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den. Im vorigen Jahre wurden 2.5 Millionen, diesmal 7.5 Millionen Rubel angewiesen, um einen genügenden Vorrath herzustellen, und zwar nach Krnka's Erfindumg. Bis 1872 sollen pr. Stück von 840.000 Infanterie-Gewehren je 250 Patronen in Reserve sein, was noch immer wenig. Eine bedenkliche Klippe übrigens für einen Campagne-Gebrauch der vervollkommneten Waffe könnte in dem Mangel an tüchtigen Handwerkern und Technikern erwachsen, welcher allgemein in der Infanterie zu Tage tritt und bei der Sorglosigkeit und geringen Schiess-Virtuosität der breiten russischen Natur“ am so empfindlicher ist.

Im vorigen August wurde die Errichtung von Mitrailleusen-Batterien à 8 Geschützen befohlen, nach System Gatling, von Gorloff modificirt, Kaliber und Patrone Berdan. 250--400 Schuss per Minute. Das kleine Kaliber beeinträchtigt freilich die Tragweite und Percussion Jetzt existiren 240 Stück, und wurden Garde und Artillerie der West-Provinzen hiemit versehen. Bis 1872 liefert Amerika noch 100, und wird ein Patronen-Vorralh von 30 Millionen Stück geschaffen sein.

Ungenügend sind die Vorräthe an Pulver und Blei. Für beides war man bisher noch ziemlich abhängig vom Auslande, da die Stats-PulverFabrication in 3 Elablissements.!) nicht der erforderlichen Vergrösserung des Vorraths entsprechen kann, und Privat-Industrie durch das Monopol ausgeschlossen ist. An Blei waren früher 1:3 Millionen Pud normirt, sind aber jetzt, bei weit grösserem Bedarf, nur 1,760.000 Pud vorhanden

Die Remontirung der Armee geschieht miltels freien Ankaufs, welcher den Abtheilungen überlassen ist. Der Staat zahlı letztern en bloc 125 -230 Rubel pr. Reit- und Geschütz-Pferd, 82 Rubel pr. Karren-Pferd, wobei die Dienstzeit auf 9 Jahre berechnet ist. Die Officiere remontiren sich selbst, jeneder Armee-Truppen geniessen durch Remonten-Zuweisung und Regiments-Cassen hiebei Erleichterung. Der Pferde-Reichthum Russlands ist ausserordentlich, namentlich in den Steppen-Gubernien. Der Durchschnitt für das europäische Reich gibt 1 Pferd auf 3.5 Einwohner (19 Millionen Pferde), in Preussen 1:12. Auf 356 Marktplätzen kommen jährlich 300.000 Pferde zum Verkauf. Ausser zahlreichen Kron-Gestüten, in welchen die Garde remonlirt, existiren 2600 Privat-Gestüte. Der beste Pferdeschlag ist der Donische, welcher bei der Cavallerie immer mehr zur Anwendung gelangt.

Die Armee besitzt: 4 verschiedene Etais: Cadre-, Friedens-, verstärkten Friedens, Kriegs-Etat. Jedoch nicht alle Waffen und Branchen haben diese Vierzahl.

Der Train formirt keinen besondern Zweig, sondern jede Abtheilung, wenigslens der Feld-Armee, hat ihren eigenen Train. Ausserdem existirt in der Regel bei jeder Truppe eine Abtheilung Nicht-Combatlanten, welche die zum activen Dienste minder geeigneten Individuen aufnimmt. In der Garde bestehen auch Invaliden-Commando's.

Die Feld- Armee zählt 47 Divisionen Infanterie, 30 SchützenBataillons in (8) Brigaden, 10 Divisionen Cavallerie, 517 Brigaden Artillerie und

65 Parks, 5 Sappeur-Brigaden. In Summe auf Kriegsfuss wohl 840.000 Mann und über 120.000 Pferde. An Combattanten aber kaum 700.000 Mann mit 80.000 Pferden, 600.000 Bajonnele, 35.000 Säbel, 1350 Geschütze mit 33.000 Mann, 12.000 Mann Ingenieur-Truppen. Hievon fallen elwa 110.000 Combattanten auf Asien, gegen 600.000 auf Europa. Von ersteren kömmt ein geringer Theil auf Orenburg und Turkestan (2 Schützen-Bataillons, 1 Artillerie - Brigade, 1 combinirles Cavallerie-Regiment), die Masse auf Kaukasien (6 Infanterie-Divisionen, 4 Schützen-Bataillons, 1 CavallerieDivision, 6 Balterien, 2 Sappeur-Bataillons) mit einem Kriegsfuss von gut 120,000 Mann, 176 Geschützen, darunter 103.000 Combattanten und einem Präsenzfuss von 80-90.000 Mann. Im kaukasischen Heere wehte stels ein frischer, ächt soldatischer Geist. Unter dem Einflusse des permanenten Kriegszustandes, begünstigt durch die räumliche Entfernung aus der ungesunden europäischen Drill-Atmosphäre, ist hier Tradition und Schule eines Jermoïboff lebendig geblieben. Der Kawkas bot ganz andere militärische Schwierigkeilen als Algerien. Und wollte man auch die Feldherrn-Lorbeeren des russischen Kriegs-Schauplatzes bemängeln, so dürften doch die hier erworbenen taktischen Erfahrungen und Gewohnheiten sich für eine europäische Campagne nützlicher erweisen, als man es bei den Franzosen mit Algerien erprobt hat.

Der Präsenzfuss der europäischen Feldtruppen beträgt gegen 400.000 Mann. Hievon fallen elwa 60.000 Mann auf Garde- und GrenadierTruppen, die Elite derselben in qualitativem, erstere auch in officiellem Sinne.

Die Garde bildet ein aus allen Waffen zusammengesetzles Corps, jedoch ohne Corps-Stab. Sie ist für gewöhnlich im District Pelersburg slationirt, dessen gegenwärtiger Chef zugleich ihr Commandeur (Grossfürst Nikolaj N.). Ausser dem finnländischen Bataillon Garde-Schülzen, Abtheilungen der stabilen und irregulären Armee, enthält die Garde 3 Divisionen Infanterie, 1 Schützen-Brigade, 2 Divisionen Cavallerie, 5 Brigaden Artillerie, 1 SappeurBrigade, 1600 Officiere, über 50.000 Mann Kriegs-, 1400 Officiere, 36.000 Mann Präsenz-Fuss. Sie hat den Vorrang bei der Recrutirung, wählt auch gediente Leute, namentlich solche mit Decorationen.

Ihre Officiere werden hauptsächlich nach Familie und Vermögen ausgesucht. Die niedern Grade sind bevorzugt durch Zulagen, bessere Verpflegung und Uniformirung. Das Officiers-Corps besitzt nur Einen Stabs-Rang, jenen des Obersten, dafür die bereits erwähnten schädlichen Privilegien. Bis in die neueste Zeit erfreute sich die Garde keines besonderen Ansehens. Sie galt als eine Luxus-Truppe, deren Parade-Dienst zwar sehr anstrengend und lästig, aber soldalisch wenig fruchtbar. 1831 hat die Rücksicht auf die kostbaren Garden wichtige Combinationen gehemmt. Im Orient-Kriege sind dieselben gar nicht in's Feuer gekommen. Ihre Officiere welleiferten nur in Eleganz und Aufwand, suchten ihren Stolz in socialen, nicht militärischen Vorzügen, entbehrten jedes militärischen Corps-Geisles, jeder wahren Cameradschaft. Der höchste Traum eines ehrgeizigen Beamlen-Familienvaters war, das Söhnchen in die Garde zu bringen. Wie viele Unredlichkeilen geschahen, um die nöthigen Mittel zu gewinnen! Und wie viel Familien-Unglück hat die Verschwendung der Garde-Officiere verschuldet! Jetzt ist Vieles besser geworden, wenn auch nicht Alles. Eine Muster-Truppe für die Praxis der militärischen Neuerungen, unterliegt die Garde einem ernsthaften, kriegerischen Dienstbetrieb. Doch gegen eine radicale Reform derselben hegt man noch gewichtige Bedenken. Hochpolitische und höfisch-sociale Rücksichten wirken dabei zusammen. In der Garde tummelte sich ja bisher die Blüte, wenigstens eine respectable Partie des Adels — ruinirt sich auch nicht selten! Dem regierenden Kaiser wird angeblich zur rechten Stunde mit der unheimlichen Gesinnung seiner zahmen „Prätorianer“ bange gemacht.

Die Grenadiere geniessen keine Vorrechte. Doch sind sie ausgezeichnet durch eine sorgfältigere Zusammensetzung ihres Officiers-Corps, welche mehr nach innerem Werthe, als äusserlichen Vorzügen geschieht. Auch mögen sie vielleicht bei Auswahl der Mannschaft etwas berücksichtigt werden. Sie bilden 4 Divisionen Infanterie, wovon eine Division kaukasischer Grenadiere, nebst zugetheilten Schützen, Artillerie, Sappeurs — in Europa 45.000 Mann Kriegs-, 27.000 Mann Friedensluss, gewöhnlich im District Moskau dislocirt.

Die Infanterie zählt 580 Bataillons in 188 Regimentern, wovon 10 Garde-, 2 Garde-Grenadiere-, 16 Armee-Grenadiere-, 160 Armee-Infanterie - Regimenter. Sämmtliche Regimenter führen einen geographischen, manche noch einen persönlichen Namen , jene der Armee-Grenadiere und Infanterie auch fortlaufende Nummern: 1-16, 1-160. Die Divisionen nummeriren: 1.-3. Garde-, 1.-3. und kaukasische Grenadiere-, 1.-41. Infanterie-Division. Brigade-Eintheilung existirt nicht im Frieden. 1 Regiment à 3 Bataillons, mit Ausnahme von 16 ältern kaukasischen der Grenadiere, 19-21. Division zu 4 Bataillons. 1 Division à 4 Regimenter, also 12, respective 16 Bataillons. 1 Bataillon à 5 Compagnien, 900 Soldaten und 1000 Köpfe. Die 5. Compagnie sind Schützen (160 Mann), welche regimenterweise zu einem 3— 4 heiligen Bataillon vereint werden können, eventuell sollen. Das Verhältniss 1:6 der Schülzen auf die Masse ist sehr schwach.

Jede der 47 Divisionen sollte ursprünglich 1 Bataillon Schülzen, d. i. Jäger erhalten. Doch wurde diese Zutheilung nur bei den 28 älteren Divisionen durchgeführt. Im Ganzen existiren 30 solche Bataillons, darunter das finnländische der Garde, 3 Garde, 4 Grenadier, 1 turkestanisches, 1.-21. der Armee. Dieselben besitzen nun eine Brigade - Organisation, welche sie vom Divisions-Verbande trennt und in eine entsprechende Selbständigkeit bringt. Sie recrutiren sich nur zum kleinern Theile aus geübten Jágern, an denen es im Reiche sehr mangell, formiren 4 Compagnien und zāblen je 720 Soldaten, 800 Köple.

Vom Kriegsfusse der gesammlen Infanterie (610 Bataillons, 600.000 Combatlanten) fallen (516 Bataillons) 512.000 Mann auf Europa. Der Präsenzfuss ist 320.000 Combattanten, wovon 240.000 Europa. Von allen

Österr, militär. Zeitschrift. 1871. (3. Bd.)

47 Divisionen stehen nur die vier grossen kaukasischen auf verstärktem, die zwei andern Nr. 38 und 39, drei Garde-, drei Grenadier- auf einfachem Friedensfusse, auf welchem auch neun europäische Armee - Divisionen Nr. 11-15, 23, 25, 28, 33, die übrigen 26 Divisionen auf Cadre-Fuss. Der verslärkte Fuss ist pr. Infanterie-Bataillon 680 Soldaten, der einfache 500, der Cadre-Fuss 320; bei Schützen-Bataillons verstärkt 544, einfach 400.

Die Infanterie steht auf zwei Gliedern, die Compagnie in zwei Zügen. Ein neu eingeführtes, aber wohl noch nicht eingelebles Reglement schliesst sich wieder mehr an das preussische an. Selbständige CompagnieColonnen, lange Feuerlinie. Dabei ausschliesslich Salvenfeuer in geschlossener Ordnung. Beim Tirailliren starke Ketten, aber zu schwache Gruppen (vier Mann). Sloss-Bajonnet stets aufgepflanzt, beim Berdanlaufe unten angebracht. Leibgurt mit zwei Patrontaschen à 30 Stück. Säbel nur bei Garde und Grenadieren. Bekleidung zweckmässig und geschmackvoll. Die gesammte Feld-Infanterie besitzt nun zwar Hinterlader; allein von 300.000 Combattanten des Reserve-Standes sind wohl nur wenige bereits mit der neuen Waffe vertraut, was bei einem raschen Kriegs-Ausbruche doch sehr hinderlich sein müsste.

Ausser Garde und Schützen begnügt sich die Infanterie mit dem Menschen-Materiale, welches die andern Waffen übrig lassen, reinigt es sodann noch durch Abgabe an die Nichtcombattanten-Abtheilungen und LocalTruppen. Das russische Fussvolk zeichnete sich sonst aus durch Marschtähigkeit, Ausdauer und Genügsamkeit, durch Geschlossenheit und Zähigkeit, Kaltblütigkeit und passive Autopferung, durch jenen Geist, welcher den Russen veranlasst, seine Persönlichkeit der Gemeinde, der Genossenschaft unlerzuordnen und immer nur vereint zu handeln, nach dem Sprichwort: Unter Mitmenschen ist selbst der Tod schön.“ Dafür mangelt Initiative und Findigkeit, was sich besonders im Tirailleurkampfe rächt, und auch die Schiessfertigkeit. Der Russe bleibt ein millelmässiger Schütze, wenn gleich die Feuerschule jetzt noch so eifrig gepflegt wird. Der Recrule fürchtet in der Regel seine Flinte, bedarf längerer Zeit als ein Anderer, um sich daran zu gewöhnen. Der Russe hat sich immer mit der kalten Waffe hervorgethan, obwohl er nicht die Muskelkraft der Germanen, kaum des Nordfranzosen besitzt. Für das in der neuen Taktik so sehr betonte Salvenfeuer eignet er sich freilich vorzüglich durch angeborne Ruhe und Disciplin. – Durch angeborne Disciplin sagen wir. Denn wie es mit der jetzl anerzogenen steht?? Ist der alte starre Pedantismus der Infanterie-Schule längst einem andern Geiste gewichen, so hat man den Cultus gallischer Ungezwungenheit bis zu einem Grade gelrieben, der mil wahrer Zucht vielleicht kaum vereinbar sein dürfte. Die moderne taktische Schule wird in grossen Lagern, wie in Krasnoje Selo und Powonsk, und in vielen kleineren fleissig geübt. Allein, so wenig Anstoss die oberste Führung dabei erregen mag, so wenig kann die niedere und mittlere entsprechend sein. Für die beweglichen kleinen Colonnen und Tirailleur-Schwärme mangelt es zu sehr an intelligenten Compagnie-Officieren

und Unter-Officieren. Auch über die Qualität der Bataillons- und RegimentsCommandanten wird geklagt.

Der Nachtheil des herrschenden Reserven-Systems macht sich hauptsächlich bei der Infanterie geltend. In den europäischen Divisionen sind zwei Fünftel des Complet-Fusses unter den Fahnen, 240.000 gegen 280.000 Urlauber. Von den abwesenden drei Fünftheilen kehrt nur ein Minimum, gleichsam zufällig anher verschlagen, in die allen Reihen zurück, – ein Verhällniss, das überall bedenklich erachtet würde für den Geist und die Solidarilät der Truppe, ganz besonders aber bedenklich werden soll bei dem eigenthümlichen Charakter des Russen und der geringeren Tüchtigkeit der hier gegebenen Chargen. „Der russische Mann ist Sclave seiner Gemeinde, im ländlichen, so auch im militärischen Dasein. Deshalb ist er untrennbar von der Schlachtordnung, und diese unzerreissbar. „Aber er ist Sclave nur seiner Gemeinde und nicht irgend einer andern, seiner Gemeinde, mit welcher er zusammengewachsen, und die er als die seine betrachtet nach dem Gefühle, nicht auf Befehl“.

Die Cavallerie zählt 56 Regimenter, 224 Escadrons. Ohne den Olficier-Slalus 33.000 Pferde Kriegs-, 30,000 Friedensfuss. Früher war das Verhältniss zur Infanterie 1:5, jelzt 1:18, wobei eben auf Heranziehung der Irregulären gerechnet wird. Die Stärke ist zu gering, da letztere im dermaligen Zustande keinen genügenden Ersatz bieten.

Die Cavallerie scheidet sich nach blanker und Schusswaffe. Erstere Kategorie, 4 Kürassier-, 16 Uhlanen-, 16 Huszaren-Regimenter, führt im ersten Gliede ausser Säbel die Lanze, in beiden Gliedern Pistolen. Die Spallung nach Lanze und Säbel ist unpraktisch, da bei der Allake die Front fast immer in einem einzigen Gliede ankömmt. 20 Dragoner-Regimenter führen ausser Säbel Bajonnelgewehr, was eine zu schwerfällige Reiterwaffe. Sie rangiren mit den Kürassieren als schwere Cavallerie, während Uhlanen und Huszaren eine mittlere bilden. Von den zehn Divisionen sind I. Garde- und die kaukasische Dragoner-Division, à vier Regimenter. Erstere Kürassiere (wozu zwei Garde-Kosaken-Regimenter). II. Garde, 1–7. Armee-Division, à sechs Regimenter, je zwei Dragoner- elc. Die Garde hat ihre Depôts im Regiments-Verbande. Das Regiment, à vier Feld-Escadrons mit 36 Officieren, circa 600 Pferden. Die zwei Etats, Kriegs- und Friedens-, sind wenig unterschieden. Bei letzterem durchschniltlich 64 Combatlanlon pr. Regiment beurlaubl. Die Escadron hat vier Züge, à 16 Rotten. Das neue Reglement basirt auf Zugs-Colonnen und gestaltet jede Inversion. Zweckmässig ist die Vorschrift, pr. Escadron möglichst Pferde gleicher Farbe zu rangiren, was das Zusammenhalten und Sammeln sehr erleichtert. Die Remontirung besorgt ein von je einem oder zwei Regimentern aufgestellter Officier. Die Remonten, vier bis sieben Jahre alt, werden in die Depôts abgeliefert, dort dressirt. Da nun letztere bei der Armee-Cavallerie (Europa’s) vom Regiment gesondert, oft weit entfernt sind, so fehlt hier jeder Zusammenhang zwischen EscadronsCommando und Schule der Remonten wie Recruten, - ein grosser Übelstand,

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