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Christenthum übergetretenen Burgunder in den Gräbern von Charnay, obwohl neben Runenschrift. Sehr viele kleine Kreuze der angegebenen Form sind nun auch hier der Kern der Feldverzierung auf Nr. 11, dem schönen goldenen Henkelkrug mit schlankem gereiften Halse, bei Arneth Tafel G. VIII; ein Kreuz derselben Art, umschlossen von einem Kreise, befindet sich in der Mitte der Wandverzierung der kostbaren Trinkschale Nr. 13, Tafel G. II, ferner zeigen sich, was sehr bemerkenswerth, an den Enden und zur Wortabtheilung der Runeninschrift auf der Schale Nr. 29 zusammen fünf Kreuze derselben Gestalt, endlich auf den Schalen Nr. 19 und 21, welche die gedachte griechische Inschrift und außerdem je eine Runeninschrift, jedesmal fast dieselbe tragen, zeigt sich in der Mitte ein großes Kreuz derselben Form, nur daß seine vier Enden noch durch je drei kleine Blätter verziert sind, um anzudeuten, daß aus dem Kreuze das Leben sprießt für seine Bekenner, denn die Christen pflegten das Kreuz den Baum des Lebens zu nennen. Obwohl an sich das Kreuzeszeichen auch den Heiden üblich war, so doch nicht in dieser belebten Form, und in der erwähnten Gesellung. Um diese kennen' zu lernen, prüfen wir

Die doppelt vorhandene griechische Inschrift.

Sehr bedeutsam und für den begonnenen Beweis vollendend ist es nun, daß auf demselben Denkmal mit dem Kreuz des Lebens auch eine griechische Inschrift steht, die das Kreuz kreisförmig umschließt, worin eine Bitte an den Herrn alles Lebens enthalten ist. So viel hatte bereits Arneth, der die Inschrift Tafel G. V. Nr. 21 darstellt (die zweite oben übergesetzte gleiche Legende ist von Nr. 19) in seinem Text dazu S. 22 erkannt, wo wenigstens die Worte vdaxog avdnuvßov richtig gelesen sind. Den Anfang der Inschrift, worüber er noch schwankte, nehme ich da an, wo die Schriftzeichen noch in gleicher Größe mit denen der genannten Worte sind, d. h. zwei Zeichen früher, denn das Kleinerwerden und das Abkürzen ist ein Anzeichen des Endes, wo nicht mehr alles auf den durch den Kreis beschränkten Raum gehen wollte. Indem ich nun das unmittelbar vor vSaroq vorhergehende, etwas liegende Zeichen für ein nicht ganz vollständig ausgeprägtes <P nehme, gelange ich nach Auflösung der Abkürzungen, deren erste die Copula betrifft, die andere die Verbindung von TO in Tojtov, die dritte ein übereinandergesetztes XLO, eine vierte endlich eine Abkürzung der Praep. x«ra zu KAT oder KA&, zu der Lesung

EOTAATOC ANAÜATCON K EIC TOTION XAOHC KA&ICON.

Daß Gott oder Christus in den beiden Imperativen angeredet ist, und daß das Object 'mich' oder 'uns' sein muß, ist selbstverständlich; das Ausgelassene konnte allenfalls auch ohne den Mangel an Raum wegbleiben, durch welchen auch das kürzere xd&iöov statt xaTttOxrjveaGov veranlasst scheint. Denn der Inhalt der Bitte: 'am Wasser laß mich rohen und auf grünem Ort laß mich lagern oder wohnen', ist deutlich aus dem so herrlichen Trost für Leben und Sterben enthaltenden Psalm vom treuen Hirten der Seele entnommen, nur daß dort in umgekehrter Folge gesagt ist: sig zöitov J;aoijs ixst (iE xati<Sxijvoa0£v, inl vSaxog dvandvötcog i%s&Q£ipe fis. Ps. 23, 2. LXX.

Wie lebendig dieser wunderbar erquickende Psalm den alten Christen im Gedächtniss war, beweist unter andern auch, daß mau mit seineu Worten über den Tod der Abgeschiedenen tröstete, indem man sie zu Grabschriften wählte, vgl. meine zwei sidonische Inschriften, Marb. 1855, S. 16, woraus die griechische Grabschrift mit wenigen Änderungen aufgenommen ist in das Corpus Inscript. IV, 2 als Nr. 9153. Genug, unsere Inschrift gehört einem christlichen Volksstamm an, und mußte, da sie eine Bitte um endliche Aufnahme ins Paradies enthält, — denn dvdnctvöov (gew. laß mich ruhen in Abrahams Schoß) ist in christlichen Grabschriften ganz herrschend — um so mehr einem Manne germanischer Abkunft zusagen, der sich seinen Himmel auf wonniger Wiese, dem tonog X^orjg entsprechend, nach einheimischem Glauben vorstellte.

Das Bildwerk.

Dafür aber, daß der Stamm, unter dem die Goldgefäße entstanden, ein germanischer war, sprechen deutlich die mannigfachen Berührungen des vorliegenden Bildwerks mit dem auf deutschen Denkmälern. Einiges freilich ist einfach rohe Nachahmung griechischer Vasenbilder, wie die mit dem Adler aufschwebende Jungfrau auf Nr. 28, worin schon Arneth (S. 25) den Raub der Aegina erkannt hat. Classische Kunst herrscht auf den bildlosen Ornamenten der Gefäße Taf. G. VIII und X, sie können allenfalls von Griechen selbst angefertigt und nur als Goldzahlung in die Hände der Germanen, die sie mit Runen beschrieben, gelangt sein. Fremd zwar, aber deshalb nicht etwa Altaiseh, ist das geflügelte Thier mit Löwenschwcif und Füßen, und mit Adlerskopf auf Nr. 22 (Arneth S. XIV), auf Nr. 29, hier jedesmal hinter einem löwenähnlichen Thier, und auf Nr. 28 (G. VI), wo der Greif einen Hirsch erlegt, aber für diesen Greif ist keine besondere Bedeutung zu suchen, es ist einfach Ornament geworden, und zwar Nachahmung eines römischen oder griechisch-byzantinischen Motivs, welche übrigens unvollkommen genug gelungene Nachahmung besonders deutlich wird, wenn man das Bild von Nr. 28 vergleicht mit dem classisch vollendeten auf der griechischen Silberschale, bei Arneth G. III und G. III*, vgl. Text S. 60. Dergleichen war also längst von den Griechen eingeführt, und würde nur empfehlen, einen südgermanischen Stamm als den nachahmenden anzusehen, wenn aus sonstigen Gründen deutsche Art der Verzierung annehmlich wird. Diese sind aber mehrfach vorhanden. Erstlich die Thiergestalten auf Nr. 3, 8 (G. IV) und auf Nr. 13 sind nicht, wie angenommen worden ist, wieder Greifen, sondern da sie nur zwei Füße vorn, und einen mit Ringen versehenen, gewundenen und in ein Fischende ausgehenden Hinterleib haben, deutlich die durch ganz Deutschland bis in den Norden allgemein als Zierrath beliebten geflügelten Drachen. Nach echt germanischer Weise hat jeder der sechs Drachen auf Nr. 13 einen anders gestalteten Kopf, gerade so, wie von den sechs zweifüßigen, geflügelten Drachen auf dem elfenbeinernen Reliquienkästchen in Braunschweig je zwei dieselbe von den übrigen verschiedene Kopfgestalt haben, schon nach demselben Triebe, wonach das Blätterwerk an den Säulen deutscher Dome beständig abgewechselt wird; einer von den Drachen des Goldgefäßes Nr. 13 hat einen adlerähnlichen Kopf, aber gerade so auch mehrere der angelsächsischen Drachen, womit die Unzialen in der Cädmonhandschrift verziert sind *).

Dazu kommen ferner die künstlichen Schlangenwindungen mehrerer Ornamente, besonders auf Nr. 11, die Verbindung von Kugeln oder Perjenreihen, und das Blumenwerk mit Lilienformen, Dinge, die in allen Gegenden Deutschlands verbreitet waren, ich erinnere für das Lilienwerk an die Zierrathen des Smaragds mit dem Namen des Königs Alfred bei Hickes und an die Gleichheit der in Nr. 29 aufsteigenden Lilienform mit der auf der fränkischen runden Spange bei Grotefend (Nieders. Vereins. 1860. Taf. II, Nr. 9).

Eine der merkwürdigsten Erscheinungen ist, daß als Verzierung eines kleinen Gefäßes Nr. 9 G. III auch der Stierkopf mit einwärts gebogenen Hörnern vorkommt. Derselbe Stierkopf, halberhaben auf einer Metallplatte dargestellt, mit ebenso eingebogenen Hörnern, den Arneth als fremd bezeichnete, wurde bei den Franken als Stirnschmuck der Pferde gebraucht, wie er aus dem Grabe Childerichs I. von Chiflet,

*) Ellis Account of Caedmons metrical paraphrase, Lond. 1833. 4. auf der vorletzten der nicht numerierten Tafeln, die Figuren mit p. 27. 38 bezeichnet.

and danach von Cochet*) dargestellt zu sehen ist, und dieser Kopfschmuck wenigstens mit den halbmondartigen Hörnern oder lunulae, muß auch bei norddeutschen Völkerstämmen allgemein gewesen sein, da er sich überaus häufig auf den Pferden der Goldbracteaten vorfindet , welche Denkmäler ins 4. — 6. Jhd. gehören. Hieran habe ich die eigenthümliche mehrfache Ausschmückung des Pferdes auf dem mit vier kreisförmig eingeschlossenen Bildern ausgestatteten Bauch des goldenen Kruges Nr. 28, G. VI, worauf ein Geharnischter reitet, anzuschließen. Erstlich ist die Mähne des Pferdes mit künstlichen Flechten verziert; dergleichen war im deutschen Mittelalter sehr gebräuchlich. Bereits im eddischen Hammerlied Str. 5 und in der Atlakvicta Str. 37 kommt eine Pflege der Mähne vor. Mit Band durchflochten sah ich Mähnenzöpfe, oben auf eine Rosette, unten eine Schleife daran, an den Pferden des noch mittelalterlich ausgestatteten und von Läufern begleiteten Parlament wagen der Königin von England. — Auf unserm Bilde kommt dazu noch ein Kopfschmuck, der sich noch dreimal wiederholt, indem über der Stirn gerade auf dem Kopfscheitel des Pferdes aufrecht ein spitz zulaufender Büschel steht, der auch am Kinnzaum herabhangt, sowie am Brustriemen und an dem Hinterriemen. Derselbe Büschel erscheint als Kopfverzierung der Kitterpferde auf Münzen und Siegeln des deutschen Mittelalters. Die Sitte des Kopfschmuckes beweist sich schon durch mhd. gügerel, den eigens dafür gangbaren Namen.

Nicht minder hat der freilich sehr verzeichnete gewaffnete Reiter dieses Bildes, der an der linken Hand ein dem Feinde abgeschlagenes Haupt trägt und zugleich einen gefangenen Feind mit hinten gefesselten Händen am Schöpfe führt, durchaus ungriechische, germanische Art. Nicht nur war es Sitte der deutschen Stämme, den überwundenen, nicht gefallenen Gegner auf dem Kampfplätze zu fesseln (Beov. 964), und daher eherne Fesseln mit zum Wahlplatz zu nehmen (Cädm. Exod. 176. 218. El. 24), wie denn 'siegen' und 'binden' selbst in denselben deutschen Worten zusammenfällt (J. Grimm in Hpt. 8, 6. 7), sondern auch die gesammte Rüstung stimmt, indem die Waffe der Geer ist mit schmaler Fahne und oben herabhängendem Doppelband, die Hauptwaffe aller germanischen Stämme, goth. gairu(s), ahd. ger, ags. gär, die auch El. 23 den gegen Constantin kämpfenden Franken und Gothcn beigelegt ist, noch im elften Jahrh. zeigt sich der Geer

*) Abbe Cochet, Le Tombean de Childeric I., roi des Franc«, Rouen 1859 p. 295 (hier von Gold). Ähnliche bronzene Stierköpfe ans Havro, Avenches in der Schweiz und aus dem Mosellande sind hier p, 296 f. dazugestellt.

mit Fahne und Bändern an den Kriegern Wilhelms des Eroberers auf der Tapisserie de Bayeaux, und hier linden wir ebenfalls noch den einfachen spitzen Helm, von dem an der Ringpanzer beginnt, der auf unserm Bilde bis auf die Füße herabgeht, nur daß Beinharniseh, Handwehr und Halsberge besondere Stücke sind; dieselbe zugespitzte Art des Helms trägt außer der Kingbrünie auch der Ritter, welcher aus dem elften Jahrb. im Codex Eberhardi T. II fol. 52 dargestellt ist. Über die Alterthümlichkeit des aus Ringen bestehenden Panzers, den auch die Dacier hatten, und der in unserm Ilildebrandsliede 'die Ringe' schlechthin genannt werden konnte, brauche ich kein Wort zu verlieren; der Helm des Bildes aber ist so einfach eingerichtet, daß er in sich selbst das Zeugniss des Alters trägt. An seinem untern Rande läuft ein Schmuck her, der nur ein Stirnband oder Diadem sein kann, welches hinten gebunden ist, die Enden des Bandes stehen hinten weit und steif hervor, wie es fast an allen diademierten Häuptern der Goldbracteaten zu sehen ist, wo sich der diademförinige Schmuck ebenfalls auf den Helmrändern zeigt, z. B. Nr. 118 des Kopenhaguer Atlas. Übrigens wurden solche goldene Stirnbänder nicht nur von Fürsten, sondern von allerlei vornehmen Herren getragen.

Etwas Fremdartiges ist allerdings der Gegenstand des mittelsten Bildes auf demselben Gefäße Nr. 28, nämlich der kronenähnlich geschmückte, geharnischte Reiter, der seinen Bogen auf einen von hinten her aufspringenden Panther richtet, nicht wegen des Panthers, der sicher einst auch die Donaugegenden besuchte, sondern wegen des orientalischen Kopfschmucks, und besonders wegen des phantastischen, cherubähnlichen, aus Löwe, Adler und Mensch zusammengesetzten Thieres, worauf der Ritter reitet. Zwar sind Centaurengestalten nicht etwas im deutschen Alterthum ganz unerhörtes, seien sie nun durch Nachahmung eingeführt oder einheimisch, genug sie zeigen sich schon auf dem gleichzeitigen goldnen Hörn von Tondern. Hier aber sehen wir einen gekrönten Kopf mit langem spitz auslaufenden Barte auf dem geflügelten und gemahnten Thiere, wie auf den assyrischen und persischen Denkmälern *). Dergleichen bildliche Darstellungen konnten aber den Griechen der Kaiserzeit und den in ihren Heeren dienenden Germanen um so weniger fremd bleiben, als sehr viele Kriege mit großen Söldnerheeren im Orient geführt wurden. Es wäre selbst nicht zu verwundern, wenn bei den Germanen jener süd

*)■ Vgl. Arneth S. 24 und 26 des Textes, der an den Martichoras der Perser bei Ktesias erinnert.

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