Abbildungen der Seite
PDF
EPUB
[ocr errors]

(1817.)

Die poetisch-musikalische Trias zu vervollständigen, welche in Schubert's Leben allenthalben in den Vordergrund tritt, und auf die Entwicklung des Tondichters in mannigfacher Beziehung veredelnd einwirkte, ist hier vor Allem abermals einer Persönlichkeit zu gedenken, mit welcher Franz bald nach Schober's Begegnung auf seiner Lebensbahn bekannt wurde, und zu der er ebenfalls in ein nahes, vom künstlerischen Standpunkt aus folgenreiches Verhältniß trat. Der junge Tonsetzer durfte in seinen Freunden Mayrhoser und Schober die Dichter vieler seiner schönsten Lieder begrüßen; es war ihm aber auch beschieden, in früher Zeit den ausgezeichnetsten musikalischen Verdolmetsche? derselben fast ohne alles Zuthun für seine Zwecke zu gewinnen, und dauernd an sich zu fesseln.

Dieser enthusiastische Freund der Schubert'schen Muse war der bekannte Sänger Vogl, der, beinahe um zwanzig Iahre älter als Schubert, damals im kräftigsten Mannesalter stehend, durch seine Leistungen auf der Bühne schon seit Iahren sich der vollsten Simpathie des jungen Tondichters erfreute.

Die erste Zusammenkunst beider scheint Schober vermittelt zu haben; wenigstens war er es, der in Schubert's Gesellschast bei dem spröden, den sogenannten Genie's gegenüber mißtrauisch gestimmten Sänger mehrere Male anklopste, bis dieser sich entschloß, die beiden Freunde in ihrer gemeinschastlichen Wohnung (damals in der Spiegelgasse im „Göttweiherhos") in Person auszusuchen ').

') Jn den Auszeichnungen des Freih. Joses v. Spann sindet sich dagegen hinsichtlich Sch's. ersten Zusammentreffens mit Vogl solgende Stelle: „Schubert, der bis dahin seine Lieder meist selbst gesungen hatte, richtete sein Augenmerk ganz vorzüglich aus den von ihm vielbewunderten Hosopernsänger Vogl, von dem es jedoch bekannt war, daß er schwer zugänglich sei. Es galt vor allem, ihm die Gelegenheit zu verschaffen, Schubert'« Compositionen kennen zu lernen-, das weitere, dachten die Freunde, würde sich dann sinden. Schon ösler hatte ihm Schober mit Begeisterung von dem jungen Compositeur gesprochen, und ihn ansgesordert einer Art Probe beizuwohnen; an dem Widerwillen des von Musik schon lange gesättigten, und bei dem Worte „Genie" durch vielsache Ersahrungen mißtrauisch gewordenen Sängers, prallten vorerst alle Versuche ab. Endlich aber konnte er den wiederholten Bitten von Schubert's Freunden nicht länger widerstehen; der Besuch wurde zugesagt, und um die verabredete Stunde trat Bogl eines Adends nicht ohne Gravität in Schubert's Zimmer, der sich ihm mit einigen linkischen Kratzsüßen und unzusammenhängend herausgestammelten Worten vorstellte. Vogl rümpste gleichgiltig die Nase, nahm das ihm zunächst liegende Stück Notenpapier, das Lied „Augenlied" enthaltend, summte es herunter, sand es zwar hübsch und melodiös, aber nicht bedeutend, sang dann noch mehrere andere Lieder mit halber Stimme, die ihn. namentlich „Ganumed" und „Des Schäser? Klage", sreundlicher stimmten, und klopfte Schubert beim Fortgeben mit den Worten aus die Achsel: „Es steckt etwas in Jhnen, aber Sie sind zu wenig Comödiant, zu wenig Charlatan; Sie verschwenden Jhre schönen Gedanken, ohne sie breit zu schlagen." Er ging dann sort, echne Zusage, wiederzukommen. Günstiger sprach er sich über Schuv. Kreitz le, Iran; Schubert. 8

Iohann Michael Vogl, geboren am 10. August 1768 in Stadt Steyr, war der Sohn eines Schiffmeisters '). Frühzeitig eine Waise geworden, erhielt er seine Erziehung im Hause seines Oheims, und erregte als fünfjähriger Knabe durch seine helle Stimme und richtige Intonation die Aufmerksamkeit des regens «Kori der dortigen Pfarrkirche. Dieser ertheilte ihm sosort gründlichen Musikunterricht, und schon in seinem achten Iahre wurde Vogl besoldeter Sopransänger. Dabei ward seine Schulbildung nicht vernachlässigt. Der Trieb zum Lernen, der Vogl sein ganzes Leben hindurch begleitete, erwachte frühzeitig in ihm. Hinlänglich vorbereitet, trat er in die Lehranstalt des Stiftes Kremsmünster, wo er das Gymnasium und die filososischen Studien mit Auszeichnung absolvirte. In dem genannten Kloster fand er zuerst Gelegenheit, Proben feines Darstellungstalentes abzulegen. Bei den kleinen Schau- und Singspielen, die daselbst zur Aufführung kamen, waren eben Vogl und sein Landsmann Franz Süßmayer ^) (der nachherige Famulus

bert gegen dritte Personen aus, ja er erging sich in Ausdrücken der Be wunderuug über die Reife und Geistesfrische des jungen Mannes. Nach und nach wurde der Eindruck von Schubert s Liedern auf ihn ein überwältigender; er kam oft unaufgefordert und studirte mit Schubert bei sich zu Hause dessen Compositionen, an denen er nun sich selbst, und jene, die ihm zuhörten, begeisterte.

') Die hier folgende Schilderung Vogl's ist zum Theil einem im Jahre 1841 im Druck erschienen Aufsatz Bauerufcld's, zum Theil Mitteilungen der Herren von Schober und Dr, L. v. Sonnlcithner entnommen.

2) Franz Zaber Süßmaver, geboren I76L in Stadt Stcyr, gestorben I8D3 in Wien. Die Singspiele und Cantaten, die damals in Krcmsmünster ausgeführt wurden, waren zum grofzen Theil von S. in Musik gesetzt.

Mozart's) unter den thätigst Mitwirkenden, die sich denn auch des Beifalles der zu diesen Productionen herbeiströmenden Bewohner der Umgebung in vollem Maße erfreuten.

Es währte nicht lange, so kamen die beiden Iünglinge überein, zusammen der Kaiserstadt zuzuwandern. In Wien abfolvirte Vogl die juridischen Studien und trat sodann in die ämtliche Praxis ein. Bald aber sollte er seinen eigentlichen Beruf kennen lernen. Süßmayer wurde Kapellmeister am Hosoperntheater, und auf seinen Antrieb erhielt der junge Beamte einen Ruf dahin, dem er ohne Zaudern folgte. Am 1. Mai l?94 trat er in den Künstlerkreis der deutschen Oper, welchem er durch 28 Iahre angehören sollte. Es war damals eine schöne Zeit deutscher Gesangskunst, und die Namen Weinmüller, Saal, Sebast. Mayer, Baumann und Baucher, Anna Milder und Buchwieser, Wild und Forti bezeichnen jene mit vorzüglichen Gesangskräften gesegnete Kunstepoche. Vogl's Eintritt in diesen Kreis war von den günstigsten Folgen begleitet. Der gebildete Mann brachte nämlich in der vom rein-musikalischen Standpunkt aus vortrefflichen Gesellschaft den Geist zum Durchbruch. An feinem Gcberdenspiel fand man zwar so manches auszusetzen, dagegen galten eine imposante Persönlichkeit, ausdrucksvolle Miene, edler Anstand und eine wohlthuende Baritonstimme als seine unbestrittenen Vorzüge. Im Gesang verfolgte er mit bewußter Consequenz den Weg dramatischer Gesangskunst. In der Darstellung des Charakteristischen, in der künstlerischen Verbindung der Wahrheit mit der Schönheit lag seine Stärke. Er besaß ein feines Gefühl für den Rhythmus der Verse, war des recitirenden Vortrages vollkommen mächtig, und in Folge gründlicher theoretischer Studien auch mit den Gesetzen der Harmonie hinlänglich vertraut. Trotzdem wurde ihm von mancher Seite dasjenige, was man Gesangs Methode im strengsten Sinn des Wortes nennt, nicht zuerkannt; man warf ihm insbesondere vor, daß er den gebundenen Gesang der Arie zu sehr vernachlässige, und stellte ihm in dieser Beziehung den Sänger Wild entgegen, während man Vogl's geistige Ueberlegenheit ohne weiters zugab. Als seine bedeutendsten Bühnenleistungen galten Orest (in „Isigenie"), Graf Almaviva (in „Figaro's Hochzeit"), Cheron (in Cherubini's „Medea") und Iakob (in der „Schweizerfamilie" ') und in „Iosef und seine Brüder"), von welchen namentlich die erste und die beiden zuletzt genannten auf den Knaben Schubert großen Eindruck machten. Seine letzte Rolle war angeblich der Castellan in Gretrv'S „Blaubart", der im Iahre 1821 neu in Scene gesetzt wurde. In diesem Iahr ging das Operntheater in Barbaja's Pacht über, und zu Ende des nächsten trat der Opernsänger Vogl in Pension, um als Liedersänger die bereits angetretene zweite Künstlerlaufbahn mit ebenso großem Erfolg durch eine Reihe von Iahren fortzusetzen. Noch im Iahr 1821 bahnte sein Vortrag des „Erlkönig" dem jungen Schubert die Wege unvergänglichen Ruhmes, und vier Iahre später sinden wir beide auf einer gemeinschaftlichen, durch die Kunst belebten und verschönten Reise in Oberösterreich und dem SalzburgerLändchen begriffen. Im Herbst des darauffolgenden Iahres

[ocr errors]
« ZurückWeiter »