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daß er gegen Se. Heiligkeit und gegen den Stuhl Petri geschrieben iind viele ketzerische Lehren ausgestreut habe, — damit nannte man das Ding beim rechten Namen nnd das war gut —; daraus aber sei ein solches Aergernis entsprungen, daß, wenn man nicht schleunigst vorbeuge, ein Brand daraus entstehen werde, deu zu löschen dann weder Luthers Widerruf noch kaiserliche Macht ausreichend sei; drum werde er hiermit ermahnt seinen Sinn zn ändern. Darauf wurde er entlassen, ohne weiter gesprochen zu haben. Der Narr war mit lachender Miene eingetreten und halte in Gegenwart des Kaisers fortwährend deu Kopf bewegt, hierhin nnd dorthin, auf und nieder; beim Weggehen schien er uicht so heiter zu sein. Auch von seinen Gönnern haben ihn viele, nachdem sie ihn gesehen, die einen für närrisch, die andern für besessen erklärt, viele andere für einen frommen Mann voll des heiligen Geistes. Jedenfalls hat er in jeder Hinsicht viel von seinem frühereu Ansehen eingebüßt.

Der Kaiser hat an diesen beiden Tagen gegenüber dem Bestreben vieler die Sache zu verwirren die Festigkeit seines Charakters und seiner religiösen Ueberzeugung bewiesen und hat

Milde ermahnen die Einheit der Kirche und den Fried-n der Chriüenbeit zu bedenken und nicht durch hartnäckiges Festhalten an seinen mit Verdrehung der heiligen Schrist ergrübeilen Lehren einen allgemeincn Au'rubr und Verwirrung anzustiften. Er solle bedeuten, wie viele fromme Seelen er schon in seine unentwirrbaren Jrrlehren verstrickt und zur Hölle vorausgefchickt habe. W<nn er widerrufe, hoffe der Kaiser ihm leicht Verzeihung beim Heiligen Vater auszuwirken; wenn er dagegen sich als halsstarrigen Ketzer ;eige, werde der Kaiser die Majestät der Kirche und des heiiigen Stuhles treulich verteidigen: was ihn dann für Strasen und Leiden, welcher Tod ihn dann erwarte, möge er wohl erwägen. — Schwerlich durfte der Ofsizial so gar beweglich und pathetisch, — denn obige Sätze geben nur die Quintefsenz diefer Rede wieder —, zu Luther sprechen: Aleander wollte nur an dieser Stelle die mild versöhnliche Haltung des Kaisers mit Luthers verstockter Ketzerei in recht scharfen Lon^rast setzen und gemeinverständiich auf den im Hintergrunde wartenden Scheiterhaufen hindeuten, was angefichts des freien Geleites nrd der noch ausstehenden, möglicherweise den Reichstag, wenn auch nicht die Kurie befriedigenden Erklärung Lutheis ein plumper Verstoß gewefen wäre. Jn seinem Elaborat läßt Aleander hingegen die schon von Pallavicini (vgl. Brieger, S. N7) als undiplomatisch gerügte Bemerkung über die eventuelle Unzulänglichkeit der kaiseriichen Macht weg. —

mit dem Kurfürsten von Sachsen ein gar ernstes Wort geredet, nachdem Martin heute entlassen war. Der Trierer Tfsizial teilt mir soeben eine Aeußerung seines Herren über den Kurfürsten mit, der danach gegen früher wie verwandelt sein soll; derselbe habe gesagt: „Dieser ruchlofe Mönch (mouno!'« i-ili.-iläo > hat alles verdorben uud ist mir zur Beschwerde und zum großen Verdruß in seinen schwärmerischen Ansichten viel zu weit gegangen"; aber trotzdem thut dieser Fürst das Böse, wo er nur kaun, und noch viel mehr seine Leute.

Dieses erste Auftreten Luthers ist im ganzen nicht übel abgelausen, wenn er nur morgen nicht, bearbeitet von seinen Anhängern, eine Antwort giebt, die weitere Verzögerung herbeisührt: dem muß man zu begegnen suchen. Der Kaiser hat heute Abend dem Beichtvater und dem Ofsizial aufgetragen morgen zu guter Stunde schon sich mit mir darüber zu verständigen, was nun zu thun sei. Sehr erfreut über ihren Wunsch in Ubereinstimmung mit uns zu handeln, werde ich mich erst mit ihren Absichten näher bekannt machen, und dann werden wir schon den zweckmäßigsten Beschluß fassen.

Jch siehe zu Gott, daß diese Kaiserlichen, die bisher aus Bosheit, Feigheit, Leichtsinn oder weltlichen Rücksichten in allen Stücken gegen Gott und die Gesetze, gegen ihre Ehre und der Christenheit Bestes gehandelt haben, jetzt wenigstens, allein Gottes und seines Statthalters sowie kaiserlicher Eidespflicht eingedenk, ihre Schuldigkeit thun möchten: Gott gebe, daß die Herkunft dieses Antichrists, die wir immer als ganz vernuuftwidrig von der Hand gewiesen haben, zum Frieden und zur Beruhigung der Christenheit beitrage.

20.

(B. 70. Br. 24.) Worms, den 19. April 1521.

Ew. Herrlichkeit werden schon durch den mündlichen Bericht Messer Rasaels de' Medici') den Ausgang des ersten mit Luther vor Kaiser und Reich angestellten Verhörs ersahren haben. Durch gegenwärtigen kaiserlichen Kurier vernehmen Ew. Herrlichkeit, wie heute Nachmittag um vier Uhr Martin an den Hof beschieden wurde und, da der Kaiser mit den Fürsten noch oben verzog, bis zu seinem Verhör länger als anderthalb Stunden warten mußte unter gewaltigem Zulauf bei seiner Ankunft wie während seines Wartens. Als nun der Kaiser, die Fürsten und Stände des Reichs eingetreten waren, fragte der Trierer Ofsizial, der schon das erste Verhör im Namen des Kaisers geleitet hatte, in wohlgesetzter, eindringlicher Rede: „Luther, obwohl Dir billigerweise in einer so weltkundigen Sache keine Bedenkzeit mehr hätte bewilligt werden sollen, so hat Dir doch Kaiserliche Majestät nach Jhrer Gnade und Milde bis zu dieser Stunde für Deine Antwort Frist gegeben; derhalben wirst Du nun ofsen und ehrlich erklären, ob Du widerrusen wollest alles, was Du gegen das Herkommen unserer heiligen Kirche, gegen die Konzilien, Dekrete, Gesetze und Cärimonien, wie sie unsere Vorfahren und wir bis auf den heutigen Tag gehalten haben, geschrieben hast, und ob Du gleichermaßen widerrusest die vom gegenwärtigen Papste verdammten Lehrsätze. Aber siehe zu, daß Du nicht anstößig noch zweideutig (evrrmte nee »wdi^ne)') antwortest, sondern uns klaren Bescheid gebest."

') Derselbe war Tags zuvor nach Jtalien abgereist, wo er dem Vizekanzler schon am 2<!. April in Floren; Bericht erstattete. Vgl. Brieger, 2.151.

Martin erklärtes, er habe dreier Gattungen Bücher geschrieben, die einen gegen die römischen Mißbräuche: und nun sing er an den heiligen Vater und Rom, das er die Folterkammer der Christenheit nannte, auf das gistigste herunterzureißen; und da er sich hierüber zu weit verbreitete, hieß ihn der Kaiser über diesen Punkt schweigen, im übrigen aber fortfahren. Die andere Reihe seiner Bücher habe er verfaßt auf die Anseindungen seiner Gegner hin, deren Schuld es auch sei, wenn er sich hier scharf ausgesprochen habe; unter der dritten Klasse der Bücher, die Lehre des Evangeliums betrefsend, fänden sich einige, die weder seine Gegner noch die Bulle für anstößig erklärten. Aber von diesen drei Arten der Bücher könne und werde er kein Wort widerrusen, wenn er nicht in einer Disputation allein auf Grund des alten oder neuen Testaments des Jrrtums überwiesen sei und anders nicht; wenn er aus anderer Ursache, wozu er sich indessen nie verstehen werde, widerriese, würde er gegen sein eigenes Gewissen und göttliche Wahrheit handeln; daher bitte und ermahne er Kaiserliche Majestät den Lauf dieser seiner Lehre nicht hemmen zu wollen, was nicht nur der ruhmreichen deutschen Nation, sondern auch Jhren andern Herrschasten und Königreichen zum Verderben ausschlagen könne: er für seine Person werde jedensalls die christliche Wahrheit nicht verleugnen, da ihn sonst Christus verleugnen müsse vor seinem himmlischen Vater.

') Diefe Forderung einer Antwort „ohne Hörner und Mantel" sprach der ÜDfsizial erst am Ende seiner Erwiderung auf Luthers Rede aus: «meere et «mäise, uon «ubißue nou eurnute re»ponse»», »u libro» tuu» et errore« mibi eoutoutu» »b»te äi«»emiu»to« revoe»re et retr»ot»re veli» ueeue. V»l. p. 183.

e) Wie schon Köstlin (Luthers Rede in Worms am 18. April 1521, Halle 1874) nachgewiefen hat, ist in die wichtigsten Quellen, die beiden Drucke der Het» I>utberi Woriu»ti»e in ouwitü» imp. von 1521, in Spalotins Bericht (Förftemann Nr. 26.) eine von Luther selbst herrührende „schon vor dem Halten der Rede" gemachte Aufzeichnung derselben aufgenommen worden, an die er nachträglich eine äußerst knappe Notiz über die Rede des vfsizials und seine bekannte Antwort „ohne Hörner und Zähne" fügte, mit den deutschen Schlußworten: „Gott helff mir, Amen". Das wird nun bestätigt durch die von Aleander selbst herrührenden ^et» eomMrition!« I^ntberi (Bal. Nr. 68.), die er, wie er am 8. Mai schreibt, den das Volt aufregenden Akten Luthers, in denen die Antworten des Ofsizials unterdrückt wären, entgegensetzen wolle. Jn diefe Schrist nahm er die von Luther „vorher aufgezeichnete Rede desselben, von der er sich eine Kopie verschafft habe", auf. (Bal. p. l77.) Doch lag auch ihm schon das ganze oben umschriebene Aktenstück vor: denn auf Luthers große Rede läßt auch er in ungefchickt engem Anschluß an seine Vorlage den Passus folgen, in welchem Luther in der ersten Person fortsährt: „Hierauf sagte der Sprecher des Reiches in verweisendem Tone, ich hätte nicht zur Sache gesprochen und dürfe nicht in Frage stellen, was längst auf Konzilien verdammt und entschieden sei, man verlange daher von mir eine schlichte, nicht gehörnte Antwort: ob ich widerrufen wolle oder nicht". Nun aber fügt er erst die wohl vom Ofsizial selbst nachträglich für Aleander aufgezeichnete Rede in direkter Form ein und stickt wieder an diefes Stück mit den Worten: „»a nee U»» tiuu»" den Schluß von Luthers Schrift. Diefe cirkulierte wohl zunächst erst abschriftlich im Kreise seiner Anhänger in Worms und wurde von Spalatin für den Kurfürsten übersetzt; noch am 29. April ist sie Aleander unbekannt; sie ist also wohl gleich nach Luthers Abreise von Worms, etwa in Frankfurt, gedruckt worden und diefe uns verloren gegangene Flugschrift, die dem Nuntius nun vielleicht schon in Worms handschriftlich zugegangen war, hub an, wie wir »us seiner Wiedergabe ersehen, mit dem über Luthers Rede gefetzten Svmbolum: ,^Ke»u»" und schloß mit den Worten: „Gott helff mir, Amen."

Der Ofsizial seiner Jnstruktion gemäß erwiderte darauf klugerweise: „Martin, wenn Deine falschen Meinungen und Ketzereien neu und von Dir ersunden wären, fo würde Kaiserliche Majestät vielleicht beim Heiligen Vater darum einkommen, daß Se. Heiligkeit dieselben durch fromme und gelehrte Männer prüsen ließe, damit Dir kein Unrecht geschähe. Aber Deine Jrrlehren sind die der alten Ketzer, der Waldenser, Begharden, Adamiten, der Armen von Lyon, des Vicleff und Hus, die längst durch die heiligen Konzilien, die Päpste und das kirchliche Herkommen verdammt sind und deshalb nicht mehr gegen göttliches und menschliches Gesetz erörtert und in Zweisel gezogen werden dürsen". Daran knüpfte der Ofsizial eine Frage, welche die deutsche Nation ganz besonders bewegt, ob er nicht widerrusen wolle, was er gegen das heilige Konstanzer Konzil, das beschickt war von allen Nationen nnd anerkannt von aller Welt, geschrieben habe. Er verneinte') und wollte denKonzilsbeschlüssen

') Nach den Acta Aleanders (Bal. Nr. <!^.) lautete die Frage des Olsizials nicht speziell, ob Luther seine mit dem Konzil unvereinbaren Sätze,

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