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nur soweit beipflichten, als sie sich auf die Autorität der Bibel gründen, denn es sinde sich, daß die Konzilien geirrt und eins dem andern widersprochen hätten. Der Ofsizial begann in Abrede zu stellen, daß die Konzilien in Glaubensfragen nicht übereinstimmten, da aber erklärte der Kaiser, es sei genug, er wolle nichts mehr hören, da dieser die Konzilien verworsen habe. Und fo trat Luther ab, geleitet von aller Welt und besonders von vielen sächsischen Eoellenten aus der Umgebung des Kurfürsten; und als Martin den Saal verlassen hatte, reckte er die Hand in die Höhe, wie die deutscheu Landsknechte pflegen, wenn sie im Kampfspiele über einen wohlgelungenen Hieb frohlocken.

Als wir heute morgen zum Kaiser gingen, waren die Kurfürsten uud viele andere Fürsten zu ihm beschieden, um sich darüber zu erklären, was nuu weiter in Sachen Martins ihrer Meinung nach zu geschehen habe; als sie nun zu reislicher Ueberlegu^lg Ausschub verlangten, antwortete der Kaiser: „Gut, ich will Euch aber zuerst meine Ansicht eröffnen". Und nun lieh er die von ihm eigenhändig in französischer Sprache niedergeschriebene Erklärung verlesen, etwa eine Seite lang uud dieselbe auch in deutscher Uebersetzung.') Bei der Verlesung in Gegenwart des Kaisers und auch des Kurfürsten von Sachsen wurden viele der Fürsten bleich wie der Tod. Den Grund werden Ew. Herrlichkeit aus der Meinungsäußerung des Kaisers entnehmen, die er seinem Gesandten übermittelt, damit dieser. wie sichs gebührt, die gute Nachricht Sr. Heiligkeit und dem Kardinalskollegium anzeige. Auch wird man seine Sentenz in lateinischer, italienischer, deutscher, spanischer, französischer nud flämischer Sprache drucken lassen und in der ganzen Christenheit verbreiten, damit man die hochherzige und streng kirchliche Haltung Sr. Majeftät des Kaisers iu so bedenklicher Frage kennen lerne, der seinen Willen offen kuudgegeben hat in einem Zeitpunkt und unter Verhältnissen, da alle Welt hier urteilte, der Kaiser müsse sein säuberlich umgehen mit diesen Fürsten, wenn er bei ihnen für seine Unternehmungen Entgegenkommen sinden wolle. Aber Gott hat immer den frommen Sinn dieses allerchristlichsten und wahrhast katholischen Fürsten geftärkt, der uns immer ein seiner würdiges, Gott und dem Papste wohlgefälliges Vorgehen in Aussicht stellte und nun so viel gethan hat, daß wir selbst mit etwas weniger zufrieden gewefen wären; auch erklärte er die Verzögerung der Angelegenheit und die Herkunft Luthers in der beften Absicht veranlaßt zu haben, damit das deutsche Volk sich nicht darüber beschweren könne, daß man Luther nicht gehört habe und vorgeben, es geschehe dem Martin ein Unrecht, wenn er nicht zuerst befragt werde, «o er widerrusen wolle. Und da es sich in der That so verhält, ist jenes Verfahren viel besser gewesen, als wenn einsach die kaiserlichen Mandate veröffentlicht worden wären. Und obgleich wir bei dieser Verschleppung schreckliche und schier unglaubliche Angrisse, Sorgen und Gefahren zu beftehen hatten, so dürsen wir uns jetzt über die erlittenen Unbilden trösten mit dem Spruche: et n»oo memmi»8e iuvndit.

sondern ob er uberhaupt seine Jrrlehren widerrufen wolle. Luther aber hob in seiner Antwort die Fehlbarkeit der Konzilien ausdrücklich hervor, was nach andern Berichten erst auf des Ofsizials befondere Frage geschah. Nachdem die Acia Aleanders hier Luthers Fassung seiner Worte gegeben haben (von der Gebundenheit seines Gewissens in Gottes Wort), fahrt der Nuntius fort: „Auf diefe Aniwort Luthers, als schon alle von dem Gedräng und der Hitze ermattet sich zum Gehen anschickten, rief der O'sizial, da die Zeit drängte, mit kurzen Worten: Laß Dein Gewissen fahren, Martinus, wie Du verpflichtet bist, da es sich im Jrrtum besindet; dann wirst Du sicher und unbedenklich widerrufen können. Daß aber die Kon» zilien geirrt haben, wirst Du, wenigstens was die Glaubensfragen angeht, niemals nachweisen können: mag es sein in Sachen der Sittenzucht; das will ich Dir ohne Umstände zugeben. Martinus erwiderte, er könne es nachweisen. ^Nun verbot der Kaiser weitere Erörterungen, was in dem Tumult des Aufbruchs sonst von keinem Berichterstatter gehört wurdet Damit ging man von dannen." Man vgl. befonders den sehr genauen uud zuverlässigen Bericht des Nürnberger Gefandten Spengler bei Förstemann, Nr. 27. S. 72 ff.

') Vgl. die lateinische Fassung bei Förstemanu. Nr 28. S. 75. Der Kaiser erklärte, daß er der Tradition seiner Vorfahren entsprechend an dem katholischen Glauben und an den von ihnen auf deni Konstanzer und anderen Konzilien aufgestellten Grundsätzen festhalten und Krone wie Leben dasür einsetzen werde, die Ketzerei oder auch nur den Verdacht der Ketzerei zu vertilgen, die, von diesem einen irrenden Mönche in' Widerspruch mit dem Glauben der ganzen Christenheit ausgehend, ihm, dem Kaiser, wie den Ständen der cdeln deutschen Nation große Schande bringen würde. Nach der gestrigen hartnäckigen Antwort Luthers müsse er bedauern nicht eher gegen ihn eingefchritten zu sein, werde ihn aber unter keinen Umständen weiter hören, ihm auch verbieten, da er auf Grund seines Geleites zunächst nach Hause zurückkehren solle, daß er dabei predige und so das Voll zum Aufruhr verführe. Jm übrigen werde er nun gegen Luther als gegen einen überwiefenen Ketzer verfahren und erwarte von den Ständen eine mit ihrer Christenpflicht und ihrem Versprechen übereinstimmende Meinungsäußerung.

.Kalkoff, Nie Depefchen. 10

21.

(B. 74. Br. ^5.) Worms, »n 27. April) 1521.

Ew. Herrlichkeit berichteten wir am 19. dieses Monats gemeinschastlich über die fromme und löbliche Entscheidung des Kaisers, die er eigenhändig aufgezeichnet und den Fürsten mitgeteilt hatte in der bestimmten Voraussicht, damit abweichenden Entschließungen von ihrer Seite zuvorzukommen; und das gelang auch vortrefflich, denn nun beschlofsen die Fürsten noch an demselben Tage, wie uns der Erzbischof von Trier durch seinen Ofsizial hinterbringen ließ, in allen Stücken dem Willen des Kaisers zu folgen. Aber ein unerwarteter Zwischenfall brachte wieder alles in Verwirrung, denn in der folgenden Nacht hefteten die Lutheraner ans grimmigem Zorn über das Urteil des Kaisers wie in der Absicht die Rechtgläubigen von der Vollziehung desselben abzuschrecken, einen Zettel an die Thür des Rathauses und andere öfsentliche Oerter, dessen Jnhalt, aus beiliegender Kopie ersichtlich,. wenn er in den thatsächlichen Verhältnissen begründet wäre, gewiß für höchst gefährlich gehalten werden müßte: denn die drei deutschen Worte der Unterschrift, die nicht ins Lateinische übertragen sind'), bedeuten den Aufruf und das Wahrzeichen der Bauern für den Kamvf gegen Obrigkeit und Adel. Auch soll iu derselben Nacht jemand diese Parole in der ganzen Stadt ausgerusen haben, doch erfolgte nicht die mindeste Bewegung, woraus zu entnehmen, daß die Verschwörung nicht auf so breiter Grundlage ruht.> Jndessen wurde eiu gewisser

') S. Kolde, S. 6.-<: „Bundschuh, Bundschuh, Bundschuh".

Fürst'), der vielmehr unsere Sache verteidigen sollte, teils infolge seiner angeborenen Bedächtigkeit oder auch Feigheit, teils durch die Ratschläge seiner lutherisch gefinnten Umgebung, die ich im Verdacht habe, jenes Plakat selbst fabriciert zu haben, in solchen Schrecken versetzt, daß er noch vor Tagesanbruch zum Kaiser, zu den übrigen Fürsten und zu uns schickte. Der Kaiser aber lachte darüber und ließ ihm sagen, er sei ein wenig zu surchtsam; und da ihm obliege die Fürsten zur Sitzung zu laden, so werde er gut thun zuvor in aller Eile Luthern abzusertigen und zurückzuschicken. Darauf bemerkte der Kaiser lächelnd zu uns, es verhalte sich mit dieser Verschwörung der vierhundert Edelleute wie mit der des Mueius Scävola, der auch dreihundert Genofsen haben wollte, während er ganz allein stand. Dennoch aber konnte jener gute Freund sich nicht enthalten seinen Bruder mit einem Vorschlage an den Kaiser zu senden, der grundverschieden war von seinem geftrigen im Namen von vier Kurfürsten schristlich geftellten Antrage.') Demzufolge sollte kaiserliche Majeftät den Luther, da er sich so hartnäckig des Widerruses geweigert, zwar kraft freien Geleites zurücksenden, dann aber gegen seine Person und augenblicklich gegen seine Bücher vorgehen. Derselbe Mann kam nun nach dem Erscheinen jenes Zettels zum Kaiser, und da er mit uus zugleich auf die Audienz warten mußte, eröffnete er uns, mau werde gut thun, Luthern noch einmal zu befragen und ihn in Gegenwart einiger Fürsten im Namen des Reiches durch Doktoren verhören zu lassen; dies sei die Meinung aller Kurfürsten, was ich gern glauben will, da unsere beiden Gegner im Kollegium nichts sehnlicher wünschen, als die Angelegenheit za verschleppen und zu verwirren, während die andern ihnen widerstandslos folgen, da ja der eiuflußreichste Mann sich aus Furcht zu solcheii Vorschlägen erniedrigt.

') Erzbischof Albr«cht von Mainz, dem neben den „Romanisten" die angeblich zu Luthers Schutz Verschworenen ausdrücklich ihre Feindschaft erklärt hatten.

') Wie es im Eingange des von Balan (Nr. 69.) mitgeteilten Schriststückes heißt, hat der Kurfürst den Antrag nur in seinem und seines Bruders Namen gestellt; die beiden andern Erzbischöfe werden denselben freilich sofort unterstützt haben.

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