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führungen der Studenten, die in Wittenberg fast regelmäßig stattsanden.

Solche Aufführungen fanden auch an anderen Orten statt, z. B. in Ersurt, wo Johann Drach (I)r»eomte»), ein Mitglied des Humanistenkreises, der 1521 nach Wittenberg gegangen war, um Luther und Melanchthon zu hören, und 1522 Pfarrer in Miltenberg wurde, häusig seine Lustspiele als Redeübungen aufführte und dasür von Eoban Hessus mit dem Ehrennamen eines Roscius und Terenz belohnt wurde.')

Wollen wir nun die in Wittenberg zu Melanchthons Zeiten auf die Bühne gebrachten Stücke übersehen, fo brauchen wir uns nur die Reihe der noch vorhandenen Prologe vorzuführen, mit denen nach griechischer und römischer Sitte die Stücke eingeleitet wurden. Da sinden wir von Euripides die Hekuba, von Seneca den Thyestes und Hippolytus, von Terenz die Andria, den Eunuchus,') die Adelphen und den Phormio. Von Plautus erscheinen nur der >liIe» mit dem Prologe Melanchthons und die Menächmen mit dem Prologe des Angelus Politianus, obwohl Melanchthon in dem Schulplan seines Visitationsbüchleins (1528) auch die Aulularta, den Trinummus und den Pseudolus für rein erklärt und den Pädagogen für die Jugend empfohlen hatte. Außerdem lieserte Melanchthon noch einen Prolog zum Phormio, die übrigen sind von Joachim Camerarius lAndria, Eunuchus, Phormio), Jakob Micyllus (Andria und Adelphen) und Paul Eber (Andria und Hippolyt, letzterer im August 1554 verfaßt); bei den übrigen

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'I Jn einer kurzen Zuschrift an Camerarius vom 22. Januar 1325 gedenkt Melanchthon eines von ihm der Notiz beigefügten Prologes mit den nackten Worten: 'lleum prolossum e/? Lunuetmm tibi mitto, ne «<,v<u/iö4<u; r»o e»rmine trn»mur' (Lorp. llet. 1, 722).

vier sind die Namen der Verfasser nicht verzeichnet.') Auch hier stand Terenz im Vordergrund, besonders das Mädchen von Andros, wovon vier Prologe, und die Adelphen, von denen zwei Prologe vorhanden sind. Die Seele des Unternehmens war und blieb Melanchthon, der in seinem Prolog zum zlile» es selbst ausspricht, daß er in der Aufführung altklassischer Stücke nur die den Forderungen der Studien und des Alters gemähe ErNeuerung einer alten Sitte sehe. Zugleich war er überzeugt, daß die Einübung der altklassischen Stücke der studierenden Jugend nicht nur in formaler Hinsicht — Uebung in der lateinischen Sprache, äußere Gewandtheit, Sicherheit des Auftretens — einen großen Nutzen gewähre, sondern daß in den Tragödien und Komödien der Griechen und Römer auch ein Reichtum ethischer Momente enthalten sei, der zu Nutz und Frommen sowohl der Spielenden als der Zuschauenden ausgebeutet und verwendet werden müsse. Es wurde daher in den eigens zur Aufführung gedichteten Prologen auf die Bedeutung der vorzutragenden Stücke in ethischer Beziehung aufmerkfam gemacht; serner sollte die studierende Jugend darin eine Aufmunterung zu weiterer Thätigkeit auf dem betretenen Wege sehen. Einigemale sinden wir in den Prologen die Tadler dieser lateinischen Aufführungen, die besonders gegen den Jnhalt der altklassischen Dramen eiserten und eine nachteilige Einwirkung auf die guten Sitten der Jugend fürchteten, scharf zurückgewiesen.

Unter diesen Umständen darf man nicht zweiseln, daß die Schüler Melanchthons durch den Vorgang des Lehrers zu eigenen dramatischen Versuchen angeregt wurden. So verfaßte 1545 Christoph Stymmel aus Franksurt a. O., ein neunzehnjähriger Student, eine lateinische Komödie stuäeute» nach Terenzischem Vorbild, die wegen ihrer lebendigen Schilderung des Studenten

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lebens eine sehr beisällige Aufnahme fand, so daß 21 Ausgaben nachgewiesen werden können. Die einer Stettiner Ausgabe von 1576 beigedruckten drei Briese Melanchthons beweisen, welchen Anteil der Lehrer an der gepriesenen Arbeit seines Schülers nahm. Auch erwähnt Johannes Cogeler in seiner Leichenpredigt auf Stymmel, der 1558 als Superintendent in Stettin starb, daß die 8tu<1eute8 zweimal vor Melanchthon in Wittenberg gespielt wurden, daran die Gelarten grofsen gefallen getragen'.')

Am 1. Januar 1553 führten Magister und Studenten in Torgau die Oapti^ des Plautus auf, um ihre Dankbarkeit für die freundliche Aufnahme zu bezeigen, die sie gefunden hatten, als die Pest ein Jahr vorher die Universität von Wittenberg vertrieben hatte. Es wurde dazu statt eines Prologes ein besonderer Akt gedichtet, in welchem die beiden Nachbarstädte Torgau und Wittenberg von Argelia und Leukoris vertreten wurden. Außerdem traten noch die Elbe und zwei Knaben auf. Leukoris ist nach Torgau gekommen, um ihre Zöglinge wieder zurückzurusen; Pater Albis ist von ihr vergeblich gerusen worden, das Getöse der Eismassen und das Geschrei der Krieger hielten sein Ohr verschlofsen. Er wird nun eingeladen, der Aufführung der Oaptivi beizuwohnen, zu deren Einübung die Studenten nur wenig Zeit gehabt haben. Er freut sich über die herzliche Verbindung der beiden Schwesterstädte; Argelia wünscht, es möge diese Aufführung ihren Zöglingen eine Anregung zu ähnlichen weiteren Aufführungen geben. Zuletzt lobt ein Knabe die 0»ptivi wegen der Sittenreinheit und ein zweiter sagt das Argument auf.2)

Es wird ausdrücklich bezeugt, daß auch Magister, also junge Docenten, sich an dem Torgauer Spiele beteiligt haben. Wir können daraus auf das innige Verhältnis schließen, das damals zwischen Lehrern und Studierenden in Wittenberg beftand. Daß Melanchthon ganz befonders bemüht war, dieses innige Verhältnis zu nähren, läßt sich bei der hervorragenden Stellung erwarten, die er als Universitätslehrer einnahm. Nicht genug, daß die

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vielen Studierenden, die aus den sernsten Ländern, aus Frankreich, England, Polen, Dänemark, ja aus Jtalien und Griechenland, nach der Hauptlehranstalt Europas kamen, um die beiden großen Lehrer zu hören,') die rechte Anleitung zum Studium der Wissenschasten erhielten: es zogen auch die Docenten viele der Studenten zu ihren Familiensesten hinzu und pflegten geselligen Verkehr mit ihnen. Welche reiche Quelle der Belehrung, die sich uns in Luthers Tischgesprächen bietet, wäre uns entzogen, wenn er sich in starrer Einseitigkeit des anfrischenden Umganges mit Freunden enthalten hätte! Und wie sein Haus, so bildete auch Melanchthons Haus den Sammelplatz der bedeutendsten Geister der Zeit. Schon im November 1520 hatte Melanchthon seinen Hausstand begründet. Er führte Katharina Krapp, die Tochter des Bürgermeisters von Wittenberg, heim. Das gesellige Leben jener Tage darf man sich nicht öde und einförmig vorstellen. Die freundschastlichen Zusammenkünfte in den Häusern wechselten mit großen öffentlichen Gelagen, bei denen häusig auch die Frauen zugegen waren; Promotionen und andere sestliche Akte gaben dazu die Veranlassung. Die Studenten der Rechte ließen Einladungen an die Prosessoren und deren Frauen und Töchter zu Abendessen mit nachsolgendem Tanz ergehen. Der damalige Pfarrer von Wittenberg, Simon Brück, ein Bruder des Kanzlers, eiserte gegen diese Juristenbälle; allein Melanchthon erklärte, er hielte dies für ein Zeichen großen Wohlwollens der Lehrer gegen die Schüler, daß sie der Einladung Folge geleistet. Sittige Tänze wurden von Luther und Melanchthon empfohlen, nur wilde Wirbeltänze verdammt und fogar össentlich vom Rektor den Studenten untersagt. Maskierte Umzüge, össentliche Redeakte und Komödien der Studierenden, die selbst an Sonntagen auf

') Bruno von Nola, Or»tio v»Ieäietori» 1588 sagt: 'Tx omni zente, rmtione et üi»oiplin»t«e Durop»e populo It»ii, 0»I!i, Ni»p»ui, l,u»it»ni, ^nssli, 8eoti, ?ol«ium in»ul»rum ineol»e, item 8»rm»t»e, Nnnni, Nl^riei, 5>e?tu»e, ex Oriente, Aeriäie, Oeoi<iente et ^quilone Viteher^m eon» twierunt'. Melanchthon schreibt an Justus Menius (18. August 1534): 'I^inßu»e twäie in me» een» er»ut uuäeeim: 1»tiu», ßr»ee», ebriüe», ßerw»uie», pimuouie», nennet», tureio», »r»b!o», ßr»ee» vui^im», inäio» et, ui8p»ui<!»'. (c!orp. lief. 5, 467.) Vgl. auch Mathesius, Luthers Leben, Predigt 8.

geführt wurden, Musikgesellschasten, Landpartieen, insonderheit Besuche bei Edelleuten und Pfarrern auf naheliegenden Ortschasten gaben mancherlei Unterhaltungen'.')

Während Melanchthon, wie wir gesehen haben, die Aufführungen der Dramen des klassischen Altertums begünstigte, stand er den aus dem Alten und Nenen Testamente entlehnten Spielen der früheren Zeit, die nach Jnhalt und Form oft sehr anstößig und widerwärtig waren, seindlich gegenüber und sprach seinen gerechten Unwillen darüber nachdrücklich aus. So bemerkt er in Bezug auf die Aufführung eines Passionsspieles, die wahrscheinlich in dem pommerschen Städtchen Bahn stattsand, daß der am Kreuz hängende Darsteller Christi durch den Stich des wachhabenden Soldaten eine tödliche Wunde empfangen und beim Herabfallen einen der unter dem Kreuze stehenden Leidtragenden tödlich getroffen habe; der Bruder des letzteren habe dann dessen Tod an dem Soldaten gerächt und sei später hingerichtet worden. So seien vier Menschen aus Anlaß eines Passionsspieles um das Leben gekommen. Mit dieser Strase wolle Gott seinen Zorn zeigen gegen die Verächter der wahren Passion Christi, welche er nicht mehr dargestellt wissen wolle.') Jn dieser Beziehung stimmte er mit Luther überein. Und indem sich Melanchthon nach einem Ersatz umsah, fand er diesen weder in der Uebersetzung der altklassischen Dramen noch in den Nachbildungen der Humanisten, sondern in dem Drama der griechischen und römischen Litteratur.

Znttes Kapitel.

Die evangelischen Schulordnungen und das Schuldrama.

Beim Eintritt der Reformation beherrschte noch das von den Humanisten gepflegte lateinische Drama die Bildungsstätten Deutschlands in der Weise, daß entweder Terenz, seltener Plautus, oder Nachahmungen der eomoeäin. p»I1iat» zur Aufführung

') Muther, Aus dem Universitäts- und Gelehrtenleben im Zeitalter ber Reformation. Erlangen 1866. S. 332. ») »»nlii collect. 9.

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