Abbildungen der Seite
PDF
EPUB

II. (Beginn der Operationen.) Die zwei Armeen auf der westlichen und südwestlichen Marke nach Detachirung dreier Feld-Divisionen in die GrenzProvinzen, 380 Bataillons.

III. (Einen Monat nach Beginn der Operationen.) Mit Lieferung von Artillerie an drei neue Divisionen rücken die drei detachirlen Divisionen zı Armee; zugleich mit ihnen neu formirte irreguläre Polks. Die Operation Truppen erhöhen sich auf 480 Bataillons.

IV. (Vier Monate nach Beginn der Operationen.) Die Miliz wird bereit sein und die neuen Bataillons ablösen. Zehn neue Divisionen, mit Artillerie versehen, treten zur Armee und verstärken sie auf 636 Bataillons, mit einem Rückhalt von vielen artillerielosen Bataillons, welche die Garnisonen besetzen, etc. (die sub III erwähnten drei neuen Divisionen bleiben in den GrenzProvinzen als Reserven der Miliz).

V. (Sechs Monate nach Beginn der Operationen.) Mil Hinzufügung von Artillerie zu weiteren 84 Bataillons trelen diese ebenfalls in die Armee. An ihre Stelle tritt disponible Miliz. Armee-Stärke 720 Bataillons.

VI. (Acht Monale nach Beginn der Operationen.) Nach Formirung der letzten 19 Ballerien verwandeln sich die doublirten Linien-Bataillons in FeldAbtheilungen. 20 bleiben neben Milizen im Kaukasus, 40 rücken zur Armee nach Europa. Im Ganzen wachsen in diesem Abschnitte letzterer 60 zu, und ihre Totalstärke erreicht 780 Bataillons

„Augenscheinlich hängt die Schnelligkeit unserer Rüslungen in der laufenden Zeit von zwei Bedingungen ab: wie schnell die Miliz bereit, und die neue Artillerie formirt sein wird. Nothwendig wird es sein, wenn der Krieg unvermeidlich, den Ausbruch bis Herbst zu verschieben“). Die Sperrung der Ostsee befreit uns von der halben Sorge (?), erlaubt, die disponiblen Kräfte auf den bedrohtesten Punklen zu concentriren; der Feind wagt es kaum, im tiefen Herbste die Operationen zu beginnen. Bei uns bleibt Zeit zur Vorbereitung. ... Wenn es denn doch sich fügte, gerade dieserwegen, dass man den Landkrieg in der schlechten Jahreszeit eröffnet, um so besser für uns; unsere Armee erträgt den Winter unvergleichlich besser als jede andre, und wir allein in Europa können die Soldaten in Schafpelze kleiden. Man darf nur an die kaukasischen Expeditionen denken, bei einer Kälte, die im Abendlande unerhört.“

Wir glauben im Vorgehenden den meritorischen Inhalt der Fadejeff'schen Vorschläge ziemlich erschöpft zu haben. Nur die höchst interessante Panzerungsfrage übergiengen wir in der Meinung, dass es sich eben zunächst um eine ungelöste Frage der Industrie handelt. Vor wenigen Monaten ist nun dem allgemein emplundenen Reformbedürfnisse ein officieller Ausdruck geworden. Miliutin selzt in einem vom Kaiser approbirten Rapporte (20. December alten Styles) die Nothwendigkeit einer zahlreichen, gut organi

1) Alsdann sind auch die Recruten der Depôts noch nicht in die Armee abgeliefert.

sirten Reserve-Armee auseinander und schlägt zu diesem Behufe die Einführung der persönlichen (allgemeinen) Dienstpflicht vor.

Betrachten wir zunächst die letztere Seite des Programmes, dessen Schicksal an zwei gesonderle Commissionen überantwortet und bei heftiger Befehdung durch Fadejeff und seine Gesinnungsgenossen noch zweifelhaft ist.

Die allgemeine Wehrpflicht wird als Mittel vorangestellt, um durch erhöhten jährlichen Zugang bei abgekürzler Präsenzzeit die Möglichkeit einer ansehnlichen Reserve-Formation zu gewinnen, ohne die bisher conscriptionspflichtige Bevölkerung noch mehr zu belasten. Es sollen demgemäss die bisher geltenden Privilegien verschwinden, wobeijedoch für Finnland, die Kosaken- und Colonisten-Bevölkerung nach besonderen Regeln zu verfahren ist. Physische Gebrechen dispensiren zwar von dem eigentlichen Kriegsdiensle, keineswegs aber von eventueller Heranziehung zu anderen Dienstleistungen. Temporäre Befreiungen werden wie anderwärts aus Rücksichten der Familie, Volksbildung und Volkswirthschaft gewährt; Ersatzmannstellung und Loskauf sind vorläufig als Übergangsstadium zu bewahren (nach einem neueren Vorschlag wäre erstere sofort zu beseitigen), die Loskaufsumme bedeulend zu erhöhen). Das Jahrescontingent beträgt fortan etwa 25 Procent der 2ljährigen. Die Aushebung geschieht durch das Los. Die Nichteingereihten sind milizpflichtig. Vom 17. Lebensjahre an können Freiwillige unter gewissen Bildungsverhältnissen mit verkürzter Dienstzeit eintrelen, nach einer bestimmten Frist sich einer dienstlichen Prüfung unterziehen, um einfach in den Stand der Reserve überzugehen, oder ein Officiersexamen für Avancement in Armee oder Reserve ablegen. Sie bleiben jedenfalls gleich den verabschiedeten Officieren, Reserve - Angehörige bis zu 36 Jahren. Die volle Dienstzeit dauert vorläufig 15 Jahre, hievon 7 Jahre Armee (und Flotte), 8 Jahre Reserve, 5-6 Jahre Präsenz. Die aus der Dienstpflicht erwachsenden Abgaben werden allgemeine, fallen theils auf Reichs-Budget, theils auf Gubernial-Prästanden.

Das numerische Resultat der neuen Heeres-Ergänzung anlangend, schätzen wir das künflige Jahrescontingent auf 150.000 Mann von einer Allersclasse von 600.000 Köpfen, welche aber auch die drei besondern Kategorien: Kosaken etc. in sich schliesst. Häufig wird es freilich unmöglich sein, die Aushebung genau nach dem Lebensjahre vorzunehmen. Der Modus der letztern wird vereinfacht, die Last in pecuniärer Hinsicht gleichmässiger vertheilt.

Fadejeff und Andere schlagen principielle Bedeutung und strikte Durchführung der allgemeinen Pflicht nicht hoch an. Ersterer verlangt Unterdrückung der Stellvertretung, aber eine möglichste Ausdehnung des Loskaufsystems unter der nichtrussischen Bevölkerung. Die Quantität der zuwachsenden gebildelen Elemente wird freilich nicht gross sein. Dieselben sind in Russland dünn gesäel, zum Theil bereits vom Heere absorbirt. Neben gesunden Kräften treten auch ungesunde, politisch bedenkliche Stoffe in den Armee-Organismus. Manche erblicken in dem Freiwilligendienst eine schwer

zu verwindende Störung des Bildungsprocesses, welche auch volkswirthschaftlich für Russland zu empfindlich und bei dem Charakter der überwiegenden Anzahl von Armeequartieren eine ernste Gefahr für das getroffene Individuum wäre. Letzterern Umstande lässt sich ja durch zweckmässige Specialbestimmungen vorbeugen. Jedenfalls gibt die Reform eine strenge heilsame Schule für so viele weichliche oder frühblasirte Jünglinge und einen energischen Anstoss für den Aufschwung des Unterrichtes (durch die Vortheile des Freiwilligendienstes), liefert auch einen grösseren Vorrath an intelligenten Officieren des Friedens und namentlich des Kriegsbedarles'). Das in ihr zum greifbarsten Ausdrucke gebrachte Princip der Gleichheit und Gerechligkeit wirkt läuternd und kräftigend auf Bewusstsein und Rechtsgefühl der niedern Classen. Die allgemeine Wehrpflicht kann ferner nicht obne gule Folgen in der gesammten Praxis der militärischen Einrichtungen bleiben, welche bei der früheren Armee-Zusammensetzung nur zu sehr der Rohheit, Rücksichtslosigkeit und Gedankenleere huldigen durfte. Endlich gibt die Ausdehnung der allgemeinen Pflicht auf die Kosakenheere, wenn auch die Anwendung hier modificirl würde, die Möglichkeit, hiemit die von Fadejeff proponirte zweckmässige Cavallerie-Organisation zu verbinden ?).

Die Reserven des ministeriellen Projectes werden nur unter aussergewöhnlichen Umständen auf längere Zeit zu den Fahnen gerufen. Sonst unterliegen sie jährlichen Control - Versammlungen und kurzen Waffenübungen. Sie werden von der Armee getrennt organisirt. Doch können die jüngern Classen auch unmittelbar in die Armee ein verleibt werden. Die Reserven erhalten stets disponible Vorräthe an Rüstungs- und Kleidungsgegenständen, sowie Train-Fahrzeugen. Ihre Cadres werden von den LocalTruppen geliefert, die Chargen im Kriegsfalle durch Angehörige des activen und Reserveslandes ergänzt. Die Reserven zerfallen in Ersatz- (Marsch-) Abtheilungen, welche die Lücken der activen Armee füllen, und in besondere Reserve-Truppen, welche entweder als Besatzungen oder zu operativen Zwecken dienen. Nur Infanterie der Linie und Fuss-Artillerie bedürfen selbständiger Reserven, welche auch in grösseren taktischen Körpern auftreten. Garde formirt eigene Cadres zu 1 Bataillon per Regiment und Schülzen-Brigade, also 13 Bataillons und zu 1 Batterie per Arlillerie-Brigade 3). Für Cavallerie, reitende Artillerie, Genie genügen Marsch-Abtheilungen, für erstere zwei Waffen, da sie an den Irregulären Unterstützung finden, für die Ingenieur-Truppen, da sie ohnedies zahlreich genug sind.

9) Bereits zur Stunde zeigt sich die Wirkung des in Aussicht stehenden Freiwilligen-Gesetzes. Orthodoxe Hebräer und rechtgläubige Kaufleute werden plötzlich in Fanatiker einer höheren Jugendbildung verwandelt, drohen mit ihren Söhnlein's die Gymnasien zu überfüllen.

3) In Finnland fürchtet man bei Einführung der allgemeinen Wehrpflicht cine unerschwingliche Belastung des armen, schwer heimgesuchten Landes.

9) Garde-Reserven sollten nach Zeitungsberichten in diesem Frühjahr noch entstehen, und zwar in der Umgebung Petersburgs.

Die Organisation der Reserve - Infanterie und Artillerie erhält einen territorialen Charakter. Sie schliesst sich an jene von Local-Bataillons und Brigaden an, welche im Reiche dislocirt werden. Diese Dislocirung erstreckt sich aber nicht auf die wenig bevölkerten, exponirten oder entfernten Provinzen, deren Leute zur Verstärkung der Reserve-Truppen in die nächsten Festungen oder innern die Gubernien abgehen. Auf den Rayon eines LocalBataillons soll möglichst die Mannschaft für 3 Reserve-Bataillons treffen.

Die Local - Truppen werden entsprechend reformirt und besorgen I. den innern Dienst, 2. die Instruction der Recruten und Cavallerie-Remonten, 3. die Vornahme der Jahres - Übungen und der Controle über Urlauber und Reserven. Bei einer Mobilmachung scheiden sie Cadres aus für die MarschAbtheilungen und Reserve-Truppen. Auf 1 Bataillon Reserve 1 Compagnie, auf eine Batterie Reserve 1 Zug.

Tritt die projectirte Reserve-Formation ins Leben, so würde man etwa 120 Bezirke und Reserve-Regimenter erhalten. Auf 60.000 Quadralmeilen und 60 Millionen Einwohner repartirt, ergibt sich für den Bezirk ein Durchschnitt von 500 Quadratmeilen und 500.000 Einwohner. Ferner ein Jahrescontingent von 1000 Recruten und ein Stand von 3—4000 Urlaubern und Reserven. Die europäische Feld-Infanterie zählt an Reserven gegenwärtig ungefähr 300.000 Combaltanten. Kürzlich hatte sie ohne Garden und Schützen 144 Bataillons auf Friedens-, 312 auf Cadre-Stand. Weist man diesen 456 Bataillons aus der bisherigen Reserve 150.000 Mann zu, so genügt dies, um sie auf den verstärkten Stand von 800 Unter-Officieren und Soldaten zu bringen. Zieht man von den verbleibenden 150.000 Reserven 18.000 ab für die 13 Garde-Ersatz-Bataillons, so hat man vorläufig 120.000 niedere Grade für die neue Infanterie-Reserve.

Die Miliutin'sche Reserve hat zur Voraussetzung eine Reform der LocalTruppen, wodurch europäische Depôts, Gubernial-Bataillons und FestungsInfanterie verschmelzen werden. In gewissem Sinne ist sie eine Umkehr zu dem alten, seit 1862 verlassenen Systeme, eine Zweitheilung der Armee, gegen welche Fadejeff mit Heftigkeit opponirt. Letzterer verweist auf das warnende Beispiel der französischen (und belgischen) Neuformationen von 1815, namentlich auf die eigenen russischen Erfahrungen des ungarischen und orientalischen Krieges. Taugen nach seiner Ansicht die Reservisten schon. wenig, wenn sie in eine alte, aber nicht die zugehörige Abtheilung gesteckt werden, so taugen sie weniger als Nichts, wenn aus ihnen ganz neue Körper zusammengestellt werden die eben gar keine Tradition besitzen. Von den damals formirten Reservekörpern sagt er, dass sie schlechter waren als die schlechtesten Milizen und eigener Armee-Detachirungen zur Überwachung bedurften.

Das ministerielle Project') scheint uns immerhin den richtigen Weg

) Dem ganzen Wortlaute nach enthalten in dieser Zeitschrift, Jahrgang 1870, IV. Band.

[ocr errors]

zu zeigen, um das fehlerhafte Reserven-System zu modificiren. Die Schaffung von Recrutirungs-Bezirken an sich bringt für die nächste Zeit keine genügende Abhilfe. Und anderseits dürften für Neubildungen die Erfahrungen eines frühern Systems, welches die Soldaten während der Dienstzeit physisch und moralisch abnützte, sodann als Proletarier in die Welt hinausstiess, nicht mehr so unbedingt und allgemein zu acceptiren sein. Um so weniger, als schon die Recrutirung seit einer Reihe von Jahren in anderem Sinne betrieben wird und nicht mehr eine solche Menge unwürdiger Individuen liefern kann, wie früher. Bis zu einem gewissen Grade lässt sich doch wohl, trotz der eigenthümlichen russischen Collectivnatur, die Schwäche einer Newformation durch sorgfältig vorbereitende Massregeln einigermassen pariren. Weist man 120 Armee-Regimentern in den projectirlen Reserve-Bezirken feste Ergänzungs-Rayons an, und bringt man die Reserve-Regimenter mit ersteren noch sonst in einigen Zusammenhang, so wird man in territorialer Armee-Organisirung so weit gekommen sein, als es in Russland zunächst überhaupt möglich ist.

F. v. H...

[merged small][ocr errors][merged small][merged small][merged small][ocr errors]
« ZurückWeiter »