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Es dürfte wohl gewagt erscheinen, mit einer Sache wiederum hervorzutreten, welche nach dem entscheidenden Ausspruche bekannter Autoritäten vorbeiläufig 10 Jahren als abgeschlossen angesehen wurde; aber dennoch dürfte die Arbeit bis zu einem gewissen Grade berechtigt sein, da sie der schon oft genug erörterten Frage von einer anderen Seite, als bisher geschehen, beizukommen bestrebt ist. Die Veranlassung zu derselben war die Analyse des Matthias von Neuburg, welcher seine Aufzeichnungen in den Jahren

in den Jahren 1343—1350 gemacht hat, diese Chronik weist in ihrem ersten Theile Stellen auf, die in ihrem Verhältnisse zu spätern Quellen eigenthümliche Resultate ergeben. Diese Stellen zu verfolgen und darzulegen hatte ich mir zur Aufgabe gestellt, und kam auf diesem Wege zu der nothwendigen Schlussfolgerung, dass die Lücken der auf uns gekommenen historiographischen Erscheinungen des ausgehenden 13. und beginnenden 14. Jahrhundertes die Existenz eines Werkes voraussetzen, wie jenes sein mochte, auf welches uns die bestimmten Aussagen der Forscher des 16. Jahrhundertes hinweisen nämlich: Einer Geschichte des Hauses Habsburg.

Es ist aber nicht zufällig, dass gerade dieser Schriftsteller unsere Vermuthung als berechtigt erscheinen lässt, sondern die Tendenz seines Werkes ist der Reception einer solchen Quelle entsprechend. Treu den Strassburger Sympathien seiner Zeit stellte er ja an die Spitze seines Werkes die Geschichte des Grafen Rudolf bis zu seiner Erhebung. Das Haus Habsburg ist der Brennpunkt 'seines Interesses. Die Reichsgeschichte unter Rudolf fügte er nur so weit hinzu, als sie mit den Thaten dieses Königs in einem unmittelbaren Zusammenhange steht.') Betrachten wir diesen Theil des Werkes

I Lorenz, Deutschlands Geschichtsquellen S. 27.

als ein Ganzes für sich, so ist vor allem die Thatsache zu constatiren, dass er eine Zusammenstellung mannigfacher Aufzeichnungen verschiedenen Ursprunges ist.

Als Compilation enthält dieser Abschnitt zwar verschiedenartige Notizen aus älteren Quellen nebeneinander gereiht, aber wenn diese auch nicht zu einem Gusse verarbeitet sind, so haben sie dennoch derartige Veränderung erlitten, dass sie sich einer sondernden Kritik entziehen. Es lässt sich nur vermuthen, -- denn so richtig diese Annahme sein mag, sie bleibt nur Vermuthung, -- dass Matthias gegenüber den wenigen Nachrichten, von welchen er in den ersten Partien seines Werkes durch die bei den Ereignissen betheiligten Personen oder sonst durch speciellere persönliche Mittheilungen Kunde haben konnte, die Mehrzahl derselben, selbst wenn Volkssage, Lied oder allgemein verbreitete Ansichten als Factoren seines Wissens gelten mögen, jedenfalls auf einer quellenmässigen Grundlage einer mit den Ereignissen gleichzeitigen Aufzeichnung sein Werk aufgebaut haben muss. Im weitern Verlaufe soll dargethan werden, welche Angaben insbesondere ein solches Verhältniss voraussetzen. Zunächst noch einige Worte über die Eigenthümlichkeit des Werkes selbst. Diese ist thatsächlich durch allmähliches, wahrscheinlich gelegentliches Sammeln von Nachrichten entstanden, wobei der Standpunkt eines Localhistorikers massgebend war. Von diesem aus werden die Eigenthümlichkeiten ähnlicher Ereignisse nach Ort und Zeit nicht genügend scharf geschieden und durch willkürliche Verknüpfungen mechanisch zusammen gewürfelter Thatsachen die Erkenntniss des verbindenden Momentes erschwert. So bildet die Reichsgeschichte in dürrer, trockener analistischer. Weise das Gerüste; dieses nun umkleiden Familiennachrichten, Gespräche, Erzählungen der mannigfachsten Art, welche oft eingeschoben erscheinen und vielfach den äusseren Verlauf der Begebenheiten zerschneiden, häufig aber gerade das verbindende Moment bilden. Ferner ist bei dem Verfasser der Trieb, sich eher den anschaulichen, wenn auch oft sagenhaften Erzählungen anzuschliessen und sie auszuführen, als den rein historischen Zusammenhang herzustellen, wohl nicht zu verkennen. Wird aber seine naive Weise der Reception des Ueberkommenen in Betracht gezogen, so lässt sich nichts dagegen einwenden, dass diese dazu angethan ist, eher Ueberreste alter verlorengegangener Schrift

steller zu bewahren, als andere Schriftsteller des 14. Jahrhundertes, die mit selbstbewusster Absicht den Stoff in ihre selbst gebildeten Schemen einreihten.

So schwer es auch sein mag, die Quellenströmungen dieses merkwürdigen Schriftstellers mit Sicherheit festzustellen, wird es doch berechtigt erscheinen, unter den obigen Voraussetzungen Spuren nachzugehen, welche sich in seinem Werke vorfinden, und zu trachten, durch Herbeiziehung der gleichlautenden Nachrichten anderer Autoren zu einem Resultate zu gelangen.

Die Chronik beginnt mit der Abstammung der Grafen von Habsburg, daran schliesst eine Weissagung von Rudolfs Grösse durch einen Astronomen Friedrichs, dann eine kurze Uebersicht des Interregnums, und der wichtigsten Begebenheiten aus der allgemeinen Geschichte. Sehen wir von dem ersten Abschnitt für jetzt ab, der eben weiter unter noch einer eingehenderen Untersuchung unterzogen werden soll, so ist vornehmlich der zweite Paragraph, der unser Interesse in Anspruch nimmt

Es ist eine bekannte Thatsache, dass jede Chronik ihre eigenen Weissagungen von Rudolf's Grösse hat, und es ist daher ganz natürlich, dass auch Matthias eine ihm eigenthümliche Weissagung aufweist. Auffallend aber ist das Verhältniss, in welchem die Nachricht bei Matthias mit einer ähnlich lautenden im Anonymus Leobiensis steht'). Diese Nachricht findet sich nicht

1 In Matthias heist es:

Ruodolphus vero cum esset cum Friderico imperatore in Lumbardia, qui: et ipsum Ruodolfum de sacro fonte levavit, astronomus imperatoris ipsi, Ruodolfo, quamvis iuveni, frequenter assurgens ipsum pre cunctis spectabilibus et clarissimis honoravit. Sciscitatus autem a cesare astronomus, cur ille pre ceteris tantum exhiberet honorem, quod ad eum imperii honor et ipsius principis potestas deveniret, respondit. Turbato autem cesare et illi indignante, astronomus dixit: Non indignemini ei, quia antequam incipiet eius dominium, ex vobis, qui iam decem habetis filios, et ex ipsis penitus nullus erit. Verum Ruodolfus abinde recessit.

Dagegen erzählt der Anonymus Leobiensis Chronicon Pez SS IS 838 Hic rex cum adhuc esset juvenis filius Comitis, et curia Friderici II Imperatoris cum aliis domicellis serviret, a Mathematicis sive Astrologis super alios se nobiliores tunc in curia Imperatoris existentes venerabatur. Qui in hoc diu per se consideravit nesciens quid Magistri Imperatoris isti in eo aestimarent; cogitavit intra se: Isti me majorem ac nobiliorem

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