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Bei der Annahme, dass die Russen 5 Wochen zur Mobilisirung und zum Aufmarsche brauchen, könnte Przemysl-Jaroslau den Feind schon in der 6., Eperies etwa in der 8. oder 10., und selbst Pesth schon in der 12. Woche vor den Thoren sehen, — wenn man in den beiden letzteren Fällen auf 14tägigen, durch Kämpfe bewirkten Aufenthalt in der Vorwärtsbewegung des Feindes rechnet.

Die rapide Kriegführung wird in Zukunft Regel werden, — wenigstens machen alle Mächte hiezu die riesigsten Anstrengungen.

Die Festungen, welche dem Feldherrn gleich Anfangs als OperationsStützen dienen sollen, müssen daher bei Ausbruch des Krieges schon fertig sein, denn die 3 bis 4 Wochen, welche vergehen, bis der Feind eventuell vor denselben stehen kann, braucht jeder Platz vollständig zur Armirung und Vertheidigungs-Instandsetzung, zum Einschieben von Zwischenwerken, zum Rasiren des Vorterrains.

Festungen aber, die so nahe wie Krakau, Jaroslau, Josefstadt, Theresienstadt, Enns, Trient an der Grenze liegen, sollen sogar im Frieden schon armirt sein, weil man unter Umständen selbst hiezu nicht mehr die Zeit und Mittel hälte (Strassburg 1870) und einem kühnen Handstreich erliegen könnte.

Es ist Sache des General-Stabes, zu berechnen, in wie viel Tagen die feindliche Armee aufmarschiren und den ersten Schlag an unserer Grenze führen kann, wie lange sie in den für uns schlimmsten Fällen braucht, um vor einem oder dem andern Platze zu erscheinen.

Sache des Genie-Corps wäre es sodann, auf Grund der bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Elaborate und in genauer Würdigung aller Verbältnisse zu ermitteln, ob man ganz gewiss in der vom General-Stabe angegebe. nen Zeit mit dem Bau eines provisorischen Platzes fertig werden könne, und ob man hiezu die Miltel habe; es ist endlich Sache der Artillerie zu sagen: ob sie in der gegebenen Zeit das nöthige Artillerie-Materiale aufbringen und den Platz armiren könne. Würde es die Zeit nicht erlauben, provisorische Befestigungen auszuführen, und müsste der Platz doch befestigt werden, dann muss man sich schliesslich mit passagèren Befestigungen begnügen, und das Project für diese ausgearbeitet, und der Platz vom Feldherrn auch demgemäss in den Calcul gezogen werden. Nur auf diese Art wird man sich vor gefährlichen Täuschungen bewahren.

Die extremen Anhänger der provisorischen Befestigungen haben immer die Leistungen der Amerikaner und jene Todleben's vor Augen. Sie brauchten nicht so weit zu gehen.

Gerade Österreich hat seit jeher hierin das Grossartigste und Mustergiltigste geleistet. 1848 wurde Verona mit provisorischen Forts umgeben; 1854 und 1855 wurden 3 verschanzle Lager um Krakau, Przemysl und Zaleszcyky, 2 Brückenköpfe bei Rozwadow und Siwka-Martinow, die Thalsperre bei Gura-Hunora und die vielen Passsperren und Strassen in Siebenbürgen improvisirt, das verschanzte Lager von Olmütz vervollständigt. 1859 wurden die Forls um Piacenza, der Brückenkopf von Vacarizza, von Pavia, von Borgoforte im provisorischen Style neu gebaut.

1866 entstand das, was Grösse der Gesammtleistung betrifft, unübertroffene verschanzte Lager, resp. der Brückenkopf von Floridsdorf; es wurden die provisorischen Werke von Verona und Olmülz, des Brückenkopfes bei Theresienstadt, die provisorische Hauptumfassung von Krakau geschaffen.

Man hatte zu diesen Bauten wohl mehr Zeit, als in Zukunft gegeben werden wird, aber bei weitem noch nicht so viel, wie die amerikanischen Ingenieure, noch weniger aber hatte man deren gewaltige Miltel.

Die provisorischen Bauten des Jahres 1848–1849, 1854 bis 1855 und 1859 waren übrigens bei weitem leichter und einfacher herzustellen als jetzt, wo man zu so vielen Traversirungen und Hohlbauten gezwungen ist.

Auf Sebastopol hinzudeuten, ist ganz unthunlich. Wohl wurde der grösste Theil der Befestigungen erst extemporirt, aber gemauerte Stützen batte Sebastopol von Haus aus gegen die Seeseite, gegen die Nordseite, dann auch im Süder. in einigen permanenten wallfortartigen Bastionen, dann im Malakoff-Thurme.

ad II.

Provisorische Plätze müssen, wenn sie wirkliche Festungen ersetzen sollen, einer Belagerung widerstehen, d. h. mit verhältnissmässig geringen Kräften muss eine bedeutend überlegene Macht des Feindes durch lange Zeit festgehallen – gebunden — werden. Die Festung muss sich auch selbst überlassen werden können und nicht immer des Schutzes der Armee bedürfen; die Armee darf eben nicht an die Festung gebunden, sondern muss gerade durch dieselbe in den Operationen unabhängig gemacht sein.

Je weiler die Armee sich vom Platze entfernt, desto grösser wird die kraftbindende Wirkung der Festung und mit ihr das Bestreben des Feindes, um seine Truppen frei zu machen, den Platz, und sei es auch auf dem langwierigen Wege der Belagerung, in seine Hände zu bekommen.

Der Belagerer verliert, nach den alten und neuen Lehren der Geschichte, in den letzten Stadien, wenn er fast am Fusse des Glacis angekommen ist, am meisten Menschen, und die Zeit zum Durchschreiten dieser kleinen Strecke ist fast eben so gross als jene, um an sie zu kommen.

Im letzten Momenle ist wohl die active Vertheidigungsfähigkeit schon sehr gebrochen ; den Feind hält viel weniger die Furcht vor den Verlusten, als die Unmöglichkeit der Überwindung der passiven Hindernisse, welche die Sturmfreiheit des Platzes ausmachen, von dem Sturme ab: er geht lieber den langsameren und sicheren Weg.

Düppel konnte gestürmt werden, als die Arbeiten erst auf 150 Schritle vor den Schanzen angelangt waren, weil eben diese Werke nur im proviso

Österr. militär. Zeitschrift 1871. (4. Bd.)

rischen Style, wenn auch schon im Frieden erbaut worden waren. Der Angreifer aber ersparte dadurch sehr viel Zeit.

Der regelmässige Angriff auf die Mastbastion (Nr. 4) vor Sebastopol mussle nach monatelangem vergeblichen Bemühen an dem Widerstand des Minensystems scheitern, weil die Bastion eben sturmfrei war: man wechselte sogar lieber die Angriffs-Richtung, um schliesslich die provisorische Bastion Korniloff über das Minensystem hinweg zu erstürmen.

Dass man Sebastopol nicht früher stürmte, daran waren die furchtbare Armirung, die starke Besatzung, dann die eben vorhandenen einzelnen slurmfreien Punkte die Ursache. Von der überaus starken Seeseite gar nicht zu reden, war das Nordfort fertig, die Westseite hatte einige Bastionen in permanentem Style, auf der Südseite war eine zusammenhängende Umfassungslinie durch Häuser und Mauern gebildet, und derselben der gemauerte Thurm Malakoff, dann die Batterie 2 und die Bastion 4 vorgelegt.

Ausserdem konnten die Schiffe bei Abwehr des Sturmes kräfligst mitwirken. — Auf diese festen Punkte gestützt, konnte man vor der Arsenalstadt Sebastopol auf übrigens verhältnissmässig kleinem Umfange allerdings Grossartiges leisten.

Die Stärke der amerikanischen Werke lag in der mächtigen Armirung mit schweren Küsten- und Marine-Geschützen und in der starken Besatzung, welche an Kriegstüchtigkeit dem Angreifer zum Mindesten ebenbürtig war.

Und doch waren in vielen Fällen die Angreifer beim ersten Sturme bis in das Innere der Schanzen eingedrungen, — ein Beweis, dass dieselben nicht sturmfrei waren. Dass die Angreifer meist wieder hinausgejagt wurden, ist der Stärke der Besatzung und der Erbitterung, mit der dieselbe focht, zuzuschreiben. Zu Vicksburg waren am 21. Mai 1863 die Vorwerke bereits genommen, die Brustwehr des Hauptwalles an manchen Stellen erstiegen, als die 5000 Mann starke Reserve herbeieilte und die Angreifer, von welchen nur 8000 Mann in's Gefecht kamen, vertrieb. Die Besatzung bestand aus 31.000 Mann, der Angreifer war doppelt so stark, welcher schliesslich die Stadt, nachdem er 141.000 Geschosse hineingeschleuderl, nach 5 Monaten Berennung und 46 Tagen Belagerung am 4. Juli zur Capitulation zwang.

Als General Banks am 27. Mai 1863 die Befestigungen von Port Hudson stürmen liess, war es seinen Truppen bereits gelungen, einige Werke zu erobern; allein der Heldenmuth der Vertheidiger trieb sie wieder (mit einem Verluste von 3000 Mann) zurück. Der Vertheidiger, General Gardner, capitulirte erst am 8. Juli.

Das Fort Pillow hatte am 12. April 1864 bereits mehrere Stürme abgeschlagen; der Angreifer kam aber mit neuem Ungestüm und überwältigle endlich die Besalzung.

Fort de Russy wurde erstürmt, weil es nur eine schwache Besatzung hatte.

Die Stürme auf die Forts Gray und Wessels vor Plymouth 1864, scheiterten nur an dem Feuer der Kanonenboote des Vertheidigers. General Hoke liess dieselben durch seine Panzerschiffe in Grunj bohren, und sogleich wurde Fort Wessels geräumt.

Bei verschiedenen Stürmen auf die Verschanzungen von Petersburg war man in das Innere der Werke eingedrungen, aber durch die ausserordentliche Tapferkeit der Vertheidiger wieder hinausgeworfen worden. .

Fort Mac Allister wurde am 13. December 1864 erstürmt.

Die heldenmüthige Besatzung des Forts Fisher musste, nachdem sie eine wochenlange fürchterliche Beschiessung ausgehalten hatte, trotz der tapfersten Gegenwehr, am 15. Jänner 1865 einem Sturme erliegen.

Das verschanzle Lager um Warschau 1831 muss, insbesondere aber die Wola-Schanze, zu den provisorischen Befestigungen gerechnet werden. Es erlag dem Sturme.

Diese Beispiele zeigen im Verein mit dem Vorwerk Arab tabia vor Silistria 1854 zur Evidenz die grosse Widerstandsfähigkeit der provisorischen und selbst der Feldbefestigungen, wenn sie tapier und geschickt vertheidigt werden; sie zeigen aber auch, dass sich der Feldherr auf den langen Widerstand bei schwacher Besatzung in gleicher Weise nicht verlassen kann, dass er somit bei einer provisorischen Befestigung stets Punkt und Besatzung riskirt.

Festungen bekommen aber im Allgemeinen unverlässliche oder doch weniger kriegstüchtige Truppen: Recruten, Ersatzkörper, Freischaaren etc.

Ein durchaus provisorisch befestigtes Strassburg oder Belfort, welche Plātze eine vierfache Übermacht durch lange Zeit festhielten, ein provisorisches Toul, das die wichtige Pariser Eisenbahn so lange und so wirksam sperrte, ja ein provisorisch befestigtes Paris wären bei der Besatzung und Armirung, die sie hatten, nach kurzer Beschiessung gestürmt worden.

Vacarizza, Pavia, Piacenza wurden 1859 beim Rückzuge der Armee aufgegeben, weil man nicht wagte, in den provisorischen Plätzen die dortselbst befindlichen guten Truppen einer Katastrophe auszusetzen. Wären es permanente Plätze gewesen, so hätten sie wenigstens die dreifache Macht des Gegners gebunden, und derselbe wäre nun nicht mehr mit Übermacht bei Solferino erschienen.

Die fehlende Sturmfreiheit ist es aber nicht allein, was die provisorischen Festungen hinter den permanenten zurückstehen lässt. Es ist noch eine grosse Summe von verschiedenen Kleinigkeiten, die mit beilrägt der Vertheidigungsfähigkeit Abbruch zu thun. Es mangeln bombensichere und andere Unterkünfte; die vorhandenen sind feucht, machen die Leute krank und missmuthig. Nahrungsmittel verderben in den feuchten Lagerstätten der Forts. Heu, Mehl, Brod, Käse wird massenhaft zu Grunde gehen. Das Pulver wird leucht. Jeden Tag eines Sturmes gewärtig, reibt sich die physische Kraft der Besatzung bald auf. Die Artillerie ist nicht immer in der Lage, entstandene Schäden an ihren Geschützen zu repariren, verschiedene Gegenstände nachzuschaffen; es fehlt ja an Werkstätten und Laboratorien, an der Möglichkeit, nur die geringste Erzeugung vorzunehmen.

An Allen und Jedeni ist Mangel. Man muss sich behelfen, so gut man kann, — wird es heissen; in Plätzen wie Jaroslau oder Enns wird es mit dem „Behelfen“ schlecht oder gar nicht gehen.

Nach diesem dürfte es wohl klar sein, dass diejenigen, welche die „Erdwerke" den permanenten, gemauerten Werken vorziehen und selben, wie es oft gehört wird, mehr Widerslandskraft zutrauen, im Irrthume sind, und dass sie die Kriegsgeschichte, welche sie stets citiren, entweder nur oberflächlich kennen oder deren Lehren, wenn auch unabsichtlich, fälschen. In Bezug der Fortification aber stehen dieselben auf einem ganz veraltelen Standpunkle. - Dass das Mauerwerk dem Geschützfeuer für die Länge nicht widersteht, ist eine alte Thatsache; das wussle schon Vauban, — sonst hätte er in seinem dritten System den Cordon der Escarpe nicht so tief versenkl; dass nun die gezogenen Geschütze auch Mauerwerk durch den Bogenschuss zerstören können, ist seit Jülich 1861 Jedem klar.

Die heutigen Befestiger meiden es daher wohlweislich, auch nur einen Ziegel dem geraden oder indirecten Schuss auszusetzen. . Um sich hievon zu überzeugen, braucht man nur den seit zwei Jahren in den k. k. Cadetenschulen vorgeschriebenen Leitfaden zum Unterricht in der permanenten Fortification vom Obersten Ritter von Tunkler durchzublättern.

Das Mauerwerk dient in der permanenten Fortification nunmehr nur als Mittel zur Herstellung der Sturmfreiheit, somit als Hinderniss und für die Grabenflankirung, dann zu Unterkünften.

Lissa und Borgoforte als Beispiele für die Widerstandslosigkeit permanenter Befestigungen anzuführen, ist somit ganz unstatthaft.

Lissa ist zu Anfang dieses Jahrhundertes von den Engländern erbaut und gegen die gezogenen Geschülze nicht reconstruirt worden. Es hatte als schwerstes gezogenes Geschütz den 24Pfünder, dessen Kugeln an den Panzern der italienischen Schiffe wie Erbsen an der Wand abprallten. Lissa war daher fortificatorisch und artilleristisch fast gänzlich widerstandslos.

Ist es da zu wundern, dass es den italienischen 100- und 300Pfündern endlich gelang, die Werke zu beschädigen? — Ist im Gegentheile nicht zu staunen, dass sie eine zweitägige Beschiessung und über 100.000 Kugeln vertragen hatten, diese alten Forts mit ihren 1 bis 3 Kanonen ? Ist es nicht zu verwundern, dass die 44 Festungs-Geschütze der Österreicher gegen die 645 der Italiener den Kampf überhaupt aufnehmen konnten, und dem Angreifer sogar einen Verlust beibrachten, der den unsern übertraf')?

Borgoforte halte einen ebenso ungleichen Kampf zu bestehen. Aus den im Jahre 1859 erbauten provisorischen Forls, gleich nach dem Kriege, noch ohne die Erfahrungen der Jülicher Breschversuche benutzen zu können, erbaut, besland die Armirung, inclusive der Graben-Geschütze, der glatten

1) Österreicher 94 Mann, Italiener 130 Mann. Schusszahl der Österreicher 2733.

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