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Als seine auch im höher>i Sinne edle Nohlthäterin nennt er die Majorin von Oldenburg, des Hauptmanns von Holstein Schwester. Der Unterricht, den Voß in Neubrandenburg durch den sinstern Magister Daukert genoß, war nicht von der Art, daß durch ihn die Seele des Iünglings zur Freiheit und Humanität hätte gebildet werden können; um so bewundernswürdiger erscheint uns das Talent Voßens, welcher späterhin selbst zu den Verbreitern von Humanität und Geistessreiheit gehörte. „Die Schule des Magister Dankert begann um 7 Uhr mit dem Liede Veui snnew «l>ii.iws und Fechts Dogmatik; dann bis zwöls, und vier Tage von 2 — 4, wurden zumeist lateinische Autoren, vorzüglich leichtere, theils umständlich erklart, theils srischweg übersetzt; zweimal ward Oratorie nach P.nieer gelehrt, Logik nach Baumeister, Geographie nach Schatz, Gesehichte nach Essig; einmal ward Gelehrtenkenutniß aus Heumann, lateinischer Stil aus Heineeeius und einige Vorstellung aller Religionen aus einem Fragebüchlein geschöpft; einmal gab's Hebräisch, einmal Griechisch aus dem neuen Testament; mitunter wurden Ausarbeitungen beurtheilt oder aus dem Rednerstuhle allerlei Töne und Handgeberdungen eingeübt." Vei der Uebersetzung von lateinischen Dichtern galt dem Magister, wie Voß erzählt, leidenschaftliche Begrijfstellung und angemessene Würde des Ausdrucks als ein Verstoß gegen die Natürlichkeit, der nur durch Lersnoth

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zu entschuldigen sei, und grobe Mißdeutungen in der Erklärung von Seiten des Magisters blieben nicht aus. Da der zweite Lehrer der Anstalt durch Alter geschwächt war, hatte der Magister die 38 wöchentlichen Schulstunden allein halten muffen; bald indessen nach Voßens Ankunft war diese Stelle durch, einen würdigen Lemtor, nachmaligen Conreetor Vodinus besetzt worden, welchem eine neue Schulordnung nicht nur Gesang und Lateinisch, sondern auch etwas Griechisch aus Plutarch (vvn der Erziehung) und etwas Naturgeschichte zu lehren vorschrieb. „Zu den Singstunden sügte der tonkundige Mann sür die Kirchenmusik noch sreiwilligen Unterricht im Violinspielen und Paukenschlagen. Auch sür das Französische ward ein Sprachmeister angestellt, der biedere Tielemann, der vier Tage von I — 2 öffentlich unterrichtete." Voß gesteht, daß nach acht dumpsen Lehrstunden des Tags die heitere Stunde des Gesanges und der Musik bei Vodinus ein Labsal gewesen sei, und nicht unbeachtet dars bleiben, daß dieser musikalische Unterricht sür die poetische Ausbildung Voßens sruchtbringend gewesen sein mag.

Durch die ansänglich unseine Vehandlung des Magister Dankert wurde Voß sehr gedrückt und weil sr keinen um sich hatte, mit dem er traulich hätte «den können, bemächtigte sich seiner eine große Niedergeschlagenheit. Aber bald wurde Dankert, welcher die Fähigkeiten und das gute Betragen Voßens gegen besuchende Fremde rühmte, sreundlicher gegen denselben, obgleich dieser zu dem Lehrer nie Herz saßte; die übrigen Lehrer der Anstalt bewiesen Voßen ihre Neigung durch thätige Hilft, und dieser hatte bald in emderen Familien des Städtehens Zutritt, wodurch auch seine Lage vielsach erleichtert wurde. Unter seinen Mitschülern, deren Neigung er ebensalls bald besaß, sand er mehrere, mit welchen er in gleicheni Streben übereinstimmte, und da man in der Schule das Griechische sast nur aus dem neuen Testamente lernte, so verschafften sich die Strebenden gemeinschaftlich eine bessere Grammatik und erhielten von dem Apotheker in Penzlin ein kleines griechisches Lerieon zum Geschenk, so daß nun von Voß eine Gesellschaft gestistet werden konnte, in welcher die Mitglieder wöchentlich mehrere Stunden Griechisch und Lateinisch trieben und auch deutsche Schriststeller, Geliert und Hagedorn, Ramler und Einiges von Klopstock lasen. Da sür Voß in der Schule zu Neubrandenburg bald nichts mehr zu lernen war, seine Mittel aber ihm zu studiren nicht verstatteteu, nahm er den Antrag eines Gutsbesitzers in Ankershagen, des Herrn von Oertzen an, einige Iahre Hauslehrer seiner Kinder zu sein; denn Voß hoffte hier einiges sür die Aeademie zurückzulegen. Allein da bei Herrn von Oertzen der Gedanke, daß einer, der von der Schule käme, sühlen müsse, daß er noch kein ganzer Mann sei, vorherrschte, und ds er bei der Wahl Voßms ersparen wollte, so mußte Voß hier mancherlei Demütigungen ersahren. Er erhielt 70 Thaler Gehalt und mußte dasür Kaffee und Wäsche sich noch selbst halten. Dieser Ort der Dienstbarkeit, wie ihn Voß selbst nennt, trug wohl dazu bei, ihm das Iunkerthum, von dem er viel zu dulden hatte, recht gründlich verhaßt zu machen: aber er brachte ihm auch Gutes, nämlich einen Freund. In Großen-Vielen, einem in der Nähe von Ankershagen gelegenem Dorse, wurde er von dem alten Prediger stets sreundlich ausgenommen, nach dessen Tod E. Th. I. Brückner (geb. 1746 zu Nenzta bei Neubrandenburg gest. 1803) die Stelle erhielt. Voß und Brückner gewannen, einander beim ersten Sehen lieb, und da Brückner schon als Student einen Band Trauerspiele (unter dem Titel: Etwas sür die deutsche Schaubühne) hatte drucken lassen, die sogar Lessmgs Ausmerksamkeit erregten, da er Vieles gelesen hatte, womit Voß noch ganz unbekannt war, und selbst manche Bücher besaß, so war Brückners Freundschaft sür Voß sehr anregend, und außerdem erheiternd und zum Ertragen der Gegenwart ermuthigend. Durch Brückner hörte Voß zum ersten Male den Namen Shakspeares, und der lebhaste Wunsch, englisch zu lernen, wurde in ihm erregt.

Unter den Demüthigungen, die Voß im Oertzenschen Hause ersahren mußte, war eine von der Art, daß er an einem Sonnabende Nachmittags zu seinen Eltern ging und seinem Vater erklärte, er müffs, wolle er nicht an Leib und Seele zu Grunde gehen, seine Stelle in Ankershagen ausgeben. Aus die Vorstellungen des Vaters, daß er ohne Mittel sei, ohne Freunde, die ihn unterstützen könnten, beschloß zwar Voß noch auszuharren, aber bald ward ihm Gelegenheit geboten, den Ort des Druckes zu verlassen und nach Göttingen, um sich den Studien zn widmen, zu gehen. Den Weg hierher bahnte ihm die Poesie.

Die poetische Vegabung Voßens zeigte sich srühzeitig zunächst in seiner Empsänglichkeit sür alles Dichterische; wie er denn lange Festlieder von Luther und Paul Gerhard, las er sie ein paar mal durch, im Gedächtnisse hatte, dann in einem gewissen träumenden Wesen, das ihm im srühen Knabenalter in der Schule manche Neckerei und manchen Verweis zuzog. Frühzeittg war es ihm ein inniger Genuß, im Wald und Feld sich einem einsamen Träumen und Sinnen hinzugeben: er rechnete es zu seinen schönsten Freuden in Neubrandenburg, daß er Sonntags nach einem schönen Walde, der an einem großen See lag, wandern konnte, um deutsche Dichter zu lesen und ost erst dann zurückzukehren, wenn der Mond über dem herrlichen See ausgegangen war. Frühzeitig liebte er Reime und gemessene Wortbewegungen; und im mecklenburgischen Gesangbuche wie im Porstischen, das sein Vater aus Verlin mitgebracht hatte, wußte er das Krästigste auswendig.

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