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2.

Berlin 20 oct. 1845. Hochgeehrter herr,

Schmeller meldete mir schon vor einem vierteljahr dass er sich zur herausgabe der lateinischen lieder entschlossen habe. Darf ich jetzt ein gut wort einlegen für Jeroschin oder Geroschin? *) aus dem cod. pal. 367, der zwar dem geschichtsforscher wenig bietet, aber für sprache und darstellung zehnmal mehr werth ist, als die langweiligen von Chmel und Lanz gelieferten urkunden und briefe. Es scheint ein blosser abdruck der Pfälzer hs. zureichend und eine vergleichung der schlechteren Königsberger unerforderlich. Da Sie sich bereits der Livl. chronik angenommen haben, werden Sie leicht geneigt sein, dem ähnlichen nur um 50 jahre jüngern werk aufzuhelfen.

Ich bescheide mich gern dass bei der auswahl mancherlei rücksichten gelten; ich würde vorzüglich deutsche sachen des 14. 15. 16. jh. begünstigen und dafür alles portugiesische, catalanische, französische hintansetzen. Auch Windecks leben Sigismunds verdiente einen bequemen correcten wiederabdruck; der verstorbne Schöppach in Meiningen arbeitete daran und seine papiere müssen noch da sein. das wird Aschbach in Bonn wissen. Überlege man auch einen abdruck von Bothos chronicon picturatum.

Entschuldigen Sie meine zudringlichkeit.

Hochachtungsvoll Ihr ergebner
Jacob Grimm.

Vielleicht hat den Jeroschin schon Frommann in Coburg abgeschrieben.

Der Verein muss sich nicht zu leicht den historikern hingeben, die mit dem was sie für wichtig halten schnell eine menge bände anfüllen, sondern mehr auf das poetisch sprachliche sehn, was sonst nicht oder schwer gedruckt wird. jene bringen ihren kram doch auf anderm weg in die welt.

Meine actie für das dritte jahr habe ich an Kirchner in Leipzig auszahlen lassen.

3. Berlin 19 dec. 1845. Hochgeehrter herr, ich habe Ihre beiden briefe vom 5 und 28 oct. erhalten und nicht eher beantworten wollen, bis das mir angekündigte geschenk Ihrer altd. mystiker *) in meinen händen wäre; jetzt ist es eingetroffen und bereits durchblättert worden, so flüchtig man das in der ersten freude darüber thut. Sie haben sich eines wichtigen und nicht leichten geschäfts gründlich und willkommen erledigt. ich kannte diese predigten entweder gar nicht oder

gefertigt; dieser verschenkte sie an Dr. Ferd. Wolf, der sich ihrer zu seinem Buche Über die Lais, Sequenzen und Leiche (Heidelberg 1841) bediente; durch dessen Güte gelangte sie unlängst wieder in meinen Besitz. Schmellers Ausgabe erschien gegen Ende des J. 1847 als XVI. Band der Bibliothek des Stuttg. lit. Vereins unter dem Titel: Carmina Burana. Lateinische und deutsche Lieder und Gedichte einer Handschrift des XIII. Jhd. aus Benedictbeuern auf der k. Bibliothek zu München, XIV und aren. *) Mit diesem hatte ich mich, wie der erste Theil meiner Mystiker und die dort angezogeno Stellen zeigen, schon früher beschäftigt. Pf. *) Deutsche Mystiker des 14. Jhds. 1. Band, Leipzig 1845 (Hermann v. Fritslar,

Nicolaus v. Straßburg. – David v. Augsburg, dieser im Anhang). Pf.

nur durch auszüge und gewahre nun wie viel daraus zu lernen sein wird. haben Sie also herzlichen dank nicht bloss für diese zusendung, sondern noch viel mehr dafür dass sie sich überhaupt dem werk zu unterziehen wagten; an lust zur vollführung wird es, nach solchem anfang, gar nicht mangeln. – – Menschlicher fehler sind wir alle nicht frei, auch die nicht, die sich gern in fester schanze halten und nur sagen wollen, was sie sicher zu wissen meinen; ich für meinen theil habe mich immer ins freie feld gewagt und ohne zu wagen gewinne man nichts geglaubt. Ihre anmerkungen und Ihr glossar sind sehr diensam und ich werde sie mir oft zu nutze machen. Manches einzelne zieht mich an, z. b. da ich vor habe über monatnamen zu schreiben, der sonst unerhörte Ausdruck volborn (so hiess auch der sächsische leutnant der neulich zu Leipzig auf die bürger feuern liess); doch warum soll es februar sein ? ich denke januar. denn hartmänet kann dec. sein, volborn jan. und hornunc febr. weshalb lassen Sie die erste vaste laufen vom 5. jan. bis 14. febr.? die fastenzeit ist stets eine bewegliche und trift in jedem jahr andre tage *). Dass mein vorschlag wegen Jeroschin auf so guten boden gefallen ist, freut mich ungemein, und ich denke der verein nimmt ohne alles bedenken Ihr anerbieten an. mir ist die grosse fast entschiedne ähnlichkeit seiner sprache mit der des passionals aufgefallen. welcher gegend würden Sie beide zuschreiben? müssen Sie Ihre mittlere mundarten nicht noch weit über Thüringen nach Nordosten hin, bis nach Preussen erstrecken ? Der Simplicissimus wäre nicht übel zu genauem wiederdruck nach der ersten ausgabe Mompelgart 1669; es giebt jedoch zwei verschied ne ausgaben dieses jahrs, und es ist noch ununtersucht, welche davon für die ältere zu halten sei. wahrscheinlich sind beide vorzugsweise in Stuttgart (wegen des alten bands mit Mömpelgart, was freilich erdichteter druckort sein könnte); sonst kann ich mit meinem exempl. der einen dienen (worin leider ein blatt fehlt) und ein Leipziger freund besitzt die andere. ist der verein auf das grosse format erpicht? sonst wäre dieser roman in 18" anmuthender. Meine recension des Berthold erscheint mir freilich in diesem augenblick viel unvollkommener, als in den sommernächten, in welchen (so übermässig war

*) Dies beruht zum Theil auf einem Missverständniss. Allerdings bedeutet volborn wie im Leben des hl. Ludwig ed. Rückert S. 32, 20, so auch an der einen Stelle in den Mystikern I. 73, 6.7. aber Paulus wart bekért in dem volbornen, den Januar, indem Pauli Bekehrung auf den 25. Januar fällt. An der zweiten Stelle dagegen ist bestimmt der Februar gemeint. Daß die von der Kirche gebotene vierzigtägige Fastenzeit eine bewegliche ist, daran habe ich natürlich nie gezweifelt; doch ist unter der ersten vaste deutlich eine andere gemeint. Die ganze Stelle bei Hermann v. Fritslar (Myst. I. 90, 33–91, 5) lautet: Ir sult wizzen: wer vastet di vierzig tage di unser herre Jésus Kristus vastete, der sol aneheben an deme zwelften tage, und diz heizit die wustenunge, und der leste tac ist sante Valentines tac, und an deme tage wart unser herre bekort von deme tüvele und uberwant den tüvel. Di heilige kristenheit hät virzic tage gesatzit, di loufen in den hornung und in den merzen, und dise mñz man vasten von nót und von gebote der bábistes. Aber diérsten virzig loufen in den hartmánden und in den volborn, und dise sint nicht gebotin ze vastene, sunder die alden einsidelen und die klüsenére di vasten si vor der rechten vaste: vone sint si here komen in dütsche lant. Also die erste uneigentliche, dem freien Belieben überlassene Fasten beginnt mit dem zwölften Tag, d. i. Epiphania, 6. Januar, und endet mit dem Valentinstag, d. i. 14. Februar, danert also genau 40 Tage. Dieselbe fällt in den Hartmond (so heißt bei Hermann v. Fritslar der Januar) und den Volborn, der somit nur der Februar sein kann. Pf.

ich damals beschäftigt) meine kleine lebensbeschreibung verfasst wurde; mit vergnügen aber würde ich, sobald es zur ausg. der pred. kommt, eine umarbeitung versuchen, falls es Ihnen aus grösserer fülle des stofs nicht eine neue abhandlung zu liefern leichter wird. Wilhelm lässt gegenwärtig seinen Athis drucken, der Ihnen alsbald zugehen soll. sein Sie von ihm und mir freundschaftlich gegrüsst. Jacob Grimm. bitte die einlage weiter laufen zu lassen.

4.

Helfen Sie doch, werthester freund, die einliegende sache zu ordnen. es scheint bei der verwaltung Ihrer liter. societät etwas verworren herzugehen. auf die letzte von Ihnen empfangene mahnung hatten wir ja verabredet, dass ich durch Weidmanns zahlen und empfangen sollte, und demgemäss zahlte ich fürs dritte jahr, schon october 1845, an den bestimmten commissionair, jetzt fordert herr Falkenberg diesen betrag von neuem, ungerechter und unordentlicher weise.

Ich lege Ihnen die Leipziger quittung bei, bitte sie aber nicht aus der hand zu geben, bloss vorzuzeigen.

Ihrer anstellung *) freue ich mich von herzen. sollte möglicherweise, was ich nicht einmal glaube, das von mir verlangte unnöthige zeugnis angeschlagen worden sein, so wäre das meinerseits leicht verdient, denn weil mir der finger swar muste ich dictieren.

Kommen Sie im sept. nach Frankfurt? es soll mir lieb sein Sie nun auch von angesicht zu sehn.

Berlin 16 aug. 1846. Jacob Grimm.

5.

Hochgeehrter herr bibliothekar,

Jonckbloet hat schon unterm 12 juni ein paket aus Deventer an mich abgehn lassen, worin sich auch ein beischluss für Sie befand, das ich aber erst gestern empfangen habe. ich will wünschen, dass die schrift nunmehr schneller in Ihre hände gelangt. auch die hinzugelegte einladung zur unterzeichnung ist auf diese weise verspätet worden.

Hat sich der Scheible mit seinem ekelhaft dickwanstigen kloster noch nicht zu grunde gerichtet? man verwundert sich über den mut zu solcher speculation, die einem fast die freude an der literatur des 16. 17. jh. verderben könnte. kaum brauche ich auszudrücken, wie sehr mir auch Norks schriften ein greuel sind.

Haben Sie die güte den beischluss an Keller zu besorgen.

Mit der aufrichtigsten hochachtung

30 sept. 1849. Ihr Jacob Grimm.
6.

Hochgeehrter freund, ich bin Ihnen schon lange antwort wegen Bertholds schuldig und das mag

*) An der Stuttgarter k. öffentl. Bibliothek; ich hatte ihn behufs meiner Bewerbung um ein paar empfehlende Zeilen gebeten, Pf.

mich eben entschuldigen, dass ich hofte, aussicht würde sich eröfnen für freie musse, die mir in diesem oder dem nächsten jahr beschieden wäre, und dann hätte ich meine zusage gern gehalten. aber es lässt sich anders an, arbeit thürmt sich auf arbeit, denen ich nicht ausweichen kann, und meine gesundheit nimmt ab, nicht zu; ich werde froh sein nur einen theil von dem vielen, was ich mir noch vorgesetzt hatte, zu vollbringen. Nehmen Sie also den Berthold ganz auf Ihre schultern, und schalten mit dem, was mein vor langen jahren verfasster aufsatz noch brauchbares darbietet, nach belieben. es wird wenig sein und das meiste der nachhülfe bedürfen. Ich hätte mich für Ihren zweck auf die lebensumstände und charakteristik des predigers eingeschränkt und allen sächlichen gewinst ausgeschlossen. es wäre aber nöthig gewesen alle mir noch unbekannten texte der predigen zu lesen, wofür ich jetzt nicht zeit aufbringen könnte. Sie haben nun das passional vor dem Konrad von Fussesbrunnen oder diesen vor dem passional entschieden sicher gestellt *), und es gehörte Hagens ganze unüberlegtheit dazu zwei im dialect so abweichende gedichte wie das leben Jesu bei Hahn und das passional demselben verfasser beizumessen. Allein es steht nun dahin, ob wir das gesammtabenteuer 3, 263 so zu lesen bekommen, wie Sie es ausgezogen haben, da er in dem längst fertigen aber immer noch unausgegebnen buche vielleicht erst das blatt umdrucken lässt **). Wahrscheinlich verdanken Sie der bekanntschaft mit Cotta ein exemplar; ich begreife aber nicht wie es dessen vortheil entsprechen kann die übrigen unversandt zu lassen. mir wären immer auch die schlechten texte willkommen und brauchbar; es wird aber manches fehlen, z. b. das heisse eisen und das gänslein, weil Sie diese sonst nicht bei Haupt hätten erscheinen lassen **). Schmellers ahd. nachlese f) zeugt wieder von der ungemeinen dürftigkeit dieser literatur, denn es ist wenig neues daraus zu lernen. der ahd. formreichthum, auf den ich auch in einliegendem blättchen hinweise, bleibt uns fast ganz verschlossen, oder ein unerhörtes Glück müste den Sindleozesauer schatz wieder heraufrücken. Ich bitte die einlage nach Tübingen laufen zu lassen und meinen herzlichen gruss zu empfangen. Berlin 13 merz 50. Jacob Grimm. Haupt hat das neuste heft sehr schlecht corrigiert; er ist kränklich und verstimmt. meine aufsätze haben fast ein jahr lang ungedruckt gelegen; sollte nicht die Jettha (mythol. 85. 486) eine Jeccha sein? wie man auch Jechelburg in Jethelburg verderbte.

7.

Ich habe, lieber freund, den schuldigen dank für das willkommene geschenk Ihrer deutschen theologie ††) lange aufgeschoben. Sie verrichten alles reinlich, so dass man wenig oder nichts auszusetzen hat, mögen Sie nur nicht allzufest an diesen geistlichen sachen hängen, sondern sich auch wieder einmal weltliche gegenstände aus unserm alterthum suchen. denn die geistliche dichtung, davon überzeuge ich mich immer mehr, hat eigentlich alle weltliche verderbt und zu grunde gerichtet. Lachmanns hingang würde Sie näher geschmerzt haben, wenn Sie hier gelebt hätten; seine art war wie die mancher philologen scheinbar spröde und vornehm, innerlich aber war er stets liebreich und freundlich. ein solcher tact fürs herausgeben wird kaum wiedergeboren, obgleich ich sonst einige seiner hauptansichten nicht theile. fertig zum druck liegt eine auswahl der ältesten minnesänger. Anfangs erschien Lachmanns krankheit ein ungefährliches podagra, mit dem sich noch spassen liesse, wie ich in einer kleinen vorlesung über das mythische podagra am 13 februar zu seiner erheiterung that; ich glaube Ihnen den bogen zugesandt zu haben. Vor einiger zeit beim wiederlesen des passionals erwachten in mir alte zweifel über die zulässigkeit Ihres dafür eingeführten vocalismus; Sie werden den kleinen aufsatz im jüngsten hauptischen hefte gut aufgenommen haben *). Haupts mishandlung in Sachsen, scheint es, wird durch das übrige Deutschland nicht gut gemacht, denn die reaction tobt jetzt ärger und unaufhaltsamer als je ; desto früher wird sie ihr eignes mass erfüllen. Mit herzlicher hochachtung Ihr Berlin 14 juli 1851. Jac. Grimm.

*) S. Zeitschrift für d. Alterthum. 8, 156 ff. Pf. *) Das ist in der That nachher geschehen. Pf. **) Sie stehen allerdings schon im GA. II, Nr. XXIII und XLVI; aber ich gab sie in ganz anderm Text und mit Benutzung neuer Quellen. Pf. †) Deutsches aus dem 10.–12. Jhd., Zeitschrift 8, 106 ff. Pf. ††) Theologia deutsch. Stuttg. 1851. Pf,

8.
Berlin 10. sept. 51.

Werthester freund, es kam mir nicht in den sinn Ihnen die geistliche literatur der mittelalters zu verleiden, denn schade wäre, wenn Ihre mystiker und die vorgehabte ausgabe Bertholds nicht zu stande kämen; dahinter lag eigentlich nur der wunsch, dass Sie Ihr talent, wie es sich neulich noch am Habsburger urbar **) erwiesen hat, auch in andern gegenständen bewähren möchten. ich für mein theil lerne aus jedem weltlichen autor der vorzeit dreimal so viel als aus einem der geistlichen, die in gedanken und worten immer sehr beschränkt sind. schlägt man die erste beste seite eines mystikers auf, so könnte er für sich einnehmen durch die innigkeit des vortrags oder den feinen gebrauch der worte. dabei bleibts aber auch, alles was folgt ist einförmig und gleich, ohne fortschritt der empfindung und klarheit der gedanken, man dürfte hinten wie vornen anfangen. Wenn Sie mir einen vergleich mit Hadamar von Laber nicht verübeln, auch dieser wenn man erst einige strophen von ihm gelesen hat, nimmt ein und erregt erwartungen, die hernach unbefriedigt bleiben, denn es kommt nichts als eine verwirrende wiederkehr immer desselben, ohne allen ausgang. Unter den geistlichen nehme ich freilich Berthold aus, der noch viel weltliches an sich hat und einmischt; Göbels übersetzung macht mich wieder nach dem original begierig. – – mit durchführung der mhd. metrik und schreibung soll man auch nicht zu strenge sein; die von Ihnen für den dialect geforderte freiheit, muss auch für andre seiten der grammatik, namentlich für metrik angesprochen werden. überall z. b. im mhd. swer und

*) Über den s. g. mitteldeutschen Vocalismus: Zeitschrift 8, 544 ff. Pf, **) Das habsburg.-österreichische Urbarbuch. Stuttg. 1850 (= Bibl, des lit, Vereins 19). Pf,

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