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ihn bisher durch seine Studien noch mit den Ersurter Freunden des Humanismus verbunden hatte, gänzlich abgebrochen.

Die während der Blütezeit des Humanismus entstandene Universität Wittenberg war eine Schöpsung des Kurfürsten Friedrich des Weisen. Martin Pollich von Mellrichstadt, einst der Begleiter des Kurfürsten auf seiner 'aus sunder Jnnigkeit und Andacht' unternommenen Wallfahrt nach Jerusalem, wurde ihr erster Rektor; Johann von Staupitz, der Ordensvikar der deutschen AugustinerKongregation, wurde der erste Dekan der theologischen Fakultät. Bei der seierlichen Einweihung der Universität, welche am 18. Oktober 1502 stattsand, hielt der vielgewanderte, weit berühmte Hermann von dem Busch, der Klassiker des Humanismus, die Erösfnungsrede. Die ersten Regungen humanistischer Bestrebungen gingen von Martin Pollich, von Hermann von dem Busch, der als Lektor der Rhetorik und Poetik d. i. der Philologie berusen war und über griechische und römische Schriststeller las,') und dem Juristen Christoph Scheurl aus, der 1507 in Wittenberg eintrat. Scheurl kam aus Bologna, wo er unter Johannes Campeggio und Ludovicus Bologninus die Rechte studiert und sich im Verkehr mit Philipp Beroaldus, dem seinen Kenner Ciceros, den Stil der italienischen Humanisten angeeignet hatte. Als er am 11. November 1505 in Bologna seine patriotische Rede vom Lobe Deutschlands und der sächsischen Kurfürsten hielt,') pries er den Kurfürsten Friedrich als denjenigen Fürsten, der Wittenberg, ein abgelegenes Winkelnest, aus einer Ziegelstadt zur Marmorstadt gewandelt habe. Schon damals hatte er Beziehungen zu Wittenberg gewonnen; er war mit Staupitz bekannt geworden, von diesem dem Kurfürsten empfohlen und hatte einen Ruf an die neue Universität erhalten. Bereits am 1. Mai wurde er einstimmig zum Rektor der Universität für das Sommersemester erwählt. Jn demselben Jahre erhielt der Lehrkörper eine weitere Verstärkung durch die Berufung des Mag. Jodokus. Die humanistischen Fächer vertraten mehrere Docenten, welche römische Autoren, nämlich Vergil, Valerius Maximus, Silius Jtalikus

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und Sallust, erklärten. Es waren dies Balthasar Fabricius Phacchus (Balthasar von Vacha), Georg Sibutus Daripinus, gekrönter Dichter und kaiserlicher Orator, und Otto Beckmann, ein Zögling der münsterischen Schule.

Bald nach Luthers entscheidender That vom 31. Oktober 1517, mit welcher das große weltgeschichtliche Drama der Reformation begann, erhielten die humanistischen Studien in Philipp Melanchthon den glänzendsten Vertreter. Am 29. August 1513 hielt er seine Antrittsrede über die Reform der Universitätsstudien, mit welcher er sein Lehramt der griechischen Litteratur erösfnete.') Auf Reuchlins Empsehlung war der einundzwanzigjährige Docent berusen worden, der schon seit 1516 in Tübingen übsr einige Schristen des Cicero und über sechs Bücher des Livius Vorlesungen gehalten hatte. Der gepriesene 'Lehrer Deutschlands', den eine seiner Einzeichnung in die Wittenberge r Matrikel beigefügte Randbemerkung mit Recht als eine Zierde dieser Hochschule und einen ewigen Schmuck der Kirche rühmt,^) war der erste Lehrer der griechischen Litteratur in Wittenberg. Mit Begeisterung war Luther der Antrittsrede Melanchthons gefolgt, mit der dieser den Kampf gegen den scholastischen Wust erösfnete und in der er die Rückkehr zu der wahren Quelle der Theologie, der heiligen Schrist, empfahl; mit Begeisterung sprach er sich in Briesen über den bewundernswerten Mann aus, bei dem fast alles über das Maß des Menschlichen hinausgehe. 'Sein Hörsaal ist von Zuhörern vollgepfropft, fonderlich ziehet er die Theologen alle, vom vornehmsten bis zum geringsten, zum Studium des Griechischen.' Er nennt ihn den seinsten Griechen und den gelehrtesten Mann. 'Wir lernen alle Griechisch, um die Bibel verstehen zu können', so schrieb er voller Freude und Anerkennung an Spalatin einige Tage, nachdem Melanchthon seine Lehrtätigkeit begonnen hatte.') Und am 15. Dezember 1518 meldet er seinem Freunde Wenceslaus Link von dem Ameisenfleiße, mit dem

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') De W.1, 140.

die Studien in Wittenberg betrieben werdend) 'Welanchthon wurde sofort von Luthers religiöser Natur vollkommen beeinflußt; er stellte das Rüstzeug seiner philologischen Gelehrsamkeit rückhaltslos in den Dienst der evangelischen Forschung.'-) Der Freundschastsbund, welchen die beiden Säulen der evangelischen Kirche schon damals schlossen, bildet ein unverwelkliches Blatt in dem Kranze der Reformationsgeschichte. Aber dieser Bund ruhte nicht nur auf dem perfönlichen Zusammenschließen zu gemeinsamer Arbeit an einem großen Werke, sondern er bedeutet nichts geringeres als die ideale Vereinigung zweier Principe, des evangelisch-christlichen mit dem des Humanismus. Wie sehr Luther von der Notwendigkeit dieser Vereinigung überzeugt war, beweist u. a. ein Brief an Eoban Hessus vom 28. März 1525, in welchem er sich über die Wichtigkeit der Poefie und Rhetorik für den echten Theologen äußert: 'Jch bin überzeugt, daß ohne Kenntnis der Wissenschasten die lautere Theologie nicht bestehen kann, wie sie bis dahin bei dem Verfall der Wissenschasten darniedergelegen ist. Ja, ich sehe, daß niemals eine Offenbarung des göttlichen Wortes geschehen wäre, wenn sie nicht den wieder aufgesundenen Sprachen und Wissenschasten den Weg bereitet hätte.'") Der vorreformatorische Humanismus mit seiner rückhaltlofen Begeisterung für das klassische Altertum war in großer Gefahr, der Rückkehr zum klassischen Heidentum den Weg zu bahnen; hielten doch jene Humanisten die lateinische Sprache für die einzige würdige Schriftsprache, war doch ihr höchster Stolz die neulateinische Dichtung in einer bewundernden Nachahmung des Altertums. Da war es Luther, der die Erneuerung des religiösen Lebens auf der Grundlage des göttlichen Wortes und des heilsbedürftigen Menschenherzens anstrebte, und neben ihm Melanchthon, der, in der Ueberzeugung, daß nur gründliche klassische Bildung die rechte Erkenntnis des Christentums vermittle, wahre Gelehrte mache und das heilige Werk der Reformation unterstütze und fördere, die Erneuerung der Wissenschasten auf klassischer und evangelischer Grundlage betonte.

') '8tusium uo«trnm more tormiezni» tervet' De W. l, 1!>3.
2) K. W. Nitzsch, Geschichte des deutschen Volkes, 3,403.
') De W. 2,3l3.

Jn jener Zeit schon, als Luther mit seinem kühnen Thesenanschlag den Kampf gegen Rom aufnahm, waren die Blicke aller auf ihn gerichtet; in noch hoherem Grade wurde er der Gegenstand der Bewunderung, als er seine großen reformatorischen Schristen 'An den christlichen Adel deutscher Nation', das Manisest Deutschlands gegen die Verschuldung Roms, und den 'Sermon von der Freiheit eines Christenmenschen', das Schönste und Tiesste, was Luther geschrieben hat, in die Welt hinaussandte; als er mit der Verbrennung der Bannbulle und der kanonischen Rechtsbücher sich ofsen vom Papst und von der römischen Kirche lossagte; als er in Worms mit heroischem Mute den Widerruf verweigerte. Von nun an wurde Wittenberg der Mittelpunkt der reformatorischen Bewegung; von hier aus brach sich auf allen Gebieten des wissenschaftlichen und socialen Lebens die neue geistige Strömung Bahn und wirkte befruchtend auf die innere und äußere Entwickelung der Gesellschaft. Wittenberg wurde in Wahrheit die nährende Mutter Deutschlands; denn von hier aus ergofsen sich die Ströme evangelischer Wahrheit und evangelischen Lebens in alle Gaue des deutschen Reiches; von hier aus verpflanzten die zahlreichen Schüler Melanchthons die gewonnene, auf das Evangelium gestützte humanistische Bildung in alle Orte Deutschlands. Und Wilibald Pirkheimer, der enthusiastische Freund des Humanismus, durste mit vollem Rechte sagen: 'Mit nichts hätte Friedrich der Weise ein größeres, dauernderes und ehrenvolleres Andenken hinterlassen können, als mit der Stistung einer fo vortrefflichen Hochschule, welche mit den alten in Wettstreit treten kann und die gegenwärtigen nicht bloß erreicht, sondern größtenteils hinter sich läßt.'')

Wie verhielten sich die beiden Häupter des Humanismus zu der großen religiösen Bewegung, die von Wittenberg ausging?

'Gottlob', rief Reuchlin begeistert aus, als Luther auftrat, 'nun haben sie einen Mann gesunden, der ihnen fo blutsaure Arbeit machen wird, daß sie mich alten Mann wohl in Frieden werden hinfahren lassen.' Und Luther schrieb am 14. Dezember 1518 an Reuchlin: 'Du warst das Werkzeug des göttlichen Rat

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schlusses. Jch war einer von denen, welche Dir beizustehen wünschten, aber es fand sich keine Gelegenheit. Doch was mir als Kampfgenofsen versagt war, wurde mir als Deinem Nachfolger aufs reichlichste zu teil. Die Zähne jenes Behemot fallen mich an, um die Schmach, welche sie durch Dich davongetragen, wo möglich wieder gut zu machen. Jch gehe ihnen mit geringeren Krästen des Geistes und der Gelehrsamkeit entgegen als Du, aber nicht mit weniger getroftem Mute.'')

Reuchlin hatte dem Werke der Reformation nicht nur durch die Belebung des Sinnes für die griechische Sprache und das griechische Altertum, fondern auch durch die Beförderung der hebräischen Sprachstudien vorgearbeitet. Er schrieb 1506 seine hebräische Grammatik, mit deren Hilse Luther die Fackel anzündete, die ihm weiter leuchten sollte auf seinem reformatorischen Wege.s

Neben Reuchlin hatte Erasmus, der geistige Führer Deutsch» lands, um dessen Gunst sich Päpste und Kardinäle, Kaiser und Kurfürsten bewarben, das, Studium der griechischen Sprache und Litteratur noch weiter vervollkommnet und besonders durch seine Ausgabe des griechischen Neuen Teftamentes, die 1516 in Basel erschien und die Luther zu seiner Uebersetzung benutzte, das Wort Gottes aus der Verborgenheit hervorgezogen. Aber auch er hatte, wie Reuchlin und seine Zeitgenofsen, sich nicht gescheut die Schäden der Kirche und der Geistlichkeit mit großer Bitterkeit aufzudecken und hatte sich namentlich mit seinem berühmten Werke 'Lob der Narrheit', das noch zu Lebzeiten des Verfassers nicht weniger als 27 Auflagen erlebte, dem allgemeinen Kampse der Humanisten gegen das mönchische Unwesen angeschlofsen. Und doch war er kein Bundesgenofse Luthers. 'Ein Grieche oder Hebräer', schrieb Luther an Johann Lange in Ersurt am 1. März 1517 mit Bezug auf Erasmus, 'ist noch nicht durch seine Sprachkunft ein wahrer Christ. Augustinus ist auch mit seiner einzigen Sprache mehr wert gewesen als St. Hieronymus mit seinen fünserlei Sprachen.' 2) Es kam zum Kampse zwischen dem großen Humanisten und dem großen Theologen; aber wer den Sieg davontrug, das zeigt die evangelische Kirche, die noch heute be

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