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haben wird, welche auf diesem Felde mit einzelnen wenigen Ausnahmen bis jetzt nur in untergeordneter oder in willkürlicher Weise gehandhabt worden ist.

Wenn irgend eines unserer alten Dramen verdient, daß ihm eine gesonderte Betrachtung geschenkt werde, so ist es das Spiel von den zehn Jungfrauen, welches sich an eines der denkwürdigsten Ereignisse in der Geschichte des deutschen Theaters knüpft und welches zugleich in dichterischer Beziehung einen hohen Rang in der dramatischen Litteratur unserer Vorzeit behauptet. Dazu kommt, daß das Stück, wie die meisten der bis jetzt bekannten Spiele, in der Sprache des mittleren Deutschlands abgefasst ist, über welche trotz vielfacher eifriger Bemühungen der jüngsten Zeit, trotz mancher schon vorliegender Ergebnisse doch noch Einzelstudien gemacht werden müssen, ehe ein vollständiges Bild von der geschichtlichen Entwickelung in jenem Dialectgebiete gewonnen ist, ehe alle seine localen Besonderheiten festgestellt sind. Wie wenig in sprachlicher Hinsicht das Spiel von den zehn Jungfrauen, sowie das mit ihm zugleich überlieferte von St. Katharina (beide zuerst mitgetheilt von Friedrich Stephan in: Neue Stofflieferungen für die deutsche Geschichte... 2. Heft. Mühlhausen 1847, und ersteres dann in Ludwig Bechstein's Wartburg - Bibliothek I. Halle 1855) Beachtung gefunden haben, ist besonders daraus ersichtlich, daß in den grammatischen Studien nur selten, im mhd. Wörterbuche fast gar nicht Notiz von ihnen genommen wird. Doch hat dies gewiss auch einen innern Grund. Stephan's Publication blieb, vielleicht in Folge buchhändlerischer Verhältnisse, fast ganz unbekannt, und selbst heute noch, nachdem durch meines Vaters Buch sowie durch anderweitige litterarische Citate ihre Existenz genugsam kund geworden sein muß, scheint die kleine Schrift selbst nur Wenigen zu Gesichte gekommen zu sein. Bedeutsamer aber ist, daß die Urkundlichkeit von Stephan's Textmittheilung für Leetüre und Benutzung weder einladend noch forderlich erscheinen kann. Und L. Bechstein's letzter Abdruck kam ebenfalls nicht in dem gewünschten Maße dem wissenschaftlichen Bedürfnisse entgegen.

Wenn der von meinem Vater versuchte Nachweis auch ziemlich allgemein angenommen worden ist, daß das vorliegende Spiel eine Niederschrift des vielfach erwähnten Stückes sei, welches einen so erschütternden und unheilvollen Eindruck auf das Gemüth des Thüringer Landgrafen Friedrichs des Freidigen gemacht hat, so ließen sich doch auch zweifelnde und ablehnende Stimmen vernehmen, so daß es an der Zeit zu sein scheint, die vorgebrachten Gründe einer nochmaligen Prüfung zu unterwerfen.

Meines Vaters Wunsch war es immer, nachdem des Sohnes wissenschaftliche Richtung ausgesprochen war, daß eine zu erwartende zweite Auflage seines Buches von uns gemeinschaftlich besorgt würde. Mir wäre der grammatische und kritische Theil der Arbeit zugefallen, und alsdann hätte auch in der beigegebenen Übertragung manches eine andere Gestalt erhalten müssen. Diese Hoffnung hat nun das Geschick zerstört. So beabsichtigte ich, selbständig einen grammatischen und kritischen Nachtrag zu Wartburg-Bibl. I. zu geben, und schon war ich mit meiner Arbeit zu Ende gediehen, als in der Germania (10, 311 ffg.) ein zweiter höchst werthvoller Text des Spiels erschien, durch dessen Mittheilung und Würdigung sich Max Rieger aufs Neue ein Verdienst erworben hat. Ohne Zweifel wird durch diese Mittheilung das Interesse an der hervorragenden Dichtung theils erweckt, theils erhöht worden sein, und darum kann eine gesonderte Betrachtung um so eher auf eine allseitige Theilnahme rechnen. Denn wenn auch, wie es in der Natur der Sache liegt, gar manche meiner Erörterungen, und namentlich gilt dies von den kritischen, durch den neuen Text sich von selbst erledigen und somit zu verschweigen sind, so bleibt doch immer noch eine Anzahl Punkte für die Besprechung übrig, ja dieselben gewinnen gerade noch mehr Bedeutung durch das übereinstimmende oder gegensätzliche Verhältniss, in welchem beide Recensionen zu einander stehen. Und natürlich werden auch in der folgenden Abhandlung bei Weitem nicht alle wichtigen Fragen berührt worden sein.

Die von Rieger in seiner Einleitung geäußerten Ansichten, wie namentlich die über den Werth beider Texte, über die Interpolationen, welche in der Mühlhäuscr IIs. sichtbar sind, theile ich fast ohne Ausnahme. Auch in der Textmittheilung finden sich nur wenige Punkte, in denen ich andere Meinung hege. Vor allen muß ich billigen, daß Rieger die Mühlh. ITs. trotz ihrer Mängel als die Haupthandschrift anerkennt und sie demgemäß mit A bezeichnet. Zu Gunsten der oberhessischen (jetzt Bonner) Hs. B *) hätte noch geltend gemacht werden können, daß sie, nach einzelnen alterthümlichen Formen zu schließen, eine ziemlich weit zurückreichende Vorlage gehabt haben muß. Ferner scheint der Umstand nicht bedeutungslos zu sein, daß das mit der Geschichte Thüringens verknüpfte Schauspiel in einer hessischen Hs. ge

*) Um Verwechselung «n vermeiden mit B (= Abdruck des Spiels durch Ludw, Bechstcin) soll im Folgenden Hj. B lieber hs. b genannt werden.

rade hinter einem Gedichte von der hl. Elisabeth eine Stätte fand. Für die in den Anmerkungen gegebenen Lesarten von A hätte doch auch Stephan's Abdruck benutzt werden sollen. Daß es selbst hier nicht geschah, bestätigt die angedeutete Seltenheit und Unzugänglichkeit der neuen Stofflieferungen. Sehr verdienstlich muß es erscheinen, daß Rieger die gedankenreichen, wohlgeformten und schwungvollen Schlußstrophen nicht urkundlich, sondern auf Grund von A kritisch berichtigt mitgetheilt hat. Dabei wäre es aber auch wünschenswerth gewesen, wenn sämmtliche Abweichungen der Hs. b hinzugefügt worden wären, nicht sowohl um der Textherstellung willen, sondern um ein Bild zu geben von der handschriftlichen Umwandeluug und Entstellung ungeläufig gewordener Kunstformen, welches Moment sich leicht anderwärts verwerthen ließe.

Wenn im Folgenden die Strenge philologischer Kritik manche Fehler in meines Vaters Publication aufdeckt, wenn ich mich auch im Streben nach Wahrheit nicht scheue, in sachlicher Beziehung ihm hie und da zu widersprechen, so werden Einsichtsvolle hierin keine Pietätslosigkeit erblicken. Mein Vater war kein Philologe, und er hat auch nie danach getrachtet, es zu sein oder zu scheinen. Ihm, dem Dichter und Alterthumsfreunde, bleibt ungeschmälert das Verdienst, die geschichtliche, litterarische und dichterische Bedeutung des Spiels von den zehn Jungfrauen zum erstenmale in eindringlicher Weise hervorgehoben zu haben.

Stephan's Text erreicht zwar im Allgemeinen die Urkundlichkeit, aber dennoch gebricht es nicht an Fehlern, Ungleichheiten und unrichtigen Auffassungen des Mundartlichen. Ein Einblick in die Originalhandschrift war daher dringend geboten. Wie einst meinem Vater durch die Güte und Liberalität des Herrn Gymnasialdirectors Dr. Haun zu Mühlhausen in Thüringen die Hs. auf längere Zeit anvertraut war, so wurde mir dieselbe auf mein Ersuchen wiederum durch Herrn Dr. Haun bereitwilligst übersendet, was ich mit gebührendem und freundlichstem Danke auch öffentlich anzuerkennen habe. [Zugleich diente mir die Hs. zu einer nochmaligen Collation des Spiels von St. Katharina, welches ich wegen seiner litterarischen und sprachlichen Wichtigkeit zur Herausgabe vorbereite.]

DICHTUNG UND (ÄLTERE) HANDSCHRIFT. ALTER UND HEIMAT.

Sehen wir ab von dem geschichtlichen Ereignisse, welches ein Spiel von den zehn Jungfrauen hervorrief, so hat die uns vorliegende Dichtung eine besondere litterarische Stellung innerhalb des deutseben Kirchendramas schon um des Stoffes willen, indem sie die einzige bis jetzt bekannte ist, welche für sich abgegränzt eine Parabel des neuen Testamentes dramatisiert.

Hinsichtlich der Zeit des Gedichtes und seiner Überlieferung giengen die Angaben bis jetzt auseinander. Meines Vaters Zeitbestimmung scheint mir im Allgemeinen, nicht im Einzelnen, die richtige; es kommt darauf an, dies im Interesse der Litteraturgeschichte genauer festzustellen.

Das Alter der Spiele ist bis jetzt meist nach dem Alter der Handschriften angesetzt worden, wenn auch in den meisten Fällen die Herausgeber betonten, die Überlieferung scheine jünger als das Werk. Stephan setzte die Mühlhäuser Papierhandschrift Nr. 20 (früher Nr. 137, beschrieben im genannten Hefte der Stofflieferungen S. 126 f.) in das 15. Jhd. Wenn der sonst in der Handschriftenkunde wohlbewanderte Mann hier einen Fehlgriff that, so ist dies leicht erklärlich: ihm schwebte immer Theoderich Scherenberg, der Dichter des Spiels von Frau Jutten auch als Verfasser der Spiele von St. Katharina und von den zehn Jungfrauen vor, obgleich er schließlich selbst gesteht, daß er für Scherenberg keine Gründe habe, und daß die Schrift des Codex nicht der Art sei, daß man sich nicht leicht um einige Jahrzehnde irren könne (S. 153). Im Nachworte (S. 196) kommt Stephan auch auf die Eisenacher Aufführung (1332) eines Spiels von den zehn Jungfrauen zu sprechen und mit richtigem Gefühle äußert er, daß uns das alte, fürstenmörderische Stück in dem gleichnamigen, von ihm mitgetheilten wohl nicht ganz echt und unversehrt vorliege. Sein Endurtheil geht dahin, daß beide Stücke älter als die Papierhandschrift, aber um die Mitte des 15. Jahrhunderts neu überarbeitet seien.

Stephan's Veröffentlichung blieb glücklicherweise doch nicht ganz unbeachtet. Auch Karl Gödeke kannte sie und verzeichnete die beiden Spiele zuerst MA*) S. 970 f. In dieses chronologisch geordnete Verzeichniss brachte er nicht nur die erhaltenen, sondern auch die bestimmt erwähnten Stücke, und so nannte er das Spiel von den zehn Jungfrauen doppelt: einmal führt er es an unter Nr. 24 zum Jahre 1322 und dann stellt er es unter Nr. 36 zu den Spielen des 15. Jhds. Zugleich verweist er von einer Ordnungsnummer auf die andere. In gleicher Weise wird auch das Spiel von St. Katharina als aus dem 15. Jhd. stammend eingereiht. Gödeke verließ sich also auf Stephan's Zeugniss. Wenn sich Gödeke durch die Leetüre, durch Rechtschreibung und Sprache der Überlieferung keine andere Ansicht bildete, so bin ich am wenigsten geneigt, ihm daraus einen Vorwurf zu machen:

*) Deutsche Dichtung im Mittelalter (Hannover 1854).

es wäre unbillig, von einem Literaturhistoriker, der ein so weites Gebiet zu überschauen hat, die speciellsten grammatischen und diabetologischen Kenntnisse zu verlangen.

Kurz nach Erscheinen des MA veröffentlichte L. Bechstein den ersten Band der Wartburg-Bibliothek, der schon längere Zeit vorbereitet war. Hier wurde der Mühlhäuser Codex in das 14. Jhd. gesetzt und das uns erhaltene Stück als das Eisenacher zu erweisen gesucht. In Gödeke's Grundrisse (1859) I, §. 92 wird unter Nr. 13 ludus de decem virginibus erwähnt, hier aber steht das Spiel richtig unter den Dramen des 14. Jhds., trotzdem ist die Hs. wiederum als eine des 15. Jhds. bezeichnet. Zugleich wird von meinem Vater gesagt, er habe jenen Nachweis im MA, d. h. die kurze Notiz und die Verweisung von einer Zahl auf die andere, benutzt und das Spiel als ein von ihm neu entdecktes herausgegeben. Ich habe hierauf schon einiges bemerkt im Deutschen Museum, neue Folge 1, 337 und will hier nur versichernd wiederholen, daß mein Vater, als er das Spiel herausgab, Gödeke's MA gar nicht kannte. Ich hätte dort noch hinzufügen können, daß Gödeke keineswegs 'zuerst' das Spiel mit dem der Eisenacher Predigermönche vom J. 1322 in Verbindung gebracht hat: das geschah ja schon von Stephan in dem erwähnten Nachworte.

Bei der hohen Bedeutung, welche dem Grundrisse mit Recht zukommt, will ich nun hier betonen, daß der Mühlhäuser Codex, der in Current-, Urkundenschrift, nicht in Fractur geschrieben ist, nicht dem fünfzehnten, sondern wirklich dem vierzehnten Jhd. angehört, und zwar hat der steile und schlanke Ductus einen für diese allgemeine Zeitbestimmung sehr alterthümlichen Charakter: das sieht der Kenner auf den ersten Blick, und Vergleiche mit Urkunden haben es bestätigt. Zwar kein Beweis an sich, weder ein diplomatischer noch ein sachlicher, wohl aber mit der früheren Zeit der Hs. im Einklang stehend scheint mir der Umstand zu sein, daß in beiden Stücken nicht allein die Scenerieangaben in lateinischer Sprache abgefasst sind, sondern daß auch ziemlich häufig lateinische Gesänge am passenden Orte der gesprochenen Rede voraufgehen. Wichtiger noch sind ebenfalls in beiden Spielen die aus Responsorien und Antiphonen bestehenden vorspielartigen Einleitungen, welche entschieden kirchliches und alterthümliches Gepräge tragen. Auch das ist handschriftlich nicht außer Acht zu lassen, daß in beiden Spielen die Verse nicht abgesetzt, sondern fortlaufend wie Prosa geschrieben sind.

Mein Vater hatte vom paläographischen Stundpunkte aus ganz recht, wenn er die Hs. mit der Eisenacher Aufluhrung für gleichzeitig

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