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täglich und eigenhändig! in jener biedern und treuen Weise, die dem alten Herrn eigen war, geführt hat, offenbar auch um nach gehaltenen Conferenzen und Unterredungen seinem Gedächtnisse einen Halt für die Berichte an Kaiser Leopold zu geben. Seine ganze Thätigkeit am Madrider Hofe liegt hier klar und offen vor uns, ebenso die kaiserliche Politik; wir gewinnen über die Verhältnisse am spanischen Hofe, die Cabalen der Minister und Grossen, die Stellung Porto Cavrero's zur Königin, die Berlepsch, Pater Gabriel u. s. w. die wichtigsten Aufklärungen; die Beziehungen beider Höfe, die einflussreichsten Persönlichkeiten, die Parteien treten hier zum ersten Male in eine wirkliche historische Beleuchtung. Aber auch ein negatives Resultat wird durch die Kenntniss dieses Tagebuches gewonnen.

Im Jahre 1720 sind bekanntlich französisch geschriebene Memoiren des Grafen F. B. von Harrach im Haag erschienen, 1 – herausgegeben von einem gewissen de la Torre?, die sich bisher

eines ziemlich bedeutenden Vertrauens zu erfreuen hatten. Ihr Inhalt besteht aus Depeschen, die Harrach an den Kaiser abgesandt haben soll und verbindendem Texte. Schon früher waren mir mannigfache Bedenken gegen die Glaubwürdigkeit und Entstehung dieser Memoiren aufgestossen; eine kritische Untersuchung derselben war jedoch bisher unmöglich. Jetzt schien mir dieselbe möglich und geboten. Darnach ergiebt sich, dass die Memoiren nur mit äusserster Vorsicht zu benutzen sind, wenn sie auch nicht gerade allen und jeden Werth entbehren. Der Verfasser giebt uns manche ganz werthvolle Notizen und hat viel Kenntniss von den Begebenheiten, ja vielleicht auch Einsicht in manches Actenstück Spaniens gehabt, daneben finden sich aber eine gewaltige Menge von Irrthümern, Verstösse gegen die Zeit; manches wird ganz falschen Personen in den Mund gelegt, anderes ist nie geschehen. Die Depeschen Harrachs an den Kaiser hat der Verfasser unter keinen Umständen vor sich gehabt, auch kann weder Harrach

1 Es beweist dies die mir aus dem k. k. H.-, H- und Staatsarchiv wohl

bekannte Handschrift des Grafen. 2 Mémoires et négociations secrettes de Ferd. Bonav, comte d'Harrach, ambassadeur plénip. etc., par Monsr. de la Torre. A La llave, Pierre Husson. 1720.

noch sein Sohn irgend welchen Antheil an dem Entstehen dieses Memoirenwerkes haben. In der Vorrede sagt zwar de la Torre : les mémoires sont tirés des lettres originales que cet habile ministre écrivait en Espagnol à l'Empereur son maître, langue que l'un et l'autre savaient parfaitement. Doch ist dies schon - wenn auch das Tagebuch und die im kaiserlichen Archiv befindlichen, leider nicht zahlreichen Depeschen Harrachs nicht widersprächen - ein Beweis gegen die Richtigkeit dieser Behauptung. Leopold und Harrach verstanden zwar Spanisch zu reden und zu schreiben, haben jedoch niemals in dieser Sprache, die ihnen durchaus nicht so geläufig war, mit einander correspondirt. Von Leopold existiren nur spanische Briefe aus der Zeit an Carl II., die Sprache des Kaisers in seinen Privatbriefen war italienisch und namentlich, wie z. B. die ganze Correspondenz mit Kinsky, lateinisch, in den Staatsdepeschen aber stets deutsch und meist in Chiffren, die Harrachs ebenfalls. Verdächtig sind ferner auch schon folgende Sätze in der Einleitung, dans leur traduction j'avoue que je n'ai

pas suivi la lettre mot à mot a de la Grande diversité, qu'on trouve dans le génie et dans la manière de s'exprimer de ces deux nations; je me suis accommodé au style François, en conservant le sens de l'original etc.“

Da das Tagebuch Ilarrachs ungemein breit durchgeführt ist und nicht nur politischen Inhalt birgt, sondern als Tagebuch im eigentlichen Sinne des Wortes auch Reisejournal ist, alle Erlebnisse, Umgang, Gesundheit, kurz das tägliche Leben bespricht, so musste bei einer Veröffentlichung der nicht politische Inhalt sowie einige Wiederholungen fortfallen. Das ganze Tagebuch würde, so interessant vielleicht auch viele Bemerkungen über die Reise, das Leben in Madrid, Schlösser und Gemälde sein dürften, doch einen Raum ausfüllen, den ich nicht zu beanspruchen wagen möchte. Es ist wohl überflüssig zu bemerken, dass der hier abgedruckte politische Theil mit diplomatischer Genauigkeit wiedergegeben ist. Die Verschiedenartigkeit der Orthographie fällt der damaligen Zeit zur Last. Die einzelnen Unrichtigkeiten in den de la Torre'schen Memoiren hier aufzuzählen, hätte zu weit geführt; es schien uns genügend und am passendsten, an einigen Stellen des Tagebuches in Anmerkungen Proben ihrer Unzuverlässigkeit und theilweisen Werthlosigkeit zu geben. Dem Tagebuch vorausgeschickt habe

ich die beiden geheimen Instructionen!, welche Harrach vor seiner Abreise erhielt.

Schliesslich liegt mir die angenehme Pflicht ob, S. Erl. dem Grafen von Harrach zu Wien für die ihn selbst ehrende Liberalität, mit der mir die Benutzung des gräflichen Familienarchiv's gestattet wurde, meinen Dank auszusprechen. Das freundliche Entgegenkommen, welches diese Familie stets den wissenschaftlichen Unternehmungen bewiesen hat, ist um so dankenswerther, als es ziemlich vereinzelt dasteht.

1 Aus dem k. k. H.-, H-, und Staatsarchiv.

16 9 7.

Wien, 2. Januar. Mittwoch. Freitag d. 28. Dezember 96 ist der spanische pottschafter Obispo de Solsoña hier angelangt.

Wien, 3. Januar. Donnerstag. Während dieses ist ein kays. Courier aus dem Haag kommen, der Brief v. 25. Dezember gebracht, so viel daraus zu ersehen, fragen sich Graf von Breuning und Strattmann an, was man hier auf die gethane erklerung der Friedens praeliminarien halber dem Calliers antworten solle, welches in einer conferenz zu überlegen sein wirdt'. 1

Wien, 5. Januar. Diesen morgen habe ich etwas von den spanischen briefen gelesen, bringen die nachricht, Frank

1 Man konnte sich im Haag über die Feststellung der Friedenspräliminarien

nicht einigen. Frankreich erklärte sich damals bereit, die Herausgabe der seit dem Nymweger Frieden gemachten Reunionen, Strassburg und Luxemburg oder eines Aequivalents selbst mit einbegriffen, in das praeliminare aufzunehmen, dagegen sollte von der Restituirung Lothringens in demselben nichts bemerkt werden. Die Kaiserlichen Gesandten weigerten dieses jedoch auf das entschiedenste und hatten Heinsius erklärt, der Kaiser wolle von gar keinen Verhandlungen wissen, so lange nicht die Idee eines Aequivalents für Strassburg aufgegeben und die plenaria restitutio ducis Lotharingiae nach dem Westphälischen Frieden acceptirt sei ; doch versprachen sie noch einmal deshalb nach Wien zu referiren. Berichte des Grafen v. Strattmann an Kaiser Leopold aus dem Haag, v. 2. u. 25. December 1696 u. 1. u. 4. Jan. 1697, k. k. H.-, H.- u. Staatsarchiv.

successor

reich hette nachfolgendte propositiones, die in Madrit kundtbar worden, thun lassen, 1. dass wan der Koenig u. sein Koenigreich einen von seinen 2 jüngern Enkeln zu des Koenigs

ernennen wollen, verspreche er ihn gleich u. allein ohne einige Diener nach Spanien zu schicken. 2. jährlich zu erhaltung des hoffstatts, so der Koenig in Spanien ihm aufrichten solln, Rthr. zu übermachen. 3. alles was jemahlen von Frankreich Spanien abgenommen, zu restituiren. 4. Portugal u. Hollandt ohne ihren entgeldt zu recuperiren. 5. dieses alles, wenn der Koenig in Spanien einen Sohn hette zu überlassen undt seinen enkel wider zurückzunehmen; Frankreich begehre einen Passbrief einen extr. pottschafter zu schicken undt wolle

Mann in Catalogna schücken, diese propositiones zu apogiren.''

300

diese campagne

40

Wien, Freitag, 11. Januar. Vormittag ist S. D. Joseph de Arce, k. Span. resident zu mir gekommen, und mir verschiedentl. noticien vom Spanischen hoff gebracht und meistens confirmiren, was mein Brief gebracht, so die grosse gefahr das Frankreich oder mit macht oder durch so liebliche propositionen sich der Monarchie bemächtige, der span. bottschaffter wundere sich, dass ich noch hier seie, ich sagte die Schuld sei nit mein, hette selbst getrieben abzureisen und were mir viel gelegen gewesen mit gutem Wetter fort zu kommen, wen ich auch jetzt weck gehe, werde ich schwähr zu landt und noch schwehrer zu Wasser avanciren und etwa in einem Meerporth biss in Frühling müssen liegen bleiben.

12. Januar. Conferenz wegen der Spanischen succession gehabt.

Wien, Montag d. 14. Januar. Nachmittag habe ich den neyen Span. bottschaffter-bischoff von Solsoña, der vorhero ein Franciskaner mönch unter d. Namen P. F. Juan Maria gewest, besuchet; er scheint gar ein feiner Mann zu sein, der viel redet, von seinen gethanen Diensten erzählet und mehr von den Römischen als Spanischen sachen informirt zu sein scheint."

Wien, Sonntag d. 20. Januar. „Ihr K. May. haben allergdst bewilliget, das man mir auf die reyss, ein einrichtung

I Ganz neu und sehr merkwürdig.

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