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Nicht ohne eine Anwandlung von Rührung und Bewunderung blickt man auf diese reizenden Früchte einer stillen bienenartigen Emsigkeit, von welchen ein großer Theil erst geraume Seit nach Schubert's Tod geistiges Eigenthum der musikalischen Welt geworden ist.

VI.

(1818 und 1824.)

Meichwie Mozart und Beethoven eine entschiedene Abneigung gegen methodisches Unterrichtertheilen hegten, so auch Schubert. Und doch waren alle drei — Beethoven allerdings nur in seiner Iugendzeit^)—durch äußere Verhältnisse darauf angewiesen. Mozart plagte sich ein gut Theil feines Lebens hindurch mit Lectionengeben, und Schubert, wollte er seine materielle Lage verbessern, hätte sich ebenfalls — wenigstens in den ersten Iahren nach seinem Austritt aus dem väterlichen Hause — dazu bequemen müssen. Der Grund der Abneigung war bei diesen dreien derselbe, und bedarf keiner weiteren Erklärung. Schubert gewann es zwar über sich, mehrere Jahre hindurch den Schülern der untersten Classe die Geheimnisse des „Namenbüchleins" beizubringen, wobei ihn freilich nicht selten die Geduld verließ; — Unterricht in der Musik zu geben erschien aber dem rastlos Producirenden als eine geradezu unerträgliche Beschäftigung. Thatsache ist, daß er sich von

') Auch in späteren Jahren ging Beethoven, — wie früher in Bonn — als „übellauniges Eselein" an das Geschäft, welches er sich, namentlich beim Erzherzog Rudolf, möglichst zu erleichtern suchte.

allen Verpflichtungen dieser Art, wo solche etwa bestehen mochten, losmachte, um vollkommen Herr seiner Zeit und Neigungen zu sein.

Nnr aus Ein Anerbieten, welches ihm in mehrsacher Beziehung von Vortheil war, und seinen Drang nach Unabhängigkeit in keiner Weise bedrohte, ging er ohne Bedenken ein. Der Wirthschastsrath des Baron Hakelberg — Unger') (Vater der nachmals berühmt gewordenen Opernsängerin Caroline Unger-Sabatier) empsahl ihn nämlich um diese Zeit dem Grasen Johann Esterhazh als Musiklehrer, und dieser machte Franz den Vorschlag, daß er im Winter in der Stadt, und den Sommer über aus seinem Landgut Zelesz^) als Musikmeister seiner Familie sungiren möge.

Da mit dieser Stellung ein Honorar (nach einer Mittheilung des Herrn Doppler zwei Gulden sür die Stunde) und die Aussicht aus so manche Annehmlichkeiten verbunden war, an welchen in wohlhabenden, begüterten Familien auch deren nächste Umgebung teilzuhaben pflegt, so nahm Schubert den Vorschlag gerne an, und begab sich im Sommer 1818 zum ersten Mal nach Zel6sz.

Gras Johann Carl Esterhazh war vermählt mit Gräsin Rosine Festetics aus Tolna, und hatte aus dieser Ehe drei Kinder: Marie, Caroline und Albert Johann. .

') Bondemselben Unger ist das Gedicht zu Schubert's bekanntem Bocal-Quartett: „Die Nachtigall".

') Zelösz (Zselics) eine am Waagfluß gelegene, zum Barscher und Honther Comitat gehörige Herrschaft mit Dors, diesseits der Donau gelegen, von Wien 14 Poststationen entsernt. — Die Winlermonate brachte die Familie Eßterhazv gewöhnlich in der Residenz zu, wo sie in der „Herrengasse" wohnte.

Die ganze Familie war musikalisch. Der Graf befand sich im Besitz einer Baßstimme; die Gräsin und ihre Tochter Caroline sangen Alt, und die ältere Comtess? Marie erfreute sich eines „wunderschönen" hohen Soprans. Da nun auch Freiherr Carl von Schönste!nein trefflicher Tenorbariton, das Esterhazysche Haus ost zu besuchen pflegte, so stand das Vocal-Quartett fertig da, jenes Quartett, welches mit einer der schönsten Schubert'schen Compositionen: „Gebet vor der Schlacht" (von äe Ia öl«tte ?ouyu«) in unauflöslicher Verbindung steht. Die beiden Töchter spielten auch Clavier, und während die, von den besten italienischen Meistern gebildete Marie sich hauptsächlich an den Gesang hielt, befaßte sich Caroline, deren Stimme zwar lieblich, aber schwach war, bei mehrstimmigen Gesängen ausschließlich mit der Begleitung am Flügel, worin sie ercellirte.

Als Schubert in diese Familie eingeführt wurde, hatte er sein 21. Lebensjahr vollendet. Der Graf stand im rüstigen Mannesalter. Die Gräfin Rosine zählte achtundzwanzig Iahre, ihre ältere Tochter Marie) deren dreizehn, die jüngere (Caroline) eilf Iahre; der Sohn war damals ein fünfjähriges Kind.

Es versteht sich von selbst, daß Schubert's musikalischschöpferisches Talent diesem Kreis nicht lange verborgen

') Freiherr Carl von Schönstein, geboren am 27. Juni 1796 in Ofen, begann seine Beamten-Laufbahn im J. 1813 bei der königl. ungarischen Statthalterei, wurde 1831 Hofseeretär der allgemeinen Hofkammer, 1845 Hofrath daselbst, und trat I85g in Penston. Seiner Zu»erkommenheit verdanke ich die, auf Schubert's Verhältnis) zu der Familie Egterhazv bezüglichen Mittheilungen.

bleiben könnte. Er wurde ein Liebling der Familie, blieb der Verabredung gemäß auch den Winter über als Musikmeister in ihren Diensten, und ging mit derselben zu wiederholten Malen auf das erwähnte Landgut in Ungarn. Er verweilte überhaupt, und zwar bis an sein Lebensende, und auch außer den Musikstunden, viel im Hause des Grafen. In den ersten Iahren seiner Bekanntschaft wurde fleißig musicirt, wobei hauptsächlich Haydn's „Schöpfung" und „Iahreszeiten", desselben vierstimmige Gesänge und Mozart's „Requiem" herhalten mußten. Anch Anselm Hüttenbrenner's Vocal-Quartett: „Der Abend" '), welches Schubert wohl gefiel, wurde da östers gesungen. Freiherr von Schönstein, der bis zu feinem Zusammentreffen mit Schubert ausschließlich der italienischen Gesangsmusik gehuldigt hatte, erfaßte nun das deutsche Lied, wie ihm dieses in seiner vollen Schöne von Schubert dargebracht wurde, mit Enthusiasmus, und widmete sich von da an vorzugsweise dem Vortrag der Schubert'schen Gesänge, in welchem er nebst Vogl alsbald unerreicht dastand, ja den letzteren an Schönheit der Stimme übertraf. Der Tondichter trat zu ihm in ein näheres Verhältniß und musicirte gerne und viel in seiner Gesellschaft. Schönstein trug die Schubert'schen Lieder zumeist in dem ihm sehr befreundeten Eß terhazy'schen Hause vor, von welchem" jedes Familienglied für den Componiften begeistert war; feine sociale Stellung gab ihm aber auch Gelegenheit, im Verlauf der Zeit noch andere „hohe" uud „höchste Kreise" mit diesen Compositionen bekannt zu machen.

') Es ist im Stich erschienen und wurde im J. 1862 in einem musikalischen „Kränzchen" in Wien gesungen.

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