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auch anekdotenhaft ausgeschmückt richtig wiedergegeben. Wenn wir ferner der eigenthümlichen Angabe über die Schlacht an Marchfelde (Cap. 19) gedenken'), welche zweifelsohne lebhafte Darstellung und dramatische Ausführung einiger hervorstehender Momente des Kampfes bezweckt, so ist jedoch zugleich auf die Genauigkeit zu achten, mit der das Gegebene überliefert wird. Ebenso ist wohl der Ton, in welchem der Streit zwischen dem Mainzer Erzbischof Heinrich von Isni und dem Constanzer Bischof Rudolf von Habsburg (Cap. 22) erzählt wird, echt anekdotenhaft), aber auch hier ist abgesehen davon, dass die Erzählung einen localen Charakter verräth, noch jener genauen auf quellenmässiger Grundlage basirenden Nachrichten über die Thätigkeit Heinrichs von Isni in Basel) und für das Reich“), ebenso auf die genealogische Notiz: Fuerunt autem tres fratres de Habsburg filii patrui regis, scilicet Ruodolfus episcopus Gotfridus dominus in Louffenberg et Eberhardus, qui dicebatur de Kyburg, zu achten, um sich das richtige Urtheil über das Verhältniss unseres Schriftstellers zu seinen Vorlagen zu

1 Die hauptsächlichen Momente, wie das Erscheinen des Erzbischof's von

Basel, seine Energie im Kampfe, die Absingung der Litanei, der Fall Rudolfs u. dessen Rettung, die Ermordung Ottokars sind durch die gleichzeitigen Quellen wie Colmarer Chronik, Ottokar, die Salzburger Auf

zeichnungen vollkommen bestätigt. 2 Ipseque Heinricus factus archiepiscopus strenue multa peregit volensque

visitare episcopatum Constanciensem Ruodolfus de Habsburg episcopus Constanciensis filius patrui regis sibi restitit. Quibus ambobus postea coram rege constitutis et instante archiepiscopo pro visitacione, episcopo vero dicente, modicum esse episcopatum suum et pauperem, illo vero dicente, se bene scire qualis esset, episcopus respondit: Bene credo, quia soleis vestris sepius percurristis eum quam ego umquam potuerim equitare!

Studer S. 21. 3 Es wird ihm die Gründung von Goldenvels, das 1284 vollendet war, von

Schlossberg, unter ihm begonnen, am 1, Sept. 1288 vollendet, und von Arguel, das er blos befestigt zu haben scheint, zugedacht; dass aber diese Schlösser unter seiner Herrschaft vergrössert wurden, lässt sich

erschliessen, wie die beigefügten Notizen zeigen. 4 Rex quoque nullum habens motum ad Italiam forsan quia redit male

male successisse (vgl. u. a. die oberdeutsche Bearbeitung des Eike von Repgow ed. Schöne p. 95, welche Rudolf über diese Angelegenheit ein Beispiel in den Mund legt) misit predictum Heinricum episcopum cum membranis sigillo suo sigillatis ad civitatem Cumanam, qui ibidem sedi apostolice Romandiolam et quedam alia, in dampnum grave Imperii, habitis quibusdam nomine regis sigillavit. Studer ibidem.

bilden. Eben deshalb dürfte es nicht unrichtig erscheinen auf die Schlussart näher einzugehen. Habuit autem archiepiscopus majorem affeccionem ad milites quam ad clericos, unde quadam vice habens festum, cum clerici cicius quam milites sederunt ad mensam ipse dixit: Bini et bini milites recipiant pro pulvinari unum clericum. Unde et super ejus sepulcrum scripsit quidam:

Nupides antistes, non curat clerus ubi stes

Dummodo non celis, stes ubicunque velis. Die beigefügten Verse weisen schon darauf hin, dass hier unserem Schriftsteller mehr als eine populäre Anecdote vorgelegen sei, denn er gehörte nicht zu jenen Schriftstellern, die ihrer Darstellung mit Versen eigener Fabrikation nachhinkten.') Das gleiche Verhältniss in seiner Zusammensetzung zeigt Capitel 24. Den kurzen trockenen Inhalt finden wir bestätigt; die Ausführungen 2) zeigen in der angegebenen Weise das Bestreben interessant und spannend zu sein: wie immer jene kleineren Züge, deren Matthias sich überall bedient, um die ihm theuern Persönlichkeiten den Lesern deutlich vor Augen zu führen.3) Leicht liessen sich alle diese Momente noch durch eine grosse Anzahl kürzerer Stellen, welche Matthias allein eigen sind bekräftigen.

Fassen wir nun das Wesentlichste zusammen, so ergeben sich folgende Thatsachen. Einmal eine Reihe von Nachrichten sind dem Matthias einzig unter den bekannten Schriftstellern eigen. Diese Notizen, abgesehen von ihrer Form und relativen Güte, beruhen auf einer genauen Kenntniss der oberen Lande. So mannigfach sie sind, so haben sie doch eine gemeinsame Grundlage: sie bewegen sich in einem engen Kreise und der ist die

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1 Ausser den Memorialversen bei Gelegenheit des Todes Adolfs, vgl. Studer

a. a. 0. S. 32 finden sich in der ganzen Chronik keine versificirten Be

richte oder Angaben. 2 So von der Genügsamkeit Rudolfs, der auf dem Felde Rüben ass, oder

sein Wamms ausbesserte und mit gutem Beispiel dem Heere voranging, von der Kühnheit und dem Erfolge der Schweizer etc. Der erste Zug findet sich auch in der oberdeutschen Bearbeitung des Eike von Repgow.

Letztere Erzählung ist mehr localen Charakters. 3 Vgl. Lorenz Deutsche Geschichtsquellen S. 28. Solche Ziige zeigen unver

kennbar die Absicht den König populär zu machen,

Geschichte Rudolfs und seines Hauses. Die zahlreichen populären Erzählungen knüpfen an ihn, oder an jene Männer an, mit welchen Rudolf entweder freundschaftliche oder feindliche Beziehungen unterhielt. Zweitens lassen die genauen Bemerkungen und Aufschreibungen nur einen wohlinstruirten Mann vermuthen, der sich nicht begnügen konnte, blos nach Hörensagen sein Werk einzurichten, sondern der sich von Jedermann eingehend belehren liess und gerade für die älteste Zeit eine Quelle benützt hat, welche ihm derartige Detailangaben, wie die guten genealogischen Bemerkungen etc. liefern musste. Damit stimmt überein, dass der Verfasser oder resp. die Verfasser verlorengegangener historischer Denkmäler auch in den obern Landen gut orientirt waren.

Schon aus dieser gedrängten Uebersicht der ältesten Partie dieses Werkes geht also hervor, dass die Vermuthung, als hätte Matthias nur populäre Anecdoten gesammelt, nicht stichhältig sei, vielmehr dass der Autor eine oder mehrere Quellen vor sich gehabt, aus denen er schöpfte, und die er uns freilich in veränderter Form überliefert hat.

Was wir bisher aus der auf die Hauptmomente beschränkten Charakteristik unserer Chronik folgern durften, wird aber zugleich noch erhärtet durch einige andere Stellen, die positiv darthun, dass wir in Matthias Ueberreste eines älteren historiographischen Werkes haben. Dann dürfen wir sowohl auf die Glaubwürdigkeit unseres Schriftstellers Rückschlüsse zu machen uns erlauben, als auch weitergehend dem Wesen dieser literarischen Erscheinung auf die Spur zu kommen hoffen, welche in den Verhältnissen der oberen Lande zu dem Hause Habsburg wohl bewandert, zugleich dem Hause Habsburg volle Sympathie zubrachte.

Gehen wir nun auf jene Notizen ein, welche uns ein positives Beweismittel in die Hand geben. In unserer Chronik findet sich der kernige Ausruf des erstaunten Bischofs von Basel in der ursprünglichen. Gestalt. Vergleichen wir nämlich die angezogene Stelle bei Matthias und eine ähnlich lautende bei dem viel älteren Ellenhard (Gottfried von Ensmingen) mit einem den gleichen Anlass erwähnenden Gedichte des Schulmeisters von Esslingen, so werden wir wohl nicht zu zweifeln haben, wer die ältere Tradition darbietet.

Matthias berichtet Cap. 14'): Audiens autem episcopus, quod factum est, se percutiens ad frontem dixit: Sede fortiter, Domine Deus, vel locum tuum occupabit Roudolphus! Dagegen erzählt Ellenhard Mon. XVII. p. 123: Et cum pervenisset ad episcopum Basiliensem, dominum Heinricum videlicet de Nuwenburg, irruit in eum timor et tremor, tantus etiam quod pre nimio livore post modicum tempus mortuus est, dicens circunstantibus : quod asperius nihil esset inopi cum surgeret in altum; ex eo quia fortuna arriserat principi antedicto dicens susurando et vertendo se hinc inde propter admirationem quam audierat: quod si homini in hac vita viventi patere posset meatus ad deum et in locum ipsius succedendi, quod ipse dominus Ruodolfus succederet in locum eius.

Der Schulmeister von Esslingen, dessen Gedichte an den Ausgang des XIII. Jahrhundertes fallen, benutzt den Ausspruch in folgender Weise:

Got, nu sich ze dinem riche,
alsó, daz er dir niht erslîche
dînen himel âne wer;
unde boch er dar mit einem worte,
Sant Péter, sô sît munder
wan swaz der kunic darunder
twingen, dast im, als ein ber;
unde pfleget wol der himelporte

dar zuo hüet allez himelsch her, etc.?) Schon diese Zeilen des Gedichtes werden die Art und Weise der Paraphrase des Ausspruches darthun. Wir ersehen aber daraus zweierlei. Erstens, dass die Worte, welche der Basler Bischof bei der Nachricht der erfolgten Wahl Rudolfs ausrief, sich rasch verbreitet haben, dass sie allgemein bekannt, also nicht Erfindung einer spätern Geschichtsschreibung waren; zweitens aber ergibt sich das Verhältniss in welchem Matthias und Ellenhard zu diesem Ausspruche stehen. Ellenhard hat ihn umschrieben, ihm die Gestalt eines unwillkürlichen Ausdruckes

1 ed. Studer S. 12. Nach Joh. Victoriensis (Böhmer fontes I, 302) sagen

die Bürger: Si de Throno suo omnipotens se moveret Rudolfus comes protinus insideret. Auch hier ist eher ein Anklang an Matthias, wenn auch

der Ausspruch den Bürgern in den Mund gelegt wird, 2 Hagen, Minnesänger II, S. 137. 1.

unangenehmen Erstaunens genommen; die lebendige Form von Matthias aber ist nicht eine anecdotenhafte Ausschmückung, sondern trene Wiedergabe der Ueberlieferung von Seite des Verfassers.

Ein ähnliches Verhältniss gibt die Stelle des Matthias über den Tod Rudolfs; er berichtet Cap. 28:')

Deficiente tandem rege pre senio et dicentibus sibi medicis, quod ultra certos dies durare nequiret, ipse dixit : ,Eamus ergo Spiram ad alios reges sepultos! et manens in Germersheim iuxta Spiram ibique moriens Spire in sepulero regali honorifice est sepultus, anno regni eius XVIII. Wer diesen kurzen, aber der Sache nach vollständigen Bericht mit den Erzählungen des steierischen Ottokar vergleicht, der wird wohl die Verwandtschaft der beiden Erzählungen nicht verkennen. Ottokar schildert uns diese Ereignisse in den Capiteln 375, 376 und 377, zusammen in 407 Versen. Diese weitläufige Darstellung hält aber dieselbe Folge in den Einzelheiten bei,2) wie die kurze Angabe des Matthias. Zuerst wird, die Abnahme der Kräfte erzählt, hieran schliesst sich der Ausspruch der Aerzte:

wan iuwer arzât, die hie stânt
die habent mich des gemant,
daz ich iu tuo von in kunt
das vür dise stunt
ir lenger müget geleben niht,
wanob iu daz heil geschiht

1 ed. Studer S. 27. 2 Weit übereinstimmender als mit Ellenhard, der darin schon abweicht,

dass er von einer eigentlichen Krankheit des Königs zu erzählen weiss. Im wesentlichen zeigt diese Quelle Verwandtschaft mit Matthias: Die hieher gehörige Stelle (Pertz, S. S. XVII. 134) lautet: Regressus (de Argentina) castrum imperii Germersheim mox lecto incumbens egritudinis, sciens quod brevi in tempore vita et spiritu vitali portans asinum, id est corpus, esset destituendus, disposuit domui sue, familiam, milites et alias voce lamentabili licenciando dicens: quod suis disponerent negociis, cum de eius vita non est et spes habenda. Familiaque ipsius incliti domini ab ipso domino recessit cum ululatu et fletu magno. Dominus enim Rudolfus rex predictus a castro Germersheim se transtulit Spiram, in qua civitate Spirensi reges Romanorum ab antiquo consueverant inhumari die videlicet sabbathi, cum die domenico sequenti esset moriturus.

Und auch hier erkennen wir die Umarbeitung einer älteren Erzählung:

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