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Die letzten Decennien des 15. Jahrhundertes, reich an den mannigfaltigsten Lebensäusserungen der Staaten und Völker Europa's, entrollen auch für das Bereich der Donaualpenlande ein fesselndes Bild bunt wechselnder Ereignisse. Verhängnissvolle Krisen im Schoosse der Habsburgerfamilie, Hand in Hand mit bürgerlichem Parteihader und verheerenden Fehden, das Eingreifen Ungarns in die Verhältnisse der deutsch-österreichischen Erblande, gleich wie die wachsende Türkengefähr und Noth im südöstlichen Alpengebiet, bilden den düstern Mittelpunkt dieses Gemäldes und an ihn reihen sich die bewegten Vorgänge in der östlichen und westlichen Nachbarschaft, die Conflicte Böhmens, Ungarns und Polens, Habsburgs Beziehungen zum Reiche, die burgundische Erbschaft, die Händel mit Frankreich und den Schweizern, der Umschwung in den Dingen Italiens. Und um dies Alles fügt sich der Rahmen einer neuen Zeit, deren Wehen man schon ein Jahrhundert lang verspürte.

Deutschlands gleichzeitige Historiographie ist keineswegs dem Reichthum dieser Thatsachen entsprechend, weder an Zahl noch Gehaltfülle der bezüglichen Annalen, Chroniken und Historien. Ein Geschichtschreiber ersten Ranges, Aeneas Sylvius (P. Pius II.), begleitet uns kaum noch ein Decennium über die Mitte des 15. Jahrhunderts hinaus und die Zeitbücher eines Döring, Steinhöwel, Rolevink, Schedel, selbst nicht die gehaltvolle Chronik des klassisch gebildeten Johann Vergen (Nauclerus) vermögen uns diesen Ausfall zu ersetzen, ebensowenig als die Annalen des gelehrten Abtes Johann von Trithem.

Aber auch die Zahl der bekannt gewordenen Landesund Ortschroniken Gesammtdeutschlands ist keineswegs so

bedeutend, wenn auch beispielsweise in jüngster Zeit die Städtechroniken des 15., 16. Jahrhundertes um so manchen wichtigen Fund bereichert erscheinen. Wenden wir uns insbesondere den deutsch-österreichischen Landen zu, so müssen wir in dem Zeitraume seit 1450 beiläufig, ein Versiegen der Klosterannalistik beklagen. Die Melker Jahrbücher allein geben uns bis in das 16. Jahrhundert das Geleite; Salzburgs S. Peterkloster liefert eine lückenhafte, immerhin jedoch dankenswerthe Chronik, welche mit 1495 schliesst. Am meisten müssen wir jedoch bedauern, dass der fleissige, wohl unterrichtete Ebendorfer ( 12. Januar, 146-1) sein Chronicon austriacum' mit dem Jahre 1463 endigt. Er allein ersetzt noch den empfindlichen Ausfall der historia Friderici (historia Austriae) des Aeneas Sylvius und ihrer Continuatio durch Johann Hinderbach, für eine kurze Spanne Zeit und unser Bedauern steigert sich, da auch die gehaltvolle österreichische Chronik eines Ungenannten, für die Jahre 1457--1467, bald von uns Abschied nimmt, in Manchem ungleich detailreicher als Ebendorfers Geschichtswerk. Um so willkommener ist uns das ,Chronicon austriacum' des Baiers Veit Arenpeck. Es endigt mit dem Jahre 1488; doch finden wir darin die Ereignisse von 1458 an nicht so detaillirt und gleichförmig behandelt, wie wir es wünschen. Innerösterreich namentlich erscheint wenig berücksichtigt; am meisten noch Tirol bedacht.

Von den ausserdeutschen Geschichtswerken dieser Zeit müssen wir Dlugosch' Geschichte Polens, und Bonfin's Decaden der ungarischen Geschichte, bei allen Gebrechen, welche die letztere Arbeit namentlich offenbart, als unentbehrliche Quellen heranziehen. Der polnische Historiograph führt seine pragmatische Darstellung als wohlunterrichteter Zeitgenosse bis zu seinem muthmasslichen Todesjahre (1480), der welsche Hofgelehrte des Corvinen seine oratorisch gehaltene Geschichte noch zwei Decennien weiter fort. Beide enthalten Vieles aus dem Bereiche der deutsch-österreichischen Geschichte.

So verengt sich, wie wir sehen, der Kreis der Chronographie des 15. Jahrhundertes, je weiter wir über seine Mitte hinausschreiten. Um so kostbarer erscheint somit eine Quelle, die wir bisher nicht zur Sprache brachten, und welche gerade für die drei letzten Decennien des genannten Jahrhundertes

eine ganz

immer reicher fliesst; es ist die österreichische Chronik des Kärntner Pfarrers Unrest. 1

Das Werk ist längst bekannt und benützt, in seinem ganzen Gehalte und Werthe jedoch viel zu wenig gewürdigt worden, ja auch die eigenthümliche Darstellungsweise des Chronisten fand nicht jene Beachtung, die ihr ohne alle Frage zukommt, obschon ein gewiegter Kenner der Historik, Creuzer, in seiner Abhandlung über die historische Kunst der Griechen zweimal den naiven, schlichten und eben darun so anschaulichen Styl Unrest's als charakteristisches Beispiel anzieht und darin etwas von herodoteischem Geiste zu verspüren glaubt. 2 Kritische Aufmerksamkeit hat man zunächst der Kärntner Chronik desselben Verfassers gezollt, weil diese Arbeit - ,dem Adel (Kärntens) zu Ehren abgefasst und alls etlichen Chroniken auf das kürzeste entworfen' eigenthümliche Mischung von geschichtlicher Wahrheit, Sage und Erfindung darbietet, für welche man allerdings in letzter Linie nicht Unrest, sondern seine Quellen verantwortlich machen muss, die ihn jedoch für die Geschichte des Kärntnerlandes bis zu dessen Vereinigung mit dem Besitzstande der Habsburger (womit auch diese Chronik schliesst) wenig verlässlich macht und eben deshalb ein kritisches Verfahren herausfordert. 3 Und doch wie dankbar müssen wir ihm auch für das hier Gebotene sein; der ausführliche Anhang über die alten Grafengeschlechter, Stifter und Edelleute des Kärntnerlandes allein macht Unrest's Kärntnerchronik unentbehrlich. Dazu tritt das treue, gemüthvolle Streben, der Vergangenheit gerecht zu werden, das biderbe Gepräge seiner Schreibart, deutsch in Gedanken und Worten.

Unrest bemerkt gegen Schluss der Kärntner Chronik, man fände die weitere Geschichte des Landes, vorzüglich in den Tagen Kaiser Friedrichs III., gründlich beschrieben in der österreichischen Chronik.! Er selbst verweist somit auf dieses Werk, das, in dem uns gedruckt vorliegenden Haupttheile, die Kärntner Chronik an Umfang mehr als um das Vierfache übertrifft. Schon diese Andeutung legt nahe, dass Unrest die österreichische Chronik der kärntnischen abfasste, oder zum mindesten theilweise niederschrieb und in dieser Annahme bestärkt uns auch der Umstand, dass er sie als sein Hauptwerk ansah, dass er ferner hier und

vor

nicht in der Kirntner Chronik seiner selbst als Geschichtschreibers gedachte.

Wir haben angedeutet, die österreichische Chronik Unrest's, wie sie uns in ihrem einzigen Abdrucke vorliegt, sei nur der Haupttheil eines grösseren Ganzen. Der Titel des Abdruckes 5 deutet dies schon an; noch beweiskräftiger sind jedoch zwei Stellen, deren eine zu Anfang, die zweite gegen Ende der abgedruckten Chronik sich findet, überdies von dem Verfasser und den Beweggründen seiner Geschichtschreibung handelt.

Die erstere Stelle lautet: Hertzog Leopold (III) Hertzog Albrechts Prueder, der gewang (gewann) vier Sun, als in der Coroniekhn oben an der rechten stat geschriben stet und doch von den zwain sun, Hertzog Fridreichn und Ilertzog Ernstn, nicht gan ntzlich geendet. Darumb hab ich hye widerumb von dennselben zwain an ze schreiben. 6

Nicht minder bezeichnend lantet die zweite Stelle, deren anderweitigen Bedeutung wir später gedenken wollen :? ,So aber die Zeit verfleust alls das Wasser und des Menschen Gedechtnuss vergeen (!) mit der Glocken Donn (!), hab ich Jacob Vnrest, der minst Pharrer in Kerndtn, als ein Inwoner seiner kuniglichen Maiestat Erblandn in meiner Einfallt gedacht, was in Schrifft kumbt, bleibt lennger dan des Menschn gedachtnus wert und hab bedacht die Raittung (Rechnung) von der muessign zeit und hab nach der alltn Cronikn des loblichen Namens und Stammes der furstn von Osterreich an Hertzog Ernstn vater, kunig's Maximilians vranherrn 8 widerumb angehebt und furan geschriben auf die zeit, alls vil ich der geschehener ding underricht pin gewesen und meiner vernunfft müglich, vertraw das auch hinfür zu thun, so lang mir got mein lebn vergan (!), guettn lewttn zu Ern. Ob aber yemanntz (!) ain Misualln daran hett und mir zu Torhait mess, der gedenck, das die kunst keinen veindt hat, dann der ir nicht kan.

Beide Stellen thun somit in überzeugender Weise dar, dass Unrest eine allgemeine österreichische Chronik von der ältesten Zeit an verfasste; in dem vorlaufenden Theile die alte Chronik des löblichen Namens und Stammes der Fürsten von Oesterreich bis zur Geschichte der zwei Leopoldiner : Friedrich IV. von Tirol und Ernst des Eisernen, Inneröster

reichs Gebieter, niederschrieb und sodann im zweiten, dem Haupttheile, die Geschichte seiner Zeit, im Anschlusse an den Lebensabriss der genannten beiden Fürsten, zu verewigen beschloss.

Diesen inneren Beweisgründen tritt ein äusserer von massgebendem Gewichte an die Seite; -- die Beschaffenheit der von Hahn selbst benützten und bisher einzig bekannten Handschrift in der k. Bibliothek zu Hannover. Der bezügliche Codex zerfällt in drei Stücke. Das erste, f. 1-25, umfasst die Kärntner Chronik, das zweite, f. 27-32, das Bruchstück einer bisher nicht edirten ungarischen Chronik, als deren Verfasser wir gleichfalls Unrest annehmen müssen, das dritte und grösste endlich, f. 33---137, bietet die österreichische Chronik. 9

Der Anfang fehlt; dies beweist nicht nur der augenfällige Umstand, dass die erste Seite etwas verschmutzt aussieht und demnach das ganze Stück ursprünglich ein Ganzes für sich ausmachte, die vorhergehenden Blätter einbüsste und nachträglich in diesem verstümmelten Zustande dem Codex eingefügt wurde, - sondern noch schlagender erhärten dies die Eingangszeilen, die nur als losgerissenes Stück angesehen werden müssen und folgendermassen lauten: 10 ,(Als man vor In der Oesterreichischn Coronikn list von Herczog Rudolffen und doch sein geschlacht nicht gar verenndt ist hab ich an Im widerumb angefanngen vnd aus ainfaltigem synn fur an geschriben'l von dem Hochgeborn geschlacht von Oesterreich vnd von ettlichn lautin zu den zeyten geschehen. Ob ich mich aber In meinem schreyben In ainem oder mer stuckhn vergessen hyet daz ist meiner ainfeld schuld vnd soldt Nyemants In vbel zugemessen noch mir für geuar peweist werden; darumb pitt ich alle die mein tieht hern sehen oder lessen vnd hab (heb) an hertzog Rudolffen an, darvon Ir oben auch gelesen habt.- -- Diese Zeilen, welche Hahn ohne bezügliche Bemerkung ganz weggelassen hat, stehen mit den oben citirten in innerem Zusammenhange und lassen nicht leicht einer andern Auffassung Raum.

Hahn hat noch eine zweite, längere Stelle der Handschrift (f. 66) weggelassen, da dieselbe das, ausser aller inhaltlichen Verbindung stehende, Bruchstück einer Friedenshandlung enthält, doch bemerkt er S. 631 seines Abdruckes : Hic desunt nonnulla." - Wir haben es also mit einer bedauerlichen Lücke

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