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Hamburg wichtigere Angelegenheiten gemeinsam zu besprechen pflegten. Auf erzbischösliche Zumutungen erwidert der Bremer Rat 30. September 1525, daß er den Gebrauch habe, wichtige Sachen in Abwesenheit seiner Freunde von Lübeck, Hamburg und Lüneburg nicht zu verhandeln. Und als 1527, wie wir hören werden, der Hamburger Rat den Erzbischof zur Berusung eines Provinzialkonzils auffordert, rät dieser den Hamburgern, sie möchten diese Sache doch auch ihren guten Freunden in Lüneburg und Lübeck, d. h. dem dortigen Rate vortragen.^)

Die Bürgerschast war, wie schon hieraus zu ersehen ist, zunächst durch die Kirchengeschworenen vertreten. So wurden diejenigen Kirchspielseingesessenen aus den Bürgern genannt, die für die Kirchenbauten und die Verwaltung des Kirchenvermögens zu forgen hatten. Jn gleichem Ansehen mit ihnen standen schon frühe die Leichnamsgeschworenen, ursprünglich die Vorsteher einer Brüderschast, welche sich die Ausschmückung des Hauptaltars angelegen sein ließ. Da der Altar die Stätte ist, wo das Sakrament des heiligen Abendmahls geseiert wird, fu hießen die Mitglieder dieser Brüderschast auch Sakramentsbrüder oder auch Brüder des heiligen Leichnams, und ihre Vorsteher erhielten den Namen Leichnamsgeschworene.-5) An jeder der Pfarrkirchen waren zwei Leichncnnsgeschworene.

Neben dieser sehr angesehenen Brüderschast gab es aber über hundert andere, deren Mitglieder Geistliche und Laien, Männer und Frauen sein konnten. Jede der Zünste, die verschiedenen Kaufmannsvereinigungen bildeten eine Brüderschast für sich, die ihren besonderen Schutzpatron hatte, dem sie in einer der Pfarrkirchen oder im Dom oder in den Klosterkirchen einen Altar errichtete. Für die lebenden Mitglieder der Brüderschast wurde an demselben die Messe gelesen, ebenso für die Verstorbenen. Bei den Jahresseiern für die Verstorbenen kamen die Brüder zur Messe zusammen, zuweilen wurde auch ein Jmbiß an dem Tage gehalten, wenn die Koften aus einem Legate des Verstorbenen bestritten wurden. Diese Stistungen hießen, weil sie zum Gedächtnis des Verstorbenen errichtet waren, Memorien.

Bisweilen war auch bestimmt, daß alle, welche an der Gedächlnismesse teilnähmen, einen kleinen Geldbeitrag erhalten sollten. Dies waren die sogenannten Memoriengelder, welche, wie wir gesehen haben, vom Kapitel den Laien vorenthalten wurden. Solcher Memorien gab es unzählige, und da nach den Satzungen der römischen Kirche der Priester nur eine Messe an jedem Tage vor zwölf Uhr halten darf, so waren eine Menge von Priestern, sogenannte Vikare und Kommendisten angestellt.") Auf diese Weise erklärt es sich, daß in den Jahren 1523—25 über vierhundert Geistliche in Hamburg waren. Gesetzlich durfte jeder Kleriker nur eine Vikarie besitzen; doch scheint diese Bestimmung keineswegs streng gehalten worden zu sein. Manche Vikare waren zugleich Pastoren in der Umgegend, in Eppendorf, in Bramstedt :c., andere waren zugleich öffentliche Notare; auch kam es vor, daß der Vikar einem andern die Vikarie gegen eine jährliche Leibrente übertrug. Ein großer Teil der im letzten Jahrhundert vor der Reformation gestisteten Vikarien wurde vergeben von den Familien der Stister, oder, wie es damals hieß, diese belehnten den Geistlichen mit der Vikarie. Eine solche war denn zugleich eine Art Versorgung für den Jnhaber, und daher waren fo viele Vikare Mitglieder angesehener Familien, welche die Jhrigen damit belehnten.--) Auch dies waren Bande, welche selbstverständlich dieselben an die alte römische Kirche sesselten.

Einige Brüderschaften waren berusen im Jahre der Reformation, auch in das handelspolitische Leben einzugreisen. Tic Kaufleute nämlich hatten sich in verschiedene Gesellschasten geteilt. Die Namen derselben, der England-, Schonen-, Flandern-, Bergenund Jslandsahrer, geben schon an, wohin sich ihre Unternehmungen erstreckten. Die drei ersteren vereinigen sich nun im Jahre 1517 zu dem „gemeinen Kaufmann", der als Vorstand der Kaufmannschast deren Jnteressen zu vertreten hat. Schon hier möge bemerkt werden, daß unter den sechs Vorstehern dieser Gesellschasten drei sind, welche später bei der Reformation thätig eingriffen, namentlich Hans Bissenbeck von den Flandernfahrern und Friedrich Ostra nebst Thole Anckelmann von den Schonenfcchrern. Zugleich behielten sie aber noch ihre kirchliche Stellung: die Flandernfahrer bildeten die Brüderschast des heiligen Leichnams am Johanniskloster, demgemäß auch die Aeltesten dieser Kanfmannsbrüderschast als Vorsteher des Johaunisklosters^ vorkommen; die Englandfahrer hatten sich für ihre Unternehmungen den heiligen Thomas von Canterbury oder, wie man hier sagte, Thomas von Kantelberg zu ihrem Schutzpatron gewählt und versammelten sich an dessen Altar in demselben Klofter.

Wir sehen hieraus, wie die Klöster auch ins bürgerliche Leben eingreisen. Die beiden bedeutendsten, das Johanniskloster und das Maria-Magdalenenklofter, jenes der Dominikaner oder schwarzen Mönche, dieses der Franziskaner oder grauen Mönche, sind Stistungen Graf Adolfs IV. von Holstein. Jn den Streitigkeiten zwischen Rat und Kapitel standen namentlich die grauen Mönche ans Siite des ersteren, und suchten mit den Dominikanern die Folgen des päpstlichen Bannes abzuschwächen. Neben diesen beiden Klöstern wurden nur zweimal, und zwar erst 1523 und 1531, die Zellbrüder des Augnstinerordens genannt oder, genauer genommen, nur ihr Hof am Alsterthor bei Gelegenheit des Verkaufs einer Rente in demselben erwähnt, vermutlich eine ganz neue Stistung.2»)

Nicht ohne Bedeutung für die Entwickelung der Reformation war das Cisterzienserinnenkloster zu Harveftehude, von Schwester Heilwig, der Gemahlin Adolfs IV., gestistet, da diese Nonnen meist den ersten Familien angehörten und vielleicht deshalb mehr Selbständigkeit beanspruchten, als ihre kirchlichen Oberen ihnen einzuräumen für gut befanden. Angehörige der Ratsverwandten und der Domherren bekleideten die Stelle der Aebtissin, die ihrem Range nach unmittelbar unter dem Erzbischof von Bremen stand. Alleke Krantz, die Schwefter der beiden Dekane gleiches Namens, Gesche Engelke, die Schwester des Lektor primarius Johann Engelin, sinden wir als Nonnen im Reformationszeitalter.-») Dies Klofter sowie der Konvent der blauen Schwestern, der sogenannten Beginen, war geradezu eine Versorgungsanstalt für „unbegebene" Töchter Hamburger Familien geworden. Freilich mit der Zeit reichten die Einküufte des Harvestehuder Klofters nicht aus, alle, die „tho der werld nicht deneden", dahin zu begeben, und sowohl nach Reinbeck und Neumünster in Holstein als ganz besonders nach Alt- und Neukloster bei Buxtehude wurden dann die sich dazu qualisizierenden Töchter begeben. Gleich so vielen Brüderschasten hatte Reinbeck im Jahre 1465 und Neuklofter im Jahre 1445 vom Rate zu Hamburg die Vergünstigung erhalten, sich hier ein

Rentebuch anzulegen, in welches die von Hamburgern gemachten Legate eingetragen wurden. Der Bürgermeister Hermann Langendeck und der Bürger Hermann Freese in Hamburg waren 1495 sogar Vorstände oder Provisoren des letztgenannten Klofters. Wenn man Testamente angesehener Männer damaliger Zeit lieft, so scheint es als fast selbstverständlich, daß sie diese Klöster bedenken, und wäre es auch nur mit einer Tonne Bier, wie es der Ratsherr Hinrich Moller (vom Hirsch) in seinem Testamente vom 9. Juli 1512 machte, der dem Klofter zu Reinbeck zu einem jährlich zu haltenden Gedächtnisse 45 Mark aussetzte, den grauen und schwarzen Mönchen gleichsalls einen Geldbetrag vermachte, der Et. Nikolai- und St. Petrikirche jeder einen seiner besten Röcke schenkte, den genannten Jungfrauenklöstern aber jedem zwei Tonnen Hamburger Bieres vermachte.'") So groß waren die Renten, welche Reinbeck aus Hamburg bezog, daß, als die Nonnen 1530 das Kloster an König Friedrich von Dänemark verkausten, dies nur mit Genehmigung des Hamburger Rats geschehen konnte.")

Um die Bedeutung der Reformation für Hamburg zu würdigen, ist es notwendig, uns noch das geistige Leben in der Stadt vor Eiuführung derselben zu vergegenwärtigen.

Die Bedeutung der Reformation wird verkannt, wenn man sie, wie es häusig geschieht, nur als eine Folge des Humanismus anzusehen beliebt. So grundverschieden wie der gelehrte, aber ängstliche und energielofe Mönch Erasmus von Rotterdam und Luther waren, so grundverschieden ist der Humanismus nnd die evangelisch-lutherische Reformation. Vollends in Hamburg kann man nicht von einer humanistischen oder erasmischen Richtung reden, wie etwa im Herzogtum Kleve, die der Reformation den Weg bereitet hätte.

Als der bekannteste hiesige Vertreter des Humanismus ist der Dekan Albert Krantz zu nennen, bekannt durch seine Geschichtswerke. Er war es, der den geseierten Humanisten Hermann Busch veranlaßte, in Hamburg einen Vortrag über eine Rede des Livius zu halten, welchem neben den Geistlichen auch eine Anzahl Bürger beiwohnten; gewiß ein Beweis, wie weit die Kenntnis des Latein auch in Bürgerkreisen verbreitet war.'-) Wie geschätzt und verbreitet die von Albert Krantz verfaßten Geschichtswerke waren, ist auch wohl daraus zu ersehen, daß in dem Nachlasse des Bischofs von Lübeck, Hinrich Bockholt, eines geborenen Hamburgers der der alten Kirche treu geblieben 1535 starb, sich drei Exemplare von Krantz' Saronia befanden?')

Manche Stistungen waren gemacht worden, um bei dem Dome und anderen Kirchen eine Bibliothek anzulegen, und wenn die Zahl der Bände der Dombibliothek um 1453 auch nicht mehr als hundert betrug, so ist das doch nicht gar viel weniger als die Sammlung von 114 Büchern, die Karl IV. seiner Lieblingsstistung Prag, oder als die 152 Bände, die der Kurfürst von der Pfalz 1421 der Universität Heidelberg vermachte.") Während in Roftock schon frühzeitig Buchdruckereien errichtet wurden, und während der aus Hamburg gebürtige Stephan Arndes von 1481 bis zu seinem 1519 in Lübeck erfolgten Tode in Perugia, Schleswig und Lübeck nach einander treffliche Werke aus seiner Druckerei hervorgehen ließ, scheint in Hamburg vor 1491 diese Kunst nicht geübt worden zu sein. Damals ließen sich Hans und Thomas Borchard als Drncker hier nieder und verössentlichten in niederdeutscher Sprache einige Erbauungsbücher und Erzählungen aus Boccaccio. Jndes viel Anklang scheint ihre Thätigkeit nicht gesunden zu haben: bezeichnend genug ist es, daß Albert Krantz' Werke nicht hier, sondern in Roftock, Köln und Straßburg gedruckt wurden. Nach 1510 scheint auch die Thätigkeit des Thomas Borchard hier eingegangen zu sein. Denn wir wissen von keinem Buche, das zwischen 1510 und 1523 hier erschienen wäre. Erst die Anfänge der Reformation haben hier wie anderwärts die Errichtung von Druckereien begünstigt, und es ist höchst charakteristisch. daß das erste im Jahre 1523 hier erschienene Werk das Neue Testament in plattdeutscher Sprache ist.^) Es mag hier auch bemerkt werden, daß in demselben Jahre der Mönch Franz Lambert aus Avignon, der sich dem Evangelium zugewandt hatte, die Hoffnung hegte, in Hamburg einige seiner französischen Traktate zu drucken und zu Schiff nach Frankreich zu bringen.'")

Jm übrigen aber nehmen wir keine Anzeichen war, daß sich der Humanismus in Hamburg hervorgethan hätte, so wenig wie etwa im Anfang der Reformation sich freigeistige Richtungen

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