Abbildungen der Seite
PDF

ZUR DEUTSCHEN MÄRCHENKUNDE.

i.

Die Gänsehirtin am Brunnen (bei Grimm 179). Bekanntlich hat Shakespeare in seinem König Lear den mythischen Stofl' aus der Chronik von Holinslied geschöpft, die ihrerseits wieder auf die Erzählung bei Gottfried von Monmouth zurückgeht. Mit jenem Theile der Sage nun, wo der alte König die Liebe seiner Töchter zu erkunden sucht, uni darnach über die Vertheilung seines Erbes zu entscheiden, und besonders mit der Motivierung, die Shakespeare dieser Episode gegeben hat, stimmt merkwürdig ein Moment in dem oben genannten Märchen überein, das nach mündlicher Überlieferung in Österreich aufgezeichnet worden ist. Der König fragt seine Töchter, wie lieb sie ihn wohl hätten, sie würden dann sehen, wie er es mit ihnen meine. Hierauf erwidert nun die erste, daß sie den Vater so lieb habe wie den süßesten Zucker, die zweite, daß sie ihn so lieb habe wie ihr schönstes Kleid, während die dritte schweigt und erst auf die erneute Frage des Vaters antwortet: Ich weiß es nicht und kann meine Liebe mit nichts vergleichen. Als aber der Vater gekränkt in sie dringt, sagt sie endlich: Die beste Speise schmeckt mir nicht ohne Salz; darum habe ich den Vater so lieb wie Salz. Sehen wir von dem Märchentone ab, so ist dies ganz die Antwort, welche Cordelia ihrem Vater gibt. Auch sie antwortet auf die Frage Lears anfangs bloß: Nichts gnäd'ger Herr. Und als Lear entrüstet sie nochmals auffordert: „Aus Nichts kann Nichts entstehen: sprich noch einmal," da ruft sie aus:

Ich UnglücksePge, ich kann nicht mein Herz Auf meine Lippen heben; ich lieb' Eu're Hoheit, Wie's meiner Pflicht geziemt, nicht mehr, noch minder. Und so wie Lear seine jüngste Tochter verstößt und ihren Antheil den beiden älteren zuweist, so wird in dem Märchen das Reich zwischen den beiden altern Töchtern getheilt und die jüngste mit einem Sacke voll Salz auf dem Rücken in das Elend gestoßen.

2. Das Eselein (bei Grimm 144). Die Verwandlung eines Menschen in einen Esel findet sich nicht selten in den indogermanischen Sagen. Es genügt in dieser Beziehung, an das Märchen „der Krantesel" (bei Grimm 122) zu erinnern, welches in so auftauender Weise mit dem Romane Aevxios rj ovog (angeblich von Lukianos verfasst) zusammenstimmt. Eine ähnliche Verwandlung finden wir nun auch in dem oben genannten Märchen; das Eigentümliche desselben besteht aber darin, daß der Esel hier als Lautenschläger eingeführt wird und während er sonst als ein ganz ungeschicktes und unmusikalisches Tbier gilt, die Leute gar meisterhaft zu rühren weiß. Auch die Griechen müßen ein ähnliches Märchen gekannt haben, wie dies sprichwörtliche Andeutungen beweisen. So finden wir bei den Paroemiographen Makarios (Centurie VI, Nummer 39) das Sprichwort: ovog Xvoi'Qav mit der Erklärung inl täv dfiovemv, und in dem vierzehnten Hetärengespräche des Lukianos sagt der von seiner Myrtale verlassene Dorion von seinem Nebenbuhler: und gar wenn er singt und zierlich thun will, dann ist er, wie man sagt, der leibhaftige citherspielende Esel (ovog avzoXvolt,(av tpaölv). Auch das Sprichwort ovog kvgug gehört hieher, in Betreff dessen ich auf die Note Schneidewin's zu Diogenianos (Centurie VII, Nummer 33) verweise.

3. Das Todtenhemdchen (bei Grimm 109). Grimm bemerkt über dieses Märchen im dritten Bande, Seite 190, daß hier jener bei den Germanen vielfach bezeugte Glaube zu Grunde liege, wornach Thränen dem Todten nachgeweint auf die Leiche im Grabe niederfallen und ihre Ruhe stören sollen. Eine ganz ähnliche Anschauung finden wir nun auch bei den Griechen und Römern. Man hielt es für frevelhaft, die Todten unmäßig zu betrauern, weil dadurch ihre Ruhe gestört wurde. So bittet Tibullus in der ersten Elegie des ersten Buches v. 67, wo er voll Ahnung die baldige Trennung von seiner Geliebten weissagt:

Tu Manes ne laede meos, sed parce solutis

Crinibus et teneris, Delia, parce genis. Die schöne Elegie des Propertius, wo dem Paulus der Schatten seiner Gattin erscheint, um ihn zu trösten (V, 11), beginnt mit den Worten:

Desine Paule meum lacrimis urguere sepulchrum, ebenso beginnen viele Grabschriften, z. B. die bei Gruter p. 1127, 8:

Desinite extinetum dulces me flere parentes. Endlich mag noch jener Stelle in der Schrift des Lukianos de lnctu (cap. 16) erwähnt werden, wo der Schatten des in der Blüthe der Jahre verstorbenen Sohnes dem greisen Vater erscheint und ihn wegen seiner fortwährenden Klagen schilt: co xaxodaifiov av&Qaxe xC xexQayus; tC de jtot nugexsig ngayfiata;

4.
Der Mann vom Galgen (Grimm III, S. 268).

Der eigentliche Sinn dieses Bruchstückes ist wohl, daß die alte Hexe die Leber des Gehängten ausschnitt, um sie als Zaubermittel zu gebrauchen. Ich mache bei dieser Gelegenheit auf die merkwürdige Romanze aufmerksam, welcher Göthe in seiner italienischen Reise (Band 24, Seite 308) erwähnt. Hier kommt ein Dieb in der Absicht, um von dem Leichname eines Gerichteten einzelne Glieder zu ähnlichen Zwecken zu stehlen, und sucht die Alte, welche den Leichnam bewacht, durch Vorschützung anderer Gründe zu bereden, damit sie ihn nicht an der Ausführung hindere.

GRAZ. KARL SCHENKL.

ÜBER DIE TONLANGEN VOCALE DES NIEDERDEUTSCHEN.

Ein wesentlicher Unterschied im Vocalismus der mhd. und mnd. Sprache wird durch das im Mnd. geltende Gesetz der Tonlänge bewirkt, nach welchem der kurze Vocal hochtoniger offener Silbe vor tonloser Silbe gedehnt wird. Man hat aus dieser „Nichtachtung der organischen Kürze" der mnd. Sprache gern einen Vorwurf gemacht, doch sehr mit Unrecht! denn es ist keineswegs ein Mangel an „feinem Gefühl" für die Beachtung der Kürze und Länge, durch welchen jene Regel hervorgerufen ist, sondern sie ergibt sich durch einen völlig organischen Vorgang. Wie nämlich in einer älteren Zeit der Sprachentwicklung das Gewicht der Endungen häufig den Wortstamm schwächte, so war es umgekehrt ganz naturgemäß , daß zu eben der Zeit, als die Endungen durch Schwächung ihrer langen oder doch vollen Vocale in stumpfes e ihr Gewicht verloren, der Stamm wieder erstarkte. So naturgemäß es ist, daß durch das Gesetz des Umlautes ein i aus der Endung in den Stamm sich zurückzieht, oder daß durch das Gesetz der Brechung ein a statt in der Endung im Stamme hörbar wirkt, eben so naturgemäß ist es, daß durch das Gesetz der Tondehnung der quantitative Werth der Endungsvocale auf den Stamm reagiert, da er in der Endung aufhört beachtet zu werden. Diese Lbertragung eines Werththeiles der tonlos werdenden Silbe auf die hochtonige geschieht nach einem allgemein giltigen rhythmischen Gesetze, demselben, welches im musikalischen Vortrage befiehlt, die

Figur j^^L? f"?~3£== ^ast w'e d'e verwandterfe£a^&»= EÜEI zu Gehör

zu bringen. — Aus der Natur der Sache ergibt sich, daß Tondehnung besonders die Pänultima zweisilbiger Wörter betrifft, aber im Allgemeinen kommt weder die Silbenzahl in Betracht, noch sind die tonlangen Vocale auf die Pänultima eingeschränkt. — Silben, welche, sei es durch langen Vocal oder durch Position, an sich lang sind, nehmen selbstverständlich keine Gewichtsvermehrung aus der Endung an.

Durch die Tondehnung hört also ursprünglich kurzer Vocal auf, kurz zu sein. Ob aber die dadurch entstehenden tonlangen Vocale mit den entsprechenden organisch langen lautlich identisch seien, bedarf genauerer Untersuchung. Zwar, was das ä anbetrifft, kann ein Unterschied vom ä nicht nachgewiesen werden, da nicht wohl einzusehen ist, in welcher Weise der Laut des « + «, wie wir die Tonlänge ä auffassen können, von der Steigerung d, die eben auch ä-\-ä ist, unterscheidbar wäre. Zahlreiche Reime zwischen « und ä bestätigen die Identität — Anders steht es um die übrigen tonlangen Vocale. Dies sind , da Umlaute , wenigstens im Mnd., mangeln , und da ein tonlanges i und u nirgends auf niederdeutschem Gebiete vorkommt, nur e und ö. Diejenigen, welche Gleichheit des ? und ö mit dem e und 0 in der Pänultima zweisilbiger Wörter statuieren, nehmen mit J. Grimm an , daß auch die Empfindung für die eigentliche und echte Länge abgestumpft sei. Als Grund zu dieser Annahme der Verkennung des langen Vocals in der Pänultima wird geltend gemacht, daß diesem, abweichend vom mhd. Versbau, im Verse gewöhnlich die vierte Hebung zusteht. Allein dieser Grund wird hinfällig, sobald man ihn dahin wendet, daß in der mnd. Verskunst es üblich ward , den klingenden Endreim nur für eine Hebung mit überzähliger Silbe zu rechnen. Um so gewichtigere Gründe , der Geschichte der Lautentwicklung entnommen, sprechen dafür, aufs Strengste e und e, ö und 6 auch in der Pänultima zu trennen.

Noch heute steht scharf der Unterschied tonlanger und organisch langer E im Niederd. fest, auch wo dieselben sich sonst in gleicher Lage befinden, indem e überall einen breiten Laut, dem ä in wäge ähnlich, erhält, das e aber entweder dem nhd. Laute des e in Seele entspricht, oder einem ei sich nähert. Ohne diesen Unterschied würden viele Wörter verschiedenen Begriffes zusammenfallen, z. B. netnen (capiunt) nemen (ceperunt), beden (orare) leden (praebere), brede (tabulae)

UKUUA.MA xi. 29

brüte (latac), lesen (lectuin) lesen (legerunt), stlde (locus) siede (firmiter), leven (vivere) leeen (carum) u. s. f. Nur vor dem schwachen Consonanteii r stumpft sich die Unterscheidung ab, so daß z. B. swPren (jurarc) mit nceren (gravem) ziemlich gleich lautet. Der Sprachgeist findet ein Mittel, auch hier den Unterschied aufrecht zu halten, indem das 6 vor halhvocalischem r in t verwandelt wird [Vgl. engl, ee], während alle p unberührt stehen bleiben. So trennt der Mecklenburger und Pommer z. B. wPren (defendere) von wiren (fuerunt), Iren (suum) von iren (honoraie), scheren (tondere) von schiren (forfices). Wie im 19. und 18. Jahrhundert, so steht die Trennung der e und e auch um 1600 fest. Chryträus im Nomenciator von 1583 u. 1613 wendet für tonlanges t ein eigenes Zeichen an r, welches ihm, so viel ich sehe, nie zur Bezeichnung des e dient. Da nun unmöglich anzunehmen ist, daß in späterer Zeit der sprachlichen Entwicklung eine so streng systematische Scheidung zweier, ihrem Ursprünge nach verschiedener Laute durchführbar wäre, wenn beide früher schon zusammen geflossen waren, so ergibt sich der Schluß , daß von Ursprung der tonlangen Vocale an P und e auch in der Pänultima zweisilbiger Wörter verschieden waren. Zur Bestätigung dient noch, daß an Stelle des e, wo es dem Wnrzellaute A entstammt, oft d, wo es vom 7 herkommt, oft ei, wo es zur //-Reihe gehört, oft ie in allerlei Sprachquellen der mnd. Zeit eintreten, daß aber diese Laute nicht das e zu vertreten im Stande sind.

Mindestens ebenso sicher ist der Beweis für die Unterscheidung des ö und 6 zu führen. — Um auch hier vom derzeitigen nnd. Bestände auszugehen , merken wir an , daß nach Einführung eines unorganischen Umlautes ins Niederdeutsche die Umlautung des ö ein ä (einen nach hochdeutschem Begriffe zwischen ö und ä schwebenden Laut) hervorruft. Dieses ä steht zwar auch als Umlaut des d in einigen Fällen, aber niemals als Umlaut des o, dem wirkliches ce gebührt, z. B. äver (supra) vom mnd. över, cever (ripa) vom mnd. iiver. Aber auch die unumgelauteten Vocale sind unterschieden, indem sich ö überall behauptet hat, während für das ältere ö beständig ein dumpf klingendes ä eintritt. Das ä für ö kommt bereits von 1400 an, anfangs bunt mit ö wechselnd, in Handschriften und Drucken vor; aber nirgends, es möchte denn vereinzelter Schreibfehler vorliegen, nimmt es die Stelle eines organischen o der Pänultima ein, was schier unbegreiflich wäre, wenn in dieser Silbe 0 und 6 identisch gewesen wären. Einzig in der Verbindung or scheint der Unterschied frühe verwischt, und zwar dadurch , daß die Schwäche des Consonanten das ör dem ör näherte. Waren aber im Übrigen ö und o in der Zeit von 1400 bis jetzt

« ZurückWeiter »