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Du wirst Dich wundern, wenn ich Dir sage, daß es in unserm Hause schon so weit gekommen ist, daß man sich nicht einmal mehr zu lachen getraut, wenn ich vom Religionsunterricht eine abergläubisch lächerliche Schnurre erzähle. Du kannst Dir also leicht denken, daß ich unter solchen Umständen gar ost von innerlichem Aerger ergriffen werde, und die Freiheit nur dem Namen nach kenne. Siehst Du, von allen diesen Dingen bist Du nun frei, bist erlöst, Du siehst und hörst von allem diesen Unwesen und besonders von unseren Bonzen nichts mehr, von welchen letzteren man Dir gewiß nicht erst den trostreichen Vers des Bürger zurufen muß:

Beneide nicht das Bonzcnheer
Um seine dicken Köpfe,
Die meisten sind ja hohl und leer
Wie ihre Kirchlhurmknöpfe,

„Nun zu etwas anderem. Das Namensfest unseres Herrn Papa wurde feierlich begangen. Das ganze Rossauer Schulpersonal sammt Frauen, der Bruder Ferdinand sammt Frau, nebst unserm Mühmchen und Lenchen und der ganzen Gumpendorfer Sippschaft wurden zu einem Abendzirkel eingeladen, wo wacker geschmauset und getrunken wurde und es überhaupt sehr lustig herging. Bei dieser Gelegenheit setzte ich auch einmal meinen sparsamen Dichterwitz in Bewegung, und brachte unserm alten Herrn folgende Gesundheit aus:

Es lebe Vater Franz noch lang in unfrer Mitte;
Doch vergönn' er wohl uns heut' auch eine Bitte:
Er stell' auf's Jahr sich wieder ein
Mit Hendel, Strudel, Confect und Wein.

„Vor der Schmauserei spielten wir Quartetten, wo wir aber herzlich bedauerten, unfern Meister Franz nicht in unserer Mitte zu haben; wir machten auch bald ein Ende.

„Tags darauf wurde das Fest unseres h. Schutzpatrons Franciscus Seraphicus feierlichst abgehalten. Sämmtliche Schüler mußten zur Beichte geführt werden, und die größeren sich Nachmittags um 3 Uhr in der Schule vor dem Bildniß des Heiligen versammeln; ein Altar war aufgerichtet, wo zwei Schulfahnen paradirten rechts und links; eine kleine Predigt wurde abgehalten, wo es unter andern ein paar Mal hieß, daß man das Gute vom Bösen wohl entscheiden lernen müsse, und daß man dem mühsamen Lehrer viel Dank schuldig sei; eine Litanei auf den Heiligen wurde auch gebetet, eine Litanei, über deren Sonderbarkeit ich nicht wenig erstaunte; zuletzt wurde gesungen und sämmtlichen Anwesenden eine Reliquie des Heiligen zu küssen gegeben, wobei ich bemerkte, daß mehrere Erwachsene zur Thür hinausschlichen, die vielleicht nicht Lust haben mochten, dieser Gnade theilhastig zu werden.

„Nun auch ein paar Worte von den Hollpeinschen ^). Sowohl Mann als Frau lassen Dich herzlich grüßen und fragen, ob Du denn auch bisweilen auf sie denkest? Sie wünschten Dich bald wieder zu sehen, wiewohl sie meinen, Du werdest bei Deiner Rückkehr nach Wien nicht so häusig mit Deinen Besuchen fein wie sonst, da Dich Deine ganz

') Hollpein war Graveur im kais. Münzamt in Wien. Franz Sch. stand zu dieser Familie in sehr vertrautem Verhältnisse, und brachte seine freie Zeit fast ausschließlich bei derselben zu, worüber sich Franz in einem Brief (I82S) lustig macht.

neuen Verhältnisse wohl davon abhalten möchten. Dieses bedauern sie gar ost; denn sie lieben Dich, so wie uns alle mit dem aufrichtigsten Herzen und äußern ost über Deine glückliche Lage die innigste Theilnahme.

„Daß ich zu Deinem Namensfeste nicht ein Wort sage, wirst Du aus unseren Gesinnungen zu enträthseln wissen. Ich liebe Dich und werde Dich ewig lieben, und hiermit puuOtum; Du kennst mich.

„Lebe nun wohl und komme bald; denn ich hätte Dir noch vieles zu sagen, was ich mir aber verspare bis auf eine mündliche Unterredung.

Dein Bruder Ignaz.

„Wenn Du an den Papa und mich zugleich schreiben möchtest, so berühre nichts von religiösen Gegenständen. Das Mühmchen fammt Lenchen lassen Dich ebenfalls herzlich grüßen."

vn.

(1819,)

Echon zu jener Zeit, als Schubert sich mit der Komposition von Singspielen und kleineren Opern besaßte, war das glänzende Gestirn Rossini's am theatralischen Himmel ausgegangen. Wie epochemachend dieser geniale Mann plötzlich in den Vordergrund des italienischen Opernwesens trat, welche Triumse seine einschmeichelnde Muse allenthalben seierte, nachdem sie sich im Sturmlaus sämmtlicher größerer Bühnen bemächtigt hatte, und wie es gerade das sinnlich leicht erregbare Wien war, wo zu Ehren des „Resormators" ein geradezu bedenklicher Cultus getrieben wurde, lebt noch srisch in dem Gedächtniß jener Theatersreunde, welche die damalige Zeit miterlebt und jenen Verein von Gesangskünstlern gc schaut haben, welchem seither kein zweiter, gleich trefflicher mehr gesolgt ist, und dessen eminente Leistungen zu gutem Theil die Suprematie Rossinischer Opernmusik sür längere Zeit begründen halsen. Der nach dieser Richtung hin gedrängte einseitige Geschmack des großen Publikums und die zunehmende Verwälschung der Oper in Wien, welche unter Barbajas und Duport's Regiment, besonders aber, als 1822 Rossini selbst seine Sängergesellschast in die Residenz geleitete, ihren Höhepunct erreichte'), wurde in der Folge auch Schubert's dem Theater zugewendeten Bestrebungen wenigstens mittelbar verderblich und vereitelte schließlich die von ihm fortan genährte Hoffnung, endlich eine seiner zwei großen Opern (von welchen „Fierrabras" bereits für die Aufführung censurirt war) auf der Bühne dargestellt zu sehen Ungeachtet dieser peinlichen Wahrnehmungen säumte der neidlose, die wirklichen Verdienste Anderer mit vollster Unbefangenheit würdigende Schubert keinen Augenblick, der glänzenden Begabung des Pesaresen volle Anerkennung zu zollen; ja er geberdete sich als ein aufrichtiger Bewunderer des melodieenreichen Maestro, besuchte häusig die wälsche Oper und machte kein Hehl daraus, daß er dem leichtbeschwingten Rossini in der Kunst zu instrumentiren so manchen feinen Zug abgelauscht

') Die italienische Oper begann am 13. April 1822 mit Rossini's „Zelmira", und schloß im Juli mit „Corradino". — „Von Vorstellung zu Vorstellung steigerte sich der ungezügelte Enthusiasmus, bis er in einen entschiedenen Sinnentaumel ausartete, der seinen Stachel lediglich in der Virtuosität der Sänger fand, ohne auf den Werth oder Unwerth des vorgetragenen Musikstuckes Rücksicht zu nehmen. Jn der letzten Vorstellung schien es, als ob die ganze Versammlung von einer Tarantel gestochen wäre z das Jauchzen Lvviv»- und ?or»-Brüllen nahm kein Ende. Das Jahr 1823 sah den Taumel in Fanatismus übergehen. Der kleine Rest von Achtung für deutsche Gesangslunst war ganz geschwunden, und aus diesem Jahr datiren die jammervollen Zustände in aller und jeder Musik, die sich Jahrzehende hindurch über die österreichische Hauptstadt verbreitet haben." (So A. Schindler: Beethoven II Theil S. 57—S9)

2) Jn Briefen von und an Schubert aus den Jahren 1822—182S wird wiederholt der Ungunst der Zeiten bezüglich der Aufführung seiner Opern erwähnt.

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