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mit 'dobbeln, spelen, danßen und mannigen flueck', für den er nichts bezahle. Der Wirt beklagt Luthers Auftreten:

Der Luther hefft alleyn de schuldt;
Eindt he gefchreven und gelert,

Hesst sick de gantze werldt vorkerdt;
Hedde de mönnick handt und mundt gefpart,

De wyle syn« metten und vesper gewart,
Vele quades ftöses^ wer bleven underwegen,

Tat sick yn aller werldt deyth regen;
De möneke he uth deme Lloster drifft,

Keyn meyersche by ern kcrckhern blisft,
Dat grote quat ys, dat ick weyt,

Porbüdt, vordomet de unküefscheit

All horhüßer denckt he tho vorstören,

Wat schal sick mannich arme derne ernern,
De spynnen, neyen nicht hesst gelert?

Nachdem der verlorne Sohn sein Geld verpraßt hat, fängt er an sein wüstes Leben zu bereuen. Mit einer Deutung schließt Waldis den ersten Teil seines Spieles: die Parabel zeige die zweierlei Kinder Gottes. Der ältere Sohn bedeute jeden geistlichen frommen Mann, der sich eitler Werke rühme und damit beweisen wolle, daß er ein Kind Gottes sei. Doch wolle Gott seinen Tod nicht, wenn er sich zu ihm bekehre. Der jüngere Sohn bedeute diejenigen, die nie gute Werke gethan, und was Gott ihnen gegeben, in bösem Leben verzehren. Auch sie nehme Gott zu Gnaden an, wenn sie zuletzt umkehren und sich frömmer beweisen. Nach dieser Rede des Aktors, in welcher viele Bibelstellen als Beweise angeführt werden, wird der 13. Pfalm fünfstimmig gesungen, worauf der andere Akt beginnt. Er schildert die Rückkehr und Aufnahme des reuigen Sohnes. Aktor beschließt die Auslegung des anderen Aktes, indem er wieder den Glauben im Gegensatz zu den Werken hervorhebt. Als der Gesang des 129. Psalm mit füuf Stimmen verklungen, rühmt sich der ältere Sohn als frommer Sohn der Kirche seiner Werke und seines geistlichen Lebens:

Dar yn ick dy wol denen kann

Mit vele fasten, fro upstan,
Jck hebbe gcholden van anbeginn

Myn geloffte, regell und wat dar yn

Vervatet vs, armoidt, küefchheit,

Gehorsam, underdanicheit,
Myn dage nü keyn geldt beroert,

Alleweg eyn hart strenge leven gcfoert,
Tat ambt der mysße alle dage vollbracht,

Gebedet, gefüchtet yn groter andacht,
Myn lyff kasteyet mit discivlinen,

Dat fieysch gedwungen mit schmertz und pynen.

Zuletzt dankt er Gott, daß er nicht sei wie der Wirt, 'de dar achter steyt'. Dieser fleht in tieser Zerknirschung um die Gnade Gottes. Der Aktor verkündet aus der Schrist Christi Urteil.

De sick vorhöget up düffer erden,
De werdt van Godt ernederigt werden;

We sick up erden maket kleyn,
De werdt by GODE vorhöget alleyn.

Und während der Heuchler ein gottlofer Bube bleibe, gehe der andere von allen Sünden frei mit zufriedenem Gewissen fröhlich in sein Haus. Er schließt mit einer Mahnung:

Hebbel acht und gaet gy ock ßo mede,
Lyn yderman ßeh euen tho,

Tat he ock als düsse sünder do
Mit reynem herten tho huef; möge gaen,

Mit guden geweten vor GODE staen.

Zuletzt steigt das Kind, da5 das Evangelium verkündet hatte, auf und spricht die gereimte Wenedyunge'.

Am Ende stehen noch sechs Lieder, zuerst drei Psalmen (2, 3 und 21), verdeutscht von Andreas Knöpken, dem Reformator Rigas; dann drei andere, die mit Waldis' Namen bezeichnet sind, darunter Psalm 127, den Luther 1524 in einem eigenen Schreiben den Christen zu Riga und in Livland ausgelegt hatte.')

Unverkennbar tritt in Waldis' durch großartige Auffassung eines gewaltigen Stofses ausgezeichnetem Drama die kirchlichpolemische Tendenz hervor: der ältere Sohn, der am Schlusse als Mönch erscheint, stellt die katholische Kirche, der Wirt die evangelische dar. Zugleich wird im Verlause der Darstellung der evangelische Satz von der Rechtsertigung durch den Glauben so scharf und klar entwickelt, wie in keiner der späteren Bearbeitungen desselben Stoffes.

') De W. 2, 595.

Der langen Reihe von Dramen vom verlornen Sohn, die nun folgen, liegt meist der ^eola8tu» des Gnapheus zu Grunde. Georg Binder aus Zürich, in lebhastem Verkehr mit seinem gelehrten Landsmann Joachim Vadian in Wien, der den wissenschastlichen Eiser seines Schülers in einem Briese an Konrad Grebel aus Zürich (1518 1. Mai) rühmt, wurde nach seiner Rückkehr aus Wien einer der eisrigen und treu ergebenen Gehilsen Huldreich Zwinglis und eine Hauptstütze für die neugegründete Gelehrtenschule zum Großmünster in Zürich, an die er mit dem seingebildeten Jakob Caporin als Lehrer berusen wurde. Gegen Oswald Myconius in Luzern rühmt ihn Zwingli 1522 als eine Zierde Zürichs, betraut ihn, nachdem er 1524 in den Befitz einer Chorherrnpfründe am Großmünsterstist gelangt war und seine Thätigkeit an der dortigen Schule begonnen hatte, mit der Uebersetzung zweier das Abendmahl betreffenden Traktate und läßt ihn Ende Augnst 1525 einen vertraulichen Brief an Vadian in St. Gallen über einen Unsug der Wiedertäuser in Zürich schreiben. Jn der nächsten Zeit hatte Binder eine deutsche Uebersetzung des Gnapheusschen Acolast verfaßt, welche am Freitag in der vollen Woche nach Ostern (29. April) 1530 durch seine Schüler auf, geführt werden sollte; aber die Aufführung unterblieb, nicht fowohl wegen der steigenden Teuerung, die man als Vorwand benutzte, als um nicht in der politisch schwieriger gewordenen Zeit die Gegner zu reizen, welche in der Darstellung des verkommenen jungen Edelmannes eine Schilderung der adligen Sitten erblicken konnten. Dagegen fand unter Binders Leitung am 1. Januar 1531 die S. 51 erwähnte Aufführung des Plutos des Aristophanes statt. Nunmehr wurde Binders Acolastus zu Neujahr 1535 gespielt und in demselben Jahre durch den Druck veröffentlicht. 'Mit was fleyß und trewen ich den lateinischen Acolastum vertheutschet, verstond die, die umb die rächte und brauch des dolmetschens wüssent', mit diesen Worten beginnt er sein Vorwort. Aber die Uebersetzung ist sehr frei; Binder gefteht selbst, daß er statt der Sprüche, die in der lateinischen Spruche lieblich zu hören seien, andere Sprüche, die jenen nicht ungemäß, aber den Deutschen lieblicher und bräuchlicher wären, gesetzet, etwa das Decorum und Wesen einer ganzen Scene bloß behalten und mit deutscher Art erstattet habe. Den Zweck des Komödienspielens giebt der Prolog an:

Das man der Dugent hangte an.
Die lasier wölte faren lan.

Die Komödie sei ein 'spiegelglaß', in welchem 'alle glidmaß' ersehen würden, auch was am Menschen hübsch, alt und wüst sei. Dann folgt die Deutung der Parabel: unter dem verlornen Sohn seien alle Menschen zu verstehen, die wider Gott gefündigt hätten und ihn um Gnade anriesen. Jn lyrisch bewegten Stellen verwendet Binder sehr geschickt Halbverse zu zwei Hebungen, z. B. in der Liebesfcene mit Lais:

O Lais, wie bist du so schön,
Deins gleychen hab ich nie gefen,
Lntzünt bin ich
Jnbrünstenklich
Gen dir, mein hort,
Vernimm mein wort,
Mit astalt und bärd
Bist mir so ward.
Dein hendly weiß

Mit ganzem fleiß

Was wilt du nun mein edler schatz?
Begers von mir, ich doch nit fatz;
Wilt gält ald »der) gold?
Jch bin dir hold.
Versag dirs nit,
Heysch was du wit.

Binder diente zwei anderen Dramatikern als Vorbild, dem Jörg Wickram, der sein zu Psingsten 1540 von der Bürgerschast zu Colmar aufgeführtes Spiel - allen jungen Gesellen, auch Vater und Mutter zur Warnung an den Tag geben' wollte, und Wolfgang Schmeltzl, dessen Drama schon 1540 vor dem kaiserlichen Hof in Wien gespielt wurde, aber erst 1545 im Druck erschien. Auch Hans Salat, Gerichtsschreiber zu Luzern, scheint für sein Drama (Basel 1537) Binder benutzt zu haben.')

1536 führte Hans Ackermann sein Spiel in Zwickau auf;') dasselbe erschien 1537 bei Wolfgang Meyerpeck in Zwickau und gleichzeitig bei Johann Weiß in Wittenberg, 1540 in sehr veränderter Ausgabe in Zwickau. Er widmete sein Drama der Gemahlin des Herzogs Heinrich von Sachsen, Katharina von Mecklenburg. Sie war schon lange für die evangelische Lehre gewonnen und hatte bereits Freitag nach Jubilate (12. Mai) 1525 durch ihr zehnjähriges Töchterchen Sibylla, weil sie selbst augenkrank war, ihren Beileidsbrief über Friedrich des Weisen Tod an den Kurprinzen Johann Friedrich schreiben lassen, worin sie ihre treue Hingebung an das reine Wort Gottes kundgiebt und versichert, sie werde sich von demselben durch den Haß und die Verleumdungen der Räte ihres Gemahles, mit welchen diese ihn beim Herzog Georg beschwerten, nicht abwendig machen lassen. Und der Kurprinz erwiderte (Grimma, Sonnabend nach U. L. Fr. Heimsuchung, 8. Juli): Jch kan got nymmer verdancken, das er E. L. auff sein göttlich wort gefürt hat, dan hie hat gott sein werck hochlichen bewerset, das er auß einer verfolgerin seines worts nun ein beftendige bey seinem wort gewircket hat, hie ist recht auß einem Saullo ein paulus gemacht, der allmechtige gott wolle E. L. bey angefangner haltung über dem wort Gottes stercken und den glauben mehren und wider teufsel noch helle aber was darwider sein mag nit abtrutzen lassen, sundern daben erhalten:c. Jm Jahre 1530 bezeichnet der pirnaische Mönch die Herzogin Katharina als 'der luterschen unart beysellig', und Spalatin fagt von ihr: 'Tiese Fürstin ist sehr wohl worden an dem lieben Wort Gottes, also auch, daß sie, wie die gemeine Rede gangen, das hochwürdige Sakrament des wahren Leibes und Blutes unseres lieben Herrn und Heilandes Jesu Christi noch dieß Jahr 1533 nach der christlichen Einsetzung unter beiderlei Geftalt genofsen, genommen und empfangen hat'. Als drei Jahre später Herzog Georgs Rat Georg von Karlowitz den Freiberger Prediger Jakob Schenk dazu bewegen wollte, sich weihen zu lassen,

') Neudruck von J. Baechtold. Einsiedeln 1881.

e) Neudruck von H. Kolstein. Etuttgart. Litterar. Verein Nr. 170.

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