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den chronikalischen Aufzeichnungen ins Werk gesetzt haben, darin das Dogma von der alleinseligmachenden Gnade in versteckt polemischer Weise haben zum Ausdruck bringen wollen, da es, wie schon der Dramatiker Wolfgang Kuntzel in der Vorrede zu seiner 'Esther' (1564) erkannte, wider die falsche und erdichtete Anrusung der Heiligen gerichtet war.

Das Spiel von den zehn Jungfrauen gehört zu denjenigen geistlichen Spielen des Mittelalters, welche mit dem Namen parabolische Moralitäten bezeichnet werden. Diese haben sich aus den eigentlichen Mysterien abgezweigt, indem sie die Parabeln des Neuen Testamentes darstellen; aber auch sie sind geistlicher Natur, wie die Mehrzahl der aus dem Mittelalter erhaltenen Dramen, sosern sie diesen Namen verdienen, unter den Begrisf der geistlichen Schauspiele fallen.

Das geistliche Schauspiel des Mittelalters hat einen kirchlichen Ursprung. Die ersten geistlichen, in lateinischer Sprache abgefaßten Spiele sind ebenfo wie die Mehrzahl der späteren deutschen Spiele von Geistlichen gedichtet, welche den Stoff der Bibel oder der Legende entnahmen und mit der Absassung derselben zunächst den Zweck verbanden, dem Volke die heiligen Geschichten vorzuführen und die sestere Einprägung derselben zu vermitteln. Da dieser Zweck besser erreicht wurde, wenn die Schauspiele zu beftimmten, durch die Kirche bestätigten Zeiten dem Volke vorgeführt wurden, so wählte man die Hauptseste der Kirche aus, um an ihre kirchliche Feier die geistlichen Spiele anzuschließen. Auf diese Weise entstanden Weihnacht-, Passions-, Oster- und Fronleichnamsspiele, die letzteren, besonders nachdem die Feier des Fronleichnamstages durch Papst Urban IV. 1264 angeordnet war. Die berühmten Freiberger Spiele wurden alle sieben Jahre in der Psingstwoche aufgeführt. Die Aufführung dauerte drei volle Tage. 'Den ersten Tag ist die Gefchichte gespielet worden von dem Fall der Engel, von der Erschaffung und Fall der Menschen, von Ausjagung derselben aus dem Paradiese und von ungleichen Kindern Adams und Evä; den andern Tag ist im Spiel vorgebildet worden die Histona von der Empfängnis und Geburt, Leiden, Sterben, Auserstehung und Himmelfahrt Christi; den dritten Tag hat man gespielet die Geschichte vom jüngsten Tag.' Die letzte Aufführung fand 1523 statt.')

Wir besitzen noch eine Anzahl solcher kirchlicher, in einem ernsten, tragischen Tone gehaltener Festspiele, namentlich sind mehrere Passionsspiele erhalten, die nach dem Orte ihrer Entstehung benannt sind, aber sich im Text nicht viel von einander unterscheiden. Noch jetzt werden wir an die geistlichen Spiele des Mittelalters durch das Oberammergauer Passionsspiel erinnert, das infolge eines Gelübdes der Gemeinde Oberammergau 1634 zum ersten male aufgeführt wurde und dessen Grundlage der Augsburger Dramatiker und Meistersäng« Sebastian Wild (1560) geschaffen hat.«)

Die geistlichen Spiele heißen auch Mysterien, besonders in Frankreich, insosern ihre Gegenstände das Geheimnis lmv8terium) der Geburt und Auserstehung Christi umsassen. Jn England waren es die zliraele ll»)-8 oder ?»^e»ut8.

Aber schon früh erweiterte sich der Stoff der geistlichen Spiele; man beschränkte sich nicht auf die aus den Evangelien geschöpfte Lebensgeschichte Jesu; man nahm auch altteftamentliche Stoffe auf, namentlich wurde die Geschichte der Schöpsung und des Sündenfalles Gegenstand der Behandlung. Dazu kamen dann noch Legenden von Mariä Himmelfahrt, von der heiligen Dorothea, Katharina u. a. und endlich übten Geschichte und Sage ihren Einfluß.

Zu den auf der Sage beruhenden Mysterien gehört das von dem Mühlhäuser Meßpfaffen Theodorich Schernberk 1480 verfaßte Spiel von der Frau Jutten, in welchem die seit dem Aufang des dreizehnten Jahrhunderts bekannte Sage von der Päpstin Johanna behandelt worden ist. Jn diesem noch mit der dreiteiligen Bühne von Himmel, Erde und Hölle ausgestat

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') U. Hartmann, Das Oberammergauer Passionsspiel in seiner alteften Gestalt. Leipzig 1880.

teten Spiele verwenden sich Maria und der heilige Nikolaus für die von den Teuseln verhöhnte und in der Hölle empfangene Päpstin beim Heiland (8alv«.tor), der sie freundlich aufnimmt:

Biß willkommen, du liebste Tochter mein,

Du sollst mit mir fröhlich sein

Jn meinem Himmelreiche!

Es war eins der letzten großen geistlichen Schauspiele des Mittelalters, in denen ebenso wie in dem niederdeutschen, schon im vierzehnten Jahrhundert gedichteten Spiele vom Bischof Theophilus die Kirche und der von ihr gepflegte Marienkultus verherrlicht wurde. Aber allmählich war der unmittelbare religiöse Zweck, das Jnteresse andächtiger Verehrung zurückgetreten und mehr und mehr hatte Schaulust und ein mit der Darstellung der geistlichen Spiele verknüpftes Schaugepränge Platz gegriffen, durch welches das zahlreiche Publikum angezogen wurde; denn schon war das Mysterium aus der Kirche gewichen, hatte eine öffentliche Spielstatt aufgesucht und den Einfluß weltlicher Schauluft erfahren; selbst die Satire hatte ihren Einzug gehalten und verkündigte offen die zwischen Geistlichkeit und Laienwelt eingetretene Spaltung. Als bei der großen Kirchenversammlung in Konstanz (1417) die englischen Bischöse vor Kaiser Sigismund die Geburt Christi, die Ankunft der heiligen drei Könige und den bethlehemitischen Kindermord spielen ließen, bildete das geistliche Spiel einen Teil der Taselfreuden der hohen geistlichen und weltlichen Herren und diente einem rein weltlichen Zwecke.

Gegenüber dem geistlichen Drama bildete sich das weltliche Drama des fünfzehnten Jahrhunderts aus. Es entstanden Pofsenhumoristischer Natur und Narrenspiele mit satirischer Tendenz, welche gegen die sittlichen Gebrechen und Untugenden der Menschen, besonders auch der Geistlichkeit, gerichtet waren. Weil diese Spiele vorzugsweise zur Fastnacht gegeben wurden, werden sie Fastnachtspiele genannt. Jn diesen Fastnachtspielen, in denen nicht nur die heiteren, sondern auch die ernsten und seierlichen Seiten des menschlichen Lebens zur Darstellung gelangten — weshalb zu ihnen auch Moralitäten und weltliche Mysterien zu rechnen sind — kam der Charakter des Volkes nach seinen mannigfachen Schattierungen zum Ausdruck: diese Spiele waren Volksspiele im eigentlichen Sinne und ihre Verfasser Laien, Bürger und Handwerker. Besonders trieb das Fastnachtspiel in der alten freien Reichsstadt Nürnberg, dem Mittelpunkte des deutschen Handels, dem berühmten Sitze der Künste und Wissenschasten, seine hohe Blüte. Hier verfaßten Hans Rofenblüt, genannt der Schnepperer, seines Zeichens ein Wappendichter, und Hans Folz aus Worms, ein Chirurg, die meisten der 132 uns bekannten Fastnachtspiele. Unter ihnen sind auch drei in niederdeutscher Sprache abgefaßte, von denen eins in Beziehung zu Lübeck steht. Die alte Hansestadt Lübeck mit ihrer aus Patriziern beftehenden Zirkelgesellschast war eine bedeutende Pflegestätte des niederdeutschen Fastnachtspieles. Leider kennen wir nur stie Titel der in der Zeit von 1430 bis 1515 zur Aufführung gelangten 73 Spiele. Wir dürsen wohl annehmen, daß noch andere niederdeutsche Städte sich der Pflege dieses Litteraturzweiges gewidmet haben. So wurden, als 1494 Kaiser Maximilian I. mit Philipp dem Schönen in Löwen verweilte, Spiele aus der heiligen Schrist und aus heiligen Historien aufgeführt.

Während die meist faden, oft frivolen Fastnachtspiele sich einer besonderen Teilnahme erfreuten, wurde durch deutsche Gelehrte, die das von Jtalien herübergebrachte Studium des klassischen Altertums mit aller Knust der Begeisterung pflegten und so die ruhmvolle Periode des Humanismus durch die Wiederbelebung der Wissenschasten herbeisührten, das lateinische, an dem Muster des Terenz gebildete Drama geschassen. Jn Heidelberg war es, wo 1482 Jakob Wimpselings, des elfässischen Humanisten, auf die Verspottung unwissender Kurtisanen gerichtetes Lustspiel 8t^Ipb-o, das schon 1470 entstanden war, bei Gelegenheit einer Licentiatenpromotion aufgeführt wurde; wo Johannes Reuchlin, das Haupt der humanistischen Bewegung, sein Lustspiel 8er^iu8 8ivv O»piti» e»put, eine Satire auf den vom Grasen Eberhard dem Jüngeren zum Kanzler erhobenen nichtswürdigen Augustinermönch Holzinger, schrieb und sein zweites nach der bekannten französischen Farce zlaltre latneliu verfaßtes Lustspiel Neuno 1497 vor seinem Gönner Johann von Dalberg, dem Bischof von Worms und Kanzler des Kurfürsten Philipp von der Pfalz, durch Studierende aufführen ließ.') Sebastian Brant, den berühmten Verfasser des drei Jahre vorher erschienenen Marrenschisses', erfüllte die dramatische Leistung seines Freundes mit fo großer Freude, daß er den Neun« in seinen lateinischen Gedichten (1498) abdrucken ließ. Das Stück Reuchlins verdiente auch diese Auszeichnung; denn es ist formgerecht und das beste der vielen in jener Zeit entstandenen lateinischen Dramen, die nur in der Absicht von den Gelehrten geschrieben und von den Schülern aufgeführt wurden, um eine Sicherheit im Gebrauche der lateinischen Sprache zu erzielen. So wurden in demselben Jahre, in welchem Reuchlins Ueuno erschien, zu Augsburg Joseph Grünpecks von der Augsburger Schuljugend gespielte Komödien in einer Sammlung gedruckt, deren Titel ausdrücklich jenen Zweck erkennen läßt.2) Und aus dem Jahre 1485 ist eine neulateinische Komödie des münsterischen Gymnasiarcha Johannes Kerckmeister, Ooäru», eine Ermahnung zu guter Latinität, erhalten, welche das moderne humanistische Gepräge trägt.

Die Anregung zur Absassung dieser und anderer lateinischer Dramen kam aus Jtalien, wo unter den lateinischen Komödiendichtern besonders Terenz in so hohem Ansehen stand, daß er in Schulen und Bursen das klassische Vorbild der lateinischen Umgangssprache blieb. War doch Terenz das ganze Mittelalter hindurch verehrt worden. Jn den Vorhösen römischer Prälaten ließ Julius Pomponius Lätus, der Stister der platonischen Akademie, 1484 plautinische Komödien durch seine Schüler zur Aufführung bringen; in Mailand unterhielt Ludwig der Mohr ein beftändiges Theater, auf dem die alten Komödien in Uebersetzungen aufgeführt wurden. Besonders berühmt wurde in dieser Beziehung da« Theater zu Ferrara, auf welchem Ercole I., Herzog

') Die Aufführung fand am 31. Januar 1497 in Da!bergs Haufe statt. Hu den elf Spielern gehörte auch Jakob Spiegel, der Neste Wimpfelings, der 1513 den Neun« mit einem Kommentar herausgab. Die Darsteiler wurden nach beendigter Vorstellung von Dalberg bewirtet und mit goldenen Ringen und Münzen reich befchenkt. L. Geiger, Joh. Reuchlin. Leipzig 1871. S. 82.

') ^. si. 8oi»iii Oumoäie utili«»ime amnem I»tim »ennuni» e!ez»n> ti»m eontinente». Huß. Vinä. 1497.

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