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zwei Monate später von ihm dargelegten Vorschläge, die auf das entschiedenste die Allianz mit Frankreich befürworteten.'

Die zweite Denkschrift, ,Erläuterung des fünften Weges' betitelt, wurde in den Augusttagen entworfen und bildete eine Beilage zum Vortrage vom 28. August 1755, nachdem am 20. August in einer Conferenz beschlossen worden, jene wichtigen Aufträge an Stahremberg abgehen zu lassen, die später zu dem Versailler Vertrag vom 1. Mai 1756 führten. Sie ist ausdrücklich zu dem Zwecke abgefasst, um bei der Nachwelt den eben vollzogenen Schritt zu rechtfertigen.

Die unter III abgedruckten zwei Stücke sind Beilagen zum Vortrage vom 26. November 1755. Kaunitz wollte damit einerseits ,Anmerkungen über den bisherigen englischen Betrag und die daraus zu ziehenden Folgen' liefern, um dadurch seine Ansicht zu rechtfertigen, dass in den gegenwärtigen Umständen zu wenig geschehen dürfte, wenn sich nicht bemühet würde, den französischen Hof in seiner verbesserten Gesinnung weiter zu erhalten und zu bestärken.“3 Auch stellt er die Gründe für und wider eine Allianz mit Frankreich einander gegenüber. Diese beiden Stücke wurden in der Conferenz vom 20. November vorgelesen und bestimmten die damals gefassten Beschlüsse. +

Der Staatskanzler war von der Vortrefflichkeit seines politischen Systems vollständig durchdrungen und selbst die wichtigen Ereignisse in den Kriegsjahren vermochten seine Ueberzeugung nicht zu erschüttern. Nach hergestelltem Frieden handelte es sich um Festsetzung der politischen Grundsätze für die nunmehr von Oesterreich einzunehmende Haltung. In den ,Anmerkungen über das dermalige Staatssystem des Wiener Hofes“ sind dieselben, auf Grundlage vorausgegangener Berathungen, zusammengefasst. Nochmals erörtert der Staatskanzler in knapper Weise die Gesichtspunkte, die es dringend anrathen, auch künftighin bei der Allianz mit Frankreich zu beharren, und schildert die Vortheile, die daraus für die österreichische Monarchie erwachsen. Nicht blos Oesterreich, meint der mittler

1 Vergl. meine Abhandlung a. a. 0. S. 311 ff.
2 Vergl. meine Abhandlung a. a. 0. S. 321 ff.
3 Vortrag vom 26. Nov. 1755.
4 Meine Abhandlung a. a. 0. S. 334 fg.

weile in den Fürstenstand erhobene Staatskanzler, sondern alle Höfe, die nicht im Trüben fischen wollen und denen die Erhaltung der Ruhe am Herzen liegt, haben alle Ursache, die Fortdauer dieser Allianz zu wünschen, denn die österreichische Verbindung mit Frankreich sei als ein wahres Friedenssystem anzusehen.

Die österreichische Politik sollte künftighin eine wahre Friedenspolitik sein, ein gutes Einvernehmen auch mit Preussen, so weit als thunlich, eingehalten werden. Oesterreich wollte sein Hauptstreben der Hebung und Entfaltung der innern Kräfte zuwenden, die Entwicklung der Gewerbe und des Handels, die Verbesserung der Finanzen im Auge behalten, das Militär auf eine respectable Höhe -- 200,000 Mann – bringen. Denn wenn es die Noth erfordert, sollte Oesterreich in der Lage sein, auch „standhafte Massnahmen“ ergreifen zu können.

Die Darlegung der Beziehungen zu Russland, ein wunder Punkt in den politischen Verhältnissen Oesterreichs, ist vollständig übergangen. Der Staatskanzler nahm lange Zeit die Miene an, als ob es ihm vollständig gleichgiltig wäre, welche Haltung Russland dem Erzhause gegenüber einnehme. Momentan lag auch kein Grund vor, eine Verbindung mit Russland zu suchen. Nachdem die polnische Königswahl von der Tagesordnung abgestellt war, hatte Oesterreich kein Interesse, die abgerissenen Fäden mit dem Petersburger Hofe wieder anzuknüpfen. Wenn Kaunitz auch entschlossen war, in einer spröden Zurückhaltung Russland gegenüber zu beharren, so verfolgte er doch mit gespannter Aufmerksamkeit die Schritte und Tritte der nordischen Macht und wäre in jedem Momente bereit gewesen, die dargebotene Hand zu ergreifen. Seiner Ansicht nach, der er zu wiederholten Malen in Denkschriften und Rescripten Ausdruck gab, bewegte sich die russische Politik auf einer abschüssigen Bahn, indem sie sich in eine Verbindung mit Preussen einliess und dem langjährigen Bundesgenossen sich abkehrte. Er erwartete von der Zeit und den nicht ausbleibenden Erfahrungen eine Bekehrung der russischen Kreise.

Die Denkschrift erörtert sodann die Stellung Oesterreichs zum deutschen Reiche. Wurden auch die dasselbe betreffenden Angelegenheiten von der deutschen Reichskanzlei geleitet und entschieden, so nahm doch Kaunitz bei wichtigen Fragen auch an Reichssachen bedeutsamen Antheil. Kein einigermassen belang

reicher Gegenstand wurde entschieden, ohne dass das Votum des Staatskanzlers eingeholt worden wäre. Selbst Josef, dessen Ansichten vielfach von jenen des Fürsten Kaunitz abwichen, erbat sich sehr oft die Meinungsäusserung desselben.

Aufrechterhaltung der Grundverfassung des Reichs, Beschützung der katholischen Religion und der schwächeren Stände gegen die mächtigeren Mitglieder, dies ist der Generalgrundsatz, den Kaunitz befolgt wissen will. Den katholischen und geistlichen Mitgliedern des Reiches müsse die gründliche Ueberzeugung beigebracht werden, dass ihre Erhaltung vom Erzhause abhänge. Aus diesem Grunde sollten daher die Katholiken wenigstens bei wichtigeren Fragen mit dem Wiener Hofe nach denselben Grundsätzen vorgehen. Von religiöser Unduldsamkeit war Kaunitz weit entfernt. Die innigere Verbindung mit den katholischen Ständen wollte er auch durchaus nicht zur Befestigung des Glaubens ausgebeutet wissen. Im Gegentheil, meinte er, müsste dem bisherigen protestantischen Fanatismus seine Nahrung benommen werden und das einzige Streben auf die Aufrechterhaltung der ständischen Freiheit gerichtet sein. Der übertriebene katholische Religionseifer müsste gemässigt und in unschädlichen Dingen Toleranz gezeigt werden. Freilich wurde in andern sehr wesentlichen Fragen eine Aenderung der bestehenden Verfassung gewünscht, insbesondere eine Beseitigung des Grundsatzes, dass bei Berathschlagungen, welche die Angelegenheiten der Protestanten betreffen, die Mehrheit der Stimmen zu entscheiden habe. Denn bei Festhaltung dieses Grundsatzes konnten Brandenburg und Braunschweig sich fast immer die Majorität sichern, ,bei welchem monstruosen Systemate die Reichsverfassung unmöglich bestehen könnte. Von beiden Parteien, Katholiken und Protestanten, verlangte er, nunmehr den unchristlichen Religionshass abzulegen.

Die Kräftigung des Reiches als solchem lag nicht in dem Gesichtskreise des österreichischen Staatslenkers. Hiefir besass er nicht das nöthige Verständniss, auch war es dazu offenbar zu spät; die Versäumnisse von Jahrhunderten liessen sich nicht wieder gut machen. Das Reich hatte für Oesterreich nur insofern Wichtigkeit und Bedeutung, als es für die politischen Interessen der Monarchie ausgebeutet werden konnte. Und damals stand die Lösung mancher schwierigen Frage bevor,

Die Hessen-Kasselischen und Würtembergischen Streitigkeiten, das bevorstehende Aussterben manches Mannsstammes beschäftigten den österreichischen Staatskanzler vielfach. Sein umsichtiger Blick fasste mit Schärfe alle jene Objecte ins Auge, die für das Erzhaus von Belang sein konnten. Schon damals richtete er sein Augenmerk auf Baiern und traf die erforderlichen Anstalten, um beim Erlöschen des Churbaierischen Hauses die Situation zu Gunsten Oesterreichs ausbeuten zu können.'

Um in Deutschland aber mit vollem Gewichte auftreten zu können, hielt Kaunitz eine Verständigung mit Churbaiern und Frankreich für nothwendig. Denn Oesterreich sollte sich nicht zu sehr an den Laden legen, weil der Argwohn, dass es sich nur durch sein Interesse und durch Sucht nach Vergrösserung leiten lasse, gleich bei der Hand wäre.

Eine der wichtigsten Arbeiten des Staatskanzlers sind die „politischen Erinnerungen' (VI). Der Kaiser war im Begriff, seine Reise nach Frankreich anzutreten, und Kaunitz hielt es für seine Pflicht, seine politischen Grundsätze und die daraus zu ziehenden Folgerungen dem Kaiser vorzulegen. Er that dies auf specielle Aufforderung der Kaiserin. Kurz vorher waren endlich die langjährigen Verhandlungen mit Polen zum Abschlusse gebracht worden, eine andere, für die Monarchie wichtige Eventualität fesselte längst die Wiener Kreise, das erwartete Ableben des Churfürsten von Baiern. In den letzten Jahren war eine Erkaltung zwischen Oesterreich und Frankreich eingetreten, obwohl man nach wie vor sich den Anschein gab von der Vortrefflichkeit der Allianz überzeugt zu sein, und in gewisser Beziehung es auch war; zu Preussen hatten sich die Beziehungen durchaus nicht gebessert, trotzdem man gemeinschaftlich sich zur Theilung Polens vereint hatte; zu Russland war man wenigstens scheinbar in ein innigeres Verhältniss getreten.

Kaunitz liebte es vielfach, seine Ansichten in eine systematische Form zu kleiden. So oft er auch während seiner langen Amtswirksamkeit genöthigt war, manchen Grundsatz, der bei ihm früher unverbrüchlich fest stand, über Bord zu werfen,

1 In einer noch im Laufe dieses Jahres erscheinenden Arbeit werde ich

Gelegenheit haben, diesen bisher noch dunklen Punkt ausführlich zu erörtern,

so sehr war er bemüht, seinem ganzen Thun und Handeln den Anstrich strenger Consequenz zu geben.

Kaunitz suchte dem Kaiser zuerst die politischen Grundsätze, die er beständig vor Augen gehabt, darzulegen. Der Staatskanzler redet dem Frieden das Wort und rechtfertigt die kriegerische Politik Oesterreichs vor dem Ausbruch des siebenjährigen Kampfes durch die Nothwendigkeit der Selbsterhaltung. Zur Sicherung der Monarchie hält er es für nothwendig, in keine allzugrosse Abhängigkeit von den Alliirten zu gerathen. Oesterreich habe diesen Fehler seiner Zeit bei seiner Verbindung mit den Seemächten genugsam begangen, und auch bei Frankreich würde es Gelegenheit gehabt haben, ähnliche Erfahrungen zu machen, wenn man sich in allzugrosse Abhängigkeit von dieser Macht begeben oder auf dieselbe hauptsächlich die Staatsunternehmungen gegründet hätte.

Josef war von kriegerischen Alluren nicht ganz frei, und Kaunitz sucht daher das Vortheilhafte einer friedlichen Politik ins helle Licht zu setzen, die mehr den Intentionen der Kaiserin und auch seinen eigenen entsprach. Der Hinweis auf den König von Preussen soll seine Behauptungen in dieser Beziehung erhärten. Eine friedliche Politik entspreche allein dem wahren Interesse der österreichischen Monarchie, wenn sie andrerseits mit der erforderlichen Standhaftigkeit gepaart sei und eine etwaige Nachgiebigkeit sich nicht auf essentiell wichtige Angelegenheiten erstreckt. Als Beispiel führt der Staatskanzler die Haltung Oesterreichs zur Zeit der Verhandlungen in Warschau an, wobei sich allerdings ein grosser Gegensatz zwischen ihm und Josef manifestirte, ein Gegensatz, der nur schwer durch die vermittelnde Stellung der Kaiserin ausgeglichen wurde. Kaunitz weist auf die Hinfälligkeit der Tractate und Allianzen hin; dadurch unterscheide er sich von seinen Vorgängern im Amte, indem blos zwei Verträge von ihm unterzeichnet worden sind: der Vertrag mit Frankreich und der wichtige Polen betreffende. Den Grundsatz, dass es für einen Staat am erspriesslichsten und sichersten sei, wenn er seine Stärke und Vergrösserung in sich selbst durch Beförderung des Nahrungsstandes zu erhalten sucht, hat Kaunitz selbst nicht festgehalten, er griff zu, wo er nur immer konnte, um für Oesterreich eine Vergrösserung zu erlangen.

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