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oder vielmehr zu segnen, sondern daneben wurden auch Kerzen zum häuslichen Gebrauch sowie zum Schutze gegen Gewitter und, um andere Gefahren abzuwenden, geweiht. Ja, man war dabei nicht stehen geblieben, sondern hatte die notwendigsten Gebrauchsgegenstände, wie Salz, Oel und Feuer, geweiht. Diese Art Ceremonieen war, wie billig, gefallen.'")

Angesichts dieser und anderer Neuerungen, die noch einzuführen waren, beschäftigt mit den Forderungen, die von der Bürgerschast an den Rat gelangten und die römischen Stistungen und die Klöster betrasen, erschien es dem Rate doch notwendig, einen Theologen von anerkannter Autorität nach Hamburg zu berusen, um die Reformation durchzuführen. Nochmals und mit entschiedener Bereitwilligkeit dachte man an Johann Bugenhagen. Daß sich der Rat jetzt alles Ernstes wieder Bugenhagens erinnerte, verdient um so mehr hervorgehoben zu werden, als, nach einer brieflichen Aeußerung Luthers zu urteilen, es sehr wahrscheinlich ist, daß kurz nach der entscheidenden Disputation im Mai 1528 sich in Hamburg einer der bedeutendsten Reformatoren, Nikolaus von Amsdorf, aufhielt, der Luthers ganzes Vertrauen befaß und in Magdeburg das schwierige Reformationswerk segensreich durchgeführt hatte. Luther schrieb ihm nämlich am 8. Juni: „Jch habe Euch nicht geraten, nach Hamburg zu gehen". Und am 14. Juli schreibt er an Wenz. Linck: „Jch möchte Euch über Amsdorf nichts versprechen, denn aus vielen Ursachen ist er an dem Orte, wo er jetzt ist, sehr nötig". Auffallenderweise nennt er allerdings Hamburg nicht, am Schlusse des Brieses giebt er aber wieder eine Nachricht über Hamburg, indem er schreibt: „Die Hamburger haben nach dem Beispiele Braunschweigs das Evangelium angenommen und berusen auch Bugenhagen". Danach gewinnt es doch den Anschein, als ob der siegreiche Ausgang der Disputation Amsdors veranlaßt hätte, nach Hamburg zu kommen. Wenn nun gleichwohl nirgends davon die Rede ist, ihn zur Besestigung des angefangenen Werkes zu berusen, fo mochte es darin seinen Grund haben, daß er, aus Meißen herstammend, der niederdeutschen Sprache unkundig, sich der Aufgabe in Hamburg nicht gewachsen erachtete, wie er selbst einst schon 1522 den Evangelischen in Lübeck geschrieben hatte: „wen ich evr sprach kundt, wollt ich selbst eyn czeit lang euch underrichten".'^) So knüpste der Rat wohl schon bald nach der Disputation, wie es aus Luthers Brief hervorgeht, die Verhandlungen mit Bugenhagen an, wie unten im Zusammenhange gezeigt werden wird. Zu gleicher Zeit, als man darauf bedacht war, Bugenhagen für Hamburg zu gewinnen, lag es aber dem Kirchspielsvorstande von St. Petri ob, die Stelle des ersten Kirchherrn zu besetzen. Denn der Magister Friedrich Henninges, von dem Kempe bei der ersten Disputation 1527 bereits berichtete, daß er den evangelischen Predigern nicht entgegen gewesen wäre, war trotzdem vom Rat zu Lüneburg berufen worden, um die dortige katholische Kirche zu verteidigen. Nicht jeden evangelischen Prediger konnte man, wie soeben gesagt, an die plattdeutschen Gemeinden Hamburgs berusen. Da tras es sich glücklich, daß ein evangelischer Prediger, aus Pommern gebürtig, treu ersunden in seinem Amte, die Erlaubnis vom Kurfürsten von Sachsen erhielt, für eine Zeitlang nach Hamburg zu kommen. Es war Johann Boldewan, damals Pfarrer zu Belzig (zwischen Brandenburg und Wittenberg gelegen), dessen frühere Schicksale eng mit denen Bugenhagens verflochten sind.

Ehe Johann Boldewan im Jahre 1517 zum Abt des berühmten Klosters Belbuck in Pommern erwählt wurde, war er bereits Geistlicher sPlebanus) in dem nahe gelegenen Treptow an der Rega gewesen. Boldewan war ein Geistlicher, dem die Förderung sittlichen und kirchlichen Lebens unter seinen Mönchen am Herzen lag, der, wie Kantzow, der Pommersche Chronist, sagt, „wider gemein gewohnheit" seine Mönche zum Studium anhielt. Bald nach seiner Wahl, sicherlich ohne die geringste Anregung von Luthers Seite, errichtete er in seinem Kloster eine theologische Schule für die Mönche, „um die zuvor zu unterrichten, die bestimmt waren, einst andere zu unterweisen". Es war eine geistliche Lehranstalt, ein eolleFiuw ?re»d^telurum 8ive 8»oeräotum, für vierundzwanzig Schüler errichtet. Boldewan berief den da maligen Rektor und Vikar an der Marienkirche zu Treptow, Johann Bugenhagen, nach Belbuck, um die Theologie in dem neu gegründeten Kolleg vorzutragen. Zunächst vollendete hier Bugenhagen sein im Auftrage des Herzogs Bogislav begonnenes GeschichtSwerk über Pommern. Allein viel bedeutender wurde er durch seine Pastorale Wirksamkeit unter den Mönchen. Mit großem Ernste hielt er ihnen in den Predigten die Mißbrauche des Klosterlebens vor; noch dachte er nicht daran, dem von Wittenberg ausgegangenen Antriebe zur Reformation sich anzuschließen, als ihm im Jahre 1520 Luthers Schrift von der babylonischen Gefangenschast einst über Tisch von dem Pleban Otto Slutow zur Durchsicht gereicht wurde. Als er darin gelesen hatte, rief er aus: „Seit dem Leiden Christi haben wohl viele Ketzer die Kirche angegriffen und hart angefochten, aber ein verderblicherer als der Verfasser dieses Buchs ist niemals aufgestanden". Jedoch mußte er die Schrift Luthers lesen und wieder lesen, und, selbst in der heiligen Schrift bewandert, kam er zu der Ueberzeugung, daß Luther besser als Origenes und der geseiertste unter den Scholastikern, Thomas von Aquino, die Glaubensgerechtigkeit erkläre und mit Augustinus wohl übereinstimme. Er sprach erstaunt zu den Mönchen: „Was soll ich euch weiter sagen? Die ganze Welt ist blind und besindet sich in cimmerischer Finsternis; dieser Mann einzig und allein sieht das Wahre". Jn ganz anderer Weise, als der Abt es vermutet hatte, wurde Bugenhagen der Lehrer und evangelische Berater der Mönche. Boldewan selbst wurde von der evangelischen Wahrheit ergriffen und verkündigte sie nebst andern Mönchen, die später erleuchtete Prediger des Evangeliums in Livland und Pommern wurden. Die Verfolgung blieb nicht aus. Zwar hatte der Abt noch 1521 Gelegenheit, sich mit Erfolg der gefangenen Mönche anzunehmen. Allein der damalige Koadjutor und spätere Bischof von Kammin, Erasmus von Manteuffel, glaubte die evangelische Bewegung nicht besser unterdrücken zu können als dadurch, daß er auch Boldewan gefangen setzte, nachdem Bugenhagen im Frühjahr 1521 nach Wittenberg gegangen war. Nur durch die nachdrückliche Verwendung der Bürgermeister von Treptow und des herzoglichen Rates Stojentin konnte der Bischof vermocht werden, Boldewan und einige andere Mönche aus dem Gefängnis zu entlassen. Auch Boldewan wandte sich 1523 nach Wittenberg, dem Manne folgend, durch den er zuerst anf die Krast des göttlichen Wortes und die evangelische Wahrheit hingewiesen worden war.

So wenig wir auch von seinem spätern Leben wissen, so scheint doch Boldewan fortan sich ganz an Bugenhagen angeschlofsen und durch ihn Luther kennen gelernt zu haben.'^) Luther war derjenige, der manche Vertriebene in sein Haus aufnahm, der sich bemühte, ihnen eine Stellung zu verschaffen. Dann wandte er sich an Spalatin, um beim Kurfürsten ein Gesuch für solche Ausgewiesene zu befürworten. So schrieb er auch 1524 am 10. Juli an Svalatin, daß der Pfarrer in Belzig seine Stelle aufgegeben und einem gewissen „Johannes Poldevan" übertragen hätte, der der Gemeinde gesiele. Sie wollte ihn aber nur als Pfarrer annehmen, wenn der Kurfürst ihn präsentieren würde. Deshalb habe Boldewan Luther gebeten, das zu vermitteln. Er sei ein gelehrter und tüchtiger Mann, sei in Pommern von seiner Abtei vertrieben worden und habe viel im Gefängnisse um Christi willen gelitten. Er sei es wert, als Pfarrer angeftellt zu werden.'") Luthers Bitte war nicht vergeblich gewesen. Und als nach vier Jahren, 1528, Hamburg sich an Luther um Bugenhagens Absendung gewandt und wahrscheinlich sich auch nach einem tauglichen Prediger für St. Petri erkundigt hatte, hatte Luther den Pfarrer zu Belzig vorgeschlagen, ohne vielleicht zu erwarten, daß Boldewan so bald gefordert würde. Denn er schreibt am 8. Juli an den Kurfürsten Johann: „Wiewohl ich nun nicht sehr darauf besonnen geweft noch gedacht, denselben Pfarrherrn dorthin zu fördern helsen; aber weil er sich ihnftn) verheißen, kann er nicht zurücke, sonderlich weil er durch uns dazumal swann dies gewesen, ist wohl schwerlich zu ermitteln) auch surgeschlagen ward; ist derhalben mein unterthänige Bitte, E. K. F. G. wollte demselbigen Pfarrherr auch gnädiglich eine Zeit gönnen, gen Hamburg sich zu begeben, weil er, der Sprachen und des Landes kundig, geschickt ist mit Joh. Bugenhagen das Evangelium zu fördern". Offenbar waren die Verhandlungen also schon früher begonnen: „Es haben die von Hamburg abermal ihre Botschaft hie zu Wittenberg", schreibt Luther'«) in demselben Brief. Am 12. Juli beantwortete der Kurfürst Luthers Brief, und, da „die von Hamburg aber ains ihre geschickten abgeordnet und um den Prediger zu Belzgk" gebeten und weil Luther ihnen schon deswegen Vertröstung gegeben und Boldewan „der Lande und Sprache gewohnt sein soll", so erlaubt es der Kursürst, daß Boldewan „neben Johann Bugenhagen zur Förderung des heiligen Evangeliums und Anrichtung der Kirche daselbst eine Zeitlang sich zu ihnen begebe und sich brauchen lasse"."») Demnach hatte Boldewan nur für eine gewisse Zeit Urlaub erhalten. Mit seiner Berusung waren nun aber alle vier Pfarrkirchen mit evangelischen Pastoren besetzt. Und wenn auch Boldewans Bleiben allhier nicht lange währte ^bald nachdem Bugenhagen Hamburg verlassen, weil Wittenberg ihn nicht entbehren konnte, zog auch Boldewan wieder von dannen, „durch seine stete Schwachheit und Krankheit verursacht" —, so wird seine Predigt nicht ohne Segen gewesen sein. Als einen frommen christlichen Mann und „einen drepliken ^tüchtigen) lerer und prediger des gotliken wordes" charakterisiert ihn Kempe. Leider sind seine später n Schicksale unbekannt."')

Wenn nun auch die verschiedenen Anforderungen, die, wie wir oben gezeigt haben, von den Bürgern an den Rat gestellt waren, noch der Erledigung harrten und erst in dem sogenannten langen Receß von 1529 zu allseitiger Befriedigung geordnet wurden, so war doch noch vor Bugenhagens Eintrefsen ein weiterer Schritt zur Begründung der Reformation geschehen. Um Michaelis 1528 hatten sich nämlich die zwölf Oberalten verpflichtet, neben den vier Gotteskasten der Hauptkirchen den Hauptkasten zu errichten, wo auch die Bücher und Verzeichnisse der gesamten Armenpflege geführt werden sollten. Die Einrichtung dieses Hauptkastens für die Armenpflege wurde denn für Bugenhagen der Anlaß, auch für die Bedürfnisse der Kirche die Stistung eines allgemeinen Kirchenschatzkastens in der Kirchenordnung vorzusehen.

Fünftes Kapitel.
Bugenhagen in Hamburg.

Aus dem Briefwechsel Luthers mit dem Kurfürsten über die Berusung Boldewans geht hervor, daß im Juli des Jahres

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