.

Seit seinem Eintritt in das siebenzigste Lebensjahr kränklich, bat er im Iahre 1824 um seine Pensionirung und starb am 7. Mai 1825 in Wien, wo er auch begraben liegt.

Salieri galt bei seinen Zeitgenossen nicht nur als ein fleißiger'), melodienreicher, warm fühlender und tiefdenkender Meister, sondern auch als ein höchst liebenswürdiger Mensch. Freundlich, gefällig, wohlwollend, lebensfroh, witzig, unerschöpflich in Anecdoten und Citaten, ein feines, niedlich gebautes Männchen, mit feurig blitzenden Augen, gebräunter Hautfarbe, immer nett und reinlich, lebhaften Temperamentes, leicht aufbrausend, aber ebenso leicht auch zu versöhnen, — so schildert ihn Hosrath Friedrich v. Rochlitz^), der im Iahre 1822 mit ihm in Wien zusammenkam. Die deutsche Sprache erlernte er nie; im Feuer der Rede warf er französische und italienische Wörter dazwischen und pflegte sich damit zu entschuldigen, daß er erst seit 50 Iahren sich in Deutschland aufhalte.

Salieri wohnte im Innern der Stadt. Seilergasse im eigenen Hause. Dahin wanderte nun (in den Iahren 1813 bis 1817) der junge Schubert, die Notenhefte unter dem Arm, um dem Maestro seine Ausarbeitungen vorzulegen und von diesem die Instructionen zu empfangen, wie er es zu machen

") Er schrieb an 40 Opern, 12 Oratorien, Canlaten, Messen, ein Requiem, 4 Concerte für verschiedene Jnstrumente, eine Sinfonie (1776), Ouvertnren, Serenaden, Ballct-Musik, endlich dramatische Musik in tragischem, tragikomischem, heroischem, heroisch-komischem und „akademischem" Styl.

2) Jn dem Buch: „Für Freunde derTonkunst", Leipzig 1832, IV. Bd. — Mozart gegenüber, dessen Ueberlegenheit S. instinctartig fühlte, war er übrigens schlau und intriguant genug, um sein Emporkommen im Stillen zu hindern. (O. Jahn „Mozart" III, Bd., S. 61 u. s, s.)

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