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Der Böhmerwald in seiner geographischen Eigenthümlichkeit und geschichtlichen Bedeutung, verglichen mit den Sudeten, besonders mit dem

Riesengebirge.

Von

Professor Dr. J. Kutzen. Vorgetragen in der Sitzung der historischen Section am 17. November 1865.

Es ist von mir bereits in einer früheren, in zwei Auflagen veröffentlichten Schrift, „Der Tag von Kolin“, bemerkt worden, Böhmen, der Schauplatz so vieler gewaltiger und folgenschwerer Ereignisse, erscheine auch vom geographischen Standpunkte als ein wundersames Land, wundersam selbst darin, dass es, obschon weit nach Deutschland hinein vorgeschoben und ein geschichtlich wichtiger Theil desselben, in seiner Oberflächengestaltung bis in unsere Zeit von der bei weitem grösseren Mehrzahl der gebildeten Deutschen unrichtig aufgefasst oder wohl gar in bedeutungsvollen Eigenthümlichkeiten völlig unbeachtet gelassen worden. Dies gilt nicht bloss von seinem Innern, das man so lange fälschlich für ein einziges grosses Tiefbecken ansah und hier und da heute noch dafür ansieht, während es in Wahrheit ein von Nordost nach Südwest ansteigendes Stufen- oder Terrassenland ist, sondern theilweise auch von den dasselbe einschliessenden hohen Rändern. So bezeichnete man und bezeichnet dann und wann heute noch jene weitgestreckte Erhebung an der Südgrenze mit dem Namen „Mährisches Gebirge“, und doch ist sie in Beziehung auf die Nachbarstriche nur eine breite, eben so auf der nordwestlichen oder böhmischen wie auf der südöstlichen oder österreichisch-mährischen Seite terrassenförmig sich abflachende Bodenanschwellung von wellenförmig gemusterter Scheitelfläche, keineswegs aber eine Erhebungsform, welche den Namen eines Gebirges verdient, inwiefern man bei einem solchen

Abbandl. d. Schles. Ges. Phil.-bist. Abtb, 1866.

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einen fortlaufenden Schlussrücken oder einen nach konstanter Streichungslinie sich zusammenhängend fortziehenden Kamm, so wie ausgeprägte, abgesetzte Gebirgsfüsse und ausgezeichnete Gipfelbildungen als charakteristisch annimmt. Nicht minder begegnet man über den westlichen Einschluss Böhmens auch heute noch äusserst unzureichenden Kenntnissen und unklaren Vorstellungen, und doch ragt er nahe an der Mitte Deutschlands empor, steht an Höhe, Massenbaftigkeit und an Merkwürdigkeiten unter den deutschen Mittelgebirgen in erster Linie, und auch an schätzenswerthen Beiträgen einheimischer Gelehrter zur genaueren Belehrung hierüber hat es in unserem Jahrhundert, besonders in den letzten Jahrzehnten, nicht gefehlt. Fast scheint es, als ob, wie häufig anderwärts, eben so bei unserem Gegenstande Arbeiten auf dem Gebiete der Dichtung dem Erfolge wissenschaftlicher Bemühungen lange Eintrag gethan; denn seitdem aus Schillers allbekannter Jugendarbeit das Wort von Carl Moors Genossen: „Mit uns in die böhmischen Wälder! Wir wollen eine Räuberbande sammeln!“ und ihr wildes Lied: „Ein freies Leben führen wir's, durch ganz Deutschland gehört wurde, wirkte es bewältigend auf die Einbildungskraft der grossen Menge, und der Böhmerwald (denn dieser ist in jener Aufforderung gemeint) theilte nun in Büchern, wie im mündlichen Verkehr mit dem Spessart das Schicksal, die Residenz gefürchteter Räuberhauptleute und der Schauplatz grauser Mord- und Raubgeschichten und so bis in unsere Tage für nicht Wenige der Inbegriff schauerlicher Romantik zu sein. Wie ganz anders die Wirklichkeit! Zwar ist auch jetzt dort an vielen Stellen die dunkle Wäldernacht noch nicht geschwunden; doch die Wege, selbst die unscheinbarsten und entlegensten, sind allenthalben sicher, und man begegnet weder wilden Thieren noch wilden Menschen; vielmehr erweisen sich die dortigen Menschen den

als brave Freunde. Getrost mögen also die Leser ,,tief in des Böhmerwaldes Innerstes mir folgen und die allerdings nicht geringen Mühen daselbst mit mir muthig ertragen; ich will dafür beslissen sein, ihnen diese merkwürdigen Gegenden in ihrer realen Gestalt und ihre Beziehungen zu realen menschlichen Verhältnissen möglichst genau so zu veranschaulichen, wie ich sie unter voller Gunst der Witterung im September des gegenwärtigen Jahres (1865) an Ort und Stelle aufgefasst habe.

Vergegenwärtigen wir uns zunächst des Böhmerwaldes Lage und horizontale Entwickelung, so erstreckt er sich, in der weitesten und ausserhalb Böhmens fast ausschliesslich gebrauchten Bedeutung des Wortes genommen, nahe von der Quellengegend der Naab und dem Egerthale an, ohne mit dem Erz- oder Fichtelgebirge in einem gebirgigen Zusammenhange zu stehen, bis nach Oberösterreich, bis zur Donau bei Linz, erreicht demnach, bei einer durchschnittlichen Breite von etwa 4 Meilen, eine Längenausdehnung von ungefähr 30 Meilen, also von fast

15 Meilen weniger, wie die Sudeten, mit denen er parallel läuft, nämlich von Südost nach Nordwest, und das Berggebiet unmittelbar nördlich an der Donau, welches diesen Strom von der genannten Gegend noch eine ansehnliche Strecke weiter nach Südost hin begleitet, kann in Betracht des unmittelbaren Zusammenhanges mit ihm und der gleichen geognostischen Beschaffenheit füglich als seine Fortsetzung angesehen werden.

Was seine Namen „Böhmerwald“ oder „Böhmisch-Bayerisches Waldgebirge" anbelangt, so ist der erstere sehr alt und führt in seinem zweiten, allgemeineren Theile sogar bis in die Zeiten der Römer zurück; denn als diese von Cäsar an immer weiter in Deutschland vordrangen und dessen Gebirge mit dichten Wäldern bedeckt fanden, erhielten bei ihnen fast alle Gebirge desselben den Namen Silvae (Wälder). Dazu gehörte insbesondere die Silva Hercynia oder die Silvae Hercyniae, ein Name, der, in seinem Ursprunge wahrscheinlich auf das altdeutsche Wort Hart, Hard oder Harz, welches Hochwald bedeutet, zurückführend und in den Benennungen vieler einzelner kleinerer Waldgebirge, z. B. Harzwald, Hartwald, Spesshart, Manhart, Hartgebirge, erhalten, lange Zeit hindurch zur Gesammtbezeichnung aller Waldhöhen 23 mittleren, südlichen natürlich ausserhalb der Alpen) und östlichen Deutschland, später aber hauptsächlich des letzteren gebraucht worden zu sein scheint. Als einen Theil nun von diesen Silvae Hercyniae nennen uns Geographen der fömischen Kaiserzeit, Strabo und Ptolemäns, das ganze Böhmerwaldgebiet mit dem Namen Gabreta silva (Gabreta-Wald).

Anders in späteren Jahrhunderten bei der czechischen Bevölkerung Böhmens. Diese zerlegte es bereits in eine Nord- und Südhälfte und bediente sich für jede derselben, wie für besondere Gebirge, auch besonderer Namen. Wenn sie jene, welche südlich an dem berühmten Passe von Tauss endet, vorzugsweise den „Böhmischen Wald Cesky Lesnannte, während sie bei den benachbarten Bayern das Oberpfälzer Waldgebirge oder Oberpfälzer Wald heisst, so kam dies wohl daher, weil dieselbe, als leichter zugänglich, ihr zuerst auch näher bekannt war, nicht aber, als ob sie ihr vorzugsweise bedeutsam erschienen wäre; denn sie bewirkt weder durch ihre Form, noch durch ihre Höhe, die im Mittel Dur 2200 und in ihrer höchsten Erhebung, dem Cerchow bei Tauss, 3282 Fuss beträgt, irgend einen mächtigeren Eindruck auf das Auge des Beobachters; vielmehr erscheint sie, aus dem Innern Böhmens her gesehen, nur als ein einförmiger, den Horizont begrenzender Waldstreifen.

Wir ziehen dieselbe hier nicht weiter in Betracht, sondern wenden unsere Aufmerksamkeit sogleich dem südlich ihr unmittelbar anliegenden Gebiete zu, welches sie, wie vorhin angedeutet worden, von der Südhälfte des Böhmerwaldes trennt; denn hier stehen wir eben so in geognostischer und orographischer, wie in historischer und ethnographischer Beziehung an einem der interessantesten Punkte Böhmens. Während nämlich im eigentlichen Böhmerwalde Gneisse, Granite und Glimmerschiefer vorherrschen, besteht dieses Zwischengebiet aus HornblendeGesteinen. An 3 Meilen breit, nördlich durch den über 3000 F. hohen Cerchow, südlich durch den über 4000 F. hohen Osser wie durch zwei gigantische Pfeiler abgeschlossen, ist es innerhalb eigentlich nur Hügelland, das stellenweise kaum über 1200 F. absoluter Höhe emporgeht, und bildet die Wasserscheide zwischen Donau und Moldau. Dieser weite Pass, in welchem die Städte und Märkte Neuern, Neugedein, Tauss, Neumarkt und Eschelkam liegen, war seit den ältesten Zeiten von Westen her ein Hauptzugang Böhmens; hier ging von jeher eine Hauptstrasse, und hier geht seit wenigen Jahren von Prag über Pilsen und Tauss nach dem mittleren, südlichen und westlichen Deutschland eine Eisenbahn. Hier versuchten von jeher feindliche Heere den Einbruch nach Böhmen; aber hier auch wurden sie fast jedesmal siegreich zurückgeworfen, und mit Stolz weist der patriotische Böhme dahin als auf den Schauplatz von vier Schlachten, durch deren Ausgang das Geschick seines Vaterlandes entschieden wurde; denn bei Tauss (dem alten Togast, Tugast) siegte der Slavenführer Samo in der ersten Hälfte des siebenten Jahrhunderts über Dagobert und dessen Frankenheer; hier 1040 Herzog Bretislaw I. von Böhmen über die Deutschen unter Heinrich III., hier unfern Neugedein 1431 Procop der Grosse über das zahlreiche Heer deutscher Kreuzfahrer gegen die Hussiten, hier der Böhmen Heer zur Zeit König Georgs von Podiebrad über deutsche Schaaren.

Die einstige militärische Bedeutung und Wichtigkeit der Gegend bekunden heute noch verschiedene sichtbare Zeugen; denn da das weite, grosse Thor zwischen dem Cerchow und Osser feindliche Einfälle begünstigte, war Befestigung und Bewachung derselben umher durchaus nöthig; daher standen daselbst einst stark befestigte Burgen, besonders die Burg Riesenberg bei Neugedein, von deren Ueberresten man heute eine so herrliche Rundschau geniesst. Ebenso war Tauss, wo gleichfalls jetzt noch Spuren ehemaliger Festigkeit zu erkennen, schon in grauer Vorzeit ein Bollwerk Böhmens gegen feindliche Einfälle. Und für denselben Zweck, zu welchem Tauss diente, waren in der Umgegend die sogenannten Choden angesiedelt und halfen ihn Jahrhunderte lang fördern; denn dieser Volksstamm, der jetzt, etwa in 14 Dörfern umherwohnend, sich still von Ackerbau und Viehzucht nährt, war früher eine Art stehendes Gränzmilitär, dessen ehemalige Bestimmung nur noch theilweise seine Wohnungen mit ihrem hier und da erhaltenen festungsartigen Bau verrathen. Er ist nicht etwa böhmischen Ursprungs, wiewohl er sich jetzt dieser Sprache bedient, sondern höchstwahrscheinlich polnischen, dorthin mitgebracht von dem Herzoge Bretislaw I., als er 1039 siegreich von den Polen Gnesen eroberte und ihnen den Leichnam des heil. Adalbert entriss.

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