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hat deshalb V. 618 eine Ergänzung der 4. Zeile (7. Halbzeile) um zwei Hebungen vorgenommen. Trotz dieser Änderung unterscheidet sieh die erste Strophe wesentlich von den andern in der 3. und 4. Zeile, indem sie nicht wie diese Cäsur-Reim oder mindestens Cäsur-As6onanz aufzuweisen hat. Allerdings fehlt nach der Überlieferung noch in einer andern Strophe dieser künstlerische Schmuck, aber die Herstellung des Echten ergibt sich dort ohne Schwierigkeit (s. u. K.). Vielleicht hat die Form der Nibelungenstrophe doch Geltung, denn ihre Wahl im Drama steht nicht vereinzelt, ja selbst der erste Vers der ersten Strophe nu hebet sich groz gelingen und weinen ummerme findet sich angewandt am Schlüsse einer (Trierer) Marienklage (Hofi'mann's Fundgruben 2, 206 ff.). Dort wird ebenfalls in der vorhergehenden Scenerieangabe eigens bemerkt: Maria cantat quod lequitur. Der ohne Zweifel verdorbene Text dieser Strophe (S. 272) lautet in Hofi'mann's etwas willkürlicher Umschrift:

Nu, hebet sich groz weinen unde schrien immerme.
Nu enweiz ich arme vrouwe wie ez mir sül ergai.
Nu bin ich arme vrouwe verweiset also gar:
Minen trost hat mir benomen diu valsche judenschar.

Es ist anzunehmen, daß jener erste Vers noch öfters in typischer Weise zur Anwendung kam: neue Quellen werden dies vielleicht bestätigen.

Wenn es auch als das Einfachste und Natürlichste erscheint, daß sämmtliche Strophen nach einem Ton gesungen wurden, so ist es doch auch nicht undenkbar, daß ein Wechsel, ein Übergang von einer Strophe in die andere stattgefunden hat, der noch dazu so leicht zu bewerkstelligen war.

Im Allgemeinen finden sich im Spiele reine Reime einschließlich derer, welche mundartlich rein sind. Daneben aber herrscht auch Freiheit.

Länge und Kürze gebunden außer den schon angeführten Fällen (s. o. Quantität): nicht : bicht 32, 11 [659]. got : tot 20, 9 [171 got: not]. 22, 21 [353]. tun : sun 15, 3 [fehlt hs. b].

e : eu gebunden außer den Infinitiven, wo Reinheit des Reimes herzustellen ist: bete : heten 20, 1 [hs. b 163 abw.]. closter : Ostern 18, 9 [111]. vorsunnen : nunne 14, II [109 versunne part. : nunne]. trüiven : rüwe 30, 24 [611 rüteen sw. acc. f. oder m. ?]. — Hieran reiht sich me : intsten 32, 3 [651]? K.] Consonanz : Consonanz mit t: mich : nicht 31, 2 [623] (wenn nicht nich herzustellen), varl : schar 32, 1 [649] K.

Assonanz. — 1. Liquida einfach: wel: hen 31, 11 [633]. teile: eleine 20,3 [165 deiln -. dein}, gram : vorgan 28, 29 [541]. vel: mere 28, 9 K.

2. Liquida in Consonantenverbindung: hochvart: starc 28, 21 [523]. brenge: endende 21, 25 [271]. vindet : gelinget 16, 27 [39]. darumme : vorgunde 25, 28 [interp. St.].

3. Liquida: Labial: nemet : lebet 29, 14 [561 inf. nemen : leben].

4. Liquida: Dental: pine : lide 29, 11 [hs. b 557 abw. pin : ein). 30, 14 [603].

5. Labial: Dental: geschade: habe 18, 23 [123].

6. Labial: Guttural: tagen : haben 29, 16 [563]. grap : mac 32, 7 [655]. gelouben : ougen 21, 17 [fehlt hs. b]. ougen : lesckouwen 28, 13 [515].

7. Dental: Guttural: schade: trage 20, 19, [fehlt hs. b].

8. t: t in Consonantenverbindung: hat : wart 16, 15 [21].

9. ft : cht: Wirtschaft: gemacht 16, 7 [13].

10. ft: rt : gespart : Wirtschaft 17, 11 [51 gespart: wirtschafifart] K.

11. ch : seh : gebrochen : vorloschen 19, 27. 20, 15 [157 gebrosten: verloschen].

Verletzung der Quantität. — leben : sterben (hds. sCbyn) 29, 6 [553J. In Hs. A schapel : lampeln 17, 23. In hs. b sere : mere 511. Zu erwähnen sind noch die rührenden Reime Uslich [yylich] : totlich 16, 31 [37] nicht : nicht 32, 13, wo die Änderung nicht : wicht nahe liegt und durch hs. b 661 bestätigt wird, gesümet hat : gebuzet hat 23, 1, wo hs. b 363 Besseres bietet.

LESARTEN DER (MÜHLHÄUSER) HANDSCHRIFT A.

Die vorausgehenden sprachlichen Anführungen, sowie die Citate in den folgenden kritischen Bemerkungen weichen in einzelnen Fällen, weil sie sich auf die Handschrift gründen, von dem Texte ab, wie er durch Stephan oder L. Bechstein gegeben ist. Schon in dieser Rücksicht ist es geboten, die hds. Überlieferung im Zusammenhange zu belegen. Hauptsächlich aber möge deshalb eine Zusammenstellung der Lesarten der Mühlhäuser Handschrift folgen, soweit sie entweder von dem einen oder von dem andern Abdrucke abweichen, damit diese Texte künftig für gelehrte Zwecke nach irgend welcher Seite hin benutzt werden können, und niemand mehr die Nichtachtung des Spiels mit der Unsicherheit der Überlieferung entschuldige oder beschönige. Wie nöthig es zudem ist, mit einer Berichtigung der ersten Abdrücke und insbesondere des zugänglichsten nicht länger zurückzuhalten, zeigt uns die Mittheilung Riegers: der Herausgeber des neu aufgefundenen

Textes hat in den Angaben der Abweichungen der Hs. A eine nicht geringe Anzahl unrichtiger Lesarten bringen müssen.

Zu der folgenden Aufzählung ist die kurze Darlegung über die Schreibart der Hs. A zu vergleichen. Es kommt hier vorzugsweise auf das Sprachliche an, deshalb ist bei Berichtigung von Unvollkommenheiten und Fehlern abgesehen 1. von vn = und, unde (Stephan vn, Bechstein vnn), 2. von y und i, 3. von ü (St. u, B. ü), 4. von v und u als Vocale und Consonanten, 5. vom Endungs-e oder i, 6. von k und ck, cz und tz, s und s. Citiert kann wieder nur nach B. werden, da St. die Verszeilen nicht absetzt. Zugleich wird nöthigen Falls auf hs. b und insbesondere auf die von Rieger angeführten Lesarten Rücksicht zu nehmen sein.

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Eine Dichtung von dem litterarischen und poetischen Werthe wie das Spiel von den zehn Jungfrauen verdient es wohl, daß man ihrem Texte, wenn er nicht unverfälscht auf uns gekommen ist, kritische Nachhülfe angedeihen lasse. Jetzt nachdem ein zweiter und trotz seines jüngern Alters vielfach die ältere Fassung übertreffender Text vorliegt, ergeben sich eine große Zahl Berichtigungen und Verbesserungen von selbst, welche ohne diese Hülfe zum Theil durch Conjecturalkritik bald mehr, bald minder leicht zu erreichen gewesen wären, zum Theil aber

auch so

geartet sind, daß der einzige Text schwerlich auf sie geführt

hätte. Dennoch finden sich immer noch einige Stellen, welche eine kritische Erörterung wünschenswerth erscheinen lassen, und um so mehr, als uns für einige Verse noch ein dritter Text zu Gebote steht, der aber, obwohl längst bekannt und viel citiert, noch nicht mit dem Spiel von den zehn Jungfrauen in vergleichende Verbindung gebracht wurde: dieser Text ist enthalten im 4. Theile (Christi Höllenfahrt) des Alsfelder Passionsspiels (ed. Vilmar, Zeitschr. 3, 477 ff.); also ebenfalls aus Hessen kommt uns das zweite Zeugniss vom Fortleben unseres Spieles. Sogar diese aus so junger Zeit stammenden Bruchstücke haben uns in einigen Stellen das Alte und Echte treuer bewahrt als die frühere Niederschrift. Aber wichtiger noch als diese Wahrnehmung muß uns die directe Benutzung eines vorliegenden älteren Textes für einen andern mehr oder weniger verwandten Stoff erscheinen. Wir wissen auch anderwärts, daß die dramatische Litteratur des Mittelalters gar viel Typisches und Formelhaftes enthält, aber im Einzelnen ist dieser durchgehende Zug noch wenig gewürdigt worden (vgl. Bartsch über ein geistl. Sehausp. des 15. Jhds. Germ. 3, 267 flg.).

Gerade die Entdeckung der Ha. b muß doppelt zu einer weiteren Betrachtung und Ausbeutung des Alsfelder Passionsspieles anregen, welches bekanntlich von Vilmar nur theilweise mitgetheilt wurde. Es wird zu untersuchen sein, ob in den noch unbekannten Stücken sich nicht noch mehr Stellen aus dem Spiel von den zehn Jungfrauen vorfinden und namentlich solche, welche uns in hs. b allein überliefert sind. In gleicher Weise verdient das dem Alsfelder nahe verwandte Friedbergcr Passionsspiel, über welches Weigand (Zeitschr. 7, 545 flg.) berichtet hat, eine wiederholte Durchsicht.

Deutscher Text.

Der Eingang in beiden Hss. verschieden. Daß der in hs. b alt ist, älter als die Niederschrift, das scheinen mir die Reime zu bezeugen. Aber die Ursprünglichkeit ist wohl in Hs. A. zu finden, einmal weil hier das Gebot, Stillschweigen zu halten, ein Publikum voraussetzt, also dramatisch ist, und sodann, weil die ersten Zeilen mit ihrem Keime tute: bediite formelhaft sind. Dieselbe Wendung nu xwiget lieben lüde md lat uch betüden im Alsfelder Passionssp. 1, 85 (Zeitschr. 3, 482) und ähnlich Himmelf. Mone I, 254, 1. sapit liben täte, kan rrit dit niman bedvte Kathar. 38. merkit üben lüte. . : bedfite Kath. 217. höret ir crislen lewte was ich hewte bedewte Zerbster Procession Zeitschr. 2, 281. Die Formel auch noch in den Fastnachtspielen, z. B. nu merket lieben leut. neue mer ich euch bedeut Keller II, 595, 5. nu luget üben leut was ich turh bedeut das. 606, 25.

15, 5. Jhiim Crist] der Vers zu kurz; mit ziemlicher Sicherheit zu ergänzen: (von) unsem heren Jhe.nl Crist. Vgl. a. Heinr. 807.

17, 1—3. Daß (enphlüt = enphtüt = envliuhet :) züt = ziuhel statt

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