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überall da erregt, wo sich der Einfluß der Kirche in hervorragender Weise geltend machte. Diese Unzufriedenheit war seit Jahren auch in der Litteratur zum Ausdruck gelangt, ebenso in einigen Fastnachtspielen, die voll satirischer Züge sind; aber da mit ihnen nur der augenblicklichen Unterhaltung Raum gegeben wurde, so waren sie vom Volke zwar gern gesehen, aber als selbstverständlich und bedeutungslos ohne nachhaltige Wirkung geblieben. Anders gestaltete sich die Sache in der Schweiz, als der Basler Drucker Pamphilus Gengenbach mit Fastnachtspielen auftrat, die einen durchweg ernsten Charakter zeigen, obwohl sie in der lustigsten Zeit des Jahres gespielt wurden. Jn diesen Fastnachtspielen, mit denen die Geschichte des neuern deutschen Dramas beginnt, suchte Gengenbach die Znstände der Gegenwart darzustellen mit der Absicht, in sittlicher Beziehung auf das Volk einzuwirken. Er wurde ein eisriger Anhänger der Reformation und hat außer drei Schauspielen noch Meisterlieder und historische Gedichte, auch mehrere kleine Bücher politischen und moralischen Jnhalts verfaßt. Seine Fastnachtspiele fallen noch vor den Anfang der Reformation, und es ist wunderbar, daß sie schon einen reformatorischen Geist atmen.')

Das erste seiner Fastnachtspiele sind die 'Zehn Alter dieser Welt'. Diese sind der Reihe nach so bezeichnet: X jor ein kind, XX jor ein jüngling, XXX jor ein mann, XI. jor stilstan, I. jor wolgethon, I.X jor abgon, I.XX jor die seel bewor, I.XXX jor der weit narr, X<Ü jor der kinder spot, (! jor nun gnad dir got. Jm ganzen sechzehnten Jahrhundert waren die 'zehn Alter' bekannt. Jm Jahre 1525 ließ Herzog Georg von Sachsen, der strenge Verteidiger der alten Kirche, die Geftalten der Männerund Frauenstusen in der Hauptkirche zu Annaberg in Stein hauen und jeder Altersstuse ein Tier beigeben, nämlich für die Männerstusen Ziegenbock, Kalb, Stier, Löwe, Fuchs, Wolf. Hund, Katze und Esel, für die Frauenstusen Krähe, Taube, Elster, Pfau, Henne, Gans, Geier, Nachteule, Fledermaus; es sind dieselben, welche im Liederbuche der Clara Hätzler (aus dem fünfzehnten Jahrhundert) aufgestellt sind; nur für die hundertjährige sehlt die Gans. Und als Johann Agricola von Eisleben 1528 seine plattdeutsche Sprichwörterfammlung herausgab, widmete er auch einer Nummer nach der Gegenbachschen Aufzeichnung, nur mit Verschiebung der 40 und 50, die zehn Alter in folgenden Versen: Tein jar ein kindt, twintich jar ein jüngelink, drüttich jar ein man, veertich jar wolgedan, vösftich jar stille ston, fostich jar geit dy dat older an, föventich jar ein griß, achtentich jar nicht mer wiß, negentich jar der kinder spot, hundert jar gnade dy Godt. Jn Gengenbachs Spiel müssen wir uns die zehn auftretenden Perfonen neben einander aufgestellt denken. Da erscheint der 'Einsiedel', schreitet an der Reihe der zehn Alter entlang und fragt jede Stuse nach ihrer Art und Neigung. 'Die Antworten sind sorglofe, mitunter übermütige Bekenntnisse von Fehlern und Schwächen, die der Einsiedel mit Ermahnungen und Zurechtweisungen erwidert'. Das Ganze schließt der Einsiedel mit einer schmerzlichen Betrachtung über die Verderbnis der Welt: Ein Volk wird sich gegen das andere erheben, ein Reich wider das andere; Teuerung und Hunger wird Gott geben, Erdbeben und Krieg werden wir haben, viel Zeichen sehen in Sonne und Mond.

') Aus der musterhaften Monographie Karl Goedekes (Hannover 185ü) «halten wir nicht nur einen Ueberblick über das Leben und Wirken des Schweizer Dichters, fondern wir lernen auch seine 24 Schriften kennen, die vollständig abgedruckt und zugleich mit reichen bibliographischen und litterarischen Unmerkungen begleitet sind.

Als dann erschynt zu diser frist,
Was trübsal jetz uff erden ist
Unber sürften, herren, arm und rich;
Der geistlich stand desselben glich
Hat sich ouch ganz und gar verkört,
Kein guts uff erden man jetz hört ic.

Die erste Ausgabe ist zwar ohne Angabe des Druckjahres erschienen, enthält aber die Notiz, daß diese 'Alter' von Wort zu Wort nach Jnhalt der Materie und Anzeigung der Figuren im füufzehnten Jahre, also 1515, auf der Herrenfastnacht von etlichen ehrfamen und geschickten Bürgern einer löblichen Stadt Basel gespielt sind. Das Spiel fand in Deutschland beisällige Aufnahme: in München, Augsburg und Memmingen wurde es frisch nachgedruckt, in Memmingen von Bürgern 1517, in Nordlingen 1528, in Colmar 1531 nach einer Umarbeitung Jörg Wickrams, in Franksurt am Main 1549 von den Buchdruckern aufgesührt.

Die Basler richteten, da ihnen das erste Spiel gefallen hatte, an Gengenbach die Bitte, er möge ihnen zur nächsten Fastnacht ein neues Spiel verfassen. Er gab dieser Bitte nach und schrieb die 'Gonchmat'. Auch dies Spiel, das gegen den Ehebruch und die Sünde der Unkeuschheit gerichtet ist, hat einen ernsten, sittlichen Eharakter. Den weiteren Anlaß erhielt der Dichter durch ein kürzlich erschienenes Gedicht, das die Unkeuschheit für fündlos erklärt hatte. Gegen dieses Gedicht richtet er die Gonchmat d. i. die Narrenwiese, auf der Frau Venus mit ihren Frauen Circis und Paleftra Hof hält und die daselbst vor ihr erscheinenden Personen, welche die verschiedenen bürgerlichen Stände vertreten, nämlich den ledigen Jüngling, den Ehemann, den Krieger, den Doktor, den alten Gauch und den Bauern empfängt, um vor allen den Gauch arm und bloß unter Verspottung des Narren heimzusenden.

Jn dem dritten auf der Herrenfastnacht 1517 in Basel aufgeführten Spiele 'Der Nollhart', dem die Weisfagungen eines 1488 erschienenen gleichnamigen Buches zu Grunde liegen, führt Gengenbach die politischen Mächte und darunter auch den Juden vor. Sie fragen der Reihe nach den Bruder, Methodius, Brigitta und die Sibylla von Kumä um ihre Zukunft. Es treten auf: der Papst, der Kaiser, der König von Frankreich, der Bischof von Mainz, der Pfalzgras, der Venediger, der Türke, der Eidgenoß, der Landsknecht und endlich auch der Jude. Jedem Stande wird ein Spiegel seiner Fehler vorgehalten. Der Endchrist (Antichrist) erscheint schon in diesem Stücke; es ist der Papst, dessen Herrschast bald zu Ende gehen wird. Von einem unbekannten Dichter zu Straßburg wurde das Spiel in den vierziger Jahren umgearbeitet und mit fast fanatischer Polemik gegen das Papsttum versehen.

Jnzwischen hatten Luthers große reformatorische Schristen auch in der Schweiz Eingang gesunden und wurden überall mit Begeisterung aufgenommen. Jn Basel wurden Luthers Schristen zum erstenmal zusammen gedruckt. Schon 1520 sinden wir 'ein kurz Gedicht Luther n zu Lob und seinen Widersachern zu Spott', das von einem thurgauschen Bauer ausgegangen war. Auch Gengenbach trat entschieden auf die Seite der Reformation; er bewies dies dadurch, daß er 1521 die lateinische Predigt Luthers von der Buße vom Jahre 1518 nachdruckte und wahrscheinlich in demselben Jahre seine 'jemerliche clag über die Totenfrefser' d. h. über die Geistlichen und ihren Anhang, die aus den Totenmessen von jeher reichliche Einkünfte hatten, dichtete. Es ist diese Klage nur ein dramatisches Gedicht, eine dialogische Satire, aber von großer Schärse und Kraft. Gengenbach läßt zuerst den Papst auftreten, der die Seinen auffordert, sich nicht zu kehren

an Luthers tandt.

Er hat got im himel und mich gefchand;
Not hat gnug thon für unser sünd,

Als ich in Paulo gschriben sind;

Darumb so ist der Luther blind.
Der uns anzeigt bußfortigs leben,

Dieweil wir neut smchis) verdienen mögen.

Der Bischof, der weltliche Priester, der Bernhardiner, der Bettelmönch, die Klosterfrau und die Pfassenmagd loben ihr Wohlleben, das aber bald aufzuhören droht, da kein Bauer mehr opsern wolle. So klagt der weltliche Priefter:

Domit ichs Luthers nit vergaß.

So hab ich doch selten kain maß.
Jch entgilt syr tüfelischen leer,

Kein paur will jetzund opffren meer.
Hät ich jey nit dry guter pfründ,

Jn meinem hauß ich übel bestund
Und würd nit wol von toten fressen;

Der tüfel hat pauren bsefsen,
Sie lond ^lassen^ in von dem fägfeur sagen,

Wend s^wollen^ aber kein glauben dran haben,
Sprechen, es sy itel tandt mär,

Das lumpt in als vom Luther här.

Während die Toteufresser über die Abnahme ihres Gewinnes klagen, stimmen die Seelen, die Bettler, der Pfarrer, Edelmann und Bauer ihre Klagen über den Schaden an, den ihnen jene verursachen. Es liegt die Vermutung nahe, daß Gengenbachs Dichtung nur den Zweck gehabt hat, den eine schmausende Gesellschast darstellenden Holzschnitt, mit dem der Titel ausgestattet ist, zu erklären. Auf diesem Bilde zerlegt der Papst einen aufgetischten Toten, ihm zur Rechten ist ein Bischof, diesem zur Rechten eine Klofterfrau; dem Papste zur Linken ein Weltgeistlicher und dessen Nachbarin links die Pfassenmagd. Vom Beschauer links vor der Tasel der Teusel mit der Geige, rechts vor der Tasel der Tod; vor dem Teusel auf den Knieen ein Bettler. Vor der Tasel stehen drei Männer, von denen der eine, der Edelmann, eine Halskette trägt.')

Ohne Zweisel gaben Gengenbachs--Totenfresser' den Anlaß zu Niklaus Manuels Fastnachtspiel >Vom Papst und seiner Priesterschast', das unter demselben Titel erschien. Niklaus Manuel (1484—1530) ist der zweite bedeutende Reformationsdramatiker der Schweiz.^) Er war nicht bloß Dichter, fondern auch Maler und zwar aus der Schule Holbeins, Architekt und in staatsmännischer Thätigkeit seit 1512 Mitglied des großen Rats, 1523 Landvogt in Erlach, 1528 Mitglied des kleinen Rats, in demselben Jahre Ruser in der Berner Disputation. Jm Jahre 1522 trat er mit zwei Fastnachtspielen auf, welche auf der Pfassenfastnacht (Sonntag Estomihi) und auf der alten Fastnacht (Sonntag Jnvocavit) von den Bürgerföhnen seiner Vaterstadt Bern öffentlich aufgeführt wurden. An dem zwischen beide Sonntage fallenden Aschermittwoch (5. März) wurde der römische Ablaß unter Anstimmen des Bonenliedes durch alle Gassen getragen und verspottet. Beide Spiele erschienen 1524 im Druck. Jn dem ersten führt der Dichter den Zuschauer in die Hauptstadt der Christenheit. Der Papst Entchristelo erscheint in großer Pracht, umgeben von seinem Hofgesinde. Ein Sarg wird aus einem Hause getragen. Während die Leidleute klagen, jubeln Pfassen und ihre Dirnen über die frische Beute. Aber der Kardinal Anselm von Hochmut und der Bischof Chrysostomus Wolfsmagen bekennen trotz ihrer großen Freude über die gute Beute, die ihnen die Toten bisher

') Goedekc, Pamphilus Gengenbach S. 5<'5.

') Monographien von C. Grüneisen. Stuttgart imd Tübingen 1837 J.Baechtold. Frauenfeld 1878.

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