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heit, dann wegen der Schwierigkeit, die im Kriegsfalle zweifelsohne wohlbefestigten Pässe zu forciren, Angriffslinien, welche von der vordringenden deutschen Armee schon mit Rücksicht auf das wichtige Operationsobject liten wohl unbedingt betreten werden müssen, welche aber, weil ganz unberechenbaren Widerstand ermöglichend, rasche Operationen und sichere Erfolge (wenigstens innerhalb einer durch die allgemeine Kriegslage gebotenen Frist) durchaus nicht voraussehen lassen.

Dagegen ist das Terrain im Dreiecke Säckingen-Brugg-Coblenz weitaus weniger rauh; zwischen den Haupl-Communicationen über den Bölzberg einerseits und längs des Rheins anderseils ziehen für alle Waffengaltungen brauchbare Parallel - Communicationen, welche unter sich und mit den beiden erwähnlen Hauptstrassen in mehrfacher fahrbaren Verbindung stehen, so dass dieser Raum von einem durchziehenden Angriffsheere vollkommen beherrscht wird, und jederzeit eine gegenseitige Unterstützung der Colonnen darin stattfinden kann.

Die erwähnenswerthesten dieser Parallel-Communicationen sind:

1. Die Fahrstrasse von Lauftenburg über Sulz, Möhnthal nach Remingen, and von hier entweder nach Bruss, oder in zwei Zweigen nach Stilli (an der Aare);

2. die Fahrstrasse von Elzgen am Rhein über Mettau, Wyl, Mandach und sodann in zwei Zweigen (wovon der eine gleichfalls nach Stilli) an die Aare;

3. die Fahrstrasse von Schwatterloch über Leibstadt und Leuggern, ebenfalls mit zwei Zweigen an die Aare.

Erwägt man die bei Betrachtung der westlichen strategischen Front bereits angedeulete Wichtigkeit der Gegend bei Brugg bezüglich eines aus Deutschland kommenden Angriffes, und bedenkt man, dass dem rechten Flügel der auf der östlichen Operationslinie vorrückenden deutschen Armee die Richtung auf Brugg gegeben werden muss, so ist wohl kein Zweifel, dass das hier zur Schilderung gelangte geographische Element dringend auffordern wird, die Hauptmasse des auf der westlichen Operationslinie (über Basel) vordringenden deutschen Heerestheiles nicht auf der südlicheren, sondern auf der von Säckingen auslaufenden Linie gegen die unterste Aare zu dirigiren, um mittels daselbst versammelter Massen – bei gleichzeitiger ernsthalter Bedrohung der Flügelpunkte Olten und Zürch — die feindliche Vertheidigungs-Linie in der Mitte zu durchbrechen. Es wird hiedurch auch die Hauptoperation vor unmittelbarer Einwirkung der französischen Basis Belfort-Besançon gesichert. Welch' weiteren Vortheil ein Durchbruch bei Brugg – entgegengehalten einer TournirungsOperation mit der Hauptmacht über Olten oder über Zürch — für den Angreifer haben müsse, wird bei Besprechung der Limmat-Aare-Linie erörtert werden,

Indem wir auf das östlich der untersten Aare, zwischen der Limmat und dem Rheine liegende Terrain übergehen, müssen wir vor Allem

erinnern, dass dies der gangbarste, weil nach allen Richtungen von sehr vielen und guten Communicationen durchschnittene Theil der Schweiz (und somit auch der Schweizer Hochebene) ist, und durch seine Productivität, sowie durch die Menge und Wohlhabenheit der Ortschaften und Städte die leichtere Ernährung und die rasche Bewegung grösserer Heerestheile ermöglicht.

Zwischen Rhein und Limmat gehen dem ersteren Flusse, und zwar annähernd parallel mit der Strecke Constanz-Schaffhausen, die Wasserlinien der Thur, der Töss und der Glatt zu; wie aus dem descriptiven Theile bekannt, sind sämmtliche drei Flüsse, — zeitweilig und plötzlich auflretende, aber ebenso schnell wieder endende Hochwasser-Perioden ausgenommen, - im obern und mittleren Laufe unbedeutend, und nur im unterslen Theile von solcher Beschaffenheit, dass sie vorübergehend, also im taktischen Sinne, ein brauchbares Fronthinderniss abgeben können. Zudem begünstigt die grosse Gangbarkeit des Terrains überhaupt, sowie speciell die leichte Zugänglichkeit zu den Thälern selbst, feindliche UmgehungsManöver, so dass diese Flüsse als strategische VertheidigungsLinien um so weniger bezeichnet werden können, als sie zu nahe hinter der Vertheidigungs-Linie des Rheins liegen, und nicht anzunehmen ist, dass eine Armee, welche aus dieser, natürlich und fortificatorisch so starken Stellung verdrängt wurde, unmittelbar (2 oder 4 Meilen) dahinter, unter dem Drucke der feindlichen Verfolgung und jeder Initiative baar, so schwache Stellungen einnehmen könne oder dürfe.

Zudem sind bei Beurtheilung des militärischen Werthes dieser drei Wasserlinien noch die Umstände in Betracht zu ziehen, unter welchen die RheinLinie forcirt worden war, Es ist nemlich vorauszusetzen, dass die Rheinübergänge schweizerischer Seits wohl, und zumeist à cheval des Flusses, befestigt worden sind, - dass namentlich Schaffhausen als Brennpunkt dieses Vertheidigungsgebietes ein sehr starkes verschanztes Lager ist, dass also der Forcirung des Rhein - Überganges entweder die Wegnahme Schaffhausens vorangehen musste oder die eines der abwärts gelegenen Punkte, z. B. Eglisau, Kaiserstuhl oder Coblenz, wornach die Festhaltung Schaffhausens durch das Gros der Armee nicht mehr räthlich, dessen Rückzug im Gegentheil geboten war. Wie dem immer sei, der Rückzug der schweizerischen Streitkräfte kann nur hinter die Limmat, und zwar nur in den heiden Hauptrichlungen auf Brugg und auf Zürch erfolgen, weil jede andere, weiter östlich liegende Rückzugslinie excentrisch wäre und in das Hochgebirge führen würde.

Anderseits kann die versolgende deutsche Armee kein anderes geographisches Angriffs-Object haben als die Limmat-Linie, und zwar 1. weil eben die gegnerische Armee (das strategische Operations-Object), nur dorihin sich zurückziehen kann, und 2. weil mit Gewinnung dieser Linie, respective der Punkte Brugg und Zürch, jeder weitere Widerstand unmöglich wird, indem man hier beherrschend im Mittelpunkte der ganzen Schweizer Hochebene steht.

Es werden daher die Bewegungen der Hauptarmee nach Forcirung der Rheinlinie der Hauptsache nach in dem durch die Strassen Waldshut-Zürch rod Schaffhausen-Winterthur-Zürch abgegrenzten Raume vor sich gehen, Tas jedoch keineswegs ausschliesst, ja im Gegentheile erfordert, dass der äusserste linke Flügel über Frauenfeld und Wyl (mit einem Flanken-Corps über St. Gallen) auf Lichtensteig und gegen Ulznach an die Linth vorgehe.

Setzen wir nun den 1. Fall, dass nämlich der directe Verlust von Schaffhausen das Aufgeben der Rheinlinie herbeigeführt habe, so wird die schweizerische Armee, weil nur frontal zurückgedrängt, ihren Rückzug so ziemlich ohne Deroute über Andelfingen, Winterthur nach Zürch ausführen und zu dessen Schutz Nachhutaufstellungen an der Thur bei Andelfingen und bei Üsslingen, an der Töss bei Töss, bei Pfungen und bei Rorbas, an der Glatt bei Bülach, bei Kloten und bei Schwamendingen nehmen können.

Winterthur.

Über diesen Punkt ist Einiges zu sagen. Wenige Meilen hinter der Rheinlinie Constanz-Waldshut, und zwar annähernd central gelegen, mit dem Flusse in vielfacher und mit allen wichtigen Uferpunkten, dann mit Zürch, Rapperschwyl, Utznach, St. Gallen in bester Verbindung stehend, Knotenpunkt von vier Eisenbahnen, mag es sich auf den ersten Blick namentlich als Centralstellung für eine relative Vertheidigung der Rheinstrecke Constanz-Waldshut von höchster Bedeutung darstellen und daher taktisch-fortificatorische Sicherung in ausgedehntem Masse verlangen. Nun ist aber in Betracht zu ziehen, dass der Rhein hier absolut, und zwar mit Zuhilfenahme der Offensive, am linken Ufer vertheidigt werden müsse, und dass man anderseits einer Armee, welcher die Festhaltung dieser natürlich, fortificatorisch und offensiv starken Linie nicht gelungen, Angesichts des verfolgenden Feindes nicht zumuthen könne und dürfe, nur wenige Meilen rückwärts eine, wenn auch verschanzte, jedoch jeder natürlichen Vertheidigungskraft entbehrende Stellung einzunehmen, deren Rückzug noch dazu entweder in der linken Flanke oder in excentrischer Richtung auf das Hochgebirge liegt.

Da man also, wie hier die Verhältnisse liegen, nach der aufgegebenen absoluten Flussvertheidigung nicht zur relativen übergehen kann, somit von Hause aus sich für die eine oder die andere entscheiden muss, so könnte wohl die Frage autgeworfen werden, welche der beiden Vertheidigungsarten die zweckmässigere sei, und da müsste man doch ganz bestimmt, schon mit Rücksicht auf die räumlichen Verhältnisse der Schweiz, zu der ersteren, als der weitaus sicherern und einfacheren Methode greifen.

Zudem erfordert Winterthur als Central-Vertheidigungsstellung einen grossen Aufwand an Fortification, ohne dass dabei eine Umgehung über Pfungen oder Rorbas verhindert würde, - es wäre denn, man wollte die 2 bis 3 Meilen lange Linie der untersten Töss zu einer durchgehends verschanz

ten Aufstellung machen, wobei es aber noch keineswegs sein Bewenden hätte, weil man, um sich auch rechts gegen Umgehung zu sichern, die Aufstellung mindestens bis Turbenthal, also bis etwa 2 Meilen oberhalb Winterthur, verlängern müsste. Über den Unwerth, ja noch mehr, über die Gefährlichkeit einer so ausgedehnten, schulzlosen Position kann wohl kein Zweifel sein, und man muss daher zu dem Schlusse gelangen, dass Winterthur im Kriege gegen Deutschland ein Punkt von ganz untergeordnetem Werthe ist, und dass jeder taktisch-fortificatorische Aufwand, sowie jedes Risico an Menschen und Material zu dessen Festhaltung nicht gerechtfertigt werden könnten.

Fassen wir nun den zweiten, Angesichts der voraussichtlichen Stärke Schaffhausen's und der supponirten feindlichen Durchbruchstendenz bei Brugg wahrscheinlicheren Fall in's Auge, dass die Rheinlinie aufgegeben werden musste, weil ein (von Schaffhausen) abwärts liegender Punkt, Eglisau, Kaiserstuhl oder Coblenz, vom Feinde forcirt wurde, so kommen die Linien der Thur und der Töss kaum mehr in Betracht, und es ist nur noch die Glatt insoferne in Berücksichtigung zu ziehen, als ihr unterster, immerhin einige taktische Stärke aufweisender Lauf in verschiedenen Combinationen benützt werden kann, um den Rückzug der aufwärts, bei Schaffhausen, Stein etc. stehenden Truppen nach Zürch zu sichern.

Über die Glatt ist noch zu bemerken, dass ihr Thal vorwärts Zürch, zwischen Dübendorf und Optikon, ziemlich stark versumpft ist, daher die Nordostfront Zürch's verstärkt, wie denn überhaupt die Glatt als Defensivstellung für die in Zürch stehenden Armeetheile gegen einen von Nordost kommenden Angriff betrachtet werden kann.

Die Vertheidigungs-Linie der Limmat-Aare gegen Norden.

Dass und warum die Limmat-Aare die zweite Vertheidigungs-Linie der Schweiz gegen Norden sei, wurde theils schon bei Erörterung der westlichen strategischen Front erwähnt, theils ergibt es sich aus den eben durchgeführten Betrachtungen über die Operationen der deutschen Armee nach Forcirung des Rheins.

Die beiden äussersten Operations - Linien, nämlich einerseits die Strasse Basel-Olten, anderseits die Strasse Schaffhausen-Zürch, bezeichnen wohl der Hauptsache nach die beiden Flügelpunkte dieser VertheidigungsLinie; doch muss man sich dieselbe am linken Flügel (wegen der Operation durch das Birs-Thal) bis Solothurn, und am rechten Flügel (wegen der Operationen durch das Toggenburg- und durch das Rhein-Thal) bis an den Luciensteig verlängert denken.

Die bedeutende Ausdehnung dieser Linie ist nur am linken Flügel, also in der Richtung auf Solothurn eine störende, und zwar hauptsächlich deshalb, weil wegen mangelnden natürlichen Stützpunktes ein Abschluss auch bei Solothurn mit Sicherheit nicht erreicht werden kann, daher eine die allgemeine Vertheidigung immerhin in einem gewissen Maasse lähmende Unsicherheit sich hier geltend machen wird.

Am rechten Flügel dagegen reducirt sich der anscheinend grosse Nachtheil der bedeutenden Ausdehnung auf ein Minimum, indem nur die kurze und vertheidigungsfähige Linie der Limmat dem Hauptangriffe ausgesetzt ist, die Nebenangriffe aber, welche für den nördlichen Gegner in sehr nachtheiliger Weise excentrisch liegen, wegen der ausgedehnten Seelinien sich auf nur drei, und zwar ganz bestimmt ausgesprochene Punkte werfen können, nämlich:

1. Rapperschwyl, wo der Übergang vollkommen zerstört werden kann (vorausgesetzt, dass die Schweizer sich hier der Offensive begeben), und vom Feinde nicht herzustellen ist (die Brücke erfordert 180 Unterlagen).

2. Die durch den Linth-Canal und durch die sumpfige Beschaffenheit des Gasterlandes defensivfähige, kurze Landstrecke zwischen dem Walen-See und dem Zürcher See.

3. Der vollkommen excentrisch gelegene und durch die Ausdehnung der bestehenden Befestigung des Luziensteiges à cheval des Flusses mit Leichtigkeit ganz entschieden zu schützende Punkt Sargans.

Als ein die Vertheidigung wesentlich begünstigender Factor ist das Vorhandensein zweier hinter der Vertheidigungs-Linie laufenden Eisenbahnen hervorzuheben, wovon die Eine: Solothurn-Olten-Brugg-Zürch, unmittelbar hinter dem Flusse läuft, die Andere: Aarburg-Sursee-Luzern-Chaam-Zürch, die Flügelpunkte verbindet und schnelle Rokaden ermöglicht.

Die Bedeutung von Brugg 1) im Kriege mit Deutschland.

Die ersten Operations-Objecte der deutschen Armee sind der Rhein, respective Basel und Schaffhausen, und nach deren Gewinnung die Limmat-Aare-Linie, respective die Punkte Olten-Brugg-Zürch. Es haben sonach die beiden Componenlen des seiner Richtung nach ursprünglich concentrischen Angriffes das gemeinschaftliche Object Brugg.

Zieht man nun die bezüglich der 1. Componente, also der Angriffsrichtung aus Basel, bereits gemachte Feststellung in Erwägung, dass aus geographischen und rein militärischen Gründen der Hauptstoss gegen diese Linie auf den Punkt Brugg sich concentriren werde, weil nur in dieser Richtung eine rasche, sichere und entscheidende Operation zu erwarten ist,

1) Um Missverständnissen vorzubeugen, wird bemerkt, dass unter „verschanztes Lager bei Brugg“ oder „Brugg“ kurzweg, der Confluenzpunkt von Aare, Reuss and Limmat gemeint wird. Die Befestigung dieses Raumes, südwestlich Brugg an der Aare beginnend, muss das nördlich liegende Defilé von Rein, einen doppelten Brückenkopf bei Baden und einen solchen bei Müllingen über die Reuss in sich begreifen und etwa mit der Höhe von Schloss Habsburg an der Aare abschliessen.

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