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temkin. Wie, ein Unterfeldherr von ihin hatte sich erdreistet, ohne ihn, ohne seine Erlaubniß, glänzend zu fiegen und gar noch in Friedens - Unterhandlungen fich einzulassen! In seinen Augen ein nie zu fühnendes Vergehen. Was galt ihm das Wohl des Staats, wenn es mit seinem eigenen Vortheil stritt. Wie Suworow sollte nun auch Repnin seinen ganzen Grimm erfahren. Vergessend der Gegner in Petersburg, der Feste, Liebschaften und Intriguen, lag ihm nur Repnin's Sieg im Kopf, die Besorgniß, einen neuen Rumänzow in demfelben an seiner Seite aufwachsen zu sehen. Er, den früher die bestimmtesten Befehle nicht von Petersburg hatten wegbringen können, zeigte sich jeßt gehorsam wie ein Lamm, und eilte von Groll und Eifersucht gespornt, über · Hals und Kopf aus der Hauptstadt. Er hoffte noch den Frieden zu vereiteln, über den unterhandelt ward; init weitgehenden Hintergedanken wollte er ihn nicht anders als mit der Moldau und Wallachei. Am er von Petersburg, abgereiset, ungeduldig vor dem Abschluß der ohne ihn begonnenen Unterhandlungen einzutreffen: doch bei seiner Ankunft in Galaß wurden ihm die eben unterschriebenen Präliminarien vorgelegt. Er wüthete, überhäufte Repnin mit Schmähungen 14), Drohungen, dem ganzen Ausbruch feines Zorns. Repnin bebte vor dem Augewaltigen, stüßte fich aber zu seiner Rechtfertigung auf die höhern von Petersburg erhaltenen

24. Juli
4. Aug.

war

14) Er nannte ihn nur den kleinen elenden Martiniften, weil Repnin zu den eifrigen Anhängern von St. Martin gehörte, dem Verfaffer des dunkel - mystischen Buché: des erreurs et de la vérité. Befehle. Eine Hoffnung blieb Potemkin: Präliminarien waren noch kein End-Frieden; dieser sollte erst in Jaffy, unter Potemkin's Augen geschlossen werden. Er mit den Türkischen Bevollmächtigten begab sich dahin, entschlossen, die Begebenheiten wieder in seine Hand zu nehmen, und den Frieden nur, wie er ihn wollte, abzuschließen. Dochy, wer kennt die Zukunft! was sind selbst der Augewaltigsten Entwürfe! „Ich ging vorüber, sagt die Schrift von dem Mächtigen, und er war nicht mehr.“ Die Stunde des Gewaltigen schlug; seine Vorahnungen gingen schnell in Erfüllung: außergewöhnliche Menschen haben gleichsam den Instinkt des kommenden. Wenige Wochen zuvor erfüllte ihn ein neuer Zufall mit geheimem Grauen. Der junge Prinz, Karl von Würtemberg, Bruder der Großfürstin, verschied im August am Fieber und ward in Galaß zu Grabe geleitet. Potemkin, aus der Kirche tretend, segte sich in Gedanken auf den Leichenwagen. Die Umstehenden, erschrocken ob der Vorbedeutung, weckten ihn aus seiner Träumerei; er fuhr zusammen, und unter der Macht seiner Ahnungen, brach er in die Worte aus: ,,Ha, ich erkenne es; ehe drei Monate vergehen, führt man auch mich so hinaus." — Die Ahnung täuschte ihn nicht, noch waren die brei Monate nicht abgelaufen, so deckte ihn die Erde.

Schon auf der Reise von Petersburg fühlte er Erschlaffung der Kräfte, ohne an Lebensweise und Ents würfen etwas zu ändern. Die Moldau und Wallachei blieb immer noch sein Ziel. Doch das Uebel kam stärker; ein in Jaffy herrschendes Fieber trat ansteckend dazu: er begann des Todes Vorboten zu erkennen, und seine Stiminung ward düsterer. Verweichlicht durch Glück und eiserne Gesundheit, ward ihm der Leidenszustand unerträglich, und er erfüllte alles, was ihn umgab, mit seiner Unruhe. Auf die erste Nadyricht von seiner Krankheit hatte ihm die Kaiserin die vorzüglichen Petersburger Aerzte Massot und Tiemann zugeschict; doch für den Eigenwilligen ohne Nußen, da er ihren Rath verspottete und sich seinen Gelüsten, wie sie ihn anflogen, nach wie vor überließ. Immerfort stäubten noch Gilboten die Wege, um ihm Sterletsuppen aus Petersburg, Gänseleber-Pasteten aus Straßburg, seltene Fische aus Astrachan oder sonstige Leckerbissen aller Art herbeizuführen. Er verachtete alle Warnungen, troßte auf seinen festen Körper, und ward fränfer. Da zürnte er den Aerzten und zich sie der Unwissenheit; da schmähte er seine Lieblinge, mißhandelte die Höflinge und verschloß der Menge die Thür. Den Verwandten groûte er, wenn sie sich beflissen zeigten, weil er darin ihre Gier ihn zu beerben sah; hielten sie sich zurüc, so waren sie gefühllos und undankbar. Nichts war ihm recht; sein Zustand ward ihm zuleßt unerträglich, der Tod mit seinen Schrecken trat ihm vor die Augen. „Führt mich nach Nikolajew, rief er in trüber Ungeduld, in meinem Nikolajew will ich sterben.“ Er hatte den Drt angelegt, doch er sah ihn nicht mehr wieder. Am 14 October brach der Zug von Jassy auf; 38 Werst von da fühlte er sich übler, der Aufenthalt im Wagen ward ihm unausstehlich. Die Gräfin Branica, die ihn begleitete, seine geliebteste Nichte, ließ halten; man breitete einen Mantel über den Rasen, und legte den Verscheidenden darauf, das Bild des heiligen Nikolaus auf seine Brust. Sprache und Kraft entweicht, das Auge bricht, und dort auf freier Ebene, „den Himmel zum Obdach, die Steppe zum Gemadh,“ wie der Dichter sang 15), hauchte er am Oct., in den Armen seiner Nichte, den, legten Athem aus.

So trat er ab von dem Schauplaß, den er mit seinem Namen angefüllt, ein Bild der Nichtigkeit aller irdischen Größe, alles bessen was man Glück nennt.

Wer hatte Deifen mehr, und wer bewies mehr, daß nicht die äußern Güter allein des Lebens Glück begründen. Sechzehn Jahre war er die Seele des Nuffischen Rabinets gewesen: tief ging die Spur, die seinen Lauf bezeichnete; er starb, und bald verwischte sich die Spur, und Vergessenheit breitete ihren Schleier über ihn, seine Entwürfe, Hoffnungen und Pläne.

Er starb fast unbeweint. Wer alles eigennüßig auf sich selbst bezieht, der hat keine Freunde; erntet vielleicht faltes Lob, selbst hie und da Bewunderung, nie Anhänglichkeit, Liebe, Chrfurcht. Seine Größe drückte nieder, erhob, belebte nicht; außer der Kaiserin trauerte fast niemand um ihn; seine Feinde freuten sich. Ein Obelisk bezeichnete den Ort, wo er verschieden, ward aber nach mals von den Türfen niedergerissen. Seinen Leichnam hat Nikolajew; seinen Namen die Geschichte; ein Dentmal Cherson, das selbst ein größeres ist.

15) Dershawins Verse find bekannt, fie malen den Augenblick und den Mann:

„Wessen Lager dort die Erde, Obdach blauer Himmel?
Prunkgemad) der weiten Steppe Bild?
Bift Du's, des Glückes und des Ruhmes Sohn?
„Bist Du's, o Tauriens glanzvoller Fürst?
„Bist Du's, der von der Ehren Gipfel
„, Herabgestürzt, da liegt in öder Steppe?

Suworow schrieb, als er Potemkin's Tod vernahm: Sieh den Menschen da, ein Bild irdischer Eitelkeiten! Fliehe sie, Weiser !" Worte, die man füglich auf den Grabstein des Tauriers feßen könnte.

Große Anlagen und Kräfte hatte ihm die Natur verliehen, sie schien es auf einen Koloß angelegt zu haben, doch da der meiselnde Hammer weiser Ausbildung nicht dazu fam, blieb es zwar immer ein gewaltiger, aber roher Marmorblock. Die höheren geistigen und moralischen Anlagen fanden feine zweckgemäße Entwickelung, und die niedern thierischen und felbstsüchtigen gewannen die unbestrittene Herrschaft, und beherrschten ihn sein Lebenlang. Darum ward er, troß seiner trefflichen Anlagen, doch in keinem Fach ein großer Mann. Mittelmäßig als Feldherr, verschwenderisch als Verwalter, ränkevol und gewaltsam als Staatsmann, als Mensch endlich ohne höhere Würde und Sittlichkeit. Aber Menschenthun und Menschenwert vergeht, zerfällt in Staub; nur Eines bleibt, das was ewig stärkend und erhebend auf Des Menschen Seele wirft, geistige oder fittliche Kraft und Größe. Die legtere fehlte ihm gänzlich. Und so ging er dahin, wie vor ihm Tausende; that und vollbrachte vieles; führte Schutt zum Bau der Zeiten auf, bis er selbst in Staub und Sdyutt zerfiel, ohne einen Namen zu hinterlassen, bei dessen Nennung das menschliche Herz fich erwärmt und erweitert empfände.

Am ergriffensten über seinen Tod zeigte sich die Raiserin. Sie hatte auf die Berichte von seiner Krankheit,

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