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Für die richtige Beurtheilung der politischen Gesichtspunkte, die den Staatskanzler Fürsten Kaunitz während seiner fast vierzigjährigen Thätigkeit als Minister der auswärtigen Angelegenheiten leiteten, ist die Kenntniss der zahlreichen Denkschriften, die er in bedeutsam entscheidungsvollen Momenten ausarbeitete, von Wichtigkeit. Weit besser als aus den Rescripten an die Gesandten lassen sich hier die verschiedenen Motive seiner Handlungsweise erkennen und ein tiefer Einblick in die complicirte, nicht selten gewundene Staatskunst des berühmtesten Ministers des 18. Jahrhunderts gewinnen. Fürst Kaunitz beschränkte sich zumeist in den an die auswärts angestellten Minister erlassenen Weisungen, in knapper, präciser Form die Aufträge zu ertheilen; nur bei seinen Lieblingen, denen er ein besonderes Vertrauen schenkte, liess er sich auf eine Darlegung der für ihn massgebenden Gründe ein. So z. B. in den Rescripten an Mercy, van Swieten u. dgl. m. Nicht selten pflegte er diesen auch die allerunterthänigsten Vorträge mitzutheilen, um ihnen einen vollständigen Einblick in die jeweiligen Grundprincipien der österreichischen Politik zu gewähren.

Die im Wiener Archiv aufbewahrten Denkschriften des Staatskanzlers erstrecken sich über seine ganze Amtsthätigkeit. Seit dem Mai 1753 bis zum August 1792 hatte Kaunitz vielfach Gelegenheit, in gewichtigen Epochen, wo eine für Oesterreich einschneidende Frage auf der Tagesordnung stand, sein Gutachten abzugeben oder die Grundsätze hinzustellen, an welchen die österreichische Politik seiner Meinung nach festhalten sollte. Viele dieser Arbeiten verdienen es gewiss, der Oeffentlichkeit übergeben zu werden, da sie eine ereignissvolle Periode der österreichischen Geschichte in vielfacher Weise beleuchten.

Die hier abgedruckten Schriftstücke sind insgesammt unter Maria Theresia abgefasst, andere zum Theil ebenfalls unter dieser Monarchin, zum Theil aber unter den Regierungen Josefs II. und Leopolds II. entworfen, sollen später bei andern Gelegenheiten verwerthet und abgedruckt werden.

Die beiden ersten hier mitgetheilten Denkschriften sind von Arneth, in dem vierten Bande seines Werkes über Maria Theresia, und von mir in meiner im zweiten Hefte der historischen Zeitschrift von Sybel 1872 abgedruckten Abhandlung: Ueber die österreichische Politik im Jahre 1755 und 1756, benutzt worden. Ihrem vollen Wortlaute nach sind dieselben jedoch noch nicht bekannt. Sie sind unstreitig charakteristische Denkmale für die Politik Oesterreichs in diesen entscheidenden Jahren, in welchen die traditionelle Allianz mit den Seemächten gelöst und die neue Verbindung mit Frankreich eingeleitet wurde.

Als der Krieg zwischen Frankreich und England fast mit Sicherheit zu erwarten war, wendete sich das englische Cabinet an den Wiener Hof mit der Anfrage, wie sich Oesterreich zu verhalten gedenke. In zwei Conferenzen, die über diese Angelegenheit abgehalten wurden, entschied man sich dahin, unter gewissen Bedingungen seinen allianzmässigen Verpflichtungen nachzukommen. Allein Kaunitz beschäftigte sich damals schon mit der Eventualität, dass England es vielleicht ablehnen würde, auf die ihm von Seite Oesterreichs gestellten Propositionen einzugehen.

In diesem Falle war er entschlossen, die Lösung der Allianz mit den Seemächten bei der Monarchin zu befürworten. Und um den Widerspruch zu erklären, dass er seit dem Antritt seiner Amtsthätigkeit als Staatskanzler bald England das Wort rede, bald demselben entschieden entgegentrete, sucht er die Grundsätze, nach denen er sich bisher gerichtet, in einem Vortrage vom 27. Juni auseinander zu setzen und darauf aufmerksam zu machen, dass die Wohlfahrt des Erzhauses es vielleicht erfordern dürfte, durch geschwinde und zum Voraus wohl überdachte Entschliessungen dem androhenden Uebel abzuhelfen.“ Kaunitz bahnte sich durch diese Denkschrift den Weg für die

| Vergleiche hierüber meine Abhandlung in Sybels hist. Zeitschrift Bd. XXVII

S. 295 f.

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